Betonwerk

Hallo!
Ist es Euch auch schon aufgefallen, dass seit einiger Zeit Radio- und TV-Sprecher immer mehr Worte anders betonen als früher?

Hauptsächlich fällt mir der Wechsel endbetont:anfangsbetont auf und das Ganze fast ausschließlich bei Fremdwörtern.

Z.B. FINanziell anstatt finanziELL
ABstrahieren - abstraHIEren
INdividuell - individuELL
usw.

Woher kommt diese neue Mode und wird sich das wieder legen?
Empfindet Ihr es auch als so unangenehm wie ich?
Grüße
Irene

Betonarbeiten - concrete works - Betonwerk

Bei Deinen Beispielen handelt es sich um Wörter die aus dem Lateinischen stammen; deren Deutsche Aussprache lehnte sich an die Französische an und geht jetzt mehr zur Englischen über, die teilweise recht logisch ist.
Z.B. individuell: Die Betonung liegt auf ‚in‘ (un), und weist damit auf etwas oder jemanden hin, das/der sich NICHT in die Masse einteilen lässt.
‚Ich lass mich nicht … einteiLEN!‘ ?
Das klingt doch sehr charmant Französisch, aber nicht logisch, oder ?

Bei Betonwerk geht es eher um die Anlehnung ans Englische.
Das Englische Wort ‚work‘ stammt aus dem Germanischen, ist verwandt zum Holländischen ‚werk‘ und teilt Indo-Germanische Wurzeln mit dem Griechichen ‚ergon‘.

‚Arbeiten‘ dagegen stammt vom Gotischen und hat ursprünglich mehr mit ‚sich plagen, sich quälen, angestrengt tätig zu sein‘ zu tun.

Ergo, geh nicht arbeiten, geh werken!
Gruß,
Uschi Walke

Quellen: Oxford Engl. Dict.; Duden, Band 7

Hallo, Irene!

Es ist keine Mode, sondern eine phonetische Grundkonstante der deutschen, ja der germanischen Sprachen.
Die nennt sich die „germanische Initialbetonung“.
Das bedeutet, dass der Hauptton, die Hauptbetonung deutscher Wörter generell auf der ersten Silbe liegt.

Wenn nun Fremdwörter übernommen werden, so behalten sie einige Zeit, oft recht lange Zeit, ihre ürsprüngliche Betonung bei. Mit der Zeit aber nimmt die „Germanisierung“ zu.
Das kannst du auch im Bereich der Ortografie sehen, so etwa bei „Friseur“ = Frisör, „Bureau“ => Büro, „Meubles“ => Möbel, „Photographie“ => Fotografie etc.

Im Alemannischen, also etwa in der Schweiz, ist dieser Prozess schon viel weiter.
Dort spielt man auf der 'Gitarre, isst eine 'Bujabäs, sagt 'Merci 'villmâls, und 'Salü.

Wirst dich also dran gewöhnen müssen. ;-]

Gruß Fritz

Hi Irene,

das scheint mir ein Folgeschaden des Teleprompters zu sein, der über die Börsenfuzzis auf N24 Einzug gehalten hat. Diese armen, vorher vermutlich recht hübschen Kinder kneisen mit einem Auge in die Kamera und mit dem anderen auf den Prompter. Nur so lässt sich 5 Minuten ununterbrochen sabbeln; für Betonung bleibt da keine Zeit mehr, zumal ja auch noch das Köpfchen geschleudert werden muss (Christiansen-Syndrom).

Mit der häufigen Betonung deutscher Wörter auf der ersten Silbe hat dieses Leiden wohl kaum zu tun. Man höre nur, was in London passiert ist, als Fischer auf Berlusconi traf.

Gruß Ralf
der Volker Jell-llaffke vermisst

Nachtrag
Ubrigens, falls Betonwerk nicht von Betonung kommt: Be ton ist schwäbisch.

Gruß Ralf

‚Betonieren‘
Hallo Fritz,
wieder einmal hast du die richtigen Worte für meine arme Seele gefunden. Ich bemühe mich seit Jahrzehnten um Toleranz und Akzeptanz gegenüber der Tatsache, dass sich Sprache verändert, auch wenn es mir bei manchen Dingen wirklich nicht leicht fällt.

Trotzdem gehöre ich einem kleinen Kreis an, der von Zeit zu Zeit den Verfall der deutschen Sprache - und speziell den Verfall der regionalen Sprachen - bei einigen Gläsern Rotwein auf das heftigste beweint. :smile:

Wir haben das Gefühl, dass sich, seitdem es in den meisten Haushalten Kabelfernsehen gibt, ein Einheitsbrei der Sprache gebildet hat. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass wir unseren Kindern ganz bewusst wie eine Fremdsprache ein paar urwienerische Ausdrücke beibringen. Eine Freundin, die an einer Schule unterrichtet, bezeichnet das, was ihre Schüler großteils sprechen, bereis als RTL-Deutsch (beliebig abwandelbar nach anderen Sendern *g*).

