Berufsaussichten Forscher/in
Hallo Chrissi,
ich misch mich mal ein und erzähl ein paar Kleinigkeiten aus dem
Mittel- und Oberbau von Instituten (also ab Doktoranden aufwärts…)
Ich kann mich des Eindrucks nicht richtig erwehren, daß Dir die Lebensverhältnisse in diesen höheren Regionen kaum geläufig sind, pardon. Der Tag der FA und die anderen Veranstaltungen sind in meinen Augen nur die schöne Spitze des Eisbergs…
„Was willst Du später mal machen?“ - Du denkst darüber nach, in die Forschung zu gehen.
Jedenfalls kannst Du davon ausgehen, Diplom und auch Doktor verhältnismäßig schmerzfrei nach Deinem Gusto machen zu können.
Beim Doktorbauen gibt es aber möglicherweise schon erste kleine Probleme, die mit Institutsintrigen und anderen äußeren Umständen (wie im richtigen Leben halt) zusammenhängen können. Das führt aber in aller Regel „nur“ zu einer schlechteren Benotung als gerechtfertigt wäre… (is’ scheiße so, wenn einer kein summa cum laude kriegt, nur weil ein Gutachter Analytiker ist und keine Algebra mag [ja, das gibts!!] )
Die Luft nach der Promotion (Post-Doc) aber wird verdammt dünn. Gerade weil die Mathe-Institute so klein sind und die Forschungsthemen so vielfältig sind, ist es ein Glücksspiel, auch nur eine 12-Monate-Stelle (oder sogar nur Stipendium) auf dem eigenen Forschungsgebiet zu finden. (Flexibel einarbeiten is’ nich’, kein promovierter Algebraiker kommt auf eine Geometrie-Stelle oder so - eher hätte ich als Quark-Physiker eine Chance, bei den Supraleitern einzusteigen)
Zur Büroarbeit: klar, daß Du eigentlich so Sekretatiatszeugs gemeint hast, was Du als Mathematikerin nicht willst…schon in Ordnung
Laß mich anmerken, daß zumindestens in D die Profs ganz schön mit Administration zugetextet werden: Anträge schreiben (wie sonst werden Forschungsgelder eingeworben?!?), Gremiensitzungen, Prüfungen abnehmen,… da kommt einiges zusammen. Wenn der Prof forschen will, muß er das zuhause tun, im Institut wird er ständig gestört.
Assis, die solche Arbeiten machen könnten, gibt es ja kaum noch, die Stellen werden alle weggespart.
In den USA ist diese administrative Belastung geringer: dort gibt es professionelle Sekretäre, die auch Ahnung von der Materie haben und Anträge schreiben. Der Prof forscht wirklich.
Es ist in Deutschland grotesk, daß die (vermeintlich) Besten eines Faches in langwierigen Berufungsverfahren ausgesucht werden, um dann als Antragschreiber und Prüfer zu „versauern“ (!). Ein Grund mehr für diejenigen, die in die USA auswandern, dort auch zu bleiben.
Und dabei sind die Universitätsangehörigen noch am besten dran - anderswo muß man viel mehr Bürokram machen. Selbst die tollen Unternehmensberater bei McKinsey und Co. müssen immer wieder Excel-Dateien editieren…
Ja, als Doktor kriegst du vielleicht ne Junior-Professur und
dümpelst dein Leben kang vor dich hin…
*g* Du mußt Dich *echt* mal informieren, was es mit der Junior-Professur auf sich hat. Die JP ist per definitionem auf sechs Jahre befristet (mit Rausschmißoption nach drei Jahren). Weitere Einzelheiten sind hier nicht relevant -
wichtig ist aber: Niemand im wissenschaftlichen Bereich dümpelt sein Leben lang an der Uni herum.
Das tun Hausmeister und Sekretärinnen, aber nicht Wissenschaftler. Von denen geht irgendwann jeder, aber nicht in Rente…
Frag mal die Professoren, wieviele unbefristete Stellen - also jene berühmten „Lebensarbeitszeitstellen“ - unterhalb der Professur es am Mathe-Institut Deiner Uni gibt. Ich wette, Du kommst nicht über fünf
(und da greif ich extra zu hoch).
Die ganzen alten Assis, die Du vielleicht siehst, sind Überbleibsel aus alten Zeiten (bis ca. Mitte 80er Jahre), wo Dauerstellen noch vergeben wurden. Das ist auch schon 20 Jahre her, deshalb müßte der biologische Faktor langsam greifen und den festen Mittelbau ausfegen…
Der biologische Faktor bei den Profs führt bisher zum Wegfall der Stellen - auf die große Stellenanzeigenschwemme von Professuren warte ich schon 10 Jahre (für mich keine Option mehr, rein aus Neugier).
Gut, daß Du Theater machst. Könnte mal sein, daß Du Dir mit Theaterspielen nebenher Deinen Lebensunterhalt erarbeitest, während Du promovierst… (ich spreche aus eigener Anschauung als Bar- und sonstwas-Pianist
)
Fazit:
Wenn Du als Antwort auf „was willst Du mal machen?“ sagst: Forschung! - dann mache Dir ein Bild von den sozialen Begleitumständen (als Studentin bist Du ja mittendrin, schnacke mal mit den Profs und Assis!) und stelle spätestens ab Vordiplom die Weichen (anspruchsvolle(!) Vorlesungen+Seminare besuchen, Tutorien/Übungen leiten, Uni wechseln (jedenfalls nach dem Diplom), viel Theater spielen etc.) In Italien kannst Du auschecken, ob Du ein Auswanderer-Typ bist und Dir vorstellen kannst, den langen Rest Deines Lebens im Ausland zu verbringen.
Gruß
Stefan