Bildungsbürgertum und das 3.Reich

Wer hat eine fundierte Meinung zum Verhältnis des Bürgertums umd vor allem des Bildungsbürgertums zur Politik zwischen 1933 bis 1945?

Waren die Geistesgrößen nicht mutig, wilens genug entsprechend auf die herannahende NS-Katastrophe zu reagieren?
Oder lag es vielleicht auch daran, dass die „Kultur“ in Deutschland schon seit jeher sich zu stark von der Politik abgrenzte und einfach nicht politisch genug war.

Oder war es so, dass man als „kluger Kopf“ sich eher ausschliesslich mit dem Feuilleton der Medien befasste, statt mit den politischen Fragen und deren potenziellen Implikationen auf das kulturelle Leben in Deutschland?

Oder aber: Wurden die Universitätsgelehrten und Lehrer instrumentalisiert (mal abgesehen von der formalen Gleichschaltung?

Gruss
Michael „Multi“ 2006

Hallo,

Geht es nun um den Zeitraum 1933-45 oder Weimarer Republik (wg. „herannahende NS-Katastrophe“)? In der Weimarer Republik gab es durchaus eine polit. Kultur (z.B. Tucholsky, Brecht, Seghers etc pp) und das Bildungsbürgertum umfaßte sämtl. polit. Richtungen ohne das eine überwog. Das Kapital lag (histor. bedingt) aber eher bei den Konservativen (z.B. Hugenberg) die dadurch einen leichten Vorteil gegenüber den liberalen und linken Kräften besaßen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte das oppositionelle Bildungsbürgertum oder wurde systematisch ausgeschaltet (Inhaftierung, Berufsverbot). Die verbleibenden waren entweder auf Linie oder arrangierten sich irgendwie mit dem System.

Gruß

Wer hat eine fundierte Meinung zum Verhältnis des Bürgertums
umd vor allem des Bildungsbürgertums zur Politik zwischen 1933
bis 1945?

Waren die Geistesgrößen nicht mutig, wilens genug entsprechend
auf die herannahende NS-Katastrophe zu reagieren?
Oder lag es vielleicht auch daran, dass die „Kultur“ in
Deutschland schon seit jeher sich zu stark von der Politik
abgrenzte und einfach nicht politisch genug war.

Moin,

zu diesem Thema empfehle ich die Bücher:

„Meines Vaters Land“ von Wibke Bruhns, ISBN: 3548367488 Buch anschauen

und

„Das falsche Leben. Eine Vatersuche“ von Ute Scheub, ISBN: 3492048390 Buch anschauen

Meine Meinung dazu:
Die Gründe mitzumachen, den Kopf in den Sand zu stecken oder sich zu wiedersetzen (in welchem Rahmen auch immer) waren so vielfältig wie die jeweiligen Persönlichkeiten. Dieses gesamte Spektrum gab es im Bildungsbürgertum genau so wie in anderen Bevölkerungsschichten auch. Bildung (im akademischen Sinn) hat nunmal nichts mit moralischer Größe zutun.

Gruß
Marion

Ja, es ging mir in erster Linie um den Zeitraum 33 ff, aber auch die Zeit 1900 ff ist natürlich interessant. Ich denke, da waren die Intellektuellen noch politischer, wengleich auch eher Vaterlandsfreundlich - oder?

Ich erweitere vielleicht das Thema etwas:

Wie verhielt sich aber das Bürgertum in den „HERRlichen“ Zeiten
zwischen 1900 bis 1933? Herrschaftskonform? War das Bürgertum stark in
der Zentrums-Partei repräsentiert? Wie sah die politische
Präferenzstruktur des Bürgertums aus?

Zum Bildungs-Bürgertum möchte ich Joachim Fest
bemühen und kommentieren:

Hitler hat keine Vorliebe für Intellektuelle.

Der Historiker - Journalist Joachim Fest wagte sogar die Bemerkung:
„Der Nationalsozialismus ist im Grunde die politisch organisierte
Geistesverachtung.“.
Über die jüdischen Wissenschaftler, wie z.B. Einstein, sagte Hitler:

"Alles, was sie geschaffen haben, ist von uns gestohlen. Alles, was sie wissen, wird gegen uns eingesetzt. Sie sollen ruhig bei anderen
Völkern Unruhe stiften. Wir brauchen sie nicht "

Aber die Intellektuellen, Kultur- und Bildungsbürger, und die
Geistlichkeit versagten ihrerseits, wie Joachim Fest in seinem
RIAS-Essay aus den Fünfziger Jahren über das Versagen der
Intellektuellen im Dritten Reich feststellte… (Was wurde da genau
oder sinngemäß gesagt?)

Fest meinte in einem Fernseh-Interview, dass viele Menschen den Draht
zur Metaphysik verloren hätten, und es deshalb zur Bildung von
„Ersatzreligionen“ komm. Ich sage: Alle Idologien, alle Religionen,
alle Propheten etc. - alle, die sagen „SIE hätten die Wahrheit“, sie
sind Verführer und werden dann verehrt, wenn der Mensch mit seinem Rat
mal wieder am Ende ist, wenn die Vernunft nicht mehr trägt, nicht weil
sie die falsche Medizin wäre, nein: weil sie nicht mehr eingesetzt
wird.

und aus
http://www.geschichteinchronologie.ch/eu/3R/Eitner_H…… habe ich folgendes zu diesem Thema gefunden:

Die Aufbruchstimmung nach dem Ermächtigungsgesetz:
– es herrscht eine Volksstimmung wie beim Kriegsausbruch 1914,
nationales Hochgefühl und Einmütigkeitsempfinden
– Gefühl der nationalen Wiedergeburt
– die Aufbruchstimmung wird die wichtigste Machtgrundlage für den
kommenden Führerstaat
– Hoffnungen: nach Wiedergewinnung nationaler Grösse, nach einer
besseren, ordentlicheren Gesellschaft.
– Glaube daran, dass jetzt eine wirkliche Volksherrschaft beginnen
würde, verbunden mit ehrlicher Freude und einem richtigen Aufatmen.
– Jubel über das neue Reich, keine Verleugnung der kaiserlichen
Vergangenheit mehr, ein richtiger Freudentaumel, auch durch Künstler,
Intellektuelle und Wissenschaftler in Hymnen ausgedrückt:
Preisen des Reiches als Erfüllung geschichtlicher Sehnsüchte.

