Bedeutung der Autoindustrie übertrieben?

Die dpa und viele politiker verbreiten immer wieder eine behauptung des VDA (Verbands der dt. Autoimdustrie), dass jeder siebte deutsche arbeitsplatz direkt oder indirekt von der autoindustrie abhänge.

Laut auskunft der dpa rechnet der VDA so: „Es handelt sich dabei um Zahlen des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) mit Sitz in Frankfurt. Laut Verband zählt die Autoindustrie 761 600 Mitarbeiter. Von der Autobranche hängen aber noch viel mehr Jobs ab, nämlich jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland ab, sagt der VDA. Die Rechnung geht wie folgt: Bei Zulieferern, Tankstellen, in der Chemieindustrie etc, die den Autoherstellern zuarbeiten, sind rund 5 Millionen Menschen beschäftigt - und das ist jeder siebte der insgesamt 35 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland.“

Ist diese rechnung jemals irgendwo kritisch überprüft worden? Wurden z.b. doppelzählungen ausgeschlossen? (Wurde z.b. der gleiche arbeitsplatz einmal als zulieferer, einmal als chemische industrie gezählt?) Wurden belegschaften von unternehmen, die 30% ihres umsatzes mit der autoindustrie machen, komplett mitgezählt oder nur zu 30%? Wenn komplett - mit welcher volkswirtschaftlichen begründung?

Immerhin liegt der gedanke nahe, dass der VDA die volkswirtschaftliche bedeutung seiner branche so groß wie möglich darstellen will, also vielleicht übertreibt.

Beste grüße
Jens J. Korff, historiker

Hallo,

Ist diese rechnung jemals irgendwo kritisch überprüft worden?
Wurden z.b. doppelzählungen ausgeschlossen? (Wurde z.b. der
gleiche arbeitsplatz einmal als zulieferer, einmal als
chemische industrie gezählt?) Wurden belegschaften von
unternehmen, die 30% ihres umsatzes mit der autoindustrie
machen, komplett mitgezählt oder nur zu 30%? Wenn komplett -
mit welcher volkswirtschaftlichen begründung?

zumindest die Daten des statistischen Bundesamtes beruhen auf den Meldungen der Betriebe. Diese müssen an das stat. Bundesamt u.a. melden, zu welcher Branche gem. Wz 2003 oder 2007 sie sich zugehörig fühlen. Dabei kann man immer nur eine Angabe machen, selbst wenn die Produktionspalette von Zahnpasta über Bohrmaschinen bis hin zu Bergepanzern reicht. Das macht die Statistik nicht unbedingt genauer, aber schließt Doppelzählungen aus. Inwiefern die Daten nachbearbeitet werden, um die gröbsten Klopper zu vermeiden, weiß ich nicht.

Das statistische Bundesamt berichtet per 2006 von 833.000 Arbeitnehmern, die in Unternehmen der Branche Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen arbeiten. Im gesamten verarbeitenden Gewerbe waren es 6 Mio. Nun kommen zu den genannten 833.000 Unternehmen, die Zulieferer sind ohne Teile im engeren Sinne zu liefern und da muß man in der Wertschöpfungskette ganz schön weit nach hinten gehen. Es beginnt mit der Förderung der Rohstoffe Erze, Kohle, Öl, Quarz usw. Dann folgt die erste Bearbeitung, nachfolgend die Verarbeitung und anschließend erst die Produktion der Teile.

Eine weitere Wertschöpfungskette ist die Konzeption und Produktion der notwendigen Maschinen und Anlagen, d.h. im Maschinen- und Anlagenbau, in der Bauindustrie. Hinzu kommen noch Handel und Dienstleistungen, d.h. Architekten- und Ingenieurbüros, Webdesigner, Straßenverkehrs- und Bauamt, Handel mit Kraftfahrzeugen, Teilen und Zubehör (nebst Logistik für den ganzen Plunder), Versicherungen und Kreditinstitute, Straßen-, Tief- und Hochbau, Betrieb von Parkhäusern und -plätzen, Politessen, Hersteller von Licht- und Leittechnik und die klassischen Kandidaten wie Tankstellen, Werkstätten, TÜV, Dekra und Konsorten.

