Bildungsbürger

Hallo,

das Wort Bildungsbürger wird u.a. vom Zentralorgan der Alt-68er „Der Spiegel“ sehr gern hämisch und von oben herab benutzt. Aber warum ist das so? Was ist so verachtenswert am Bildungsbürgertum?

Für mich steht das Wort für das Ideal des modernen Menschen, der ständig nach neuem strebt, der Kultur und Bildung roher Gewalt vorzieht um in der Rangordnung aufzusteigen, der Probleme differenziert betrachten kann.
Selbst der selbstgefällige Bildungsbürger Matthias Matussek ist mir tausendmal lieber, als die braunen Horden im 3. Reich die Stolz auf ihre Dummheit waren oder rote Spießbürger die in der DDR Wissen gepredigt haben, aber jeden freien Umgang damit verhindern wollten.

Danke

@MOD Ich hoffe die Frage ist hier im richtigen Brett.

Hallo, Jan,
nun ja, eine gewisse Weltfremdheit ist vielen sogenannten und auch selbsternannten Bildungsbürgern ja nicht abzusprechen.

Durch einen Zufall geriet ich bei einer Vernissage in eine Gruppe von Menschen, die sich auf ihre Bildung und ihr Kunstempfinden eine Menge zugute hielten. Als eher bodenständigem Menschen kamen mir die Ansichten, die dort in den Gesprächen vertreten wurden, doch ein wenig verquast, abgehoben und losgelöst von der real existierenden Welt vor. Wenn ich dann versuchte, darauf hinzuweisen und die verbalen Seifenblasen zum Platzen brachte, wurde ich angeschaut, als wäre mir ein Darmwind entfahren.

Wahrscheinlich ist es diese Sorte von Leuten, die leicht süffisant und wie ich meine zu Recht, als „Bildungsbürger“ tituliert werden. eigentlich sollten sie „Einbildungsbürger“ genannt werden.

Gruß
Eckard

Hallo Jan,

falls im SPIEGEL tatsächlich die Vokabel „Bildungsbürger“ in irgendeiner bestimmten Weise verwendet werden sollte, die nicht dem üblichen Sprachgebrauch entspricht, und falls sich Herr MAtussek selbst zu diesen Bildungsbürgern zählt, dann könnte es sich dabei um Selbstironie handlen. MAtussek schreibt für den SPIEGEL.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,531…

Viele Grüße
Stefan

P.S.: So wie Du formulierst könnte man meinen, der SPIEGEL sei als

Zentralorgan der
Alt-68er

gegründet worden, und das schon im Jahr 1949.

Hallo Jan,

eine berechtigte Frage! Ich stimme Dir in Deiner Beurteilung zu, zumal echtes Bildungstum sicher nicht weltfremd wäre. Allerdings ist das ganze Konzept, dem ja auch Humboldts Bildungsideal mit humanistischem Gymnasium und preußischer Universität (R.I.P.) zu Grunde lag, an der zunehmenden Spezialisierung, dem Wunsch nach unmittelbarer Verwertbarkeit und am moralischen Scheitern 1933/45 vor die Hunde gegangen.
Der aktuelle Roman „Die Wohlgesinnten“ spielt ja auch in diese Richtung. Die Vorstellung des optimistischen 19. Jahrhunderts, „Bildung“ (man lasse sich das Wort auf der Zunge zergehen: unübersetzbar!) mache erst den Menschen, ja, veredle ihn, funktioniert nicht.

Gruß,
Andreas

MOD: TOFU-Zitat gelöscht.

Für mich steht das Wort für das Ideal des modernen Menschen,
der ständig nach neuem strebt, der Kultur und Bildung roher
Gewalt vorzieht um in der Rangordnung aufzusteigen, der
Probleme differenziert betrachten kann.

was unterscheidet denn den „bildungsbürger“ von früher irgendwann zu heute?

und wieso heißt es nicht „gebildeter bürger“?

Hallo,

Bildungsbürger (Menschen, die in der Zeitung die Opernkritik lesen, aber strikt abstreiten, den Sportteil gesehen zu haben) hielt man vor 100 Jahren oder so für tragende Säulen der Gesellschaft - das tut heute niemand mehr, ein Manager, der Klavier spielen kann, gilt schon als erwähnenswertes Kuriosum. Sie spielen daher nur noch eine Rolle wie die Dinosaurier bei Udo Lindenberg, die ja immer trauriger werden.

Zugrunde liegt sicher auch die Tatsache, dass sich das damalige Ideal, dass Bildung ein Wert an sich sei und keinem Zweck dienen dürfe, spätestens mit PISA in Luft aufgelöst hat. Ich habe durchaus Respekt, wenn jemand Cicero im Original zitiert (ich habe selbst Latein gelernt, und es hat mir noch nie leid getan), aber das Klimaproblem löst man damit nicht. Dazu kommt, dass viele der Betroffenen sich für prinzipiell bessere Menschen halten und z.B. ausdrücklich betonen, dass sie in Mathematik schon immer schlecht waren, als ob das ein Verdienst wäre.

Dazu wäre noch viel zu sagen, aber bei der unendlichen trägen Masse des deutschen Bildungssystems, das sich selbst immer noch für das beste der Welt hält, bringt das mehr oder weniger nichts. Diese Bastion bleibt den Bildungsbürgern wohl noch lange erhalten, zum massiven Schaden der übrigen Gesellschaft.

Gruss Reinhard

Hallo Reinhard,

Sie spielen daher nur noch eine Rolle wie die Dinosaurier bei
Udo Lindenberg, die ja immer trauriger werden.

das war nicht Udo, das war Lonzo.
http://de.wikipedia.org/wiki/Lonzo_Westphal
Aber beide stammen aus der ‚Hamburger Szene‘

Gandalf

und wieso heißt es nicht „gebildeter bürger“?

Hallo!
Vielleicht verhält es sich ja so: Für das Selbstverständnis des sich im 19. Jahrhundert emanzipierenden Bürgertums waren zwei Dinge wichtig, die es als Merkmale beanspruchte: Besitz und Bildung.* Da kam dann der Ausdruck „besitzendes Bürgertum“ oder eben „Besitzbürgertum“ (als politischer Kampfbegriff?) auf für die Klasse, die sich mehr durch ihren Besitz definierte (der für das im 19. Jahrhundert vor allem in Preußen typische Dreiklassenwahlrecht ausschlaggebend war) und entsprechend auch das Bildungsbürgertum (das es hinsichtlich des Besitzes wohl nicht gar so weit gebracht hatte?).

* Durch beides sollte zweierlei erreicht werden: Ähnlichkeit mit der nächsthöheren Klasse und Abgrenzung nach unten.

Gruß!
Hannes

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Ich habe durchaus Respekt, wenn jemand Cicero im Original
zitiert (ich habe selbst Latein gelernt, und es hat mir noch
nie leid getan), aber das Klimaproblem löst man damit nicht.

der aussage vieler deutscher bildungsbürger/ bildungsmedien/ bildungspolitiker zufolge haben wir das klimaproblem durch einen bildungsfortschritt im 19. jh. (industrialsierung usw.) erreicht.

paradoxerweise stehen wir in jedem fall als ungebildet da.

möglichkeit 1: der satz stimmt.
möglichkeit 2: der satz ist falsch und wir sind nicht gebildet.
möglichkeit 3: der satz ist falsch und wir haben den klimawandel nicht herbeigerufen.
möglichkeit 4: es gab im 19. jahrhundert keine bildungsfortschritt.
möglichkeit 5: den satz sagen gar nicht so viele.

vielleicht sollte das wort bildung neu definiert werden. jemand einen vorschlag?