Hallo Annika,
also zuerst einmal: Horrorgeschichten hin, Horrorgeschichten her, es bleibt ein Fakt, daß man niemanden helfen kann, wenn der es selbst nicht will.
Wenn die Mutter ihr problem nicht begreift und selbst bereit ist, etwas gegen ihre Sucht zu tun, dann wird sie irgendwann in der Gosse krepieren. Das ist keine Horrorgeschichte, das ist die Wahrheit. Ich weiß, daß viele Angehörige das nicht gern hören wollen, aber ich kann es leider auch nicht ändern.
Und manchmal ist auch genau der Weg in die Gosse die einzige Möglichkeit, die einem betroffenen zur Einsicht bringen kann. Ich bin Alkoholiker, ich weiß, was ich da schreibe. Ich habe mich selber fast umgebracht mit meiner Sauferei, ehe ich bereit war, wirklich Hilfe anzunehmen.
Die Möglichkeiten der Angehörigen sind da sehr begrenzt. Sie können versuchen, den Betroffenen zu einer Behandlung zu überreden, sie können versuchen, ihm die Folgen seiner Saueferei klar zu machen, aber das ist auch schon so ziemlich alles. Und manchmal können sie den Abhängigen auch ins offene Messer laufen lassen, damit er merkt, was er eigentlich anstellt mit seiner Sucht. Denn solange es irgendwie weitergeht, solange ist ja für den Abhängigen alles okay. Und ein wenig Selbstmitleid ist ja auch ganz schon, besonders wenn es die Ausreden liefert, warum man als armes Schwein so tief in der Scheiße sitzt und warum es gar keinen Zweck hat, etwas zu tun.
Beratungsstellen gibt es in jeder Stadt. Alle sind kostenlos und beraten anonym. Ein Verzeichnis steht bei http://www.alkohol-hilfe.de, aber das ist wohl nicht vollständig. Einen Link zu einer Seite mit allen Adressen findest Du bei http://www.alkoholselbsthilfe.de unter Informationen. Da geht es unten zu einem sozialen Netzwerk, da stehen unter Gesundheit die Adressen aller Beratungsstellen.
Eins ist aber klar Annika, die Wahrheit tut oft weh, gerade, wenn es um Sucht geht. Das betrifft die Abhängigen wie die Angehörigen gleichermaßen. Es gibt keine Streicheleinheiten und alles wird gut. Ich habe damals manchmal geheult vor und während der Therapie, vor Hilflosigkeit, vor Vezweiflung, vor Angst, vor Schmerz… Aber es geht einfach nicht anders. Schließlich bricht da eine Welt zusammen. Es ist die totale kapitulation, das Eingeständnis der unfähigkeit, sein eigenes Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Es geht aber nicht anders.
Ich habe jahrelang vorher versucht, mich da drumherumzumogeln, das Ganze irgendwie so halbwegs auf die reihe zu bekommen, es ging nicht. Es hätte mich nur fast das Leben gekostet.
Ich weiß, daß es schwer ist für Deine Freundin. Ich kann ihr anbieten, mir zu schreiben, ich kann ihr informationen bieten auf meiner Seite www.alkoholselbsthilfe.de , ich kann ihr andere Seiten nennen, Adressen von Angehörigen- und Selbsthilfegruppen, kann Foren oder einen chat anbieten, alles Mögliche.
Aber sie kann ihrer Mutter nicht helfen, wenn die es nicht will. Wenn die nicht erkennt, daß die Sucht und nur die Sucht ihr Hauptproblem ist und wenn sie nicht bereit ist, sich diesem Problem zu stellen.
Möglichkeiten gibt es, das ist auch nicht unbedingt eine Frage des Geldes. Ich kenne genügend Abhängige, die es geschafft haben, die aber auf grund ihres gesundheitszustandes und der Arbeitsmarktlage und alter Schulden von der Hand in den Mund leben. Das ist zwar nicht unbeding das gelbe vom Ei aber es ist unendlich besser als die Sucht. Nur die eighene bereitschaft, sich wirklich aus der Sucht zu lösen und abstinent leben zu wollen, die muß da sein.
Und eins noch Annika: Es gibt keine Erfolgsgarantie, nicht bei Sucht. Das kann ein Weg voller Rückschläge werden und manchem ist wohl gar nicht zu helfen. Das tut weh, immer wieder. Ich gebe eigentlich nur ungern jemanden auf, auch weil ich selber weiß, wie schlimm das leben in und mit der Sucht sein kann. Aber manchmal bin ich einfach am Ende der Fahnenstange. Wenn jemand alle hilfen ablehnt, wenn es über meine kräfte geht - dann kann auch ich nicht mehr. Und ich finde, dann hat jeder zuerst einmal das recht, an sich selbst zu denken und sich selbst zu schützen. Das gilt auch für Deine Freundin.
Die Mutter kann schließlich frei entscheiden, ob sie Hilfe annimmt oder nicht. Aber sie hat nicht da recht, auch moralisch nicht, das Leben ihrer Tochter zu versauen. Das hat nichts mit Egoismus oder so zu tun sondern ist einfach eine Frage der Selbsterhaltung. Denn zuallererst würde ich der Tochter raten, was für sich selber zu tun. Da sthe ich in Übereinstimmung mit den meisten Beratern und auch der Suchttheorie. Denn wenn sie selber auf der Schnauze liegt, dann kann sie ihrer Mutter auch nicht mehr helfen. Wer helfen will, muß zuallererst einmal in der Lage dazu sein.
Gernot Geyer