Aber so ist es halt. Wir rücken alle näher zusammen, auch in der Sprache.

Danke und Gruß
Irene

Hallo, Irene!

Es ist keine Mode, sondern eine phonetische Grundkonstante der
deutschen, ja der germanischen Sprachen.
Die nennt sich die „germanische Initialbetonung“.
Das bedeutet, dass der Hauptton, die Hauptbetonung deutscher
Wörter generell auf der ersten Silbe liegt.

Wenn nun Fremdwörter übernommen werden, so behalten sie einige
Zeit, oft recht lange Zeit, ihre ürsprüngliche Betonung bei.
Mit der Zeit aber nimmt die „Germanisierung“ zu.
Das kannst du auch im Bereich der Ortografie sehen, so etwa
bei „Friseur“ = Frisör, „Bureau“ => Büro, „Meubles“ =>
Möbel, „Photographie“ => Fotografie etc.

Im Alemannischen, also etwa in der Schweiz, ist dieser Prozess
schon viel weiter.
Dort spielt man auf der 'Gitarre, isst eine 'Bujabäs, sagt
'Merci 'villmâls, und 'Salü.

Wirst dich also dran gewöhnen müssen. ;-]

Gruß Fritz

Hi Ralf,
deine Antwort entlockt mir ein entspanntes Lächeln!
Frage zum letzten Satz: was meinst du mit London? Hab ich da was verpasst?
Gruß
Irene

Hi Uschi!
Danke für deine interessante Antwort. Eine kleine Einschränkung dazu: mit Betonwerk meinte ich nichts Konkretes - ich habe mich an Karl Valentin angelehnt, der einmal in einem „Betonwerk“ angerufen hat, um die Betonung eines Wortes herauszufinden :smile:

Herzlichst
Irene

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi Irene,

London repräsentiert meinen Gedächtnisschwund, Berslusconi auch. Ich glaube, Fischer hat sich in Locarno mit Iwanow ge troffen, aber frag nun bitte nicht, wann das war…

Gruß Ralf

London
:wink:) ich verstehe…
Irene

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

hallo irene,

im gegensatz zu fritz bin ich auch der meinung, daß dies einfach eine falsche aussprache ist, die aus dem rheinländischen herüberweht.
du liegst ja mit rtl-deutsch genau richtig.
es ist einfach lächerlich, wenn aus einer aubergine eine oberschiene wird, aus spaß der spass.
usw.
hab mich schon zuviel über nrw-deutsch aufgeregt.

strubbel
§:open_mouth:)

wieder einmal hast du die richtigen Worte für meine arme Seele gefunden.

Das freut mich, liebe Irene!

Trotzdem gehöre ich einem kleinen Kreis an, der von Zeit zu
Zeit den Verfall der deutschen Sprache - und speziell den
Verfall der regionalen Sprachen - bei einigen Gläsern Rotwein
auf das heftigste beweint. :smile:

Schad, dass ich grad keinen Roten parat habe; der würde ein salziges Schorle - ihr sagt wohl: „Gspritzn“ - geben.

Tja, was können wir denn sonst anderes tun, als ein Fähnlein der letzten Aufrechten das Panier der Sprachschön- und Richtigkeit hochhalten, bis wir von der wüsten Lawine der Kleinschreiber, nichtsnutzigen ß-Nichtnutzer, Denglischdenglern, Boahstöhnern, Vollgeilern, Korrrrekkkkthändylern und allen anderen Sprachverhunzern hinweggefegt werden und im Orkus der Vergessenheit landen.

Beste Grüße Fritz

Hallo Ihr Lieben,

ihr sprecht mir aus der Seele. Wir sprechen hier doch bald kein Deutsch mehr. Was meine Kinder manchmal so mit nach Hause bringen läßt mir das Blut in den Adern gefrieren. *Korrrrekt, Alder*

„Stefan und Erkan“, „was guckst du“ und ähnliche Sendungen sind maximal lustig für Menschen die der Sprache mächtig sind aber für die Zielgruppe der Jugendlichen die sich die Fernsehsender ausgesucht haben einfach der Untergang der Sprache.

Für mich als Vielleserin, Selbstschreiberin und Sprachfetischistin eine Qual !!

Aber leider kann man seine Kids auch die Nachrichten kaum noch schauen lassen, abgesehen von der Betonung stimmt selbst Grammatik oft nicht.

Aber wir können uns ja hier unterhalten.

In diesem Sinne liebe Grüße Tine

Ja, zum Glück
können wir uns hier unterhalten!
Einen sprachfetischistischen Gruß sendet
Irene