Beziehungsbotschaften

Hallo,

„Das Selbstkonzept eines Menschen (also das Bild, was er von sich selber hat)
(ist - Anmerkung durch mich) ein Produkt von früheren Beziehungsbotschaften
(…)“.

Schulz von Thun

Bedeutet das, dass ein Mensch dadurch beinflusst wird, was ihm seine Umwelt einredet? Dass sein Selbstbild von früheren Beziehungsbotschaften geprägt wird?

Gilt das vor allem für Beziehungsbotschaften, die man im frühkindlichen Alter bekam oder werden auch Erwachsene (nur manche Erwachsene?) noch so geprägt?

Hallo,

Auch Hallo,
die Wirkung von Werbung z.B. beruht auf diesem Prinzip.
Gruß
Eckard

Hallo,

Hallo,

man hat in der Entwicklungspsychologie früher gedacht, die Entwicklung begrenze sich auf Kindheit und Jugendalter. Heute weiß man jedoch, das Entwicklung (Zusammenspiel zwischen Anlage und Entwicklungsbedingungen) während des ganzen Lebens möglich ist.

In der Lerntheorie nimmt man an, das alles, was erlernt wird auch wieder verlernt werden kann, gleich ob es gewünschtes oder unerwünschtes Verhalten ist.

Allerdings scheint es so zu sein, dass es bei dem Ausbleiben bestimmter Entwicklungsschritte oder bei einer psychopathologischen Schädigung in frühen Kindheitsphasen teilweise zu Entwicklungsverzögerungen oder Schädigungen kommen kann, die nicht oder nicht vollständig nachgeholt bzw. behoben werden können.

Beziehungsbotschaften spielen eine große Rolle, vor allem die Beziehung zu den Eltern in der sehr frühen Kindheit. Insofern kann man nicht von „eingeredet bekommen“ sprechen, da es sich sehr stark in einer Entwicklungsphase abspielt, in der eine kognitive Bewertung noch kaum eine Rolle spielt.

Man weist in der Entwicklungspsychologie verschiedenen Lebensaltern bestimmte Entwicklungsschritte zu, z.B. nach Schüßler:

0-1 Jahre: frühe Selbstentwicklung
2 Jahre: beginnende Selbst-/ Objektrepräsentanzen, Spracherwerb, Selbstwertgefühle
3 - 9 Jahre: Identitätsaufbau
11 - 18 Jahre: eigene Identität

Aber natürlich gibt es so viel verschiedene Modelle wie es Lehrbuchautoren gibt :smile:

Gruß

Tahere

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Michael,

möchte mich weitgehend Tahere anschließen aber noch hinzufügen, dass entscheidend wohl die Bestätigung der ausgesandten Botschaften ist:
Einem Kind dem gesagt wird, es soll immer schön brav sein und lieb zu den Menschen und dadurch positive Aufmerksamkeit erfährt, wird diese „Rolle“ wahrscheinlich weiter spielen.

„Du taugst nichts, Du bist nichts wert“ kann beispielsweise eine Botschaft sein (wenn sie wiederholt ausgesprochen und bestätigt wird) die dazu führt, dass derjenige im Leben kein Bein auf den Boden bekommt- oder aber genau ins Gegenteil schlagen: Denen werde ich es zeigen und mich besonders ins Zeug legen! (Hier wird oft der Grundstein für Managerkarrieren gelegt):smile:

So gesehen haben die Botschaften, die wir in der Kindheit erhalten eine besondere Bedeutung für unser späteres Leben, dazu kommen Erfahrungen (jeder kennt das Beispiel mit der heißen Herdplatte, die man nur einmal anfasst) die wir vor allem in der frühen Kindheit haben. Experten sagen, dass die Erfahrungen die wir bis spätestens zum 7. Lebensjahr machen, für unser weiteres Leben entscheidend sind (Vorbestimmung) dazu- so sagen einige- zählt auch schon die Phase im Mutterleib.

Wenn wir uns heute also als Duckmäuser, Ja- Sager, Siegertypen, Querulanten usw „entpuppen“ und einen Zusammenhang mit unserer eigenen Kindheit feststellen, ist es die Überlegung wert zu fragen, ob ich diese Rolle noch weiterspielen möchte.

