Bin prüde

Hallo ihr (Hobby)-Psychologen!

Bitte analysiert mich: Merkwürdigerweise ist es mir häufig sehr, sehr unangenehm, wenn in öffentlichen Gesprächen das Thema im entferntesten in Richtung Sex/Sexualität/Geschlecht schwenkt.

Dabei habe ich privat überhaupt keine Sorgen mit so etwas. Hatte meinen ersten Freund mit 14, mit 16 unkompliziert den ersten Geschlechtsverkehr und immer wieder mit Partnern und auch (andersgeschlechtlichen) Freunden über Sexualpraktiken etc. offen gesprochen.

Was ist denn eigentlich mit mir los? Wenn ihr mir sagt dass ich verklemmt bin, muss ich das wohl oder übel hinnehmen, lieber wären mir allerdings Erklärungsversuche…

Es ist so, dass ich in der Pubertät extrem schnell errötet bin, was von Außenstehenden häufig missinterpretiert wurde - manchmal war mir überhaupt nix peinlich, und ich bin trotzdem rot geworden. Davon hab ich irgendwie nen Knacks weg. Auch heute werd ich manchmal noch rot, allerdings tagesbedingt und ich kann’s überhaupt nicht einschätzen/erwarten/ja, weiß noch nicht mal ohne Spiegel, ob ich jetzt rot bin oder mir nur heiß geworden bin.
Bin übrigends 25 und weiblich und leide offenbar seit Neuestem unter hormonellen Schwankungen (so interpretiere ich meine Stimmungen :wink:

Und das mit dem Thema Sex in der Öffentlichkeit belastet mich jetzt so, dass ich - obwohl das Thema ja nicht so häufig zur Sprache kommt, kann aber passieren und dann aber unvorhergesehen - teilweise in Seminaren, Teamsitzungen, ja selbst beim Mittagessen mit Kollegen gedanklich total auf so was vorfixiert bin, meinen Kopf vorsorglich in den Händen verstecke oder den Raum verlasse/gar nicht erst betrete. Das schränkt natürlich ziemlich ein.

Mir sind sogar schon Gender-Themen übermäßig unangenehm, wenn nur das Wort „Geschlecht“ fällt. Oder „Nacktheit“. Total überkonditioniert, wenn es das Wort gibt.

Könnt ihr mir weiterhelfen? Bitte! Ich würde so gerne überall so selbstbewusst auftreten können wie zu Hause, aber es geht nicht.

PS: Übrigends hab ich an der Uni schon mal ein Referat zu Porno-Künstlern gehalten und auch in späteren Referaten kam Sexualität hin und wieder zur Sprache, hab das zuerst noch tapfer durchgestanden und später dann versucht, die Themen zu umschiffen. Einmal bin ich in einer Vorlesung knallrot geworden und geblieben, mit Händezittern und Schwindel, nur weil es um Freuds Libidobegriff ging - was ich bereits in der Schule im Psycho-LK ausgiebigst durchgenommen hatte. Hat grad noch gefehlt, dass ich statt Kommilitonen überall Schwänze gesehen hätte… Das ist doch alles nicht „normal“, oder?

Hi malefiz

vorab möchte ich erklären, dass ich nicht Mal Hobby-Psychologe bin.

Aus Deinem text entnehme ich, dass Du weitestgehend versuchst, alles zu erklären, aufzuklären, zu verstehen und zu hinterfragen - Du scheinst ein eher Verstandes- als Gefühlsgesteuerter mensch zu sein.

Dabei habe ich privat überhaupt keine Sorgen mit so etwas.
Hatte meinen ersten Freund mit 14, mit 16 unkompliziert den
ersten Geschlechtsverkehr und immer wieder mit Partnern und
auch (andersgeschlechtlichen) Freunden über Sexualpraktiken
etc. offen gesprochen.

