Wir sprechen hier ja von religiösen Geboten, wie sie jede
Religion kennt. Soweit ich weiß, wird theologisch meist
unterschieden zwischen ‚must do`s‘, ‚should do´s‘ und ‚can
do´s‘.
Stimmt, im Islam wird in einer sogenannten „Wissenschaft der Prioritäten“ darunter unterschieden. Auch einzelne Gebote können manchmal schon von vornherein als should do’s gestellt sein (Bart beim Mann). ‚Can do’s‘ sind meiner Meinung nach eher Rechte als Pflichten.
Läßt sich für den islamischen Glauben eine „Strömung“ oder
„Gruppierung“ benennen, bei der das Kopftuchgebot unter die
‚must do´s‘ fällt? Läßt sich eine andere nennen, bei der dies
unter ‚can do´s‘ fällt (mir sind schon Leute begegnet, die
sich erstens zum islamischen Glauben bekennen und zweitens das
Bedecken der Haare für verzichtbar halten) ?
Das interessante ist doch, dass die deutsche Politik stets behauptet, sie sehe den Islam durch keine deren Richtungen vertreten und mit dieser Aussage kann sie sich auch immer ausreden (Beispiel islamischen Unterricht an den Schulen). Aber bei der Kopftuchfrage gab es meines Wissens keine einzige islamische Glaubensrichtung, die sich gegen das Kopfuch war. Vor allem die zwei grösseren Gruppen im Islam Sunna und Shia’ waren sich beim Thema Kopftuch einig, nicht zuletzt wegen der sehr guten Beweislage religiös. Es kann sein, dass die Aleviten kein striktes Kopftuchverbot haben, aber im grossen und ganzen erkennen Muslime zu 99% an, dass es ein Kopftuchgebot im Islam gibt.
Ein vollkommen anderes Thema ist die Durchführung dieses Gebotes bei einzelnen Personen. So gibt es einige, die aus den verschiedensten Gründen kein Kopftuch tragen, obwohl sie sich als Muslime verstehen. Die meisten von ihnen wisssen, dass es ihre Pflicht ist. Manchmal werden sie gesellschaftlich gezwungen, das Kopftuch auszuziehen. Ich kenne sogar Fälle, in denen der Mann die Frau gezwungen hat, ihr Kopftuch auszuziehen, vor allem wenn er sich dadurch bessere Chancen für die Einbürgerung oder das Anerkennen vom Asyl verspricht. Ich habe zuletzt in einer Veranstaltung rund um das Thema Islam (von Pr. Antes) eine Muslima gesehen, die kein Kopftuch getragen hat, aber sagt, dass sie gerne eines tragen würde, wenn die deutsche Gesellschaft nicht mehr dadurch diesen Angriff auf sich sehen würde.
Worauf ich hinaus will ist: Auf persönlicher Ebene gibt es viele Gründe, warum die Einzelperson sich nicht an bestimmte Gebote hält, aber sie können keineswegs eine theologische Begründung dafür heranziehen.
Leider wurde dem Kopftuch eine politische Symbolhaftigkeit
zugeordnet, die er eigentlich nicht hat.
Vielleicht sollte man eher sagen „hatte“, denn durch die
Ereignisse besonders der letzten zwei Jahrzehnte ist die
politische Symbolhaftigkeit jetzt wohl in der Welt - ob einst
intendiert oder nicht.
Ich glaube, so weit muss man gar nicht zurück. Erst in den letzten 5 Jahren oder mit Beginn der ersten Auseinandersetzungen um das Kopftuch hat man zu diesem Mittel gegriffen, um das Fremde auszuschliessen.
Eines möchte ich anfügen: Das ‚Revival‘ des Kopftuchs in islamischen Ländern wird öfters missverstanden als Massstab für den möglichen Erfolg der islamischen Parteien (wenn es denn überhaupt Wahlen gäbe). Hier liegt das Problem, dass zwei Phänomene, die nichts miteinander zu tun haben gleichzeitig stattfinden:
- muslimische Vereinigungen (mir ist zunächst egal, ob sie militant oder ‚zivil‘ ausgerichtet sind) interessieren sich mehr an der politischen Mitwirkung.
- Muslimische Bürger finden zu alten Werten in ihrer Religion zurück. So ist es bei den Frauen ja nicht nur das Kopftuch, sondern auch die längere Kleidung usw… die Einzug halten. Wer das bemängelt, hat scheinbar nur Angst alleine nackt am Strand zu sitzen…
Gruss, Omar Abo-Namous
http://www.islaminhannover.de