'Bitte' - ein Schimpfwort?

Viele Eltern und Erzieher wollen Kinder dazu erziehen, immer „bitte“ zu sagen, falls sie jemanden um etwas bitten wollen.
Dabei scheint es, dass die Verwendung von „bitte“ heutzutage, wohl auch durch die penetrante Erziehung, einen deutlichen negativen Beigeschmack hat, und zwar aus dem folgenden Grund:

Dadurch, dass die Eltern den Kindern verklickern, sie müssen es IMMER DANN sprechen, wenn sie was wollen, hat das Wort für die Kinder die Eigenschaften eines Gebrauchswerkzeugs. Hierdurch kommt sich aber auch der Mensch, der mit dem „Zauberwort“ gebeten wird, eher als ein Objekt vor, das mit diesem Werkzeug zur Erfüllung des Wunsches gebracht wird. Beispiel: Im Gegensatz zum natürlichen kindlichen Wusch „Mir ist kalt, kannst du mal das Fenster zumachen“ betont „Mir
ist kalt. Kannst du BITTE das Fenster schließen“ eigentlich mehr das vom Gebetenen erwartete Handeln als das vom Bitter empfundene Bedürfnis. Der Gebetene ist mehr Befehlsempfänger als zuvorkommender Helfer. Das Argument „Nicht immer an sich selbst denken“ führt hier also zum Gegenteil des Beabsichtigten.
Aber auch von vornherein nicht gutmeinenden Bittstellern macht „bitte“ einen Strich durch die Rechnung: Wer extra oft und deutlich „bitte“ insb. in seine mündlichen Anfragen einbaut, nur um besonders höflich zu erscheinen und seine Erfolgschancen, den anderen lediglich ausnutzen zu können, zu maximieren, verrät sich meist dadurch.

Dass sich „bitte“ entgegen seiner Zweckbestimmung eher zu einer Befehlsform entwickelt hat, die das erwartete Handeln des Angesprochenen betont, zeigt sich nicht zuletzt auch an folgender Gebrauchspraxis: Nämlich, um dem Gebetenen den Vorwurf zu machen, dass er den Wunsch nicht erfüllen will (aber eigentlich erfüllen sollte): „Kannst du jetzt BITTE mal still sein, würden
Sie mir jetzt BITTE sagen“,…

Dann hat „Bitte“ als ein künstlich auferlegtes und nüchtern gebrauchtes Befehlsinstrument natürlich auch einen Distanz schaffenden Charakter: Eigentlich vertraute Gesprächspersonen, die streiten, flechten „bitte“ ein, um deutlich zu machen, dass der andere nicht mehr vertrauter Freund, sondern eher fremdes Objekt ist: „BITTE lass mich jetzt in Ruhe! Kannst du BITTE aus meinem Haus verschwinden!“.

Wer das nächste mal seine Kinder fragen will: „Und wie heißt das Zauberwort?“, sollte es sich also wirklich nochmal überlegen. Oder was meint ihr?

Gut argumentiert, FCKW, dafür ein Sternchen,
also das Wort BITTE begegnet mir relativ selten. Genauso bin ich gegen die Anrede „Sehr geehrter Herr“, wenn ich gegen jede Ehrung bin, wenn der Absender Geld von mir möchte, wenn er mir sogar Schaden zufügen möchte. Dann reicht nicht mal eine einfache Ehrung aus. Sie soll sogar intensiviert werden. Aber was hat ein Straftäter von einer intensiven Ehrung, wenn es heißt: „Sehr geehrter Herr, Sie sind verhaftet.“ Außerdem bin ich gegen die Floskel „Im Namen des Volkes“, wenn das Volk mit Gerichtsurteilen nichts zu tun haben will.