Keine „Sorgen“ mi etwas heißen, sagt noch nichts darüber aus, wie Du innerlich dazu stehst und welche Gefühle Du dabei hast. Erinnerst Du Dich gern an Deinen ersten Sex, war es schön für Dich - so schön, dass Du es Dir weiterhin und wieder gewünscht hast oder war das so, weil vermeintlich alle das machten? Wie war der Umgang mit dem Thema, mit Sexualität, mit Gefühlen und z. B. Körperlichkeit, Nacktheit bei Euch zu Hause? Wurde sowas offen an- bzw. ausgesprochen und ggf. sogar gelebt oder war es eher tabu-behaftet?

Wie ist denn heute Deine Lebenssituation? Wohnst/Lebst Du allein oder mit einem Partner zusammen oder hast Du einen Partner, aber der hat eine eigene Wohnung? Wie ist Deine Sexualität heute - allein für Dich und ggf. mit Partner? Hast Du z. Zt. überhaupt Sex oder „verbannst“ Du alles, was damit zu tun hat? Was für Wünsche/Erwartungen hast Du in puncto Sexualität für Dich? Bevorzugst Du ggf. ganz heimlich etwas, wozu Du offen nicht stehen könntest/möchtest (z. B. gleichgeschlechtlichen Sex, besondere Sexpraktiken, eine besondere Rolle beim Sex)?

Was ist denn eigentlich mit mir los? . . .
Bin übrigends 25 und weiblich und leide offenbar seit Neuestem
unter hormonellen Schwankungen (so interpretiere ich meine
Stimmungen :wink:

Das ist doch interessant - Was meint denn Dein (Frauen-) Arzt, zu dem Du hoffentlich regelmäßig gehst, dazu? Hast Du das schon Mal mit ihm/ihr besprochen, wurde das untersucht?

Das ist doch alles nicht „normal“, oder?

„Normal“ ist das vermutlich nicht, aber was ist das schon. Wenn Du darunter leides, solltest Du Dich in ärztliche Obhut begeben . . .

Hi malefiz

im Lust&Liebe-Brett las ich just von Dir als „Gründe für Sex“:

Langeweile, einsam verbrachte Geburtstage und noch-nie-nen-One-Night-Stand-gehabt-haben.

(Ist aber alles nicht die Regel, normalerweise tendiere ich auch zu dem langweilig klingenden, aber einleuchtenden Hormonüberschuss)

Wie ist dann der Sex - langweilig, einsam oder einleuchtend?

Hallo Malefiz,

Wenn ich Deine Frage durchlese, dann kommt es mir vor, dass das „Rotwerden“ dich generell beunruhigt - dass es beim Thema „Sex“ dich aber stört - bzw. zu Dir unangenehmen Reaktionen aus Deiner Umgebung führt.

Für eine halbwegs Umfassende Erklärung, wass beim Erröten vor sich geht, siehe z.B.: http://de.wikipedia.org/wiki/Err%C3%B6ten

Hier einige Punkte, über die es sich für Dich lohnt nachzudenken, bzw. diese auszuprobieren:

  • Was beudeutet Erröten für Dich? Grundsätzlich (siehe Wikipedia) ist es eine ganz normale Aktion, die Dein Körper beherrscht - wie auch jeder andere Körper?

  • Dein Erröten kann jedenfalls Hinweis auf ganz spezielle Charaktereigenschaften von Dir sein, die Du vielleicht ausgeprägter als andere Menschen hast. Mir würden dazu einfallen: Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Fähigkeit - Gefühle zu zeigen, Offenheit. Welche würden Dir dazu einfallen. Kann die Reaktion der Menschen auf Dein Erröten auch aus deren eigener Unsicherheit, Neid, etc. hervorgerufen werden?

  • Gibt es Situationen, in denen Dich erröten nicht stört? Möchtest Du eine Liste über diese Situationen machen und schauen, ob diese Situationen etwas gemeinsam haben?

  • Probier die obige Übung auch für die Situationen in denen es dich stört.

  • Was konkret sind die Folgen, die aus Deinem Erröten erwachsen? Was tun diese Folgen mit Dir als Person?

  • Kannst Du vorsätzlich Erröten? Probier das mal vor dem Spiegel (Gute Belechtung) aus. Wenn Du dies kannst, dann kannst Du auch herausfinden wie Du das machst. Wenn Du weisst wie Du das machst, dann kannst Du es auch steuern.