Die Meinung der Liberalen und des Auslands:

– die liberalen oder das ehemals liberale Bürgertum meint, dass
Hitler der rechte Mann auf dem rechten Weg sei
– diese Meinung herrscht auch ausserhalb Deutschlands

Ergründung der intellektuellen Mitläuferschaft:

– die Intellektuellen geben ihren Idealismus dem NS-Reich dar
– die Intellektuellen haben Angst vor Widerspruch, es herrscht
Gesinnungslosigkeit, Dummheit, Mitläufertum.

Folge:

– die Legitimationsbasis für Hitler existiert auch bei den
Intellektuellen
– es kommt bis 1934 zu Anbiederungsversuchen, sogar Huldigung im Juni
1934 durch Theodor W. Adorno !

Ab dem 24.3.1933 betreiben die Universitäten die
Gleichschaltungsgedanken und den Antisemitismus gründlicher, als sie
müssten:

– die Studenten sind aktive Wegbereiter des Nationalsozialismus.
– Entlassungen beim Lehrkörper, Amtsenthebungen.
– vorzeitige Pensionierungen politisch oder rassistisch missliebiger
Kollegen.

28.3.1933 ( Kirche und Papst) > Fuldaer Bischofskonferenz gibt seine
Warnungen und Verbote gegen die NSDAP auf:

– Bischofskonferenz unter Vorsitz des Breslauer Kardinals Adolf
Johannes Bertram
– „Kundgebung über Kirche und Nationalsozialismus“ nach „päpstlichem
Hinweis“
– Parteibeitritte werden erlaubt
– die katholische Kirche fordert auf zur „Treue gegenüber der
rechtmässigen Obrigkeit“

Folge:
Aus katholischen Kreisen ist keine Opposition mehr möglich!

Frage:
Und die Evangelische Kirche?
Und die katholische „Zentrumspartei“?

Weitere Fragen:
Betrieb Hitler eine Art „Immunisierungspolitik“ gegen die
„hellen Köpfe“ ?

Haben Kultur- und Bildungsbürger versagt?

Lag es daran, dass es zu wenig Verbindungen zwischen
Kultur und Politik gab, anders als in anderen Ländern (Frankriech)?

(Aber auch im
„belesenen“ Russland, konnte sich ja ein Stalin durchsetzen…)

Ich denke, ein Versagen des Bildungsbürgertums wird immer
festzustellen sein, wenn eine Massenbewegung zu stark wirkt. Da tritt
eben auch das „schlechte menschliche“ in den vermeintlicht klugen
Köpfen heraus.

Hallo,

ich denke, man darf dabei die Bildung des damaligen „Bildungsbürgertumes“ nicht mit heutigen Maßstäben messen.
Denn wo hanem die ihre Bildung denn erworben? Doch nocg im alten Kaiserreich. Und da war die Monarchie ja noch die gottgegebene Staatsform - das haben die damals gelernt.
Tja - und nun war der Kaiser weg. Und wie ginmg es weiter? Revolution und Schießerei in den Jahren 1918/10, der Paüü-Üutsch, dann die Inflation, und 1929 die Weltwirtschaftskrise. Unstabile regierungen, die ständig wechselten und mit Notverordnungen regierten, nach 1930 dann Saalschlachten zwischen Nazis und Kommunisten - die Masse der Bildungsbürger hatte von diesen Zustaänden die Schnauze voll. Das waren jedenfalls nach ihrer Meinung keine geordnezen Zustände.
Der deutsche Bildungsbürger ist in seiner Masse auch ein spießiger Kleinbürger - das sollte man nicht vergessen. Der will in erster Linie seine Ordnung haben. Und ein wenig natiomalistisch angehaucht war er zumindest damals meist auch. Er bildete sich ja was ein auf die deutsche Kultur und so.
Die Zustaände waren damals unhaltbar - irgend etwas mußte passieren. So viel war ihm klar - nur die Antwort wußte er nicht.

Und dann kam Hitler. Der war dem deutschen Bildungsbürger zwar zu primitiv und rafikal - aber er schaffte Ordnung. Und da fanden sie ihn dann zwar nicht ideal - aber akzeptabel.
Man muß die damalige Zeiet sehen. Die medien waren gleichgeschaltet. Wie viele Künstler und Wissenschaftler da wirklich das Land verließen, wie viele kalt gestellt wurden - das erfuhr man doch gar nicht. Die Judenverfolgungen in ihrer Masse begannen erst 1938 - und daß Kommunisten und Radikale im KZ verschwanden und Ziugeuner - das juckte doch einen Bildungsbürger nicht. Solche Leute kannte man doch nicht - mit denen gab man sich eh nicht ab.
Statt dessen große Jubelfeste und protzbauten - und nicht zuletzt auch die Olympiade 1936. DA kam die ganze welt nach berlin, da war auch nichts mit Verurteilung durch das Ausland und so. Deutschland war wieder wer - das Ausland tat ja alles, um diese Meinung noch zu festigen. Der Papst schloß mit Hitler das Konkordat (das heute noch gilt), Hitler holte das Saarland zurück, setzte durch, daß die Westmächte auf die festgelegte Rüstungsbeschränkung verzichteten - dah doch erst mal alles sehr gut aus.

Ein großer teil des Bildungsbürgertums ging Hitler einfach auf dem Leim - wie die MAsse des Volkes auch. Und die paar Tausend, die es nicht taten - die gingen einfach unter in der großen Masse. Wer emigrierte, war ja eh weg und wer sich in sein persönliches Schneckenhaus zurückzog - der wurde auch nicht massernwirksam. Einige Stimmen verstummten - aber ob das wirklich so genau wahrbenommen wurde? Eher doch wohl nicht.

Gernot Geyer

Hallo,

wollte noch mal kurz auf ein paar Punkt von Dir eingehen:

– die Intellektuellen haben Angst vor Widerspruch, es herrscht Gesinnungslosigkeit, Dummheit, Mitläufertum.

Die NS verteilten Zuckerbrot und schwangen die Peitsche: viele, in der Weimarer Republik noch um die Existenz bangende, Intellektuelle bekamen unter den neuen Machthabern Anerkennung und Aufträge von Ministerien. Wer sich gegen das System stellte bekam Besuch von der Gestapo…

Folge:
Aus katholischen Kreisen ist keine Opposition mehr möglich!