ich wusste gar nicht, dass einen sowas bewegen kann:smile:

kein wort im deutschen hat ausschliesslich eine bedeutung. es liegt immer ganz an der betonung. wenn ich das „bitte“ betone, ist es nicht so hoeflich. betone ich es nicht, dann ist es eher ein befehl oder eben unhoeflich. das trifft uebrigens auch fuer „danke“ zu.
es kann auch eine laesternende wirkung haben und auch eine bemitleidende…ganz eben wie die betonung ist.
viele woerter koennen positiv und negativ gebraucht werden.
auch „bitte“.
„Sie“(hoeflichkeitsform) ist auch nicht hoeflich, wenn man „Sie arschloch“ sagt.

bitte ist ein zauberwort. und zauberer koennen eben wunderliches tun, aber eben auch unangenehmes:smile:

ich hatte mal einen mitbewohner, dem ein bitte genausoviel wert war, wie ein „koenntest“, gepaart mit „eventuell“ und „wenn du denn so nett waerst“ +„vielleicht“…und selbst dann war es noch nicht sicher, ob er sich jetzt nicht beleidigt fuehlt.

und ich habe gehoert, dass das bei vw gaengige praxis ist…

unter schimpfwort verstehe ich aber was anderes:smile:

idiot, bloedmann,penner usw…das sind schimpfwoerter:smile:

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‚Ich darf Sie bitten…‘
Hallo,

ich weiß nicht mehr, welcher Film es war,
jedenfalls war er Schwarz-Weiß, mit
englischsrachigem Originalton und Deutschen
Untertiteln.
„Go away and stay away“ sagte der Mann zu einem
anderen.
„Ich darf Sie bitten zu gehen“ war der Untertitel
dazu.

Grüße
J.

„Go away and stay away“ sagte der Mann zu einem
anderen.

Hallo Jakob,
das erinnert mich an den Spruch eines Gastgebers an seine Gäste, die schon zu lange geblieben sind: „Geht mit Gott, aber geht!“
CF FJ

Hallo,
in Erziehungsfragen mische ich mich wegen erheblicher eigener Erziehungs-Defizite nicht ein, aber im übrigen halte ich, offenbar im Gegensatz zu einigen anderen hier, die höfliche Bitte, auch entsprechend sprachlich kenntlich gemacht, für einen außerordentlichen Fortschritt im gesellschaftlichen Verkehr der Menschen untereinander, im Vergleich zu den früher in allen möglichen Zusammenhängen: Schule, Familie, Fabrik, Büro usw. üblichen Befehlsformen.

Wenn ich am Bedienungstresen im Supermarkt stehe und gefragt werde: „Was kann ich für sie tun?“, achte ich darauf, dass ich nicht antworte: „Zweihundert Gramm Gouda!“, sondern „Zweihundert Gramm Gouda, bitte!“ (Wenn mehr als dreihundert Sorten ausliegen, antworte ich gelegentlich auch mit der Gegenfrage: "Was haben sie denn alles da?).

Einem Facharzt, der mich letzte Woche im Befehlston ansprach: „Setzen
sie sich mal da auf die Liege!“ habe ich entgegengehalten: „Geht das nicht ein wenig höflicher?“ (was aus Patientenmund zu hören ihn in offenkundiges Erstaunen versetzte).

Will sagen: Selbst da, wo ein eindeutiger Anspruch besteht, wie bei dem Käse-Käufer oder dem nach bestimmten Methoden behandelnden Arzt, signalisiert das „bitte“ dem Angesprochenen immer die prinzipiell zugebilligte Freiheit der eigenen Entscheidung und damit von Autonomie, die das Gegenmodell zur autoritären Gesellschaftsstruktur repräsentiert.

