'bitterlich weinen'

… habe ich bisher

  • ja und hallo! -
    in Märchen und Bibelübersetzungen vermutet und ansonsten eher für obsolet gehalten. Aber nachdem ich heute morgen im (Deutschland-)Radio gehört habe, eine Athletin habe „bittere Tränen“ (immerhin nicht „Zähren“) vergossen, wüsste ich doch ganz gern, warum man „bitterlich“ weint. Weiß es jemand?
    GRIMMs bieten Belegstellen, aber keine Erkärung.
    Gruß!
    Hannes

Hallo, Hannes,

wüsste ich doch
ganz gern, warum man „bitterlich“ weint.

aus dem Wörterbuch der Altmärkisch-plattdeutschen Mundart
http://books.google.de/books?id=Y6UFAAAAQAAJ&printse… :

bitter, bitterlich hat neben der gewöhnlichen Bedeutung … noch eine eigenthümliche, indem dies Wort gleichsam einen verstärkten Superlativ ausdrückt …“

Und Adelung:

„…Mit der Empfindung eines lebhaften Schmerzens“
http://www.zeno.org/Adelung-1793/K/adelung-1793-01-1039

Gruß
Kreszenz

Servus, Hannes,

zusätzlich zu Kreszenz’ Anmerkungen:

Schon Shakespeare sagt: And for these bitter tears, which now you see…

und meint da natürlich auch die Version „schmerzlich“ für bitter.

Interessant finde ich, dass das Wort „bitter“ etymologisch mit beißen zusammenhängt.
Vielleicht kommt auch daher schon sehr früh die übertragene Bedeutung von schmerzlich?!

LG.j.

Interessant finde ich, dass das Wort „bitter“ etymologisch mit
beißen zusammenhängt.
Vielleicht kommt auch daher schon sehr früh die übertragene
Bedeutung von schmerzlich?!

Hallo, Jenny,
und danke für den Hinweis!
Ja, Wörter sind durch den Gebrauch abgeschliffen wie alte Münzen. Mit dem Adverb „sehr“ z. B. ist es genauso. Es hängt mit „versehren“ zusammen, und das mhd „sere wund“ bedeutet „schwer verletzt, todwund“.
Gruß!
Hannes

Hallo Hannes
„bitterlich weinen“ entstammt einem fast verflossenen Sprachschatz.
Es war die Art zu weinen, wenn die Herzen der Zuhörer erweicht werden sollten.
Der Begriff „bitter, bitterlich“ hatte im Zeitalter der Romantik noch eine fast mehrfache Bedeutung.
Je nach Kontext konnte der Begriff sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.
Dagegen ist unsere Sprache heute sehr verarmt.
„bittere Einöde“; ausgeprägte Einöde (nur schlecht zu ertragende…)
Er liebt die „bittere“ Einöde; will allein sein
„bittere“ Worte hören; keine verbindlichen, sondern unangenehme…
„bittere Vorwürfe“ machen; unangenehme, den Kern betreffende…
„zum bitteren Gedenken“; schmerzhafte Erinnerungen
Zucker in de. „bitteren“ Zeit; schlechte (entbehrungsreiche) Zeit versüßen
„weine und faste bitterlich“; schlechte Zeit durchleben
„Bitternis“ armselige, schwierige Verhältnisse

„Bitterknecht“; zur Hochzeit ladender (Hochzeitslader)
„Leichenbittermine“ dem schlimmen Ereignis angepasste Gesichtszüge

Letzteres war teilweise der „bittenden“ Funktion entlehnt
hatte aber auch eine Doppelfunktion (sicherlich bei „Leichenbitter“).

Die Sprache dieser fast verflossenen Zeit wurde aus meiner Sicht sehr schön in Jean Paul’s (Johann Paul Richter) Werken festgehalten.
Dagegen ähnelt unsere heutige Sprache eher derjenigen, welche aus Platzmangel für die beliebten Komik-Heftchen verwendet wird.

deadjektivische Adverbien auf ‚-lich‘
Hallo Hannes,

Aber nachdem ich heute morgen im
(Deutschland-)Radio gehört habe, eine Athletin habe „bittere
Tränen“ (immerhin nicht „Zähren“) vergossen, wüsste ich doch
ganz gern, warum man „bitterlich“ weint.

bei deinem Beispiel ist interessant, dass man im Deutschen zwar sagt, sie/er habe bittere Tränen vergossen bzw. sie/er habe bitterlich geweint, aber nicht sagt, sie/er habe *bitterliche Tränen vergossen bzw. sie/er habe *bitter geweint.

Tickt das Deutsche an dieser Stelle so wie das Neuenglische, sodass es das Suffix ~lich hier entsprechend ~ly im Englischen benutzt, um ein Adverb aus einem Adjektiv abzuleiten?

Warum reicht es im Deutschen ausgerechnet beim Wort bitter nicht, das Adverb per Null-Morphem aus dem entsprechenden Adjektiv abzuleiten?
http://www.canoo.net/services/WordformationRules/Der…

Wahrscheinlich könnte man in folgender Arbeit weitere Belege finden, wie es überhaupt dazu kam, dass man sich im Englischen irgendwann einmal darauf verständigte, Adjektive und Adverbien in alller Regel mittels Suffix ~ly explizit voneinander zu unterscheiden, wöhrend dies im Deutschen in aller Regel bis heute als überflüssig betrachtet wird und die Derivation über Null-Morphem erfolgt.
http://www.ingentaconnect.com/content/jbp/dia/2001/0…

Fallen vielleicht dir oder anderen hier noch weitere Beispiele ein, bei denen ein deutsches Adverb über Suffigierung mittels ~lich aus einem entsprechenden Adjektiv abgeleitet werden?

Gruß Gernot

Hallo, Gernot,

Fallen vielleicht dir oder anderen hier noch weitere Beispiele
ein, bei denen ein deutsches Adverb über Suffigierung mittels
~lich aus einem entsprechenden Adjektiv
abgeleitet werden?

Adelung schreibt zur Silbe -lich:

III. 2. Hat diese Sylbe auch die Kraft, Nebenwörter aus Beywörtern zu bilden, und zwar solche, welche als eine Figur der vorigen Bedeutung, eigentlich eine Art und Weise bedeuten, aber hernach auch sehr häufig für die adverbische Form des Beywortes selbst gebraucht werden. Klärlich, auf eine klare Art, und hernach auch klar, d.i. deutlich, selbst. So auch höchlich, gütlich, sichtbarlich, bitterlich weinen, treulich, gänzlich, erstlich, wahrlich, säuberlich, sicherlich, mißlich, freylich, kühnlich, leichtlich, schwerlich u.s.f. Wo denn dieses lich zuweilen auch solchen Beywörtern angehänget wird, welche vermittelst der Endungen ig, bar, sam und haft zu Beywörtern gebildet worden; gleichfalls in der Absicht, Nebenwörter daraus zu bilden. Ewiglich, inniglich, gnädiglich, listiglich, gehorsamlich, dankbarlich, sichtbarlich u.s.f. Im Hochdeutschen sind diese Nebenwörter größten Theils veraltet, wenigstens in der edlern Schreibart, weil man dafür lieber das Beywort in der adverbischen Form selbst gebraucht; ewig, gnädig, listig, u.s.f.
http://www.zeno.org/Adelung-1793/A/-Lich

Gruß
Kreszenz