Babelfisch wird Realität - oder doch nicht?

Hallo!

Ich bin bei der Installation der Googlebar auf folgende Seite gestoßen:

http://blog.outer-court.com/archive/2005-05-22-n83.html

Das würde ich gerne zur Dikussion stellen, natürlich inbesondere bei den geübten und professionellen Übersetzern hier.

Die Übersetzungsmaschinen werden immer menschlicher und arbeiten statt mit starren Regeln mit lernenden, weichen Methoden, und berufen sich auf ein „Gedächtnis“ - eben genau wie ein Mensch.

Haltet ihr es für möglich, daß der Übersetzer und Dolmetscher irgendwann überflüssig wird?

Oder werden sie auch dann noch einen Zweck haben, wenn die Maschine sprachlich dasselbe Ergebnis liefert wie der Mensch, da Sprache mehr ist als nur Worte?

Viele Grüße
datafox

interessantes konzept… nicht unbedingt neu, erinnert mich an vieles, was ich für meine diplomarbeit über algorithmische komposition recherchiert habe, da gibt es auch ansätze, die große datenbanken von existenter musik in muster zerlegen und bei bedarf anders zusammensetzen (und vieles, worauf in der gelesenen literatur hingewiesen wurde, handelte von sprache im weitesten sinne).

Haltet ihr es für möglich, daß der Übersetzer und Dolmetscher
irgendwann überflüssig wird?

jein. die sache ist die: solch ein ansatz kann zwar vieles erreichen, wird aber nie eine kreative, künstlerisch hochwertige übersetzung liefern können, weil es nur vorhandenes wiederverwertet, aber nicht neues erschafft. wahrscheinlich wird es, wenn sich so etwas durchsetzt, weniger übersetzer und dolmetscher geben, aber es wird immer eine marktnische für menschen mit besonderen fähigkeiten geben.

ich glaube eher, daß relativ bald die diskussion aufkommen wird, daß man auch übersetzungen urheberrechtlich schützen sollte, damit die arbeit der übersetzer nicht ausgeschlachtet und sie dadurch überflüssig werden. ich halte nicht viel von urheberrechtsdebatten, aber das könnte ein realistisches szenario sein…

Servus Data :smile:,

kein Profi in dieser Materie, aber in ständigem Kontakt mit einer Professionellen, die hie und da inhaltliche, stilistische und technische Kontextfragen mit mir diskutiert:

Die hier beschriebenen Ansätze sind rund zehn Jahre alt, und in diesem Zeitraum haben sie allenfalls dazu geführt, daß die Zielgenauigkeit ein bissel besser geworden ist. Die vielen Mitte der 1990er Jahre in dieser Richtung begonnenen Projekte sind praktisch alle sang- und klanglos wieder verschwunden. Wahrscheinlich nicht aus technischer Unmöglichkeit, sondern wegen eines ungünstigen Verhältnisses Aufwand/Nutzen.

Ob sich Automatisierung in diesem Zusammenhang weiter umsetzen lassen wird, halte ich für nicht ganz unwahrscheinlich, aber immerhin zweifelhaft, weil die Anzahl der möglichen und sinnvollen „Querverbindungen“ so groß ist, daß man sie 1:1 maschinell wahrscheinlich bloß abbilden kann, wenn man annähernd ein ganzes Großhirn simuliert.

Gleichzeitig ist in der „Handarbeit“ noch ein erhebliches Rationalisierungspotential vorhanden - in den europäischen Ländern ist der Anteil der Übersetzer, die EDV-gestützt arbeiten (Stichwort translation memory, TM) mal grade rund 60 Prozent aus. Was der konkurrierenden Handarbeit noch etliche relativen Vorteile verschaffen wird, die noch nicht ausgereizt sind.

Die Aufgaben der Übersetzer - auch außerhalb der relativ seltenen Literaturübersetzungen - haben sich geändert, aber ich glaube, daß das verbleibende notwendige Quäntchen Intelligenz auf Dauer zwar weiter verringerbar, aber allenfalls mit einem dramatischen Aufwand automatisierbar ist.