Nach meiner persönlichen und zweifellos angreifbaren Schätzung hat in Deutschland jeder dritte Arbeitsplatz im weitesten Sinne mit der Automobilindustrie zu tun. Ein weiterer klassischer Fall von verfehlter Wirtschaftspolitik. Oder anders: die deutsche Wirtschaft hat ein gewaltiges Klumpenrisiko namens Automobilindustrie.

Gruß
Christian

Das statistische Bundesamt berichtet per 2006 von 833.000
Arbeitnehmern, die in Unternehmen der Branche Herstellung von
Kraftwagen und Kraftwagenteilen arbeiten. Im gesamten
verarbeitenden Gewerbe waren es 6 Mio. Nun kommen zu den
genannten 833.000 Unternehmen, die Zulieferer sind ohne Teile
im engeren Sinne zu liefern und da muß man in der
Wertschöpfungskette ganz schön weit nach hinten gehen. Es
beginnt mit der Förderung der Rohstoffe Erze, Kohle, Öl, Quarz
usw. Dann folgt die erste Bearbeitung, nachfolgend die
Verarbeitung und anschließend erst die Produktion der Teile.

Diese Jobs würde es vielleicht auch geben, wenn aus diesen Ausgangsmaterialien andere („sinnvollere“) Produkte entstehen würden.

Hinzu kommen
noch Handel und Dienstleistungen, d.h. Architekten- und
Ingenieurbüros, Webdesigner, Straßenverkehrs- und Bauamt,
Handel mit Kraftfahrzeugen, Teilen und Zubehör (nebst Logistik
für den ganzen Plunder), Versicherungen und Kreditinstitute,
Straßen-, Tief- und Hochbau, Betrieb von Parkhäusern und
-plätzen, Politessen, Hersteller von Licht- und Leittechnik
und die klassischen Kandidaten wie Tankstellen, Werkstätten,
TÜV, Dekra und Konsorten.

Also das alles gibt es beispielsweise auch in Ländern ohne eigene Automobilproduktion. Diese Jobs hängen somit nicht davon ab, ob im Land Autos hergestellt werden.

Die Zahlen des VDA dienen vorrangig der Lobbyarbeit. Unser Wohlstand beruht nicht darauf, dass wir Autos produzieren und verkaufen. Er beruht(e) darauf, dass wir etwas besser als andere herstellen konnten, und entsprechend absetzen konnten. Das müssen keine Autos sein.
Nur weil man jetzt meint, dass X-Millionen Arbeitsplätze dranhingen, müßte man eine Industrie unterstützen, ist Unfug. Warum sollte der Staat Geld in etwas investieren, dass offenbar niemand (bzw. nicht genug Leute) wollen. Wenn keiner mehr Opels kaufen will, dann kann doch nicht der Staat diese Teile kaufen, bloß damit die einen feinen sicheren Job haben.
Wohin eine solche Lobbyarbeit führen kann, kann man schön am Steinkohlebergbau sehen. Hier wurde Jahrzehnte eine unrentable Indutrie mit Steuermilliarden gestützt. Es wäre billiger gewesen, jeden Kumpel bei vollen Bezügen zu Hause zu lassen.
Die Pumpen, die den Grundwasserspiegel in den Abbaugebieten künstlich senken müssen, werden einmal mehr Energie verbraucht haben, als die Kohle erzeugen konnte, deren Förderung diese Absenkung dauerhaft notwendig macht. Von den weiteren Folgeschäden mal gar nicht zu reden.

Also bei Zahlen und Argumentationen von Lobbyverbänden immer mal die Zahlen und Stringenz hinterfragen.

Gruß

noch Handel und Dienstleistungen, d.h. Architekten- und
Ingenieurbüros, Webdesigner, Straßenverkehrs- und Bauamt,
Handel mit Kraftfahrzeugen, Teilen und Zubehör (nebst Logistik
für den ganzen Plunder), Versicherungen und Kreditinstitute,
Straßen-, Tief- und Hochbau, Betrieb von Parkhäusern und
-plätzen, Politessen, Hersteller von Licht- und Leittechnik
und die klassischen Kandidaten wie Tankstellen, Werkstätten,
TÜV, Dekra und Konsorten.