Das Wichtige hat Tahere geschrieben: Das Erlernte kann jederzeit wieder verlernt werden- oder: Jede Rolle kann abgelegt werden und eine neue einstudiert werden. Manchmal bedarf es hierzu jedoch einiger Anstrengungen :smile:

Gruß

Frank

Hallo M.,

Bedeutet das, dass ein Mensch dadurch beinflusst wird, was ihm
seine Umwelt einredet?

ich würde nicht von „einreden“ sprechen, sondern von „beeinflussen“. Dazu gehört zwar auch das Einreden, aber es klingt so, als sei es alles negativ, was wir Menschen von anderen Menschen übernehmen. Auch das Wort „beeinflussen“ ist nicht negativ gemeint. Statt dessen will ich damit sagen, daß unsere ersten Beziehungserlebnisse, die wir in der Kindheit machen, eine wichtige Rolle für unsere späteren Handlungen in Beziehungen spielen.

Ich möchte in dem Zusammenhang auf die Ergebnisse der Bindungsforschung hinweisen: Bindungsforscher teilen das Verhalten eines Kindes auf der Grundlage seiner Beziehungen zu Hauptbezugspersonen (dazu gehört in den meisten Fällen die leibliche Mutter) in mehrere Typen ein. Die drei klassischen Grundtypen sind:

A: vermeidend-unsicheres Bindungsverhalten,
B: sicheres Bindungsverhalten,
C: ambivalent-unsicheres Bindungsverhalten.

Interessanterweise unterscheiden sich Erwachsene, die als Kinder einem dieser Typen zugeordnet wurden, in ihrem Verhalten gegenüber ihren Partnern:

Die Personen, die als Kind zu Typ A gehörten, lassen sich in Beziehungen weniger auf den Partner ein, trennen sich öfter, haben relativ viele „one night stands“ und mehr Sex außerhalb einer Beziehung, jedoch meistens nur in wenigen Formen.

Die Personen, die als Kinder zu Typ B gehörten, sind als Jugendliche und Erwachsene in ihren Partnerschaften weniger abhängig und hatten weniger Angst, verlassen zu werden. Sie sind in ihrem Sexualleben experimentierfreudig, aber in ein und derselben Beziehung.

Die Personen, die als Kinder zu Typ C gehören, engagieren sich sehr in ihren Beziehungen, haben aber meistens den gleichen Partner, von dem sie sich häufiger für einige Zeit trennen, um später wieder mit ihm zusammen zu kommen. Sie besitzen auch weniger Selbstachtung.

Die Bindungsforschung ist zwar psychoanalytisch beeinflußt, verwendet aber experimentelle Untersuchungen und systematische Verhaltensbeobachtungen. Deshalb halte ich ihre Ergebnisse für wertvoll.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo Oliver,

wie Du weißt bin ich ja kein Psychologe, weshalb es mich freuen würde, wenn Du mir das nachstehende auch für mich verständlich erklären könntest (Vorab: für Dein kundiges Posting zur Bindungsforschung bekommst Du selbstverständlich meinen Beifall):

Die drei klassischen
Grundtypen sind:

A: vermeidend-unsicheres Bindungsverhalten,
B: sicheres Bindungsverhalten,
C: ambivalent-unsicheres Bindungsverhalten.

Interessanterweise unterscheiden sich Erwachsene, die als
Kinder einem dieser Typen zugeordnet wurden, in ihrem
Verhalten gegenüber ihren Partnern:

Die Personen, die als Kind zu Typ A gehörten, lassen
sich in Beziehungen weniger auf den Partner ein , trennen sich
öfter , haben relativ viele „one night stands“ und mehr Sex
außerhalb einer Beziehung , jedoch meistens nur in wenigen
Formen
.

Die Personen, die als Kinder zu Typ B gehörten, sind
als Jugendliche und Erwachsene in ihren Partnerschaften
weniger abhängig und hatten weniger Angst, verlassen zu
werden. Sie sind in ihrem Sexualleben experimentierfreudig ,
aber in ein und derselben Beziehung.

Die Personen, die als Kinder zu Typ C gehören,
engagieren sich sehr in ihren Beziehungen , haben aber meistens
den gleichen Partner
, von dem sie sich häufiger für einige
Zeit trennen, um später wieder mit ihm zusammen zu kommen. Sie
besitzen auch weniger Selbstachtung.

Als Soziologe weiß ich nun aber, dass die von mir fettgedruckten Stellen eine kleine Zusammenfassung der heute vorherrschenden moralischen Standards (von allen möglichen Milieudifferenzierungen abstrahiert) sind; so erscheint mir Typ B der moralisch höherwertigere zu sein, da gerade bei ihm das moralisch Positive auftaucht; ist Psychologie nicht zu einem guten Teil der medizinische „Arm“ der Moral, also dessen medizinische Transsubstantiation? Warum sonst wäre der Aspekt der „sexuellen Treue“ ein so beständiger Ausdruck des „sicheren“ Bindungsverhaltens? Zur Vorbeugung von Missverständnissen: Es geht mir hier nicht um die Frage empirischer Bestätigung (das setze ich voraus), sondern um die Frage der Kategorisierung, also: wird nach medizinischen Gesichtspunkten kategorisiert, welche dann „zufällig?“ den Kategorien der herrschenden Moral entsprechen, oder eher umgekehrt nach moralischen Gesichtpunkten, welche dann medizinisch-psychologisch festgeschrieben/maskiert werden?