Unter den Katholiken gab es auch weiterhin Oppositionelle. Dies war auch z.T. den Anti-Kirchlichen-Kräften innerhalb der NSDAP geschuldet.

Frage:
Und die Evangelische Kirche?

Sollte durch die Deutsche Reichskirche gleichgeschaltet werden.

Und die katholische „Zentrumspartei“?

Löste sich, aufgrund fehlender Unterstützung durch den Vatikan und Druck der NS, 1933 auf.

Weitere Fragen:
Betrieb Hitler eine Art „Immunisierungspolitik“ gegen die
„hellen Köpfe“ ?

Haben Kultur- und Bildungsbürger versagt?

Wieso? Anhänger und Gegner Hitlers hielten sich in den 30er Jahren m.E. unter den Bildungsbürgern die Waage. Waren Hitler, Goebbels und Göring nicht auch Kunstförderer, solange diese ihrer Weltanschauung entsprach. Man konnte auch als „heller Kopf“ ein wirklich schönes Leben haben, solange man sich nicht gegen Hitler und die Partei stellte.

Gruß

Vom Ursprung der Kulturkriege…

>>> Aufgabe der Intellektuellen ist, sich für universale Werte und nicht für nationale Ideologien einzusetzen… Die deutschen Dichter und Denker,schreibt Benda, verraten die Sache des Geistes: Ihr militanter Kulturpatriotismus wird zum Handlanger nationalistischer Politik. Das preußische Vorbild steckt an. In allen europäischen Ländern wird der Patriotismus kriegerischer als je zuvor, weil er sich nunmehr auf kulturelle Ideale stützt. Krieg und Kriegsbegeisterung demokratisieren sich. Der Franzose Benda wählt ausgerechnet einen deutschen Historiker als Kronzeugen: Heinrich von Treitschke war davon überzeugt, Kriege würden nie mehr von der Erde verschwinden, nachdem sie einmal zu Kulturkriegen geworden waren. >> Am 4. Oktober 1914 veröffentlichten 93 bekannte deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller einen Aufruf mit der Überschrift „An die Kulturwelt!“, in dem sie die Politik des Deutschen Reiches gegen Angriffe aus dem Ausland verteidigten. Der Aufruf war, in den Worten Fritz Sterns, ein Dokument autistischer Arroganz. Zu den wenigen, die ihre Unterschrift unter dieses Dokument verweigerten, gehörte Albert Einstein.

Im „Aufruf“ war die Rede davon, daß Deutschland ein friedliebendes Land gewesen sei; der Krieg sei ihm aufgezwungen worden. Es handelte sich dabei nicht, verkündeten die 93, um einen Krieg gegen den deutschen Militarismus. Es war ein Krieg gegen die deutsche Kultur - den wiederum die Regierungen der Entente als einen Krieg für die Zivilisation zu rechtfertigen suchten. Die Auseinandersetzung zwischen westlicher „Zivilisation“ und deutscher „Kultur“ wurde um so heftiger geführt, weil zwischen Deutschland und seinen Nachbarn vielfältige geistige Allianzen bestanden.

>>> Für die 93 Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller gehörten Kultur und Militär zusammen: „Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur schon längst vom Erdboden getilgt.“ Auch dieser Satz des Aufrufs wurde von Max Liebermann, Friedrich Naumann, Karl Vossler und Wilhelm Wundt unterschrieben. Mit den anderen Unterzeichnern des Manifests schworen sie, den Krieg als Angehörige eines „Kulturvolkes“ zu führen; das Erbe Goethes, Beethovens und Kants war ihnen ebenso heilig wie jeder Fußbreit deutscher Erde. Einige von ihnen gingen noch weiter und behaupteten, nicht nur das Schicksal der deutschen, sondern der gesamten europäischen Kultur hänge vom Sieg des deutschen Militarismus ab…

siehe ggf. auch hier:
http://www.philtalk.de/cgi-bin/YaBB.cgi?action=displ…

RE:
Danke für Eure informativen Beiträge!

Gernot!
Meinst Du damit auch, dass es grundsätzlich wenig bringt „gebildet“ zu sein, wenn so ein starker Charismatiker(Prophet, Führer etc.) auftritt. Wird der Mensch seine Bildung und Aufgklärtheit wieder hinten anstellen, weil er –bspw. Mangels Arbeit- „die Hosen voll“ hat, und den potenziellen Erlösern auf dem Leim gehen?

Spongeop!
Zur Zentrumspartei muss ich sagen: Bin überracht. A) weil der Vatikan sich zurückzog und b) weil ich meinte, sie hätten genug (zu dieser Zeit!) Potential gehabt, um wenigstens etwas Oppositon zu machen. War wohl auch wieder so ein Fall von „Geist denkt – aber Geld lenkt“….

Gruss
„Multi 2007“ aus Frankfurt

„Auskennen aber muss man sich gerade auch im Elfenbeinturm, um zu verstehen, was draußen vorgeht, und um darin nicht sitzen zu bleiben“ (Die Zeit, 28.09.06)

P.S.
Wolf Lepenies über WISSENSCHAFTLER, Kultur und Politik:

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts glauben europäische Intellektuelle, die öffentlich wirken wollen, sich zwischen Voltaire oder Rousseau entscheiden zu müssen. In der Regel treffen sie dabei eine Fehlentscheidung. Denn zu wenige optieren weder für den Skeptiker noch für den Enthusiasten, sondern für einen Dritten,für den selbstironischen Anwalt des intellektuellen Anstands: für Diderot. Charakteristisch für Diderots Bild vom Aufklärer ist das hohe Maß seiner Selbstverpflichtung.
Diderots Intellektueller führt keine aparte Existenz, die Alltagswelt ist ihm nicht fern und fremd. Da er weiß, daß der Mensch nur in Gesellschaft mit anderen leben kann, will er seine eigene Soziabilität voll entwickeln, seinen Mitmenschen gefallen und sich nützlich machen.

Die Bürgergesellschaft ist für ihn verehrenswert wie eine irdische Gottheit, er kennt ihre Prinzipien besser als jeder andere, in ihrer Vervollkommnung sieht er sein höchstes Ziel.

