Neunmalkluge Anmerkungen
Hallo Peter,
es ist für das Verständnis dieses Phänomens nützlich, wenn man sich einige kirchengeschichtliche Hintergründe vor Augen hält.
Das „Bibelprinzip“ ist (falls man nicht die Gesetzesgläubigkeit der Juden dazurechnen möchte) nicht älter als knappe fünfhundert Jahre. Luther benutzte es als eine seiner Hauptwaffen im Kampf gegen die ausufernden (v. a. auch finanziellen) Ansprüche des Papsttums. Das Bibelprinzip bedeutete damals: Hört auf mit allen Heiligen, Reliquien, Totenmessen, Ablässen und anderem teurem Quatsch mehr und kehrt zurück zum reinen, kostenlosen Christentum, wie es in der Bibel festgehalten ist. Bis heute fungiert das „Bibelprinzip“ als eine Art Korsett des protestantischen Christentums.
Vor etwa 250 Jahren wurde es allerdings auf breiter Front wieder in Frage gestellt: von der Aufklärung. Diese ersetzte das Bibelprinzip durch das Vernunftprinzip. Zwar dauerte dieser Prozess gut und gerne 150 Jahre, doch bis heute sind in den westlichen Ländern Vernunft und Wissenschaft die Grundlagen der Gesellschaft. Wenn der Papst, wie jüngst geschehen, wider jede Vernunft und teilweise unter Berufung auf das Bibelprinzip Politiker zu bestimmten Entscheidungen zwingen möchte, so ist dies ein höchst anachronistischer und in sich widersprüchlicher Vorgang.
Im evangelischen Bereich fand man folgenden Ausweg aus dem Dilemma: Seit knapp 200 Jahren wird der biblische Text ernsthaft wissenschaftlich untersucht, d. h. es werden auf ihn diesselben Methoden angewandt, die jeder Geschichtsforscher auf alte religiöse Texte anwendet. Diese „historisch-kritische Methode“ führt bis heute zu ernsthaften Auseinandersetzungen in und zwischen den protestantischen Denominationen. Für die „normalen“ evangelischen Kirchen in DEutschland aber gilt grundsätzlich, dass sie sich dem Ergebnis der Aufklärung nicht entziehen wollen. Sie möchten auf diese ARt und Weise den Grundkonsens unserer Gesellschaft nicht verlassen, erkennen die zahlreichen ARgumente der Aufklärung für das Vernunftprinzip an. Es würde deshalb etwa einem Manfred Kock nicht einfallen, sich bei einem Thema auf die Bibel zu berufen, bei dem die Kluft zwischen historischem Befund und heutiger Lebenswirklichkeit so einschneidend tief ist wie bei der gleichgeschlechtlichen Liebe.
Übrigens, auch ein ERgebnis der historisch-kritischen-Methode, beziehen sich die Bemerkungen der Bibel zur Verbindlichkeit heiliger Schriften vor allem auf das jüdische Gesetz. Es herrscht eine gewisse Spannung in der Bibel selbst zu dieser Frage, die protestantische Christen durch den Galaterbrief gelöst sehen…
Hoffentlich war die Antwort nicht zu weit ab von der Frage,
Juliane
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