Das berühmte Beispiel von der Maschine, die laut deutscher Montageanweisung „ins Wasser“ gestellt werden sollte, worauf der japanische Kunde ein Wasserbecken extra für die teure deutsche Maschine betonierte, wäre zwar grundsätzlich maschinell zu bewältigen. Man kann aber an diesem Beispiel sehen, welche Kapazitäten hinsichtlich möglicher Bedeutungen nicht bloß von Worten, sondern von Wortverbindungen notwendig sind. Allein die technische Wortumgebung würde hier nicht ausreichen, weil es halt auch Konstruktionen gibt, die nicht präzise waagerecht, sondern im flüssigen Wasser aufgebaut werden. Man kann das, was hier den (ordentlichen) Übersetzer in einem Moment zur richtigen Bedeutung bringt, wahrscheinlich schon automatisieren. Ist aber eine Frage des dafür notwendigen Aufwandes, ob das eine pur akademische Spielerei oder eine tatsächlich zu erwartende Entwicklung ist.

Unabhängig von der Maschine im Wasser gibts in fast allen, auch technischen, Texten eine Fülle von Konnotaten („der böse Brief…“), die beim Lesen atmosphärisch sofort da sind und entsprechend wiedergegeben werden können. Wenn man die anfangen will, zu operationalisieren, sieht man erst, wie vieles gleichzeitig da „gedacht“ wird - also auch dieses keine grundsätzliche Unmöglichkeit, aber eine Frage von gewaltigen Volumina an Teilschritten, die in „Synapsenlogik“ viel leichter zu bewältigen sind als digital.

Fazit: Gehen mag das schon, aber es ist sowas wie ein vollautomatisches Flugzeug…

Schöne Grüße

MM

Sevus Gyuri,

das könnte ein realistisches Szenario sein…

die Diskussion darüber, was sich ein weltweit agierender Anbieter von Übersetzungen davon verspricht, den Anbieter einer sehr verbreiteten TM-Software zu übernehmen, ist bereits heftig im Gang. Es gibt Leute, die befürchten, dieses diene nicht bloß dafür, den Zugang der Arbeiter am Ende der Auftragskette zu einem weltweit einheitlichen Tool zu vereinfachen, sondern in naher Zukunft wären ihre persönlichen Trados-Dateien eventuell nicht mehr sehr persönlich.

Wobei dieses natürlich auch eine Artikulierung des generellen Unbehagens des Webers angesichts des Vollautomaten sein kann, die keinen konkreten Gegenstand hat.

Schöne Grüße

MM

Hallo Data!

Meine ganz persönliche Meinung dazu:

Ich denke, in ferner Zukunft kOEnnte evtl eine Maschine die Arbeit eines Übersetzers bzw. Dolmetscher unterstützen, aber ganz überflüssig machen? Also ich persönlich kann es mir nicht vorstellen.

Denn es mag sein daß technischen Texten, für so eine Maschine „leichter“ sind. Aber: Was ist mit kunstlerischen Texten (ZB Gedichte oder Theaterstücke)? Ich denke -und für mich ist es so- daß eine Sprache nicht nur eine Einreihung von Wörter sind, die gemeinsam enigermaßen einen Sinn geben, sondern drücken die „innere Welt“ seines Verfassers aus. Das hat mit Gefühlen, Zwischendeutungen, Vergleichungen, Metaphern, usw. zu tun Und das kann eine Maschine nicht machen.

Ich denke, erst wenn eine Maschine vollständig alleine ohne jegliche weitere menschliche Unterstützung in der Lage ist, selbst ein Theaterstück (mehr oder weniger anspruchsvoll) zu verfassen, erst dann werde ich meine Zweifeln ablegen. Bis dahin sei meine Skepsis bitte akzeptiert.

Das ist meine Meinung dazu.

