Beratung für Angehörige von Alkoholkranken?

Hallo!

Eine Freundin bat mich, Euch hier bei werweißwas um Rat zu fragen.

Die Sache ist die, ihre Mutter ist irgendwo in den 50ern, seit wirkich langer Zeit arbeitslos (schon fast 20 Jahre, glaube ich), zudem alkoholabhängig (anscheinend in einer Art Rhythmus - mindestens einmal im Monat ist sie eine Woche lang völlig wegetreten), und, wenn sie mal nüchtern ist, sehr depressiv und „kurz vorm Durchdrehen“, da sie den ganzen Tag nur allein in ihrer Wohnung hockt, und keine Möglichkeit sieht, aus dem Teufelskreis auszubrechen.
Sie würde gerne arbeiten, selbst sowas wie Küchenhilfe oder so (früher war sie wohl eine Bürokraft), aber abgesehen von den Problemen, die durch ihre Sucht und die Depressionen entstehen, ist laut meiner Freundin auch ihr äußeres Erscheinungsbild nicht gerade einer Einstellung dienlich.
Es fehlt einfach an Geld.
Meine Freundin kann ihr da auch nicht helfen, denn sie ist selbst noch Studentin und lebt von Sozialhilfe und Bafög.
Dazu kommen noch Probleme aus der Vergangenheit, die dazu geführt haben, dass meine Freundin sich mit 16 Jahren offiziell von ihrer Mutter „scheiden“ ließ, und fortan im Heim, bzw alleine lebte.
Heute verstehen sie sich zwar besser, aber leben immernoch getrennt.

Meine Freundin macht diese Sch**ße nun seit über 20 Jahren mit.
Da sie ihre Mutter trotz allem noch liebt, kann sie sich natürlich dem Problem nicht einfach verschließen, und wie sie mir sagte, ist sie mittlerweile fast am Ende ihrer Kräfte.

Vor einigen Jahren war sie wohl bei einer Selbsthilfegruppe für Alkoholiker und deren Angehörige, doch auch das hat ihr nicht geholfen, im Gegenteil, noch mehr Horrorgeschichten zu hören hat sie eher fertiggemacht.
Sie sucht nun also eine Beratungsstelle, die sich ihrer Einzelgeschichte annimmt, eine Art psychologischer Betreuung für sie selbst, möglichst auch mit Hilfestellung zum Umgang mit der Situation ihrer Mutter, wo vielleicht auch Ideen für einen Ausweg entstehen können.

Wo gibt es also sowas? Hat jemand eine Idee?

Danke vielmals!

Annika

Hallo Annika,

also zuerst einmal: Horrorgeschichten hin, Horrorgeschichten her, es bleibt ein Fakt, daß man niemanden helfen kann, wenn der es selbst nicht will.
Wenn die Mutter ihr problem nicht begreift und selbst bereit ist, etwas gegen ihre Sucht zu tun, dann wird sie irgendwann in der Gosse krepieren. Das ist keine Horrorgeschichte, das ist die Wahrheit. Ich weiß, daß viele Angehörige das nicht gern hören wollen, aber ich kann es leider auch nicht ändern.
Und manchmal ist auch genau der Weg in die Gosse die einzige Möglichkeit, die einem betroffenen zur Einsicht bringen kann. Ich bin Alkoholiker, ich weiß, was ich da schreibe. Ich habe mich selber fast umgebracht mit meiner Sauferei, ehe ich bereit war, wirklich Hilfe anzunehmen.

Die Möglichkeiten der Angehörigen sind da sehr begrenzt. Sie können versuchen, den Betroffenen zu einer Behandlung zu überreden, sie können versuchen, ihm die Folgen seiner Saueferei klar zu machen, aber das ist auch schon so ziemlich alles. Und manchmal können sie den Abhängigen auch ins offene Messer laufen lassen, damit er merkt, was er eigentlich anstellt mit seiner Sucht. Denn solange es irgendwie weitergeht, solange ist ja für den Abhängigen alles okay. Und ein wenig Selbstmitleid ist ja auch ganz schon, besonders wenn es die Ausreden liefert, warum man als armes Schwein so tief in der Scheiße sitzt und warum es gar keinen Zweck hat, etwas zu tun.

