Bismarck und seine 'pazifistische Rede'

Guten Abend,

dass Bismarck pazifistisch war, kann man ja wohl nicht gerade behaupten. Er soll aber so in den 1860ern eine durch und durch pazifistische Rede gehalten haben, „dass es doch schade ist um die vielen jungen Männer, dass es leidvolles Blutvergiessen ist, werd denkt an die Mütter der Soldaten“ u.ä. Habe ich vor einiger Zeit in einem Radiovortrag gehört. Mit googeln hab ich nichts gefunden.
Wer weiss da genaueres?

Danke
Laika

Hallo,

Bismarck war ganz bestimmt kein Pazifist. Aber war auch nicht unbedingt kriegslüstern.

Für ihn stellten sich die Dinge ganz einfach dar: Preußen und Deutschland warem über Jahrhunderte hinweg immer nur ein Spielball in der Hand anderer Mächte gewesen. Die alte Konstruktion des Kaiserreiches genau wie der Deutsche Bund waren nicht in der Lage, fremden Mächten irgendetwas Ernsthaftes entgegenzusetzen. Der 30jährige Krieg, die napoleonischen Kriege und andere Kämpfe hatten gezeigt, was Deutschland war: Ein Nichts. Und es konnte sich nicht mal wehren, als Frankreich immer größere Teile von Deutschland abschnitt - Elsaß und Lothringen z.B., waren seid ewigen Zeiten immer Teile des deutschen Kaiserreiches gewesen - bis Frankreich kam und kasierte.
Aber Bismarck waren auch zwei Dinge völlig klar: Mit Österreich war ein starkes deutsches Reich nicht zu machen Frankreich würde dabei auch keinesfalls zusehen.

Insofern waren Bismarcks Kriege von Anfang an geplante Maßnahmen, die er zur Sicherung Deutscjlands und damit Preußens für unbedingt nötig hielt.
Natürlich waren ihm die Opfer klar - er hielt sie einfach für unvermeidlich. Und er setzte ja auch sein ganzes diplomatischen Können ein, um diese Kriege begrenzt zu halten und den jeweiligen Gegener möglichst zu isolieren um so einen schnellen Sieg zu sicher. Und ganz ehrlich: Da war er echt genial dabei.
Ansonsten hielt er von Kriegen gar nichts. Nach 1871 hat er alles getan, um den Frieden vertraglich abzusichern, er hielt Deutschland nun für ausrechend groß und gefestigt. Und er war auch ein Gegener der Koloniealpolitik - da mußte ihm jeder Schritt in diese Richtung abgerungen werden. Nach seiner Meinung hatte deutsches militär außerhalb Deutschlands nichts verloren und in Afrika oder so schon gar nichts. Die großen Scheinereien wie die Ausrottung der Herero im damiligen Südwestafrika und die deutsche Beteiligung bei der Niederschlagung des Boxeraufstandes waren ja erst möglich, als Bismarck längst weg vom Fenster war und Wilhelm II sich so richtig austoben konnte.
Bismarck hat auch jede Einmischung in die ständigen Balkankonflikte abgelehnt mit den Worten : „Der ganze Balkan ist mir nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert.“

Bismarck wird leider sehr oft verkannt. Dabei hatte er eigentlich zeri außenpolitische Grundsätze, deren Einhaltung sichfür Deutschland bisher immer ausgezahlt hat: 1. Für Bismarck waren gute Beziehungen zu Rußland der Kernpunkt deutscher Außenpolitik überhaupt und 2. hat er Deutschland konsequent aus den kriegen und Streitigkeiten anderer Länder rausgehalten. Leider hat unsere derzeitige regierung gerade wieder mal beides vergessen - und das hat bisher immer irgendwann mit einer begingungslosen Kapitulation geendet.

Gernot Geyer

Bismarck als Vorreiter Hitlers?

Gernot, deine Antwort verdient einen Stern. Die
Sonnenseite Bismarcks hast du treffend beschrieben. Der
Kerl war tatsächlich genial.

Ich erlaube mir lediglich, hier anzumerken, dass er
(wie die meisten) auch Schattenseiten hatte: Es ist
unheimlich, wie Vieles er offenbar in Ansätzen tat, was
dann Hitler im Grossen übernahm …

Freundlich grüsst

Rolfus

??? Bismarck als Vorreiter Hitlers?
Hallo,

äh, ich bin nicht Kerner, der anderen verbietet, Vergleiche mit dem 3. Reich vorzunehmen, aber dieser hier…

Es ist
unheimlich, wie Vieles er offenbar in Ansätzen tat, was
dann Hitler im Grossen übernahm …

ist nun wirklich SEHR weit hergeholt bzw. schlicht weg daneben.

Eebenso wie Gernots letzter Absatz (wobei ich dem vorangegangenen durchaus zustimme).

Grüße und schönes WE, M

Arminius natürlich auch!
rr

Ja, gut, aber …
… was ist mit der konkreten Rede? Ich meine das ernst! Tenor des seinerzeitigen Kommentators: " Diese Rede von Bismarck hätte jedem Pazifisten alle Ehre gemacht!" Wann war sie? Auf alle Fälle vor 1870/71. Wie war der Wortlaut?