Schöne Grüße,
Helena

Hi ho,

mit steigender Speicher- und Rechenkapazität wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem sämtliche Texte einschliesslich Metadaten digitalisiert und in Echtzeit zur Verfügung stehen. Ab diesem Zeitpunkt kann eine Maschine die gleichen oder bessere Ergebnisse liefern wie ein Mensch.
Die Frage ist nur: Lassen wir das dann auch zu?

Gruss,

Herb

Hallo datafox,

Haltet ihr es für möglich, daß der Übersetzer und Dolmetscher
irgendwann überflüssig wird?

Ich halte es für möglich, dass potentielle Auftraggeber irgendwann glauben, Übersetzer und Dolmetscher seien überflüssig - vor allem für die 08/15-Kombination D-E, E-D. Wer z.B. Hebräisch kann, ist da fein raus. :wink:

Oder werden sie auch dann noch einen Zweck haben, wenn die
Maschine sprachlich dasselbe Ergebnis liefert wie der Mensch,
da Sprache mehr ist als nur Worte?

Eine Maschine wird so bald noch nicht dasselbe Ergebnis liefern können wie der Mensch. Vor allem im Englischen gibt es da zu viele Worte, die es sowohl als Adjektiv, Verb und Substantiv gibt, und die jeweils eine andere Bedeutung haben. Woher soll die Maschine genau wissen, was gemeint ist? … Ich habe da starke Zweifel, dass man ihr so etwas eintrichtern kann.

Trotzdem, ich bin schon dabei, mich nach einem anderen Beruf umzusehen und mache gerade erste Versuche als Reiseleiterin und Nachhilfelehrerin. :frowning: Mit dem Schreiben habe ich auch begonnen. Das mit der Übersetzerei hat ja doch keinen Sinn. Die Preise fallen ins Bodenlose, und Deutschland schmiert auch langsam ab - und wenn ein Land nicht mehr wichtig ist, wer will dann noch eine Übersetzung in diese Sprache? Oder anders gesagt, wer wird noch eine Übersetzung in diese Sprache bezahlen können und wollen?

Schöne Grüße

Petra

daß man auch übersetzungen urheberrechtlich schützen
sollte

AFAIK sind sie das ohnehin.

Viele Grüße
datafox

wer wird noch eine Übersetzung in diese Sprache
bezahlen können und wollen?

Hallo, und auch @all

Da sind ja etliche Impulse gekommen. Den Hinweis auf technische Mängel lasse ich mal weg - es geht ja mehr um eine Theorie der Machbarkeit. Möglich daß man ein Großhirn simulieren müßte, damit es klappt. Ich gehe davon aus, daß das eben kommen wird. Alles eine Frage der Zeit.

Helena brachte einen schönen Einwand: Eine Übersetzung ist eben immer auch ein eigenständiges Werk mit kreativem Mehrwert. Bei Bedienungsanleitungen weniger, aber wohl bei Literatur. Andererseits könnte man da wieder einwenden, ob im Falle von Literatur eine Übersetzung überhaupt noch eine Übersetzung ist (also eine „Lesbarmachung“) sondern ein getrenntes, neues Werk, das mit dem Original vielleicht den Titel gemeinsam hat.

Das mit dem Bezahlen ist aber der wichtigste Punkt. Es könnte in ein paar Jahren ein Emule-Effekt eintreten. Wenn es maschinelle Übersetzungen für umme gibt, wer wird noch für das hochqualitative, menschliche Produkt zahlen wollen? Auch heute merkt man das ja schon: Viele Unternehmen legen keinen Wert auf ausgebildete und daher teure Übersetzer. Hauptsache billig muß es sein, und schnell. Der Babbelfisch ist ja nur die logische Konsequenz aus der Entwicklung.