Ich hoffe, dass bei den Punkten einiges dabei ist, was Dich weiterbringt. Zum Abschluss noch meine Meinung: Nein, Du bist nicht prüde!.

lg
-schoenf

Erythrophobie
Hallo Werner,
Deine Tipps - und besonders der Wikipedia-Eintrag zur Erythrophobie - haben mir schon ziemlich weitergeholfen. Genauso so etwas habe ich gesucht, wusste aber nicht, dass dieses Symptom tatsächlich schon einen Namen hat (na ja, ist vermutlich irgendwie kulturbedingt, dass es andern Leuten auch so geht).

Das mit dem Spiegel ist auch eine gute Idee, werd ich mal probieren.

Je mehr ich drüber nachdenke, komm ich zu dem Schluss, dass mein Rotwerden nichts mit den Gesprächsinhalten zu tun hat, sondern mich die Angst davor mehr belastet. Ich kann selbst bei Familienfeiern nicht in der Mitte des Raumes sitzen, drücke mich immer am Rand herum.

Ich glaube, irgendwann bin ich mal eher zufällig rot geworden, als es um das Thema Sex ging und alle Anwesenden haben das gemerkt, Blicke gewechselt und „freundlicherweise“ das Thema gewechselt. So was kam häufiger vor und es hat ziemlich an meinem Selbstbewusstsein gekratzt, so fehleingeschätzt zu werden.

Mittlerweile hat sich das leider verselbständigt und gewisse Themen und Situationen sind mir TATSÄCHLICH unangenehm…

Und da das nicht mehr nur ein persönliches Problem ist, sondern auch ein Karrierehindernis, werde ich wohl eine gute Verhaltenstherapie suchen!

Hi Tom

Wie ist dann der Sex - langweilig, einsam oder einleuchtend?

danke, der ist gut :wink:
Hatte bloß an einem Geburtstag mal nen One-Night-Stand, der nich unbedingt hätte sein müssen. Da ich aber hinein- und nachgefeiert habe, war ich am Tag selber alleine und traf in meinem stinklangweiligen Heimatort so nen Typen. Und da ich bis dahin keinen Sex mit Unbekannten gehabt hatte, dachte ich, jetzt musses halt mal sein. So in etwa.

Aber ich glaube, mein privates Sexualleben ist nicht das Problem, eher die Thematik in der Öffentlichkeit…

Hallo Malefiz,

Und da das nicht mehr nur ein persönliches Problem ist,
sondern auch ein Karrierehindernis, werde ich wohl eine gute
Verhaltenstherapie suchen!

Grundsätzlich kann eine Verhaltenstherapie helfen. Ausgehend von dem Symptom kannst Du aber - in der Zwischenzeit - mit folgenden Übungen zumindest einen für Dich angenehmeren Zustand herstellen:

  • Die Übung mit dem bewußt rot werden (siehe vorherige Antwort)

  • Kann es sein, dass Dein Körper diese Reaktion aus einem bestimmten Grund hervorruft? Was wäre dieser Grund? Versuche Dir für Dich 5 Möglichkeiten aufzuschreiben (wirklich schreiben) was Dein Körper Dir damit gutes wollen könnte. Wie gehts Dir mit diesen Möglichkeiten?

  • Zeichne ein Bild von Dir und Deiner Umgebung (in Deiner Art) wo Du normal bist, und zeichne ein zweites Bild wo Du rot geworden bist. Was unterscheidet diese Bilder (in der Darstellung von Dir? in Deinem Umfeld?)? Kannst Du mit den Unterschieden etwas anfangen?

  • Schreibe Dir auf, was geschehen müsste, damit Du trotz rot werden kein Problem hättest?

Die oben genannten Übungen solltest Du für Dich versuchen. Gib Dir Zeit, es geht nicht in einem Tag, es könnte aber sein - das Du speziell mit der ersten Übung bereits nach einer Woche eine Veränderung feststellst.

lg
-schoenf

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