Hallo Christian,
es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit einer Firmenkundenbetreuerin einer Bank liiert war. Dabei erhielt sie natürlich tiefen Einblick in alle Vorgänge meines Betriebes, einschließlich der täglichen Sorgen. Mich erstaunte, daß das alles für die Firmenkundenbetreuerin eine völlig neue Welt war. Auch ich bekam manchen Eindruck von den Entscheidungsgängen der Bank.
Inzwischen sehe ich das Geschehen bei Banken nur von außen als gewöhnlicher Girokontenkunde. Und da sehe ich Phantasielosigkeit. Ich sehe die Fusionitis unter kleinen regional tätigen Banken umgehen. Damit gehen Filialschließungen und Personalkosteneinsparungen einher. Die Geldautomaten werden von Siemens gewartet und sogar befüllt, gerechnet wird auch bei Siemens. Aber wo bleibt das Bankgeschäft? Diese Geldhäuser rationalisieren sich langsam selbst weg. Auch die fusionierten Banken werden über kurz oder lang unter neuen Kostendruck geraten, weil sie versäumen, alte Geschäftsfelder zu reaktivieren und neue zu erschließen. Die Sparkassen lösen sich langsam aus der kommunalen Trägerschaft und werden i. d. R. nach einer Fusion zu Aktiengesellschaften. Sie lösen sich aber nicht nur aus der kommunalen Trägerschaft, sondern auch aus der regelmäßig in den Satzungen festgeschriebenen Verpflichtung gegenüber der regionalen Entwicklung. Sie lösen sich vom Mittelstand und träumen von einer Stimme im Konzert der Großen als Global Player oder wenigstens National Player. Wie in anderen Branchen auch, wird der Sinn von schierer Größe nicht hinterfragt.
Gut, den Menschen in der Panzerglaskabine braucht man nicht mehr. Automatische Belegleser und Online-Banking sparen ebenfalls viel Personal. Das ist ein seit Jahren laufender Prozess, nichts Plötzliches. Personalressourcen sind also vorhanden. Weshalb erweitert kein Geldhaus das Bankgeschäft um Mittelstands-Kompetenzzentren? Dafür bräuchten die Banken gut ausgebildete Leute, die das Bankgeschäft kennen, aber auch das Investitionsvorhaben des Tischlermeisters, den Neubau des Galvanikbetriebes, den Fertigungsaufbau des Elektronikbetriebes, das Innovationsvorhaben der Ingenieurfirma, den Förderantrag des Existenzgründers für öffentliche Mittel mit Einbindung der Bank, den Vertriebsaufbau, aber auch ein vorübergehend schleppendes Geschäft beurteilen können. Viele Banken fassen derartige Engagements nicht mehr an. Was wollen die überhaupt noch machen, außer Gebrauchtwagen und Schrankwände auf Pump zu ermöglichen? Für die Großunternehmen sind viele Banken ganze Nummern zu klein und nur von Mietüberweisungen und Rentnerkonten wird niemand leben können. Dabei wird der Mittelstand vom Freiberufler bis zum Fertigungsbetrieb mit 100 Leuten bankmäßig zunehmend heimatlos und findet bei den Banken keine Kompetenz.
Ein eigener Problemkreis sind öffentliche Förderungen. Die Bearbeitung ist mit Aufwand verbunden, aber die Klientel gehört zu den wenigen Geschäftsfeldern, wo noch Neugeschäft zu akquirieren ist. Praktisch keine öffentliche Förderung läuft ohne Engagement einer Bank. Dann ist guter Rat teuer. Dann werden gutachterliche Stellungnahmen von Steuerberatern (geradezu unglaublich!!) eingeholt. Oder von der örtlichen IHK. Da sitzt dann eine einzige überforderte Pappnase, die heute den Erweiterungsbau eines Großhändlers und morgen ein Biotechnik-Vorhaben zu „beurteilen“ hat. Das alles, weil den Banken allgemein die eigene Urteilsfähigkeit fehlt.
Das war nicht immer so. Mitte der 80er war Herr Riesenhuber Minister für Forschung und Technologie. Damals gab es ein Modellvorhaben des Bundes zur Förderung technologieorientierter Unternehmensgründungen (TOU). Gut, es ging also nicht in die Breite der Wirtschaft und war auch auf strukturschwache Gebiete beschränkt. Es war ein Ansatz, der aufgrund einiger Webfehler zum Flop wurde. Aber einige große Geschäftsbanken begannen damals, kleine Teams zu bilden, die unmittelbare Entscheidungskompetenz besaßen und sich learning by doing Sachkompetenz aneigneten. Mit dem Ende des TOU-Versuchs schliefen auch diese Teams bei den Banken wieder ein. Schade, es waren seitens des Ministeriums und der Banken die ersten Schritte in die richtige Richtung. Man brach die Sache ab, obwohl die Fehler offenkundig und leicht behebbar gewesen wären.
Inzwischen haben wir die Situation, daß viele tausend Kleinbetriebe im Osten fehlen, die als Keimzellen für eine wirtschaftliche Infrastruktur dienen könnten. Überall kommen wirtschaftlich durchaus tragfähige Konzepte nur sehr schwer oder überhaupt nicht auf die Füße, weil selbst bescheidene Finanzierungswünsche ins Leere gehen. Das Steuerungsmittel öffentlicher Förderungen könnte man auch streichen. Die Banken spielen eh nicht mit.
Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Ich halte die Forderung nach angemessenem Eigenkapital des Gründers oder Firmeninhabers aus verschiedenen Gründen für vernünftig. Aber selbst dann ist Geld von einem Mittelständler zu akzeptablen Bedingungen praktisch nicht mehr zu bekommen. Mancher richtet sich mit dem Zustand ein. Auf Dauer aber halte ich damit schweren Schaden für die Volkswirtschaft insgesamt, für den Mittelstand sowieso und auch für das Bankgewerbe für vorprogrammiert.
Gruß
Wolfgang