Ein Aspekt kam noch nicht: Sprache ist ja mehr als nur Worte, sie transportiert kulturelle Inhalte. Manchmal ist es so, daß die beste Übersetzung keine „Lesbarmachung“ ermöglicht, da dem Leser die Begriffe an sich fehlen. Ein menschlicher Übersetzer, der diese Defizite kennt, greift hier zu Umschreibungen, Vergleichen, oder schreibt eine Fußnote. Woher soll die Maschine wissen, wie Menschen Sprache *benutzen*? Bei Englisch und Französisch hält sich in Grenzen, aber da brauche ich auch keinen Babbelfisch. Aber was ist mit Chinesisch?

Viele Grüße
datafox

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Hi,

Ein Aspekt kam noch nicht: Sprache ist ja mehr als nur Worte,
sie transportiert kulturelle Inhalte. Manchmal ist es so, daß
die beste Übersetzung keine „Lesbarmachung“ ermöglicht, da dem
Leser die Begriffe an sich fehlen. Ein menschlicher
Übersetzer, der diese Defizite kennt, greift hier zu
Umschreibungen, Vergleichen, oder schreibt eine Fußnote. Woher
soll die Maschine wissen, wie Menschen Sprache *benutzen*? Bei
Englisch und Französisch hält sich in Grenzen, aber da brauche
ich auch keinen Babbelfisch. Aber was ist mit Chinesisch?

Das meinte ich mit den Metadaten, die zu einem Text gehören. Wenn zu einem Text sämtliche Metadaten bekannt sind, dann lässt er sich auch maschinell korrekt übersetzen.
Deshalb wird hier ja auch immer nach dem Kontext gefragt…

Viele Grüße,
Herb

Hallo Datafox!

Helena brachte einen schönen Einwand: Eine Übersetzung ist
eben immer auch ein eigenständiges Werk mit kreativem
Mehrwert.

Vielen Dank für die Blumen!! :o))
Ich sehe dabei aber höchstens das Problem, daß Übersetzern in Zukunft ihre Arbeit mit Copyright (oder Ähnliches) versehen werden. Und (ich kann es mir vorstellen), irgendwann mal wird es so kommen wie bei den Liedern: Will ich eine bereits existierende Musik „ein bißchen anders“ wiedergeben, dann muß ich der Autor des „Ursprungsliedes“ um Erlaubnis bitten (und evtl bezahlen). Das Ergebnis davon kennen wir ja (siehe zB die 1000 Versionen von „Yesterday“ oder „Let it be“)

Bei Bedienungsanleitungen weniger, aber wohl bei
Literatur. Andererseits könnte man da wieder einwenden, ob im
Falle von Literatur eine Übersetzung überhaupt noch eine
Übersetzung ist (also eine „Lesbarmachung“) sondern ein
getrenntes, neues Werk, das mit dem Original vielleicht den
Titel gemeinsam hat.

Das finde ich ein ausgesprochen spannendes Thema.
Wenn du mich fragst, finde ich es nicht, denn ich gebe keine eigene Idee, keine eigene Sintaxe, keine eigene „Ursprungstext“ (im sinne von ein eigenes Werk, ohne Vorgabe) wiedergeben. Aber das ist nur meine Meinung -und zwar jetzt…

Das mit dem Bezahlen ist aber der wichtigste Punkt.

Nein ich finde es nicht absolut der wichtigste Punkt. Ganz und gar nicht.

Es könnte
in ein paar Jahren ein Emule-Effekt eintreten. Wenn es
maschinelle Übersetzungen für umme gibt, wer wird noch für das
hochqualitative, menschliche Produkt zahlen wollen? Auch heute
merkt man das ja schon: Viele Unternehmen legen keinen Wert
auf ausgebildete und daher teure Übersetzer. Hauptsache billig
muß es sein, und schnell. Der Babbelfisch ist ja nur die
logische Konsequenz aus der Entwicklung.