So wird die Selbstüberschätzung des Intellektuellen domestiziert, und aus der Weltfremdheit des Gelehrten wird die Verpflichtung, zur Mehrung des öffentlichen Wohls beizutragen.

Im 18. Jahrhundert durfte man eine solche Haltung, auch in Deutschland, noch Patriotismus nennen. Mehr denn je bedürfen wir heute eines solchen Patriotismus der Intellektuellen.

Lange glaubten die Deutschen, unter ihnen auch Intellektuelle wie Thomas Mann, Gottfried Benn oder Theodor W. Adorno, an die Überlegenheit der Kultur gegenüber der Politik und an ihre eigene Überlegenheit gegenüber den Nachbarn.

Erst n a c h der Befreiung vom Nationalsozialismus entwickelte sich eine demokratische Verfassung, deren Autorität akzeptiert wurde und die bis heute die nationale Identität des Landes prägt.

Hallo erstmal!

Meine Gedanken dazu:

  1. In der Weimarer Republik konnte es sich kaum jemand leisten, unpolitisch zu sein, allein schon die Wahlbeteiligung und die Anzahl von Tageszeitungen des ganzen Spektrums sprechen Bände. So wird denn wohl auch das sog. Bildungsbürgertum selten neutral oder realitätsfern gelebt und gedacht haben, sondern vielmehr politisch aktiv gewesen sein.

  2. Oft wird der Begriff „Intellektueller“ in die linke Ecke geschoben, während kluge Köpfe aus konservativen oder rechten Kreisen allenfalls als „Bildungsbürger“ gelten oder sogar - wie in diesem thread geschehen - wieder zum „spießigen Kleinbürger“ heruntergestuft werden. Daher kann man wohl guten Gewissens behaupten, dass Intellektuelle sehr wohl kritisch gegenüber Hitler standen, ihn bereits früh richtig eingeschätzt haben und ihre Konsequenzen zogen (Emigration, Selbstmord, selbst gewählte Inaktivität). Für mich bestes Beispiel: Tucholsky. Weiter wurden genannt. Bildungsbürger des rechten Spektrums gab es allerdings durch entsprechende Vorprägung ebenfalls genügend, das wurde gesagt. Ob diese tatsächliche einen Mann wie Hitler (ich sehe in ihm keine charismatische, verführende Persönlichkeit, wenn ich ehrlich bin) brauchten, um ganz neue Erkenntnisse zu erlangen, würde ich anzweifeln, das ist hausgemacht. Lediglich Benn hat in seinen politischen Ansichten extrem geschwankt, sei dahingestellt, ob er Hitler wirklich so verfallen war oder warum auch immer. In diesem Zusammenhang ist die Beziehung zwischen Thomas Mann und seinem Vater, der ja nach Amerika emigrierte, höchst brisant!

  3. Ganz allgemein kann man für das 3.Reich die Aussage treffen, dass die gesamte Kunst- und Bildungssparte ja absolut auf einer Welle lag, d.h. mit dem Eintritt bzw. Rausschmiss bei der jeweiligen Kammer wurde für viele kluge Menschen von vornherein festgelegt, ob sie lieber regimetreu arbeiten oder sich ab morgen an die Werkbank stellen möchten.

  4. Ich kann mich an eine Stunde in meinem Geschichts-LK erinnern, da wurde das Wählerspektrum am Ende der Weimarer Republik hinsichtlich Wählerschaft NSDAP analysiert. Fakt ist, dass es keinen Einbruch beim Bildungsbürgertum gab, sondern z.T. sogar überdurchschnittlich viele gebildete Menschen diese Partei wählten und unterstützten. Und obwohl hier das vernichtende Urteil Fests bezüglich der Beziehung 3.Reich-Bildungsbürgertum Erwähnung fand, muss doch wohl festgehalten werden, dass es höchstens einseitig der Fall gewesen sein kann. Warum: Ein nicht unerheblicher Anteil der gebildeten Schicht versprach sich eine Verbesserung durch die Beteiligung Hitlers an der Macht, darunter Beamte, Wirtschaftselite, alter Adel. Gerade solche Klassen sehen doch mit leidenschaftlicher Arroganz über „Nebeneffekte“ einer solchen Regierung hinweg, wenn nur der Pöbel ruhig ist, der Gewinn stimmt und das neue Auto endlich auch mal ausgefahren werden kann…
    Deswegen muss man vielleicht auch trennen zwischen dem Bildungsbürgertum, welches vom Staat abhängig ist, und den freine, klugen Menschen (meistens Künstler :wink:), die sich leisten konnten, anders zu denken und es nur aus einer Art politischer Vorbildung zum Teil nicht getan haben.

  5. Nur so nebenbei: Warum spricht man hier davon, das Bildungsbürgertum hätte versagt? Wieviel Prozent waren das? 10 oder vielleicht 12? Wieviele davon hätten sich aus ihrer Stellung heraus mehr Widerstand leisten können als irgend ein anderer Bürger im 3. Reich? Man soll nicht sagen, es wäre vor Hitler nicht gewarnt worden! Man soll auch nicht behaupten, Es hätte keine aufrichtigen Professoren gegeben, die gegen Hitler agitiert hätten! Nur waren es eben nicht überdurchschnittlich mehr als in anderen Bevölkerungsschichten auch.

man könnte das noch Stunden auseinanderfitzen…

the_digger

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Bildungsbürger ohne ausreichend politische Kultur?
Interessant „Digger“!
„man könnte das noch Stunden auseinanderfitzen“

Richtig!

Also habe ich auch mal in Uni-Referaten
und im Netz noch weiter „gedigged“ :smile:und herausgreifen möchte ich dabei den Versuch, zu belegen, weshalb die Bildungsbürger nicht genug Aufmerksamkeit für die herannahende Katsatrophe entwicklen KONNTEN:

Ich fand Aussagen dazu bei teilweise auf Spezialthemen beruhenden Referaten, wie zum Bsp. "Lesezirkel im D.land des 18./19. Jhdt.(Zeit der AUFKLÄRUNG!)oder bei Aufklärung in der Literatur des 18.Jhdts.,

>>>die darauf hindeuten könnten, dass Wolf Lepenies recht hat, mit seiner These, dass die Deutschen damals -anders als Frankreich- keine enge Verbindung zw. Kultur und Politik aufgebaut haben, die sich dann ab 1930 gegen die drohende NS Herrschaft auflehnen konnten… WEIL
sie eben nicht „geübt“ waren.