Also das alles gibt es beispielsweise auch in Ländern ohne
eigene Automobilproduktion. Diese Jobs hängen somit nicht
davon ab, ob im Land Autos hergestellt werden.

Das habe ich auch nicht behauptet. Ich sage nur, daß diese Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen. Ich habe nicht gesagt, daß sie von unserer Automobilindustrie abhängen.

Das müssen keine Autos sein.

Und deswegen sage ich, daß unsere Industriepolitik mit der Automobilindustrie genauso auf dem Holzweg war und ist, wie sie das beim Bergbau war und ist. Man hätte viel eher umsteuern müssen, aber man hat ja schön den moralischen raushängen lassen und in der Folge den Anschluß bspw. in der Gentechnik verloren.

Nur weil man jetzt meint, dass X-Millionen Arbeitsplätze
dranhingen, müßte man eine Industrie unterstützen, ist Unfug.

Hab ich nie behauptet.

Also bei Zahlen und Argumentationen von Lobbyverbänden immer
mal die Zahlen und Stringenz hinterfragen.

Richtig, aber warum sagst Du mir das? Mir ging es allein um die Frage, wieviele Arbeitsplätze direkt und indirekt von der Automobilindustrie abhängen.

Gruß
Christian

Das habe ich auch nicht behauptet. Ich sage nur, daß diese
Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen. Ich habe
nicht gesagt, daß sie von unserer Automobilindustrie abhängen.

Ursprünglich ging es jedoch um die deutsche Automobilindustrie und die Arbeitsplätze in Deutschland, die davon abhingen.

Das müssen keine Autos sein.

Und deswegen sage ich, daß unsere Industriepolitik mit der
Automobilindustrie genauso auf dem Holzweg war und ist, wie
sie das beim Bergbau war und ist. Man hätte viel eher
umsteuern müssen, aber man hat ja schön den moralischen
raushängen lassen und in der Folge den Anschluß bspw. in der
Gentechnik verloren.

Genau.

Nur weil man jetzt meint, dass X-Millionen Arbeitsplätze
dranhingen, müßte man eine Industrie unterstützen, ist Unfug.

Hab ich nie behauptet.

Hab ich Dir ja auch nicht unterstellt.

Also bei Zahlen und Argumentationen von Lobbyverbänden immer
mal die Zahlen und Stringenz hinterfragen.

Richtig, aber warum sagst Du mir das? Mir ging es allein um
die Frage, wieviele Arbeitsplätze direkt und indirekt von der
Automobilindustrie abhängen.

Wenn Dir und mir das klar ist, ist ja gut. Ein etwas unbedarfterer Leser hätte jedoch vielleicht meinen können, dass diese Arbeitsplätze von der deutschen Automobilindustrie abhingen.

Gruß

Das habe ich auch nicht behauptet. Ich sage nur, daß diese
Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängen. Ich habe
nicht gesagt, daß sie von unserer Automobilindustrie abhängen.

Ursprünglich ging es jedoch um die deutsche Automobilindustrie
und die Arbeitsplätze in Deutschland, die davon abhingen.

Erstens stand das nirgendwo und zweitens wird doch wohl niemand so töricht sein, davon auszugehen, an deutschen Tankstellen, in deutschen Werkstätten, in deutschen Parkhäusern und auf deutschen Straßen würden nur deutsche Autos tanken, repariert, parken und fahren. Mal ganz davon abgesehen, liefern deutsche Zulieferer nicht nur an deutsche OEM.

Nur weil man jetzt meint, dass X-Millionen Arbeitsplätze
dranhingen, müßte man eine Industrie unterstützen, ist Unfug.

Hab ich nie behauptet.

Hab ich Dir ja auch nicht unterstellt.

Warum erzählst Du es mir dann? :wink:

Wenn Dir und mir das klar ist, ist ja gut. Ein etwas
unbedarfterer Leser hätte jedoch vielleicht meinen können,
dass diese Arbeitsplätze von der deutschen Automobilindustrie
abhingen.

Da müßte man aber schon sehr unbedarft sein (siehe oben).