Wie gesagt, bin ich nicht Deiner Meinung. Ich glaube irgendwann mal, dieses Babelfisch aus EMule u.Ä. wird so dermaßen schlecht sein, daß kein Muttersprachler der Zielsprache das je verstehen wird. Spätestens dann, wird der gute, altbewahrte Übersetzer zu seinen Aufträgen kommen.
Du nennst das E-Mule-Effekt. Ich „Ikea-Effekt“: Ich brauche ein Produkt für zB Schweden. Dieses dort herzustellen ist viel zu teuer? Dann lassen wir ihn in einem 3. Land produzieren, meistens sehr weit weg, und bringen wir das Fertigprodukt einfach nach Schweden zurück. Wo übrigens für sehr teueres Geld verkauft wird Doch ich denke. Im Fall Übersetzung, wird es in diesem weitem Land nicht genug Menschen geben, die die Feinheiten der schwedischen Sprache kennen und irgendwann mal kehrt sich das alles nach Schweden zurück.

Ein Aspekt kam noch nicht: Sprache ist ja mehr als nur Worte,
sie transportiert kulturelle Inhalte.

Als ich das schrieb:
„Ich denke -und für mich ist es so- daß eine Sprache nicht nur eine Einreihung von Wörter sind, die gemeinsam enigermaßen einen Sinn geben, sondern drücken die „innere Welt“ seines Verfassers aus. Das hat mit Gefühlen, Zwischendeutungen, Vergleichungen, Metaphern, usw. zu tun“
meinte ich genau das. Denn zB. das war mir spätestens dann klar, als ich mich entschied, meinem Sohn einer meiner Muttersprachen beizubringen. Ich bin und immer war der Meinung, daß eine Sprache nicht nur diese bereits genannte Anreihung von Wörter ist, sondern bringen die Kultur eines Landes nahe (oder gleich mehrere Ländern). Ich habe immer dafür pladiert, und zwar genau aus diesem Grund, daß Eltern unbedingt ihre Muttersprache mit dem Kind reden sollen. Darüber gibt es im Brett „Eltern und Kind“ noch einen Beitrag von mir mit dieser Aussage.

Manchmal ist es so, daß
die beste Übersetzung keine „Lesbarmachung“ ermöglicht, da dem
Leser die Begriffe an sich fehlen.

Das liegt aber nicht an der Übersetzer, sondern an den Leser selbst. In wie fern ein Übersetzer sich verpflichtet fühlt, solche Begriffe extra zu erklären, ist eine sehr persönliche Entscheidung.

Viele Grüße

Viele Grüße Dir auch und vielen Dank für diesen spannenden Thema!!
Helena *von manchen die Optimistin genannt* :o))))

Servus Data,

das ist wohl wahr, quantitative Aspekte werden technisch mehr oder weniger schnell zu erledigen sein.

Alles eine Frage der Zeit.

Das mit dem Bezahlen ist aber der wichtigste Punkt. Es könnte
in ein paar Jahren ein Emule-Effekt eintreten.

Der ist in Ansätzen bereits da. Ein ganz amüsantes Detail am Rande: Ich bin kürzlich über die HP eines Übersetzers gestolpert, der sich die Lizenz zur gewerblichen Verwendung einer vergleichsweise guten Übersetzungsmaschine besorgt hat, und der parallel zu seinen Übersetzungen Maschinenübersetzungen anbietet: Der Seitenpreis entspricht dem, was er sonst als Zeilenpreis nimmt. Wobei da eine ähnliche Technik eine Rolle spielt wie beim Werkzeugversandhändler Westfalia, der zusammen mit seinen eigenen Nonames auch viele Marken anbietet, um ohne „vergleichende Werbung“ zu zeigen, wie billig die Nonames sind. Beim Übersetzer dürfte das grad umgekehrt gemeint sein: Ist dieses Ergebnis die Einsparung von 100 € wirklich wert?

