Hi Mäni,
die chinesische Sprache ist eine der ältesten Kultursprachen der Menschheit und in Asien gleichbedeutend wie Latein und Griechisch in Europa. Älteste archäologische Funde der Schrift, eingeritzte Zeichen auf Schildkrötenpanzern und Orakelknochen, existieren bereits aus dem Königreich der Shang, und sind damit über dreitausend Jahre alt. Die darauffolgende Zeit der Zhou-Dynastie bescherte der Sprache, der Literatur und damit der Schrift einen enormen Aufschwung. Aus dieser Zeit sind uns zahlreiche Texte mit bereits dichterischen, philosophischen und ritual-religiösen Inhalten auf bronzenen Gefäßen erhaltengeblieben.
Japaner, Koreaner und Vietnamesen, die vor zirka eintausendfünfhundert bis zweitausend Jahren erste Kontakte mit China hatten, fanden eine ihnen stark überlegene Kultur, Sprache und Schrift vor und übernahmen vor allem die chinesischen Schriftzeichen in maßgeblichem Umfang. Diese Tatsache ist zwar vorteilhaft für die wissenschaftliche Untersuchung der alten chinesischen Sprache, hilft jedoch nicht bei der Erforschung ihres Ursprungs. Obgleich sich die Anfänge der chinesischen Sprache also sehr weit zurückverfolgen lassen, ist ihre Herkunft noch immer nicht gänzlich geklärt. Bisher steht jedoch fest, daß sie definitiv nicht aus einer der Ursprachen Asiens hervorgegangen ist. (Altaisch, Tibeto-Birmanisch und Sino-Tebetanisch.)
Strittig unter Wissenschaftlern ist auch die These, chinesische Zeichen seien eine rein piktographische oder ideographische Schrift , die keine Laute abbilde, sondern vielmehr Bilder oder Ideen. Ohne sich auf diese wissenschaftliche Kontroverse an dieser Stelle näher einzulassen, sei dennoch angemerkt, daß sich zumindest für einige Zeichen ein piktographischer Ursprung nachweisen läßt, denn in fast allen Kulturen begann die Geschichte der Schrift auf die gleiche Weise; bei den Chinesen ebenso wie bei den Sumerern, Ägyptern, Hethitern oder Kretern: Die ersten schriftlichen Äußerungen waren überall Zeichnungen, Bildzeichen oder zusammengesetzte Piktogramme. Einige von ihnen weisen sogar eine verblüffende Ähnlichkeit auf, obwohl sie sich in ganz unterschiedlichen Kulturen entwickelt haben. Und überall begannen sich diese Bildzeichen zu immer abstrakteren Lautzeichen zu entwickeln und lösten sich mehr und mehr in Gestalt und Bedeutung von dem ursprünglich dargestellten Gegenstand.
In der Tat ist es sehr schwierig, die alt-chinesische Aussprache zu rekonstruieren, da es noch keine phonetische Umschrift gab und Wörterbücher erst in nachchristlicher Zeit entstanden. Sprachforscher sind daher auf überlieferte Texte wie dem „Buch der Lieder“ angewiesen, welches bereits im sechsten vorchristlichen Jahrhundert zusammengetragen wurde. Es ist die erste Gedichtssammlung Chinas und beinhaltet dreihundertfünf Volkslieder aus der Zeit der Westlichen Zhou bis hin zur Frühlings- und Herbstperiode. Man erhoffte sich die Erschließung der damaligen Aussprache des Alt-Chinesischen, da dieses Meisterwerk der klassischen chinesischen Literatur in Reimform verfaßt worden war. Leider gibt es jedoch auch keine Überlieferungen darüber, wie der Reim im alten China überhaupt definiert war und deshalb läßt die wissenschaftliche Forschung bisher nur vage Vermutungen über die Aussprache im damaligen Reich der Mitte zu.
Vergleiche:
Joseph Needham: Science and Civilisation in China, Volume 1, University Press, Cambridge, 1996.
Bernhard Karlgren: Schrift und Sprache der Chinesen, Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 2. korrigierter Nachdruck, 1989.
Shijing - Buch der Lieder, eines der Fünf Klassischen Werke.
Chen Shou-Yi: Chinese Literature, A Historical Introduction, The Ronald Press Company, New York, 1961.
Beste Grüße, Andreas