Das Interesse des Bildungsbürgertums war also weitgehend philosophisch-literarischer Natur > Lesezirkel statt Politische Debatten…
nicht zuletzt aber wegen der Angst, es könne wie in Frankreich 1789 kommen, blutig und gewalttätig?

Die deutsche Aufklärung war ziemlich unpolitisch. So ist auch in der Phänomenologie des Geistes Aufklärung nichts anderes als das Wegräumen aller Transzendenz durch den abstrakten Verstand, der als "Furie des Verschwindens“ notwendig in den Terror mündet,
aber in der "begriffenen Geschichte“ , die Hegels erstes Hauptwerk rekonstruiert, bleibt die so verstandene Aufklärung eine chronologisch eindeutig zu identifizierende Episode.

Mit seiner Diagnose verlieh Hegel der Restaurationspropaganda, derzufolge die Aufklärung die Revolution und die notwendig den Terror hervorgebracht habe, philosophische Weihen. Die romantische Aufklärungskritik war nach 1793 längst politisch geworden, aber Hegel hatte für politische Romantik nichts übrig und verteidigte die Ideen von 1789 zeit seines Lebens als welthistorisch gerechtfertigt; gleichwohl nahm er seinen Terrorismusvorwurf gegen die Aufklärung niemals zurück.

Das Klima der sogenannten „Freiheitskriege“ gegen Napoleon mit seinen antifranzösischen Affek-ten, die nationalistische Ideologie des deutschen Sonderwegs und die Restaurationspolitik der Metternich-Ära trugen das Ihre dazu bei, daß

>>> man in Deutschland das Wort "Aufklärung‘ bis ins 20. Jahrhundert fast nur noch abfällig verwandte

Hi Multi!
Da hast du aber wirklich feine Sachen zur Aufklärung gefunden, auch wenn mir der Bezug zum Thema erst auf den 2. Gedanken klarwurde. Trotz allem kann ich deiner These vom apolitischen Bildungsbürgertum nur sehr bedingt folgen. Es ist vielleicht auch ein wenig zu weit her geholt, die gespaltene Beziehung der Deutschen zum Begriff „Aufklärung“ von vor 130 Jahren heranzuzitieren, ich glaube nicht, dass das dem Wähler von damals gegenwärtig war und er deswegen sein Kreuz bei der NSDAP setzte. Lass uns deswegen handfesteres bemühen. Zunächst hab ich hier mal die Wahlbeteiligung in der Weimarer Republik herausgekramt:
Wahl___________Wahlbeteiligung in Prozent
19.01.1919(NV)__ 83,0
06.06.1920______ 79,2
04.05.1924______ 77,4
07.12.1924______ 78,8
20.05.1928______ 75,6
14.09.1930______ 82,0
31.07.1932______ 84,0
06.11.1932______ 80,6
05.03.1933______ 88,7
(Quelle: http://www.statistik.bayern.de/LFSTAD/BW98/a-z/w.html)
Das sind, wie ich finde, ganz beachtliche Zahlen, die heutige z.T. deutlich in den Schatten stellen (letzte Bundestagswahl 77,7%, von Europawahlen ganz zu schweigen…). Und das in einer Zeit, in der innerhalb von 3 Jahren bis zu vier Wahlen abgehalten wurden und es noch keine Kanzlerduelle im Fernsehen gab. Die Leute waren politisch, und da würde ich das Bildungsbürgertum nicht herausnehmen wollen.

Aber da hab ich noch etwas schöneres gefunden, und zwar unter http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid…
Im Abschnitt „Frühe Warnungen“ wird eindeutig beschrieben, welche und wie viele Intellektuelle sich schon vor ´33 heftig gegen die NSDAP wandten. Ich würde am liebsten den gesamten Abschnitt zitieren, ein Auszug muss genügen:
„Einige Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler warnten frühzeitig vor dem Nationalsozialismus, aber ohne Erfolg. „Daß der Nazi dir einen Totenkranz flicht: Deutschland, siehst du das nicht?“ fragte Kurt Tucholsky 1930 in seinem Gedicht „Deutschland, erwache“. Zwei Jahre später schrieb er für die berühmte, aber damals nur von einem kleinen Kreis Intellektueller gelesene Zeitschrift „Die Weltbühne“ die Satire „Hitler und Goethe“, in der ein Schulaufsatz als Form diente, um rechtsradikale Einfalt und Großmäuligkeit vorzuführen. Der Vergleich ging zu Ungunsten Goethes aus („Hitler dagegen ist Gegner der materialistischen Weltordnung und wird diese bei seiner Machtübergreifung abschaffen sowie auch den verlorenen Krieg, die Arbeitslosigkeit und das schlechte Wetter“).“
Ich liebe Tucholsky…
Der Abschnitt zeigt aber auch deutlich, warum wir so aneinander vorbei reden, denn was ich meine, sind die Leute, die sich offen und deutlich gegen Hitler äußerten, was du meinst, ist die fehlende Bühne, das taube Publikum, was schließlich dazu führte, dass ein Feuchtwanger, ein Ossietzky, ein Heartfield (mit ganz genialen Bildern wie ich meine!) machen konnten was sie wollten, es wurde schlichtweg ignoriert. Die breite Masse des nicht eben ganz dummen Bürgertums hat es offenbar weniger interessiert, ob in 10 Jahren ihr Nachbar verschleppt wird und ein Weltkrieg ausbricht, sondern vielmehr, ob nächsten Monat wieder Ruhe und Ordnung herrscht, auf den Straßen, auf den Konten und auf dem Abendbrottisch. Das kommt genauso im erwähnten Artikel (etwas oberhalb) wie auch in meinen ersten Gedanken zu diesem Thema zum Ausdruck: Die meisten Anhänger des sog. Bildungsbürgertums konnten es sich aus existenziellen Gründen einfach nicht leisten, gegen die Reformen Hitlers zu sein und fragten deswegen gar nicht erst nach dem Haken.

So sehe ich das

Grüße
the_digger

1 „Gefällt mir“

Interessante Ausgrabungen, Digger!