Eine nicht ganz neue Entwicklung in diesem Zusammenhang hat mit der englischen Sprache innerhalb der letzten Jahrzehnte stattgefunden: Es gibt etwas wie ein „internationales Basiskommunikationspidgin“, an das keiner der Beteiligten besonders hohe Ansprüche stellt, und bei dem der Hörer/Leser damit rechnet, daß auch etwas anderes gemeint sein könnte, oder daß bestimmte Konnotate fehlen. Es hat für die Anwender den Vorteil, daß es billig zu lernen ist, und immerhin eine Basis der Verständigung gewährleistet. Zu ähnlichem können Maschinentexte bereits heute dienen, wenn die Anwender sich dessen bewusst sind, daß sie Überraschungen enthalten können.

Man findet diese Erscheinung übrigens auch in literarischen Übersetzungen: Es ist noch nicht lange her, daß der erste Band Asterix „Asterix der Gallier“ in einer einigermaßen akzeptablen Übersetzung erschienen ist, die erste bei Ehapa war unter aller Kanone - was die deutschen Leser nicht davon abgehalten hat, den Asterix-Hype der 1970-1980er mitzumachen.

Ein Aspekt kam noch nicht: Sprache ist ja mehr als nur Worte,
sie transportiert kulturelle Inhalte.

Es kann sein, daß selbst hier eine Mechanisierung denkbar ist - schließlich findet diese Vermittlung zu einem sehr großen Teil ritualisiert (sprachlich: in Stereotypen) statt, ohne deren Wiedererkennung sie auch innerhalb der jeweiligen Kulturen nicht funktionieren würde.

In welchem Umfang entsprechende Simulationen (auf einfachster Ebene z.B. „Baue bei einem Romanen immer drei Verbeugungen mehr ein“ - „Drohe einem Franzosen immer mit Lebensgefahr, damit er ein Verbot beachtet“ - „Stelle Texte so um, daß bei Deutschen und Amerikanern der hauptsächliche = ausgezählt häufigste Inhalt immer im ersten Satz angesprochen wird“) bei maschineller Anwendung artifiziell klängen und dadurch unverstanden blieben, ist, glaube ich, auch eher eine Frage der Quantität und der Volumina (quantitative soziolinguistische Analyse von vorhandenen Texten).

Bei
Englisch und Französisch hält sich in Grenzen, aber da brauche
ich auch keinen Babbelfisch.

Bei Franzosen - die einzigen, mit denen ich fremdsprachliche Erfahrung habe - ists immer wieder faszinierend, wie wenig sich Deutsche und Franzosen verstehen, obwohl ihre Kontakte den ökonomischen Kern Europas ausmachen. Ich kenne eine Fremdsprachenkorrespondentin (rumänische Muttersprachlerin), die in deutsch-französischer Umgebung arbeitet und sie sozusagen „von oben“ sehen kann. Sie hat sich schon auf die überspitzte These eingelassen, alle deutsch-französischen Kriege der letzten fünfhundert Jahre ließen sich von den jeweiligen Anlässen (nicht Ursachen) auf sprachliche Missverständnisse zurückführen.

Soweit würde ich nicht gehen, aber „der Deutsche“, der „immer grantig, militärisch und autoritär“ auftritt, kommt schon ganz schnell zustande, wenn ein deutscher Partner in Paris bei einem Meeting ist, sich bewusst ist, daß die Zeit der Teilnehmer zusammengenommen ein Vermögen kostet, ergo die anderen kurz begrüßt und dann zur Tagesordnung übergeht. Kein Wort über die Kinder, kein Wort über das Rasenmähen am Samstag, kein Wort über den neuen Audi…

Ein Konsekutivdolmetscher kann das kaschieren, aber was wird einer Maschine einfallen, wenn sie an den Beginn ein paar Rosengirlanden setzen soll? Was wird sie tun, wenn ein Deutscher sich beim Umgang mit Koreanern mit einer wichtigen Frage zuerst an seinen anwesenden Fachkollegen, und nicht an den anwesenden „alten Mann“ wendet (= „er will das Geschäft nicht machen, sonst würde er nicht mit Untergebenen reden“)?

