Begriff denken statt meinen wird falsch angewendet

Seit doch mehr vielen Jahren höre ich von allen (allen!), wenn sie eine Meinung kundtun, dass sie „denken“. Ich bin überzeugt, dass in diesen Fällen „meinen“ zu sagen wäre. Denn das Denken ist ein aktiver Vorgang, daraus entsteht das „Meinen“. Ich sags mal anhand eines kurzen Satzes:
„Ich denke, dass die Kinder heute früh zu Bett gehen.“ Warum denn da „denken“??

Hallo Anne,

Ich habe diesen Ansatz schon ein paar Mal gehört, und frage mich immer (immer!), wie die Leute auf so einen absurden Gedanken (bzw. Meinung) kommen. Woher nimmst du die Idee? Ist es denn wirklich so, dass ein Wort im Deutschen nur eine einzige, feste Bedeutung hätte?
Nein, du kannst dich in jedem besseren Lexikon davon in Kenntnis setzen, dass denken mindestens zwei Bedeutungen hat: einmal den Prozess des Überlegens, ein anderes mal einen inhalthabenden Gedanken bilden, was syononym zu „meinen“ ist. Eine weitere Bedeutung ist die Möglichkeit, zu denken(1) haben („Ich denke, also bin ich.“). Sicherlich gibt es noch einige mehr.

Wenn heutzutage wirklich ALLE oder auch nur 99 % aller Deutschsprecher „denken“ im Sinne von „meinen“ benutzen, denkst/meinst du wirklich, sie machen das alle falsch? Die Bedeutung eines Begriffs basiert doch schließlich auf der Verwendung des Begriffs, nicht auf einer uralten Definition, die heute nicht mehr aktuell ist.

Kurz gesagt: nein, du liegst falsch, „denken“ kann auch ein Synonym zu „meinen“ sein, in vielen Fällen. Sätze wie „Ich denke, heute wird es regnen.“ sind also korrekt.

Grüße,

  • André

Ich hab ein paarmal geschluckt, dear André, aber muss allmählich meine Starrheit revidieren, was die Definition von „Denken“ und „Meinen“ angeht… Hab halt im Kopf diese schlecht - und wahrscheinlich billig -ins Deutsche übersetzten amerikanischen Serien, wobei ich sagen muss, dass ich schon aus verwandschaftlichen Gründen stark anglophil bin. Nur um das klarzustellen.
Da ich neu in diesem Forum bin, hab ich zwar noch eine Nachricht in diesem Zusammenhang gelesen, wo von Bettnässen in bezug auf „Meinen“ die Rede ist, aber ich finde sie nicht mehr.
Danke für eure Stellungnahme. Ich leite ab: „Ich lerne, also denke ich“. Und da passt es ja immer noch! :wink:
PS: Bin mal gespannt, was das Forum so bietet.

Danke Grisu, jetzt hab ich deine Antwort und den Hinweis. Hab eben grad André was geschrieben über Denken/Meinen. Ich lerne, ich lerne, ich lerne…

Hallo Anne,
besagte Nachricht ist die andere Antwort, die auf deine Ausgangsfrage gegeben wurde.

LG Hahu

Ja, danke, hat mich einen ganzen Schritt weitergebracht. Ich stelle fest, dass ich entgegen meiner anderen Gewohnheiten in der deutschen Sprache sehr sehr konservativ bin. Hat mir meine Germanikstik studierende Tochter schon vorgeworfen.

Da hab ich sehr schnell dem Argument von André stattgegeben, dass Sprache lebt und war still. Soweit so gut. Doch das Thema ließ mich heute im Koppe nicht los. Sicherlich verändert sich Sprache (ich lese grad „Napoleon und Goethe“ – mit Originalzitaten; da merkt man schon, wie sich in 200 Jahren die Sprache verändert hat), doch soll / muss man jede Veränderung mitmachen? Das hat jetzt nichts direkt mit „meinen/denken“ zu tun, doch als aufmerksame Beobachterin, wie sich unsere Sprache darstellt – gesprochen und geschrieben, graust mir manches Mal. Und daa sollen wir alle akzeptieren? Nur weil die Sprache lebt? Nee nee nee.
Vielleicht ergibt sich hieraus mal eine kleine Diskussion, oder ein Hinweis für mich, wo so was schon mal auf einer einfacheren Ebene kontrovers diskutiert worden ist? Ich bin lernfähig allemal.