Auch ich bin (vermeintlich) schlauer geworden.
Heute habe ich einen Vortrag zum Leipziger Bürgertum von 1800 - 1933 gehört. Dabei sind mitr Aspekte ins Bewusstsein gerückt, die ich so noch nicht assoziiert hatte:

Das Bildungsbürgertum war eine relativ mächtige Instanz bis 1914, nicht zuletzt deshalb auch, weil sie es sich finanziell leisten konnten.
Dann kam ja nach 1930 die Inflation und Wirtschaftskrise. Das hatte zufolge, dass ja speziell diese Schicht betroffen war. Sie hatten keine Güter (Grund/Kapital) sondern nur ihr -bis dahin hohes- Einkommen/Gehalt. Und Ersparnisse wurden entwertet!

Dann aber verloren sie a) wegen der Inflation an Kaufkraft und b) wegen der infolge der Wirtschaftskrise nachlasenden Kaufkraft auch an Nachfrage aus den anderen Kreisen: Man hatte kein Geld mehr für Bücher oder andere kulturelle Erzeugbisse und zudem wurde natürlich von Staatsseite gespart und so waren diese Schichten in einer unkomfortablen „Sandwich-Position“.

Sicher dürfte dass auch ein Grund gewesen sein, weshalb sich das Bildungsbürgertum -strukturell ausgezehrt - so lethargisch gegen Entwicklungen stellte, die auf sie von anti-bürgerlicher NS Seite auf sie zuzkam.

Hitler und Co. hatten gar keine echten Oppositionellen mehr aus der bildungsbürgerlichen Ecke zu fürchten.

Wer hat eine fundierte Meinung zum Verhältnis des Bürgertums
umd vor allem des Bildungsbürgertums zur Politik zwischen 1933
bis 1945?

Naja, fundiert wie manch anderer auch, aber jedenfalls mal eine Meinung: im Gegensatz zu vielen meiner Vorredner möchte ich dringend mal unterscheiden zwischen Bildung und Bildungsbürgertum.

Hier wurden ja Intellektuelle wie Uni-Profs kunterbunt in einen Topf geworfen, und aus meiner Sicht ist das nicht ganz richtig.

Intellektuelle sind beispielsweise – heute wie damals – nicht unbedingt Teil der Bürgerschicht, die meinem Dafürhalten nach etwas mit Geld zu tun hat. Mal mehr oder weniger, aber immer gutbetucht. Und diese Bürgerschicht hat in Hitler zu einem ganz massiven Teil den Erretter von dem drohenden, herannahenden Kommunismus gesehen. Völlig von der Hand zu weisen sind diese Ängste auch heute noch nicht, wenn sie natürlich auch dafür einen Faustschen Pakt eingegangen sind.

Und Bildungsbürger sind für mich Bidlungs-_Bürger_, das heißt also, ihre Ängste, nämlich daß der herannahende Kommunismus ihnen das GEld wegnimmt, waren die gleichen.

Intellektuelle – rechts wie links – müssen nicht unbedingt vermögend oder gesellschaftlich gut situiert sein (gilt ja auch heute noch). Von dieser Gruppe ist ja schon im Laufe des Jahres 1933 die Emigration in andere Länder fast abgeschlossen gewesen.

Waren die Geistesgrößen nicht mutig, wilens genug entsprechend
auf die herannahende NS-Katastrophe zu reagieren?
Oder lag es vielleicht auch daran, dass die „Kultur“ in
Deutschland schon seit jeher sich zu stark von der Politik
abgrenzte und einfach nicht politisch genug war.

Also, die Kultur der Weimarer Republik war eine, danach sucht man aus meiner Sicht heute vergebens. Ich bin mir nicht sicher, ob es Sinn von Kultur ist, politisch zu sein. Sicher gibt es politische Kultur: Kabarett, Satire, all das gehört hierher. Und von alledem hatte Weimar massenhaft.

Oder war es so, dass man als „kluger Kopf“ sich eher
ausschliesslich mit dem Feuilleton der Medien befasste, statt
mit den politischen Fragen und deren potenziellen
Implikationen auf das kulturelle Leben in Deutschland?

Ich weiß nicht, ob man die Verhältnisse der Weimarer Republik heute richtig nachvollziehen kann. Wenn ich es richtig sehe, gab es kulturell/politisch/gesellschaftlich nur eine Konstante während der Weimarer Zeit: völlige Konstanzlosigkeit. Es war, wie wenn man sich nach den Zwängen des Kaiserreichs und dem verlorenen Krieg mal so richtig gehen lassen wollte. Es wurde ja mit allem experimentiert, was ging.

Oder aber: Wurden die Universitätsgelehrten und Lehrer
instrumentalisiert (mal abgesehen von der formalen
Gleichschaltung?

„Mal abgesehen …“ ist gut. Die Gleichschaltung wurde 1933 mit einer Wucht vollzogen, daß einem die Augfen ausliefen. Die war ja Ende 1933 schon fast abgeschlossen. Das, was von da ab noch an einflussreichen Größen in entsprechenden Positionen vorhanden war, war mit sehr großer Wahrscheinlichkeit richtig auf Linie, davon konnte man ausgehen. Philosophen wie Heidegger, aber auch Naturwissenschaftler wie Starck sind da wohl sehr gutes Beispiele.

Viele Grüße

OT

„Hi Multi! Da hast du aber wirklich feine Sachen zur Aufklärung gefunden,auch wenn mir der Bezug zum Thema erst auf den 2. Gedanken
klarwurde. Trotz allem kann ich deiner These vom apolitischen
Bildungsbürgertum nur sehr bedingt folgen.“ the_digger

Vielleicht darf ich nochmal Lepenies heranziehen:
Die NZZ meinte zu Lepenies` „Kultur und Politik“
(Hanser-Verlag, München 2006) unter anderem folgendes:

In dem Kapitel «Deutsch-französische Kulturkriege» seines neuen Buches resümiert Wolf Lepenies diese kühne Vorausschau des nach Paris emigrierten Schriftstellers - als Beleg für ein Denken, das die höheren Sphären der Philosophie wenn nicht absolut setzte, so doch mächtig gegen den bonsens blosser Realpolitik ins Feld führte. Darin war Heine «deutscher», als er es sein wollte; ein Furiosus aus Idee und Wort ohne Wurzeln in den Wirklichkeiten der Politik, ein Ästhet von polemischer Schärfe, dessen Vaterland noch immer und länger unterwegs war zur geeinten Nation. Bismarcks Reichsgründung erlebte Heine nicht mehr, und es bleibt zu vermuten, dass er sie nicht begrüsst hätte. Eher wäre er wohl Nietzsche gefolgt, der nun überall nur Verrat am Geist und Niedergang der Kultur am Werke sah. - Anders gesagt, Kultur und Politik konnten sich nach germanischem Habitus kaum vertragen: Sie waren seit der Wahrnehmung von Lessing und Schiller bis hin zu Gottfried Benn und dem jungen Thomas Mann antagonistische Bereiche, derweil es eben deutschem «Wesen» entsprach, der Kultur und ihren Blüten den Vorrang vor der Politik und ihren Niederungen zu bescheinigen… Lepenies ist wie wenige dazu berufen, nochmals das Verhältnis von Kultur und Politik zu rekapitulieren, das die Deutschen und ihre Geschichte so unruhig seit der Aufklärung bis auf die Tage des Berliner Mauerfalls begleitet. Auf den letzten Seiten des Buchs gibt sein Verfasser eine bemerkenswerte Analyse dessen, was sich die meisten Intellektuellen unterm Banner der DDR - ganz im Unterschied zu ihren Kollegen in Ungarn, Polen oder der Tschechoslowakei - auf klägliche Weise versagten: den mutigen Ein- und Widerspruch gegenüber der Politik…

Der - wenn man so will - moralischen Position von Lepenies’ Studie liegt eine gut fundierte These des Philosophen Hellmuth Plessner zugrunde. Deutschland ist eine «verspätete Nation». Oder anders, während sich die politisch-gesellschaftliche Entwicklung zum Nationalstaat, dann zum demokratischen Verfassungsstaat nur über lange Stauungen, Kriege und geistige Widersprüche durchsetzte, bereitete dies der Kultur einen sowohl fruchtbaren wie gefährlich gärenden Humus. Der Bruch zwischen Innerlichkeit und Öffentlichkeit, notierte Plessner in seinem berühmt gewordenen Essay, sei «der kulturellen Entwicklung Deutschlands besonders in der philosophischen und musikalischen Linie ebenso förderlich wie seiner politischen Festigung abträglich gewesen». Auf der Gewinnseite denn spekulative Entfaltung bis in die Baumkronen der Metaphysik und der ästhetischen Entrückung, auf der Verlustseite hingegen die Ortlosigkeit von Bürgern, die die Rolle des Citoyens nicht einzunehmen verstanden…

Dabei wird allerdings wie mit Händen greifbar, dass der «deutsche Geist» über Jahrhunderte die seltsame Gabe besass, oftmals starrsinnig an den Realien von Politik und Gesellschaft vorbeizugehen. Als Friedrich Meinecke, ein Historiker von unbestrittenem Format, nach 1945 die Katastrophe analysierte, erwähnte er den Holocaust mit keinem Wort - und empfahl seinem Volk zur Therapie nochmals das bescheidene Zurück in Kultur- und Lesezirkel einer unpolitischen Gemütserhebung…

Kultur galt mehr als das Geschäft für die öffentlichen Dinge, und zweitens sollte sie eine deutsche Sonderleistung sein, vor der sich die Errungenschaften der blossen Zivilisation zu verbeugen hatten. Treitschke ging forsch noch einen Schritt weiter, als er konstatierte, die Engländer verwechselten Zivilisation mit Seife. Max Scheler, auch selten um kräftige Worte verlegen, fügte seiner Streitschrift «Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg» von 1915 einen Appendix hinzu, der eine «Kategorientafel des englischen Denkens» präsentierte: Für Kultur setzten die Inselbewohner den Komfort, das Gute sei für sie das Nützliche, Welt bedeute ihnen Umwelt, und die menschliche Natur heisse ihnen einfach der Engländer. Thomas Mann schliesslich hieb mit seinen «Betrachtungen eines Unpolitischen» in dieselbe Kerbe. Als er sich aber - eher contre-cœur - nach der Niederlage von 1918 zur Republik bekannte, sympathisierte er, wie wenn dies auf einer Linie gelegen hätte, plötzlich auch einmal mit kommunistischen Ideen. Sein Dasein in der Villa an der Münchner Poschingerstrasse blieb davon unberührt…

Man könnte von einem weitverbreiteten Psychogramm sprechen, dessen Geflechte teils heftig, teils elegisch zur Seite jener Werte ausschlugen, die der Moderne und ihren Beschleunigungen trotzen sollten. Auch deshalb besassen der Obrigkeitsstaat und später, schlimmer, die Diktatur einige Faszination: Für Ruhe und Ordnung war gesorgt, derweil die Künste - wie in Bayreuth - ungestört gediehen. Nietzsche gefiel nicht, was der eiserne Kanzler bezweckte; er sah eine Plattheit von saturierten «letzten Menschen» voraus. Andere Philosophen und Schriftsteller hingegen feierten in dem Staatsmann und Feldherrn Bismarck auch den Erzieher und Bildhauer, der den Sieg über die Franzosen zugleich der Überlegenheit der deutschen Kultur gegenüber romanischer Frivolität verdankte. Hitler blieb für solche Konjekturen ausnahmsweise unempfindlich, als er monologisierend meinte, dass jener Triumph vor allem der Feuerkraft des Zündnadelgewehrs geschuldet war. Anderseits träumte er noch in der «Wolfsschanze» von Rastenburg davon, nach dem Endsieg nur noch der Kultur zu dienen: Sie allein könne Bleibendes stiften.