Das Problem der Maschine dürfte auch hier bloß ein quantitatives sein, das aber zuerst mit der Verbesserung der Maschinen wächst: Je „normaler“ sich die Ergebnisse anhören, desto eher werden sie unreflektiert für bare Münze genommen.

Schöne Grüße

MM

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Servus Helena,

bloß ganz unsystematisch paar Anmerkungen:

Ich sehe dabei aber höchstens das Problem, daß Übersetzern in
Zukunft ihre Arbeit mit Copyright (oder Ähnliches) versehen
werden.

Grundsätzlich ist sie bereits geschützt - darüber hinausgehend ist ein Übersetzer, der nicht gleich beim Auftrag die Verwendung seiner Arbeit detailliert mit dem Auftraggeber festlegt, von einer ziemlichen Naivität. Kommt im professionellen Bereich praktisch nicht vor.

Wenn du mich fragst, finde ich es nicht, denn ich gebe keine
eigene Idee, keine eigene Sintaxe, keine eigene
„Ursprungstext“ (im sinne von ein eigenes Werk, ohne Vorgabe)
wiedergeben. Aber das ist nur meine Meinung -und zwar jetzt…

Es gibt aus dem zwanzigsten Jahrhundert neben den sehr vielen weniger bekannt gewordenen Beispielen zwei berühmte Übersetzungen von Texten, die als unübersetzbar galten: Beide von James Joyce, den Ulysses hat Hans Wollschläger quasi neu geschaffen, Finnegans Wake Arno Schmidt.

Das mit dem Bezahlen ist aber der wichtigste Punkt.

Nein ich finde es nicht absolut der wichtigste Punkt. Ganz und
gar nicht.

Wenn Du die berühmten Gebrauchsanweisungen ostasiatischer Produkte liest, siehst Du den Effekt: Hier werden sogar nicht unerhebliche Haftungsrisiken in Kauf genommen, die immer noch als billiger eingeschätzt werden als die Beauftragung eines technisch spezialisierten Muttersprachlers der Zielsprache, wenigstens zum Gegenlesen der Maschinenübersetzung bzw. der Übersetzung des Muttersprachlers der Quellsprache. Wie sich das rechnen soll, versteh ich zwar nicht, aber es ist Tatsache.

Und man braucht nicht mal bis nach Ostasien zu gehen: Ausgerechnet in Italien, wo selbst Leute einfachster Bildung im Durchschnitt ein intimes und schönes Verhältnis zur Sprache haben, findet man bei Veröffentlichungen der Tourismusbranche haufenweise Maschinenübersetzungen, die nicht bloß lächerlich klingen (was ist das dann für eine Werbung?), sondern teilweise gänzlich unverständlich sind.

Man sieht also: die paar hundert Euro für eine ordentliche Übersetzung werden schon heute als Einsparpotenzial aufgefasst.

Ich glaube
irgendwann mal, dieses Babelfisch aus EMule u.Ä. wird so
dermaßen schlecht sein, daß kein Muttersprachler der
Zielsprache das je verstehen wird.

Je nach Text arbeiten Übersetzer heute schon mit Maschinenübersetzungen, deren Haken und Fehler jemand, der die Mehrdeutigkeiten (um die geht es in der Regel) kennt, leicht sehen kann. Allerdings werden dann die völlig entstellten Passagen neu aufgesetzt und nicht auf der Basis der Maschinenvorlage verbessert.

Dann lassen wir ihn in einem 3. Land produzieren,
meistens sehr weit weg, und bringen wir das Fertigprodukt
einfach nach Schweden zurück.

