Hallo Allerseits,
Ich bin jetzt seit einigen Wochen in Therapie und fange langsam an den Ausdruck zu verinnerlichen. Was mich aber interessieren würde wäre was das eigentlich passiert, denn so richtig verstehe ich das ganze immer noch nicht. Wenn man z.B. eine Auseinandersetzung hat und bei sich bleibt sagt man ja dem anderen was er für Fehler macht, oder besser gesagt, man spricht etwas über ihn aus. Irgendwie krieg ich das nicht auf die Reihe warum man dann sagt das man bei sich bleibt.
Bin für jede Erklärung dankbar.
Gruß Tim
Hallo Tim,
„Bei sich sein“ bedeutet einfach nur, genau hinzuhören und hinzuspüren, was man jetzt meint, was jetzt im Moment genau zu tun oder zu sagen ist, was für einen stimmig ist.
Bei sich sein bedeutet, dass man nicht über seine Gefühle (und zwar die, die in dem speziellen Moment aufkommen) hinwegtrampelt, etwas tut oder sagt, was gar nicht „das Eigene“ ist.
In dem Moment, wo du ganz bei dir bist, ist alles, was du tust und sagst gerade jetzt das Richtige.
Ich versuche es mit ein paar willkürlich aus der Luft gegriffenen Beispielen, die keinesfalls auf dich zutreffen müssen, aber die es vielleicht etwas verdeutlichen.
Ich bin in einer Auseinandersetzung mit irgendjemandem. Der sagt etwas, was mich verletzt, was mich unbewusst an eine Situation erinnert, die mich geschmerzt hat. Mein primäres Gefühl wäre: Schmerz, Verletztsein, Trauer. Das lasse ich aber nicht zu, weil es a) im Moment unpassend wäre, b) ich mich vor dem anderen nicht „zeigen will“.
Ich reagiere mit Kaltschnäuzigkeit, Zynismus, verletze den anderen auch (der weiß unter Umständen gar nicht wie ihm geschieht, weil er sich nicht bewusst ist, dass er mich verletzt hat). Ich beleidige ihn, werde unsachlich und schlage zuletzt wild um mich mit Worten oder sogar mit Dingen. Am Ende dieser „Szene“ fühle ich mich mies. So kenne ich mich gar nicht. Ich bin doch sonst nicht so…
Ich war einfach „außer mir“.
Wenn mir so etwas passiert, ich (evtl. eben durch Therapie) schon weiß, wie ich reagieren könnte, weil ich oft so reagiert habe und ich versuche, „bei mir“ zu bleiben, dann nehme ich meine primären Gefühle wahr. Kann sie einordnen, erkenne sie wieder, merke den Schmerz, der da kommt, weiß, was da jetzt mit mir geschieht … und dass das mit dem anderen, meinem Gegenüber oft gar nichts zu tun hat. Ich kann durchatmen, mich auf das Wesentliche besinnen und angemessen auf den (oft nur vermeintlichen) Angriff oder die Kränkung reagieren.
Am Ende dieser Szene weiß ich, dass ich mich und mein Gefühl keine Sekunde aus den Augen verloren habe und fühle mich besser. Ich war „bei mir“.
Ein kleines Beispiel noch in einem anderen Zusammenhang: ich habe mit irgendetwas zu kämpfen, innerlich. Ich kann mich hinsetzen, mich damit beschäftigen (was nicht heißt bis ins Unendliche grübeln!), in mich hineinhorchen oder ich kann das alles beiseite schieben und mich durch übertriebene Aktivität, Lustigsein, Gesellschaften, wilde Parties oder was auch immer drüberschummeln. Dann bleibe ich auch nicht „bei mir“ und dem, was jetzt gerade dran ist. (Außer ich spüre ganz deutlich, dass Aktivität etc. jetzt gerade das absolut Richtige für mich wäre…, dann ist es was anderes, dann ist es ok und ich bleibe trotzdem bei mir).
Zusammenfassend könnte man sagen: Bei sich sein heißt an dem dran bleiben, was jetzt gerade für mich nötig ist.
Ich hoffe, ich konnte mich verständlich machen, es auszudrücken ist ziemlich schwierig.
Gruß
Irene
Liebe Irene,
Du hast es wahrlich auf den Punkt gebracht. Klasse!
Gruss, Branden
Hallo Tim,
Irene hat es eigentlich schon sehr gut beschrieben/erklärt.
Aber spontan sind mir zu deiner Frage zwei Zitate eingefallen, die ich ganz passend finde (auch wenn sie in einem anderen Zusammenhang geschrieben wurden).
„Zur Wahrnehmung kommt die Selbstwahrnehmung.“
„Der Schlüssel zum Verstehen liegt in mir. Nur indem ich versuche, mich selbst zu entschlüsseln, kann ich verstehen lernen.“
(K. Dörner/U.Plog)
Gruss
Simone
Danke für die Blumen!
owT
Hallo Simone,
Den zweiten Satz habe ich verstanden. Aber das mit der Wahrnehmung will nicht so richtig bei mir ankommen. Wenn Du mir das noch erklären könntest wäre ich Dir sehr dankbar.
Und einen ganz großen dank an Irene. Das war wirklich ein sehr guter und hilfreicher Artikel für mich.
Gruß Tim
Mail ist unterwegs, owT
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