Hallo,
soweit ich weiss muss ein KI jährlich die Weiterbelassung
eines Kreditengagements prüfen. Dabei wird eine Bilanzanalyse
durchgeführt. Welche Kennzahlen sind da von entscheidender
Bedeutung (gibt ja unzählige!).
es gibt in jedem Institut ein Kennzahlenbündel, das für die Ratingerstellung relevant ist. Welche Kennzahlen der Analyst für seine Analyse verwendet, ist ihm selbst überlassen, wobei nach meiner Erfahrung in den verschiedenen Instituten bzw. den Niederlassungen unterschiedliche Kulturen existieren, d.h. es gibt (gering ausgeprägte) Präferenzen für statische, cashflow-orientierte oder Renditekennzahlen.
Wenn ich dann der Meinung bin, dass der KK-Kredit so wie er
jetzt ist nicht mehr vertretbar ist und ich z.B. weitere
Sicherheiten hereinnehmen möchte, welche sind da sinnvoll.
Zunächst ist ein Blick in den Kreditvertrag und ein Gespräch mit dem Kunden sinnvoll, denn es ist die Regel, daß es sog. Negativerklärungen gibt, d.h. der Kunde darf einzelne Institute nicht mit Sicherheiten bevorzugen. Wenn nun KI Sicherheiten verlangt, muß KI B ähnliche Sicherheiten angeboten bekommen. Das kann u.U. KI B überhaupt erst auf den Gedanken bringen, daß es dort ein Problem gibt. Das führt dann u.U. vorzeitig zu einem Sicherheitenpool (d.h. u.a., daß die Sicherheiten allen KI gemeinsam zufallen), den es normalerweise erst in einer echten Krise gibt.
Davon abgesehen, kommt es darauf an, mit was für einem Unternehmen man es zu tun hat und was man mit den Sicherheiten bezwecken will. Für einen KK-Kredit sind die Sicherheiten klassischerweise im Umlaufvermögen zu finden, d.h. Verpfändung von Guthaben (ja, gibt es auch bei KK-Krediten), Abtretung von Forderung, Sicherungsübereignung von Vorräten.
Kann man die Sinnhaftigkeit von Sicherheiten auch an der
aktuellen Konjunkturphase messen (sprich was ist derzeit
sinnvoll, was nicht?)?
Das würde ich nicht sagen. Es kommt mehr auf das Unternehmen und die Branche an - und natürlich auf die Verwertbarkeit und der Praktikabilität der Sicherheitenbestellung.
Viele JA und GuV sehen auf den ersten Blick ja richtig toll
aus. Wenn man dann aber zwischen den Zeilen liest, merkt man,
dass es dem Unternehmen schlecht geht. Wie liest man zwischen
den Zeilen, auf was muss man achten, welche Zahlen vergleicht
man miteinander?
Zunächst einmal kann man sich die Zahlen und die Entwicklung anschauen. Wenn man dort etwas erkennen kann, ist es in der Regel aber schon zu spät. Ein etwas früheres Indiz bieten z.B. Änderungen bei der Anwendung von Bilanzierungswahlrechten, bilanzoptimierende Maßnahmen (Leasing, sell-and-lease-back-Geschäfte), Veränderung in der Organisation, Umgliederung von Aufwands- und Ertragspositionen und die (mehr oder weniger plausiblen) Begründungen für all das. Ganz wichtig ist auch ein Gefühl für die Branche.
Manches kann man aber auch schlecht in Worte fassen. Manche Analysten entwickeln einen gewissen Instinkt für die Unternehmensanalyse.
Dann hört man ja so viel vom Cash-flow. Da gibt es scheinbar
verschiedene Formen. Netto-Cash-Flow, Free-Cash-Flow etc. Aber
was sind die genauen Unterschiede und welchen brauche ich
wirklich?
Dafür gibt es keine feste Regel. Richtig ist das, was paßt. Das ist aber auch vom Unternehmen bzw. dem Geschäftsmodell abhängig.
Und den richtigen Unterschied zwischen Working Capital und Net
Working Capital hab ich auch nicht so ganz verstanden.
Bei letzterem werden die kuzzfristigen Verbindlichkeiten vom WC abgezogen.
Ich weiss, dass sind viele Fragen. Ich bereite mich grad auf
eine Prüfung in meinem Studium vor und das sind Themen, die
ich selbstständig leider nicht erarbeitet bekomme, weil mir
das analythische Denken in den Bereichen fehlt.
Naja, da ist die Frage, ob die Antwort von einem Praktiker wirklich weiterhilft, denn die Praxis, so man sie denn richtig ausübt, funktioniert anders als die Theorie, wie sie an den Universitäten gelehrt wird.
Wenn Du aber noch Fragen hast, will ich sie gerne beantworten.
Gruß
Christian