Beratungsstellen gibt es in jeder Stadt. Alle sind kostenlos und beraten anonym. Ein Verzeichnis steht bei http://www.alkohol-hilfe.de, aber das ist wohl nicht vollständig. Einen Link zu einer Seite mit allen Adressen findest Du bei http://www.alkoholselbsthilfe.de unter Informationen. Da geht es unten zu einem sozialen Netzwerk, da stehen unter Gesundheit die Adressen aller Beratungsstellen.

Eins ist aber klar Annika, die Wahrheit tut oft weh, gerade, wenn es um Sucht geht. Das betrifft die Abhängigen wie die Angehörigen gleichermaßen. Es gibt keine Streicheleinheiten und alles wird gut. Ich habe damals manchmal geheult vor und während der Therapie, vor Hilflosigkeit, vor Vezweiflung, vor Angst, vor Schmerz… Aber es geht einfach nicht anders. Schließlich bricht da eine Welt zusammen. Es ist die totale kapitulation, das Eingeständnis der unfähigkeit, sein eigenes Leben nicht auf die Reihe zu bekommen. Es geht aber nicht anders.
Ich habe jahrelang vorher versucht, mich da drumherumzumogeln, das Ganze irgendwie so halbwegs auf die reihe zu bekommen, es ging nicht. Es hätte mich nur fast das Leben gekostet.

Ich weiß, daß es schwer ist für Deine Freundin. Ich kann ihr anbieten, mir zu schreiben, ich kann ihr informationen bieten auf meiner Seite www.alkoholselbsthilfe.de , ich kann ihr andere Seiten nennen, Adressen von Angehörigen- und Selbsthilfegruppen, kann Foren oder einen chat anbieten, alles Mögliche.

Aber sie kann ihrer Mutter nicht helfen, wenn die es nicht will. Wenn die nicht erkennt, daß die Sucht und nur die Sucht ihr Hauptproblem ist und wenn sie nicht bereit ist, sich diesem Problem zu stellen.

Möglichkeiten gibt es, das ist auch nicht unbedingt eine Frage des Geldes. Ich kenne genügend Abhängige, die es geschafft haben, die aber auf grund ihres gesundheitszustandes und der Arbeitsmarktlage und alter Schulden von der Hand in den Mund leben. Das ist zwar nicht unbeding das gelbe vom Ei aber es ist unendlich besser als die Sucht. Nur die eighene bereitschaft, sich wirklich aus der Sucht zu lösen und abstinent leben zu wollen, die muß da sein.

Und eins noch Annika: Es gibt keine Erfolgsgarantie, nicht bei Sucht. Das kann ein Weg voller Rückschläge werden und manchem ist wohl gar nicht zu helfen. Das tut weh, immer wieder. Ich gebe eigentlich nur ungern jemanden auf, auch weil ich selber weiß, wie schlimm das leben in und mit der Sucht sein kann. Aber manchmal bin ich einfach am Ende der Fahnenstange. Wenn jemand alle hilfen ablehnt, wenn es über meine kräfte geht - dann kann auch ich nicht mehr. Und ich finde, dann hat jeder zuerst einmal das recht, an sich selbst zu denken und sich selbst zu schützen. Das gilt auch für Deine Freundin.
Die Mutter kann schließlich frei entscheiden, ob sie Hilfe annimmt oder nicht. Aber sie hat nicht da recht, auch moralisch nicht, das Leben ihrer Tochter zu versauen. Das hat nichts mit Egoismus oder so zu tun sondern ist einfach eine Frage der Selbsterhaltung. Denn zuallererst würde ich der Tochter raten, was für sich selber zu tun. Da sthe ich in Übereinstimmung mit den meisten Beratern und auch der Suchttheorie. Denn wenn sie selber auf der Schnauze liegt, dann kann sie ihrer Mutter auch nicht mehr helfen. Wer helfen will, muß zuallererst einmal in der Lage dazu sein.