Hallo Anne,

Und daa sollen wir alle akzeptieren?
Nur weil die Sprache lebt? Nee nee nee.

Nein, das muss man gewiss nicht. Es ist ja immer eine Frage, wie sehr eine Neuerung genutzt wird. Zumeist passiert so eine Änderung nicht von einem Tag auf den anderen, und die „alte“ Wendung ist auch immer noch eine lange Zeit hin akzeptiert. Irgendwann wird ein Ausdruck aber altmodisch. Umgangssprachlich sagt man heute für gewöhnlich „wegen dem Regen“, viele (vllt. sogar noch mehr) sagen „wegen des Regens“. Korrekt sind beide, wenn auch mit stilistischen Unterschieden. Sicher regt sich niemand über letztere Konstruktion auf, sie ist immer noch akzeptiert, weil sie noch sehr verbreitet ist, sie ist sogar noch der Standard.
Einige Menschen sagen auch noch „des Regens wegen“, was auch akzeptabel ist, stilistisch höher liegt, aber in der Umgangssprache markiert ist, d.h. auffällt, unnormal ist. Man kann es sagen, aber es klingt „komisch“.
Wer also normal sprechen möchte, muss sich anpassen, meist passiert das automatisch. In unseren ca. 80-jährigen Leben verändert sich die Sprache um uns nicht so dramatisch, dass wir Schwierigkeiten hätten, uns anzupassen. Damit meine ich die gewöhnliche Alltagssprache, nicht spezielle Register wie Werbe- oder Jugendsprache. Wenn eine 80-jährige Oma so redet, wie sie’s früher tat, sich also nicht anpasst, entstehen daraus generell keine Kommunikationsprobleme.

Vielleicht ergibt sich hieraus mal eine kleine Diskussion,
oder ein Hinweis für mich, wo so was schon mal auf einer
einfacheren Ebene kontrovers diskutiert worden ist? Ich bin
lernfähig allemal.

Ich auch. Und ich finde Veränderungen in der Sprache immer faszinierend, aber ich versuche nur selten, meine eigene Sprechweise auf grammatikalischer Ebene willentlich anzupassen. Das heißt, nur weil viele Leute neuerdings einen Ausdruck benutzen, den ich früher nicht benutzt habe, muss ich den nicht unbedingt aufnehmen, obwohl das oft automatisch passiert. Ich sage oft quasi, weil einer unserer Professoren das oft benutzte und ich ihn sehr schätze. Ich sage aber nicht Alter am Satzende, weil ich mich mit dieser Schicht bzw. diesem Register (Jugendsprache) nicht identifizieren kann und will.
Im Alltagsdeutsch werde ich aber auch nicht meine regionalbedingte Gewohnheit (=Dialekt) ablegen und statt von der Anja das Auto bzw. der Anja ihr Auto das etwas gestelzt wirkende Anjas Auto benutzen. Ich lass mich also von Leuten wie Bastian Sick ebensowenig beeinflussen wie von der „Jugend“, die so schlecht sprechen soll.
Aber hin und wieder höre ich schöne Begriffe, hübsche Wendungen, die ich gerne benutzen möchte, weil ich sie interessant, lustig, praktisch oder cool finde. Dazu gehören Neologismen („kleinbeißerisch“), Anglizismen („geaddet“), Bedeutungsverschiebungen (Vertauschung von „krank“ und „kaputt“, das wirkt manchmal sehr niedlich) oder altmodische und sogar ungrammatische Worte und Ausdrücke („ich frug“ und „das beste Restaurant wo gibt“). Ich passe also meine Sprache schon etwas an, aber ich bin in der Hinsicht wenig obrigkeitshörig. :smile:

Das ist mein Sempf daderzu. :wink:

  • André