Grüße
Oranier

Einem Facharzt, der mich letzte Woche im Befehlston ansprach:
„Setzen
sie sich mal da auf die Liege!“ habe ich entgegengehalten:
„Geht das nicht ein wenig höflicher?“ (was aus Patientenmund
zu hören ihn in offenkundiges Erstaunen versetzte).

so, wie man in den wald hineinschreit, so schallt es heraus.

und wenn man bei einem fehlenden „bitte“ gleich garstig wird, hat man das „bitte“ auch nicht verdient.

ein bitte ist auch nicht noetig, wenn das verhaeltnis zwischen den personen stimmt. aber wenn ein „bitte“ das einzige ist, was die beziehung erhaelt ist es traurig.

und wenn man statt einem „bitte“ eine erklaerung anhaengt, ist ein bitte auch zweitrangig.

es ist eine traurige gesellschaft, die mehr auf einzelne worte achtet, anstatt den menschen und den ton.

wenn jemand fragt: hilfst du mir mal? dann tue ich das, wenn ich kann…

Will sagen: Selbst da, wo ein eindeutiger Anspruch besteht,
wie bei dem Käse-Käufer oder dem nach bestimmten Methoden
behandelnden Arzt, signalisiert das „bitte“ dem Angesprochenen
immer die prinzipiell zugebilligte Freiheit der eigenen
Entscheidung und damit von Autonomie, die das Gegenmodell zur
autoritären Gesellschaftsstruktur repräsentiert.

Grüße
Oranier

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Einem Facharzt, der mich letzte Woche im Befehlston ansprach:
„Setzen
sie sich mal da auf die Liege!“ habe ich entgegengehalten:
„Geht das nicht ein wenig höflicher?“ (was aus Patientenmund
zu hören ihn in offenkundiges Erstaunen versetzte).

so, wie man in den wald hineinschreit, so schallt es heraus.

Nicht unbedingt. In diesem Fall jedenfalls hat mein Wald nicht so barsch zurückgeschallt, wie er hineingeschrien hat.

und wenn man bei einem fehlenden „bitte“ gleich garstig wird,
hat man das „bitte“ auch nicht verdient.

Das sehe ich dann auch so, deswegen bin ich auch nicht garstig geworden, sondern höflich geblieben.

ein bitte ist auch nicht noetig, wenn das verhaeltnis zwischen
den personen stimmt. aber wenn ein „bitte“ das einzige ist,
was die beziehung erhaelt ist es traurig.

ebenso.

und wenn man statt einem „bitte“ eine erklaerung anhaengt, ist
ein bitte auch zweitrangig.

Das verstehe ich hier nicht so recht.

es ist eine traurige gesellschaft, die mehr auf einzelne worte
achtet, anstatt den menschen und den ton.

Du baust hier leider einen Gegensatz auf, dem ich so nicht widersprochen habe. Ich dachte, es gehe in der Diskussion um das grundsätzliche Für und Wider des Wörtchens „bitte“, in dieser Dimension sind meine Argumente gemeint, und darauf gehst du leider nicht ein.

Dass es im konkreten Umgang mehr noch als um dieses eine Wörtchen auf andere Aspekte ankommt, das ist doch völlig klar und unwidersprochen.

wenn jemand fragt: hilfst du mir mal? dann tue ich das, wenn
ich kann…

Natürlich, ich auch, und wenn er das freundlich im bittenden Ton tut, eher, als wenn er das im barschen Ton mit „bitte“ sagt, das ist doch klar.

Grüße
Oranier

Hallo FcW, (das ist (bitte) eine Anrede),

Du unterschätzt die Fähigkeit von Kindern mit der Sprache umgehen zu können.
Wenn der Umgang mit dem Wort ‚bitte‘ natürlich eine Dressurnummer wird, kann man sie sich schenken, man muß den Kindern natürlich auch mitgeben, welchen Sinn diese Floskel hat.
Dazu gehört es natürlich auch, als Erziehender die Kinder zu bitten, wenn man etwas von ihnen möchte; aus eine Art, daß der Sinn des Wortes nicht persifliert wird.
Das ist sicher mühsam, aber es lohnt sich.

Bezeichnenderweise haben genau die Leute Kinder, die nicht bitte und danke sagen (können) die selber diese Worte nicht herausbringen.
Wie man in den Wald…

Nur so meine Meinung.

Gandalf