Gernot Geyer

Hi Annika,

Deine Freundin muß lernen loslassen. Sie hat sich von Ihrer Mutter offiziell scheiden lassen um hinterher wieder zu ihr zu laufen und 20!!! Jahre lang erfolglos versucht zu helfen.

Die Mutter will seit 20!!! Jahren arbeiten, stattdessen säuft sie seit 20!!! Jahren.

In 20 Jahren wird doch alles zu Normalität. Es ist mittlerweile normal, daß die Mutter säuft und deshalb nicht arbeiten kann und die Mutter nimmt selbstverständlich sei 20 Jahren die Hilfe der Tochter entgegen (die in Wirklichkeit, wie jeder (außer Deiner Freundin) erkennen kann, keine Hilfe, sondern ein Unterstützen der Sucht ist. Die Mutter kann sich doch seit 20 Jahren auf Ihre Tochter verlassen.

Mitleid ja, mit leiden nein. Es gibt da nicht so viele Möglichkeiten. Wird der Mutter mit Hilfe Ihrer Tochter weiterhin dieser exessive Lebenswandel ermöglicht, wird sie über kurz oder lang daran sterben und Deine Freundin wird sich an Selbstvorwürfen zerfressen oder sie muß umdenken und Wohle aller Beteiligten egoistischer werden.

Das hört sich vielleicht komisch an, ist aber das Einzige, was Sinn macht. Deine Freundin ist inzwischen selbst so kaputt, daß sie gar nicht helfen kann und sollte sich ihrem Arzt anvertrauen, der dann einen Platz für eine psychosomatische Therapie für sie nachweisen wird. Diese sollte wenigsten örtlich 500 km entfernt stattfinden um zu verhindern, daß Wochenenden oder andere therapiefreie Zeiten gleich wieder bei der Mutter verbracht werden. Eine anfängliche Kontaktsperre zur Selbstfindung ist auf diesen Therapien eh angesagt.

Deine Freundin wird dort erlernen, wie sie sich Ihrer Mutter gegenüber zu verhalten hat. Parallel dazu braucht die Mutter auch professionelle Hilfe. Ggf. einen Betreuer bestellen. Dieser hat dann das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Mutter und Deine Freundin braucht während der eigenen Therapie keine Angst vor Soizid-Versuchen der Mutter zu haben.

Wenn Deine Freundin nach einer solchen Therapie zunächst mit sich selbst wieder klar kommt, kann sie auch objektiver beurteilen womit und wie sie der Mutter helfen kann. So wie es zu Zeit ist, unternimmt Deine Freundin, im guten Glauben geholfen zu haben, u.U. Dinge, die eher schaden als helfen.

Deine persönliche Aufgab kann nur sein Deine Freundin dahingehend zu bestärken, daß sie zunächst einmal selbst Hilfe braucht, bevor sie sich Gedanken darum macht, wie sie anderen Helfen kann.

Vielleicht hat Deine Freundin sich auch nie richtig mit dem Thema Sucht auseinandergesetzt und weiß gar nicht was Sucht ist und wundert sich nur, daß ihre vermeintliche Hilfe nicht fruchtet. Nachstehend noch einmal die Definition von Sucht aus der, meine ich, hervorgeht, daß nur der Betroffene selbst etwas dagegen tun kann indem er vor der Sucht kapituliert. Das muß derjenige selbst tun, Helfer sind nicht in der Lage ihm dies abzunehmen:

Sucht ist ein unabweichbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und sozialen Chancen des Individuums. Süchtiges Verhalten mit Kranheitsbild liegt vor, wenn das Verlangen nach diesem Erlebnis
zustand zu einem eigendynamischen, zwanghaften Verhalten wird, das sich selbst organisiert hat und sich rücksichtslos, beständig zu verwirklichen droht.

Alle Gute für Euch alle
Gruß Easy

Hallo!