Viele Grüße
franz

weder noch
Hallo Franr,

ich bin zwar nicht Oliver, werde mir aber dennoch die Freiheit nehmen und Dir antworten.

wird nach medizinischen
Gesichtspunkten kategorisiert, welche dann „zufällig?“ den
Kategorien der herrschenden Moral entsprechen, oder eher
umgekehrt nach moralischen Gesichtpunkten, welche dann
medizinisch-psychologisch festgeschrieben/maskiert werden?

Weder noch.
Die Studien sind rein deskriptiv, d.h. man hat die Kinder zunächst beobachtet, bzw. hat man Erwachsene nach ihrem Partnerschaftsverhalten, und deren Mütter nach ihrem damaligen Bindungsverhalten befragt.

Es handelt sich übrigens um psychologische und nicht medizinische Studien und Deine Überlegungen bezüglich einer Anpassung an moralische Vorstellungen sind zwar interessant, aber leider nicht zutreffend.

Viele Grüße

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Hallo Sam

Weder noch.
Die Studien sind rein deskriptiv, d.h. man hat die Kinder
zunächst beobachtet, bzw. hat man Erwachsene nach ihrem
Partnerschaftsverhalten, und deren Mütter nach ihrem damaligen
Bindungsverhalten befragt.

Ja das habe ich mir auch gedacht, aber die Kinder/Erwachsenen bzw. die Mütter werden nicht ein dreistufiges Kategoriensystem durch Beobachtung und Befragung gezeigt haben, deren goldene Mitte eben das moralisch erwünschte Verhalten ist, bzw. dessen „frühkindliche Ausprägung“ die „Sicherheit“ ist, und deren „Abweichungen“ eben deren Negativformen sowohl im Verhalten der Erwachsenen (keine bzw. mangelnde sexuelle Treue) wie in der Art der Bindung („unsicher“) sind.

Mir ist eben aufgefallen, dass Typ B schon rein begrifflich die Positivform ist, während die beiden anderen Formen nur in negativer Beziehung dazu gedacht sind; dies wird gespiegelt im Bereich der Bindungsarten, wo wiederum Typ A und C nur Negativa von Typ B sind. Ich sehe also hier schon auf rein sprachlicher Ebene in dieser Spiegelung eine strukturelle Isomorphie zwischen Bindungstyp und adultem Sexualverhalten, von dem man nicht einfach sagen kann, es entspringe der Sache selbst.

Es handelt sich übrigens um psychologische und nicht
medizinische Studien

Wollte ich nicht bestreiten

Deine Überlegungen bezüglich einer
Anpassung an moralische Vorstellungen sind zwar interessant,
aber leider nicht zutreffend.

Inwiefern nicht zutreffend? Ich wollte ja gerade wissen, wie sich eine solche Übereinstimmung (von Typ und Moral) erklärt; denn dass sie vorhanden ist, ist ja nicht zu leugnen, die Frage ist eher, ob sich die Psychologie selbst dafür interessiert, oder ob sie die Problematik „weiterdelegiert“.

Viele Grüße
franz

noch immer: weder noch
Hallo Franz,

Ja das habe ich mir auch gedacht, aber die Kinder/Erwachsenen
bzw. die Mütter werden nicht ein dreistufiges Kategoriensystem
durch Beobachtung und Befragung gezeigt haben,…

Doch.

Mir ist eben aufgefallen, dass Typ B schon rein begrifflich
die Positivform ist, …

Deine semantischen Ausleuchtungen der psychologischen Studien zum Bindungsverhalten sind sicherlich interessant - aber für die Wissenschaft leider völlig unerheblich.

…wie sich eine solche Übereinstimmung (von Typ und Moral) erklärt;
denn dass sie vorhanden ist, ist ja nicht zu leugnen, die
Frage ist eher, ob sich die Psychologie selbst dafür
interessiert, oder ob sie die Problematik „weiterdelegiert“.

Fragen bezüglich der Moralität spielen leider keine Rolle, wenn ein bestimmtes Verhalten deskriptiv beschrieben wird; sie sind auch (in der Psychologie) keine „Problematik“, die „weiterdeligiert“ werden müsste. Aber es bleibt Dir natürlich unbenommen, mit den entsprechenden Forschungsgruppen Kontakt aufzunehmen, Deine Bedenken vorzutragen und sie dazu zu bewegen, die entsprechenden Kategorien entsprechend semantisch zu ändern.