Gruß
Christian

Jeder 42. Arbeitsplatz hängt an der Autoindustrie

Das statistische Bundesamt berichtet per 2006 von 833.000
Arbeitnehmern, die in Unternehmen der Branche Herstellung von
Kraftwagen und Kraftwagenteilen arbeiten. Im gesamten
verarbeitenden Gewerbe waren es 6 Mio.

Bezogen auf 35 Mio. arbeitsplätze insgesamt, sind das 2,4 %, oder anders gesagt: Jeder 42. deutsche arbeitsplatz hängt direkt von der deutschen autoindustrie ab. Das hört sich schon ganz anders an als „jeder sechste“, wie VDA, dpa und die meisten Medien nicht müde werden zu predigen.

Was die stahlproduktion, die chemische industrie usw. angeht:
Mit gleicher berechtigung könnte man auch die gesamte papierindustrie und alle druckereien mitzählen, denn jedes auto wird mit einem gedruckten betriebshandbuch ausgeliefert… Außerdem alle krankenhäuser und arztpraxen, denn verletzte von autounfällen stellen einen nennenswerten teil der patienten… Die gesamte polizei und justiz, alle rechtsanwälte und rechtsschutzversicherungen, wegen der vielen verkehrsbedingten verfahren… À propos versicherungen…

Solche rechnungen sind in einer verflochtenen volkswirtschaft m. e. absurd und haben allenfalls kabarettistischen wert. Man könnte vielleicht darüber diskutieren, ob man ab einem bestimmten umsatzanteil, den eine branche mit einer anderen, z.b. der autobranche macht, diesen anteil der arbeitsplätze als indirekt abhängige mitzählt. Wenn also die stahlerzeuger 25% ihres stahls an die autoindustrie liefern, könnte man demnach 25% der stahl-arbeitsplätze mitzählen. Und auch das nur mit der einschränkung, dass der stahl genauso gut zu eisenbahnen, fahrrädern oder schiffen verarbeitet werden könnte. Oder?

Gruß v. Jens

Da müßte man aber schon sehr unbedarft sein (siehe oben).

Also wenn ich an die Millionen Blöd-Zeitungsleser und Unterschichten-TV-Seher denke, dann meine ich schon, dass es eine ausreichende Zahl jener gibt die genügend unbedarft sind alles zu glauben.
Und die Lobbyisten würden nicht mit solche Zahlen hausieren gehen, wenn es nicht genug Unbedarfte gäbe, die ihnen auf den Leim gehen.

Gruß

Hallo,

Solche rechnungen sind in einer verflochtenen volkswirtschaft
m. e. absurd und haben allenfalls kabarettistischen wert. Man
könnte vielleicht darüber diskutieren, ob man ab einem
bestimmten umsatzanteil, den eine branche mit einer anderen,
z.b. der autobranche macht, diesen anteil der arbeitsplätze
als indirekt abhängige mitzählt. Wenn also die stahlerzeuger
25% ihres stahls an die autoindustrie liefern, könnte man
demnach 25% der stahl-arbeitsplätze mitzählen.

ich darf mich selbst zitieren:
Nach meiner persönlichen und zweifellos angreifbaren Schätzung hat in Deutschland jeder dritte Arbeitsplatz im weitesten Sinne mit der Automobilindustrie zu tun.

Und auch das
nur mit der einschränkung, dass der stahl genauso gut zu
eisenbahnen, fahrrädern oder schiffen verarbeitet werden
könnte. Oder?

Klar, bauen wir statt 100.000 Autos einfach 500.000 Fahrräder. Die Nachfrage wird sich schon einfinden, man muß nur fest genug daran glauben.

Fazit: die exakte Zahl der Arbeitsplätze, die von der Automobilindustrie abhängen, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Ob Bosch von Kühlschränken alleine leben könnte, wenn es die Automobilindustrie nicht gäbe, kann man nur schwerlich beurteilen.

So oder so ist es m.E. hilfreich, die Bedeutung der Automobilindustrie für die deutsche Wirtschaft nicht zu unterschätzen. Dies unabhängig davon, was man von ihr oder den Branchenverbänden und ihren Schätzungen hält.

Gruß
Christian