Eine Freundin bat mich, Euch hier bei werweißwas um Rat zu
fragen.

Die Sache ist die, ihre Mutter ist irgendwo in den 50ern, seit
wirkich langer Zeit arbeitslos (schon fast 20 Jahre, glaube
ich), zudem alkoholabhängig (anscheinend in einer Art Rhythmus

  • mindestens einmal im Monat ist sie eine Woche lang völlig
    wegetreten), und, wenn sie mal nüchtern ist, sehr depressiv
    und „kurz vorm Durchdrehen“, da sie den ganzen Tag nur allein
    in ihrer Wohnung hockt, und keine Möglichkeit sieht, aus dem
    Teufelskreis auszubrechen.
    Sie würde gerne arbeiten, selbst sowas wie Küchenhilfe oder so
    (früher war sie wohl eine Bürokraft), aber abgesehen von den
    Problemen, die durch ihre Sucht und die Depressionen
    entstehen, ist laut meiner Freundin auch ihr äußeres
    Erscheinungsbild nicht gerade einer Einstellung dienlich.
    Es fehlt einfach an Geld.
    Meine Freundin kann ihr da auch nicht helfen, denn sie ist
    selbst noch Studentin und lebt von Sozialhilfe und Bafög.
    Dazu kommen noch Probleme aus der Vergangenheit, die dazu
    geführt haben, dass meine Freundin sich mit 16 Jahren
    offiziell von ihrer Mutter „scheiden“ ließ, und fortan im
    Heim, bzw alleine lebte.
    Heute verstehen sie sich zwar besser, aber leben immernoch
    getrennt.

Meine Freundin macht diese Sch**ße nun seit über 20 Jahren
mit.
Da sie ihre Mutter trotz allem noch liebt, kann sie sich
natürlich dem Problem nicht einfach verschließen, und wie sie
mir sagte, ist sie mittlerweile fast am Ende ihrer Kräfte.

Vor einigen Jahren war sie wohl bei einer Selbsthilfegruppe
für Alkoholiker und deren Angehörige, doch auch das hat ihr
nicht geholfen, im Gegenteil, noch mehr Horrorgeschichten zu
hören hat sie eher fertiggemacht.
Sie sucht nun also eine Beratungsstelle, die sich ihrer
Einzelgeschichte annimmt, eine Art psychologischer Betreuung
für sie selbst, möglichst auch mit Hilfestellung zum Umgang
mit der Situation ihrer Mutter, wo vielleicht auch Ideen für
einen Ausweg entstehen können.

Wo gibt es also sowas? Hat jemand eine Idee?

Danke vielmals!

Annika

Hallo Annika,
Deine Freundin findet Ansprechpartner bei jeder Suchtberatung. Träger sind i.d. R. Caritas, Diakonie, Blaues Kreuz oder Kreuzbund. Suchtberatungsstellen gibt es in jeder Stadt und sie sind auch für die Beratung von Angehörigen zuständig. Weiterer Tip: Warum lässt sie sich nicht eine Psychotherapie verschreiben (vom Hausarzt) oder geht direkt zu einem Psychotherapeuten? Das bezahlt die Krankenkasse.
Grundsätzlich sollte sich Deine Freundin fragen: Welche Probleme sind meine Probleme und welche sind die meiner Mutter? Ihrer Mutter wird sie u.U. nicht helfen können, aber sie kann etwas für sich tun, damit sie mit diesen schwierigen Verhältnissen besser klar kommt.
Grüße! Tine

Hi Gernot!

Erstmal nur ganz kurz: Vielen vielen Dank fuer die Antwor!
Ich werd sie weiterleiten, und vielleicht meldet sich meine Freundin dann ja mal bei dir :o)

Ciao
Annie

Hi Tine!

Auch dir vielen lieben Dank! :o))
Ich hatte mich schon gefragt, ob Krankenkassen in solchen Fällen eine Therapie bezahlen - ist schon mal gut zu wissen, dass das zumindest grundsätzlich möglich ist.
Also nochmals: Danke!

MfG
Annie