Du wirst lachen: Es gibt in großer Zahl Übersetzungen z.B. F > D, die in Rumänien angefertigt werden, und ich denke, es ist eine Frage der Zeit, daß Kamerun und Rwanda für europäische Sprachen auf den Plan treten werden. Sicher ist das mit dem Schwedischen bissel weniger populär als mit den Standards D, E, F, Sp, It, Ru. Aber die Preise sind so unschlagbar billig, daß viele Auftraggeber die Qualitätsmängel in Kauf nehmen. Im Gegensatz zu den Philologen handelt es sich da um Leute, die emotionslos Nutzen und Kosten vergleichen: 100% Qualität ist unrentabel.

Das liegt aber nicht an der Übersetzer, sondern an den Leser
selbst. In wie fern ein Übersetzer sich verpflichtet fühlt,
solche Begriffe extra zu erklären, ist eine sehr persönliche
Entscheidung.

In ziemlich vielen Bereichen, vornehmlich Technik, Handelsrecht, Jura (das macht den Löwenanteil der Übersetzungen aus, abgesehen von Softwarelokalisierung), gibt es dafür klare Regeln. Die allenfalls eingeschränkt werden durch das Wissen des Übersetzers darüber, was sein Auftraggeber schon weiß.

Schöne Grüße

MM

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Hi ho auch,

mit steigender Speicher- und Rechenkapazität wird irgendwann
der Zeitpunkt kommen, an dem sämtliche Texte einschliesslich
Metadaten digitalisiert und in Echtzeit zur Verfügung stehen.

und was bringt uns das?

Ab diesem Zeitpunkt kann eine Maschine die gleichen oder
bessere Ergebnisse liefern wie ein Mensch.

Imgünstigsten Fall (aber eher unwahrscheinlich) vergleichbar gut Texte, denn eine gute Übersetzung hängt von meha als nur Metadaten ab. Da ist Kreativität gefragt und die ist eher schlecht zu simulieren.

Gandalf

Hi ho,

mit steigender Speicher- und Rechenkapazität wird irgendwann
der Zeitpunkt kommen, an dem sämtliche Texte einschliesslich
Metadaten digitalisiert und in Echtzeit zur Verfügung stehen.

und was bringt uns das?

Naja, ohne zu wissen aus welcher Zeit, an welchem Ort und von wem ein Text stammt (um nur einige wenige Metadaten zu nennen), wird man den Text nur schwer richtig übersetzen können. Hilfreich ist zum Beispiel auch, was für eine Art Text man vor sich hat (Gedicht, Prosa etc), die Biografie, die politische Gesinnung und die Gesundheit des Autors (mit Bewertungskriterien für die Übersetzung) und so weiter und so fort. Je mehr man über den Text weiss, desto besser kann die Übersetzung werden.
Und wenn man ewig auf diese Daten warten muss, dann strapaziert man nur die Geduld des Users.

Ab diesem Zeitpunkt kann eine Maschine die gleichen oder
bessere Ergebnisse liefern wie ein Mensch.

Imgünstigsten Fall (aber eher unwahrscheinlich) vergleichbar
gut Texte, denn eine gute Übersetzung hängt von meha als nur
Metadaten ab. Da ist Kreativität gefragt und die ist eher
schlecht zu simulieren.

Eine gute Übersetzung hat den Sinn und Zweck des Quelltextes wiederzugeben. Inwiefern da Kreativität von nöten ist, und ob eine Maschine das leisten kann, da werden wir uns wohl nicht einigen. Müssen wir aber auch nicht :wink:

Gruss,

Herb

Hallo!
Ich kann mir kaum vorstellen, dass die maschinelle Übersetzung den menschlichen Übersetzer irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wirklich gleichwertig (!) ersetzen kann. Sicher wird es auf dem Gebiet weiter Verbesserungen geben, aber selbst wenn diese Programme irgendwann Wortschatz, Grammatik und Stilistik korrekt in eine andere Sprache übertragen können sollten, werden sie bei Fachtexten und Sprachpaaren aus dem gleichen Kulturkreis (z.B. EnglishDeutsch) sicher zuverlässiger arbeiten als bei persönlichen, gefühlsbeladenen Texten und Sprachen aus ganz verschiedenen Kulturen.

Irit