Ich stolpere des öfteren über die Formulierung, „bei Fragen
wenden Sie sich gerne am …“.
Hallo Anita,
gern gehört zu den meistmissbrauchten Wörtern überhaupt:
Jetzt unterliegst du aber einer Fehlinterpretation.
„Die Salami hier wird gerne gekauft“. Als ob die Verkäuferin
über das Seelenleben von Wurst Bescheid wüsste.
„gern“ bezieht sich hier nicht auf das finite Verb „wird“ und damit auf die Salami (das Subjekt), sondern auf den Agens der Handlung, nämlich auf den, der kauft. Theoretisch kann sich „gern(e)“ nämlich auf beides beziehen, das logische als auch das syntaktische Subjekt.
Dein genanntes Beispiel ist völlig korrektes Deutsch und so ist’s auch: „Ich werde gern mit Süßigkeiten verwöhnt.“ — hier beschreibt es die Einstellung des syntaktischen Subjekts.
Man nennt sowas Skopusambiguität, da nicht klar ist, auf was sich „gerne“ bezieht. Das ist nur durch Kontext und Weltwissen erschließbar; eine für unser Gehirn allerdings ziemlich einfache Aufgabe.
Auch der Duden hat solche Beispiele, z.B. „ein gern gesehener Gast“ und „er ist gern gesehen“ — das impliziert ja nicht, dass der Gast sich gerne sehen lässt und daher überall auf jede Party geht. Hier sehen die Gastgeber den Gast gerne.
Oder noch abwegiger: „Hier regnet es gerne auch mal länger“.
Wer oder was??
Das ist ein sprachliches Bild, in der Schule hätten wir das Personifikation genannt. Ich weiß nicht, wie sich sowas sprachwissenschaftlich nennt. Jedenfalls ist diese Form praktisch schon lexikalisiert. In dem Fall heißt „gerne“ einfach ‚oft‘.
Falsch ist es natürlich deswegen noch lange nicht, höchstens umgangssprachlich.
Du begehst hier den Fehler, nur von der Grundbedeutung eines Wortes auszugehen, die bei „gerne“ etwa ‚mit Freuden‘ ist. Selten haben Wörter allerdings nur eine feste Bedeutung und können nicht im übertragenen Sinne verwendet werden.
Auch schon gelesen: „So ein Unfall endet auch gerne mal
tödlich“.
Das ist das gleiche wie oben. Hier wird gerne völlig korrekt im Sinne von ‚oft‘ gebraucht.
Ich schreibe hier als Nicht-Eingeborener aus dem Schwäbischen
Sprachraum, ich weiss nicht, ob das woanders auch so
verbreitet ist.
Ich nehme stark an, dass das gesamtdeutsch ist. Jedes gute Wörterbuch wird „gern“ oder „gerne“ auch in der Bedeugung ‚oft‘ aufführen. Die Gebrüder Grimm listen z.B. folgende Beispiele auf:
• diese pflanzenart treibt gern ins blatt, schieszt gern ins kraut
• der oberwind (westwind im bair. Donauthal) pringt gern regen und ungewitter
• also dasz sy (die wunden des oberschenkels) vast geren tödtlich sind
• es begegnet mir gerne, dasz ich zu rasch urtheile
Und so weiter… die Grimms geben diese Bedeutung von ‚oftmals‘ usw. auch als eine der Bedeutungen von gern/gerne an.
Du siehst also, „gerne“ kann sich sowohl auf passivische Subjekte als auch auf unbeseelte Wesen beziehen. Das ist alles vollkommen normal und grammatisch.
Viele Grüße,
Gruss Reinhard