Mit besonderem Elan widmet sich Lepenies den intellektuellen Biografien von Thomas Mann und Gottfried Benn. Keine Frage - der Autor des «Zauberbergs» und des «Faustus», den Scheler einst noch rühmend einen «Gesinnungsmilitaristen» nennen konnte, entwickelte sich seit Weimar und darauf energischer im schweizerischen und amerikanischen Exil zum Vernunftrepublikaner. Doch mit der Demokratie tat er sich gleichwohl schwer, weil sie Stolz und Reputation des Lübecker Bürgersohns kaum angemessen beglaubigte. Coram publico erhob Thomas Mann die Stimme der Vernunft - oder einer utopischen Vernunft, da er die deutsche Romantik mit den egalitären Gedanken von Walt Whitman zusammendachte. Im Herzen - besonders in den Tagebüchern - kultivierte er das - literarisch produktive - Ressentiment des Genies, das sich für dessen Anerkennung andere Zeitläufte und andere Wohnorte gewünscht hätte. Amerika war ihm zuletzt ein Greuel… Benn? Er sprach von einer „getrübten Wahrnehmung der Wirklichkeit“. Zu Beginn der Diktatur karikierte er die Bourgeoisie - «Eine Villa, damit endete für sie das Visionäre, ein Mercedes, das stillte ihren wertesetzenden Drang»…

STIMMEN DER VERNUNFT:

Walter Rathenau kritisierte nach 1918 die Kriegsbegeisterung der Professoren und Kaufleute, deren «philosophischer» Überbau ihm etwas Lächerliches bezeugte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Hannah Arendt, die ehemalige Schülerin von Heidegger und Jaspers, besuchsweise nach Deutschland zurück, wo sie immer n o c h eine erschreckende Flucht aus der Verantwortung bemerkte…

STIMMEN DER VERNUNFT?
C.Schaerf: "Benn hate den „Irrweg der deutschen Intelligenz durchdacht und durchlebt“. Der unfruchtbaren Trennung zwischen dem großartigen Dichter und dem politisch irrenden Menschen will Schärf mit einem Verfahren begegnen, das er „Bioautographie“ nennt. Benn reflektiere Spaltung als Tatsache des Ich, was einen Zwang zum Schöpferischen nach sich ziehe, der selbst wieder Tatsache des Ich sei und sich als eine „Wahrheit des Stils“ zeige, die freilich immer wieder nur in der Form der „Zersplitterung“ erscheinen könne. Schärf sieht Benns entscheidenden, auf alle Aspekte seiner autobiographischen Werkpolitik ausstrahlenden Irrtum in einer onto-biologistischen Geschichtsauffassung. Sie habe eine „Gehorsamspflicht“ impliziert, der Benn zeitweise mit selbstzerstörerischer Konsequenz gefolgt sei. >>> Benns von vornherein antidemokratische Haltung sei „auf dem Misthaufen deutscher Bildungssynthesen erwachsen“. >> Die Überstilisierung der Dichtergestalt in einer dem Entwicklungsgedanken fremd gegenüberstehenden radikalästhetischen Kunstmythologie habe zum „Umschlag der Kunst in Hyperpolitik“ geführt, zu dem im Grunde „bestürzend naiven“ Gedanken, die Umwälzung der Verhältnisse von der Seite einer Kunst her zu betreiben, die für Benn bis hinein in Gene, Erbmasse und Substanz wirksam werden sollte… es seien Benns Thesen als Reaktion auf die politischen Druckverhältnisse am Ende der Weimarer Republik zu begreifen.

Darf ich vielleicht noch daran erinnern?

Am 7.Mai 2005 schrieb ich zu R.Safranski,auf seine Ansichten in der „WELT“":

Safranski meinte:

"Ich glaube nicht, daß sich der Aufstieg des Nationalsozialismus historisch begründen läßt durch den schwachen politischen Widerstand des deutschen Bildungsbürgertums.
Für den Triumph der Nazis gibt es ganz andere Gründe.
Tatsache ist jedoch: Obwohl im deutschen Bürgertum dieses klassische Bildungsideal damals noch lebendig war, hat 1933 die Barbarei triumphieren können.

Daraus kann man zweierlei schließen. Entweder: Die gebildeten Schichten hatten in der entscheidenden Situation zu wenig politischen Einfluß.

Oder: Bildung allein war keine ausreichendes Bollwerk gegen den Extremismus. Und letzteres gehört wohl zu den schmerzhaftesten Lehren des 20. Jahrhunderts: Kultur ist keine hinreichende Bedingung für politische Vernunft. Man kann Beethoven und Bach andächtig hören, man kann Schiller und Goethe verehren - und gleichzeitig die entsetzlichsten Verbrechen an Mitmenschen begehen.

In den Lagern der Nazis ist dies geschehen. Schiller hatte seinerzeit noch eine höhere Meinung von der Kunst. Zumindest als er die „Briefe zur ästhetischen Erziehung“ schrieb, war er der Überzeugung, daß der Umgang mit der Kunst eine so tief zivilisierende Wirkung hat, daß Menschen, die richtig mit der Kunst umgehen, keine Barbaren werden können.

Heute wissen wir: In diesem Punkt hat sich Schiller getäuscht. Eine schöne Täuschung, aber ein Täuschung. Wir haben im 20. Jahrhundert anderes erfahren.

Und doch: Auch wenn die Kunst politisch ohnmächtig sein sollte, sind wir doch ärmer, wenn sie fehlt."
Safranski

Multi denkt dazu:

Safranskis Analyse greift zu kurz!
Wenn wirklich alle gebildeter und vernünftiger wären, dann gäbe es so etwas wie die Nazis vielleicht dennoch, aber die wahrscheinlichkeit wäre deutlich geringer!

Und zudem verhielt es sich damals -meiner Meinung nach- genau anders herum: Gerade weil die Leute „dumm“ gehalten wurden und die Propagandamaschinerie lief, und weil die Menschen n i c h t aufgeklört und vernünftig waren sondern emotional aufgepeitscht, und weil sie träumten statt dachten… genau deshalb konnten sie „verführt“ werden.

Hitler war ein Barbar und seine Gedanken (Mein Kampf z.B.) reichten für eine Förderung der mentalen Kriegebereitschaft des Volkes, aber mehr war nicht drin. Stattdessen entpuppte sich Hitler als Schläger und versagender Putschist in München 1923. Und strategisch fiel er ebenfalls im 2.Weltkrieg durch. Er war so dumm, dass er es noch nicht mal schaffte, militärische Grundsatzfehler zu vermeiden.

Nein Nein, Hitler war dumm - aber er hatte mit Goebbels un Co. talenTIERte Helfer, denen es gelang das Volk temporär „dumm“ zu halten.

Mit einer philosophischeren, aufgeklärt-kritischeren Bildung wäre das alles SO nicht passiert, Herr Safranski!

Multi 2005