Ich glaube, damit sind Deine Fragen bezüglich dieses Themas geklärt worden.

Viele Grüße und vielen Dank für die interessanten Anregungen

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Hallo Sam,

jetzt hast Du schon geantwortet, bevor ich meine Antwort abschicken konnte. Vielleicht sollte man aber kurz doch noch erwähnen, worauf die Einteilung in die drei Typen beruht. Ich überlasse die Antwort Trautner, wenn´s Recht ist:

Die Kinder werden nach der Qualität ihrer Bindung in drei Klassen eingeteilt (AINSWORTH & WITTIG, 1969): Sichere, unsicher-vermeidende und unsicher-ambivalente Bindung des Kindes an eine Bezugsperson. Grundlage für die Klassifizierung ist das Verhalten der Kinder im sog. Fremde-Situations-Test (Strange-Situation-Test). Während acht aufeinanderfolgender jeweils dreiminütiger Episoden wird hier unter standardisierten Bedingungen beobachtet, inwieweit das Kind (meist im Alter von 12 Monaten), seine Mutter als sichere Basis für sein Erkundungsverhalten einsetzt, ob es bei ihr in Belastungssituationen Trost sucht und ob es sich nach vorübergehender Trennung von der Mutter über ihr Wiederkommen freut.

Wie Du schon richtig geschrieben hast, wird also weder nach medizinischen noch nach moralischen Gesichtspunkten kategorisiert. Daß sich Menschen, deren Kleinkindverhalten man einem der Bindungstypen zuordnen kann, später als Erwachsene im Partnerschaftsverhalten unterscheiden, stellt einen empirischen Befund dar. Dieser Befund ist allerdings nicht überraschend: Man denke nur an die Ergebnisse der Tierforschung auf diesem Gebiet.

Grüße,

Oliver Walter

Dem…
ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen!

Schön, wenn man die Originalliteratur zur Hand hat :smile:

Viele Grüße und noch einen schönen Abend,
Sam

Hallo Sam,

kurze abschließende Antworten:

Ja das habe ich mir auch gedacht, aber die Kinder/Erwachsenen
bzw. die Mütter werden nicht ein dreistufiges Kategoriensystem
durch Beobachtung und Befragung gezeigt haben,…

Doch.

Jede Beobachtung besteht zwangsläufig aus Beobachtungsobjekt und Beobachter, …; die Dreistufigkeit und die Struktur der Kategorien ist schwerlich rein dem Beobachtungsobjekt zu entnehmen, genausowenig dem Befragten

Mir ist eben aufgefallen, dass Typ B schon rein begrifflich
die Positivform ist, …

Deine semantischen Ausleuchtungen der psychologischen Studien
zum Bindungsverhalten sind sicherlich interessant - aber für
die Wissenschaft leider völlig unerheblich.

hier würde ich massiv widersprechen; eine Wissenschaft, die sich diesen „semantischen Ausleuchtungen“ entziehen will, glaubt, die Dinge würden selbst sprechen; dies halte ich für eine eher „magische Weltsicht“

…wie sich eine solche Übereinstimmung (von Typ und Moral) erklärt;
denn dass sie vorhanden ist, ist ja nicht zu leugnen, die
Frage ist eher, ob sich die Psychologie selbst dafür
interessiert, oder ob sie die Problematik „weiterdelegiert“.

Fragen bezüglich der Moralität spielen leider keine Rolle,
wenn ein bestimmtes Verhalten deskriptiv beschrieben
wird; sie sind auch (in der Psychologie) keine „Problematik“,
die „weiterdeligiert“ werden müsste. Aber es bleibt Dir
natürlich unbenommen, mit den entsprechenden Forschungsgruppen
Kontakt aufzunehmen, Deine Bedenken vorzutragen und sie dazu
zu bewegen, die entsprechenden Kategorien entsprechend
semantisch zu ändern.

Es ging hier nicht um Bedenken, ich dachte nur Du könntest mir diese Übereinstimmung erklären. Abgesehen davon geht es auch nicht nur um „semantische Änderung“, sondern um Isomorphien.

Ich glaube, damit sind Deine Fragen bezüglich dieses Themas
geklärt worden.

Leider nein, was aber in Anbetracht der Bedeutung der Fragestellung verständlich ist; aber Deine Antworten schlagen ja bereits eine Richtung ein (teilweise leider die der Verdrängung des Problems; das scheinst Du Dir von Oliver hier abgeschaut zu haben :wink:

Viele Grüße
franz