Hi,
Meiner Meinung nach bewertete damals der deutsche Generalstab
die Resultate der Überwindung der Mannerheimlinie durch die
Rote Armee falsch.
Die furchtbaren Verluste der Roten Armee im Finnland-Krieg
waren nicht zu letzt eine Folge der stalinistischen
Säuberungen in der Armee.
Nicht meine Meinung. Immerhin war ja u.a. Merezkow Oberbefehlshaber
einer der Armeen. *Der* Merezkow, wohlgemerkt. In seinen Memoiren
berichtet er von Gruppierungen innerhalb der Parteiführung, die die
„Mannerheimlinie“ für Propaganda abtaten. Andererseits berichtet er
von einem „Schaposchnikow-Plan“, in dem Schaposchnikow darlegt, dass
so ein Feldzug ausserordentlich schwierig und langwierig werden kann,
selbst wenn Finnland auf sich allein gestellt bleibt.
Die Pläne selbst wurden afaik von Woronow ausgearbeitet, auch
nicht gerade ein Anfänger.
Merezkow schreibt auch über einen grossen Unterschied im
Kräfteverhältnis am Anfang und am Ende des Feldzugs:
gegen Ende der Operationen, im März 1940, betrug das
Kräfteverhältnis bei der Infantrie 23:10 und bei der
Artillerie 28:10. An Panzern besassen wir das absolute
Übergewicht. Im Dezember 1939 aber war das noch keines-
wegs der Fall.
Wenn man hingeht und mitten im Frieden 10.000de von
Offizieren an die Wand stellt, ist es
nicht verwunderlich, wenn die Armee nachher führungslos ist.
Das war wohl auch *ein* Grund, weshalb Stalin unbedingt
das ‚shoot out‘ mit Deutschland noch mindestens für ein
Jahr verschieben wollte.
Trotzdem könnte man auch überlegen, ob nicht die
Säuberungen (und diese Gedanke ist mir kürzlich erst
gekommen) für das Standhalten und Widererstarken der
Russen verantwortlich waren.
Schauen wir mal bei den Armeeführern („Marschälle“):
Hingerichtet wurden:
- Tuchatschewski
- Egorov
- Bljucher
und ihre Stäbe sowie sympathisierende Offiziere.
Auf der anderen Seite standen der Roten Armee
zur Verfügung (an höheren Führern):
- Woroschilow
- Budjonny
- Timoschenko
- Schaposchnikow
- Shukow
- Wassilewski
- Konew
- Goworow
- Rokossowski
- Malinowski
- Tolbuchin
- Merezkow
Natürlich wurde die Stellen wieder besetzt, aber vorzugsweise
durch völlig unerfahrene, junge Linientreue.
Leider habe ich keine Informationen darüber, inwieweit
sich die Säuberungen auf die Ebene der Regiments- und
Batallionskommandeure auswirkten. hast Du dafür
Statistiken zur verfügung?
Die deutsche Ansicht, die Sowjetarmee sei zwar groß aber nicht
schlagkräftig, war auch durchaus keine Fehleinschätzung
Wie Schtemenko schreibt, hat Stalin tatsächlich in der
Anfangsphase von Barbarossa noch Waffen und insbesondere
Panzer persönlich einzelnen Einheiten zugewiesen. Es kann
also nicht nur ein „personelles“ Problem bestanden haben.
Allerdings; dass die Russen die Finnen „relativ schnell“
besiegt haben und auch dass sie gelernt haben, so etwas
wie die Mannerheimlinie zu überwinden, sollte doch bei der
Wehrmacht auch für ein Aufmerken gesorgt haben.
Tatsächlich ist es der Wehrmacht ein Jahr später gelungen,
die(se) Rote Armee im ersten Anlauf de facto zu vernichten.
Die Wehrmacht hat mit grossem Geschick (und auch dem Glück des
Tüchtigen) die bekannten grossen Kessel umfasst und zur
Kapitulation gebracht. Das hatte einerseits mit der neuen
Doktrin der schnellen Panzerspitzen zu tun, die man damals
auf sowjetischer Seite „nicht für möglich hielt“. Andererseits
gab es auch grobe Fehler einzelner Befehlshaber (z.B. Pawlow bei
Minsk).
Dort wo die Sowjets allerdings unter guter Führung
kämpften, entwickelten sich für die Deutschen äusserst
verlustreiche Gefechte. Defacto hat Guderian bereits im
Herbst 1941 einen Sieg bezweifelt, iirc.
Was man dann deutscherseits nicht mit einberechnet hatte,
waren die enormen Reserven Russlands.
Die Struktur und Ausrüstung der Wehrmacht war für solche
grossräumigen Operationen ungeeignet. Immerhin ist der
„gemeine Landser“ bis nach Moskau zu Fuss marschiert, das
muss man mal bedenken. Das war auch der Grund, dass die
Gewinne der Panzerspitzen letztlich nicht so genutzt werden
konnten, wie nötig. Das ‚gros‘ der sowjetischen Streitkräfte
hatte Zeit, vor den ‚marschierenden Landsern‘ zurückzu
gehen und sich einzugraben. Eine strategische Bomberwaffe
war ausserdem nicht existent.
Von welchen westlichen Mächten wurde Finnland wie
unterstützt (offiziell unf inoffiziell)
Nur eine offizielle Unterstützung hätte Finnland wirklich
etwas gebracht. Das, was aus dem Westen kam, war nur ein
Tropfen auf den heißen Stein: ein paar Vickers-Panzerwagen,
eine handvoll schwedischer Freiwilliger usw.
Interessanterweise stand das Deutsche Reich, obwohl mit der
UDSSR verbündet, den Finnen durchaus wohlwollend gegenüber
(gebracht hat das Finnland aber auch nichts).
Naja, die Deutschen waren ja noch in den Pakt mit der
SU eingebunden und erhielten darüber dringend benötigte
Rohstoffe und hatten überhaupt ganz andere Probleme.
Später änderte sich diese Haltung gegenüber Finnland
ja bekanntlich. Aber eine inoffizielle militärische
Unterstützung hat es wohl gegeben.
Besonders in Großbritannien war die „Rettung Finnlands“ ein
beliebtes Thema in politischen Sonntagsreden. Tatsächlich war
der Krieg in Skandinavien nur ein Vorwand für Churchill, um
die schwedischen Eisenexporte über Narvik militärisch zu
unterbinden - mit den bekannten katastrophalen Ergebnissen für
Dänemark, Norwegen und auch Finnland.
Afaik rechnete Stalin damit, dass Finnland eine Art
Sturmspitze der Westmächte UND Deutschland gegen die
SU werden könnte, falls sich zwischen DE und GB ein
Waffenstillstand eintreten sollte. Daher war er wohl
an einer „strategischen Tiefe“ in dieser Richtung in-
teressiert. Aber Genaueres weiss ich dazu nicht.
Vielleicht hat ja jemand ein paar Angaben dazu.
Euer СМБ