Gruss
Laika

Hier findest du Reden Bismarcks

Hier findest du Reden Bismarcks, Laika:

Bismarck and the „Polish Question“ (Otto v. Bismarck am
28.1.1886 über die „Polnische Frage“)

Klein, Tim.
Der Kanzler. Otto von Bismarck in seinen Briefen, Reden
und Erinnerungen, sowie in Berichten und Anekdoten
seiner Zeit. Mit geschichtlichen Verbindungen.
Ebenhausen/München, Langwiesche-Brand. 1919

Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, Historisch-
kritische Ausgabe besorgt von Horst Kohl, 12 Bände,
Stuttgart 1892 - 1894

Bismarck’s Speeches And Letters by Otto Bismarck and
Hermann Schoenfeld (Paperback - Jun 25, 2007)

The speeches of Count Bismarck in the Upper House and
the Chamber of Deputies of the Parliament on January
29, and February 13, 1869: In the debate on … between
the ex-King and the Crown of Prussia by Otto Bismarck
(Unknown Binding - 1869)

Deutsche Reden: Speeches by Bebel, Benningsen,
Bismarck, Blum, Bulow, Dahlmann, Moltke, Richter,
Schurz, William II by Rudolf Tombo (Hardcover - 1908)

Lend Me Your Ears: Great Speeches in History, Updated
and Expanded Edition by William Safire (Hardcover - Oct
30, 2004)

Freundlich grüsst

Rolfus

ist nun wirklich SEHR weit hergeholt bzw. schlicht weg
daneben.

Hallo,

ich denke auch, dass Bismarks Handeln in keiner Weise als Vorläufer für Hitlers Handeln herhalten kann.
Die Verehrung/Verklärung Bismarks durch die deutsche Bevölkerung kann aber sehr wohl als Vorläufer für den späteren Führerepos gelten. Man denke nur an die unzähligen Bismarkdenkmäler. (Auch) durch Bismark hat sich im deutschen Volk die Sehnsucht nach einem starken Mann festgesetzt, der sämtliche politische Verantwortung übernimmt.
Dafür konnte Bismark aber nichts. Seine aussenpolitischen Erfolge machen ihn zu einem Glanzpunkt deutscher Geschichte.

Grüsse

Jörg

Hallo,

ich denke auch, dass Bismarks Handeln in keiner Weise als
Vorläufer für Hitlers Handeln herhalten kann.

Man denke nur an Bismarcks Aussage, dass „Deutschland ein saturiertes Land ist, das keinen bedrohen will.“ Von sowas waren alle, die nach ihm kamen weit entfernt, Hitler sogar Lichtjahre.

Die Verehrung/Verklärung Bismarks durch die deutsche
Bevölkerung kann aber sehr wohl als Vorläufer für den späteren
Führerepos gelten. Man denke nur an die unzähligen
Bismarkdenkmäler.

Andere Völker haben auch ihre Heroen und Denkmale. Oder gibt es so viele Denkmäler für einen einzelnen „Volkshelden“ woanders nicht?

Dafür konnte Bismark aber nichts. Seine aussenpolitischen
Erfolge machen ihn zu einem Glanzpunkt deutscher Geschichte.

Zweifellos. Wenn er dann noch die deutsch-französische Annäherung wenigstens angedacht hätte, wäre Europa viel Leid erspart worden. Aber das lag wohl nicht in seinem Denken, in dem seiner Zeitgenossen schon gar nicht.

Gruss
Laika

Hallo,

Zweifellos. Wenn er dann noch die deutsch-französische
Annäherung wenigstens angedacht hätte, wäre Europa viel Leid
erspart worden. Aber das lag wohl nicht in seinem Denken, in
dem seiner Zeitgenossen schon gar nicht.

Daran gedacht hat er ganz bestimmt.
Aber zwischen frankreich und Deutschland lagen die Schützengräben von 1870/71 und der ewige Zankapfel Elaß/Lothringen.
Bismarck hätte recht gerne einen realen Ausgleich mit Frankreich gefunden - aber Frankreich wollte nicht. Man darf ja da eines nie vergessen: In den Köüfen der Franzosen spukte seid Ludwig XIV. und noch mehr seid Napoloeon der Gedanke von der Rheingrenze - das heißt, man wollte möglichst auf voller Länge den Rhein als Grenze gegenüber Deutschland. Von wegen „natürlicher Grenze“ und so.
Die westheinischen Gebiete wollte ja Napoleon III. von Bismarck für seine Neutralität im Preußisch-Österreichischen Kriege schon. Aber der olle Preuße war ein Spielverderber und hat abgelehnt. Genaugenommen war das der eigentliche französische Kriegsgrund 1870 - der Blödsinn mit der Beleidigung in Bad Ems war doch nur ein Vorwand.
Na und nach dem verlorenen Krieg wollte Frankreich erst recht Rache.

Gernot Geyer