selbstverstärkende Rückkopplung
Hi,
sicherlich ist das alles richtig, was dir bereits geantwortet wurde über die kulturabhängige „erlaubte“ Dauer von Blickkontakten. Auch, daß es unterschiedliche Gewohnheiten des Blickes in die Augen gibt beim Zuhören und beim Ansprechen.
Es scheint mir aber nicht das Problem zu treffen, das dich bewegt und zu schildern versucht hast…
ich habe schon lange Zeit ein Problem und ich glaube dass es
andere nicht haben.
Im Gegenteil, es ist sehr bekannt, allerdings für die meisten, die es als unangenehm erleben, schwer exakt zu beschreiben, was du auch an deinem Posting siehst. Ich weiß daher auch nicht, ob es in der Fachliteratur Erwähnung gefunden hat. Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, ist eine verwandte Erscheinung von Robert Musil, einem der sensibelsten Beobachter und subtilsten sprachlichen Darsteller menschlicher Regungen in der Literaturgeschichte, einmal beschrieben worden …
Was hier passiert, ist eine sich selbst verstärkende Resonanz des sich selbst beobachtenden Gedankenganges. Es hat eine strukturelle Analogie sowohl im Gebiet der Mathematik (für den Interessierten: „Fixpunktsatz“, „rekursive Funktionen“, „Chaostheorie“) als auch im Bereich der Technik, die dafür den Ausdruck „Rückkopplung“ hat: Wenn du ein Mikrophon auf einen Lautsprecher richtest, der den aktuellen Input des Mikrophons wiedergibt, dann bekommst du eine solche Rückkopplung (Jeder kennt diese schrillen ggf. immer lauter werdenden Töne bei der Einstellung der Tonanlage vor einem Rockkonzert).
Oder wenn du eine Kamera auf einen Monitor richtest, der das Bild der Kamera wiedergibt …
Was in deinem Beispiel passiert (falls ich dein Anliegen verstanden habe), ist Folgendes: Du fokussierst im Gespräch (zunächst kurzzeitig) nicht auf den Inhalt des von dir Gehörten (ganz symmetrisch geht es mit dem von dir Gesprochenen, aber das lassen wir grad mal weg, sonst wird es zu kompliziert), sondern auf die Tatsache, daß du hörst. Dabei verschwindet der Inhalt des Gehörten an den Rand der Aufmerksamkeit.
Zusätzlich wird dich der Andere beim Sprechen auch ansehen. Du wirst bemerken, daß du das entstehende Problem nicht hast, wenn der Andere seinerseits dich nicht ansieht, während er spricht, richtig?
Da du nun deinerseits siehst, daß der Andere dich ansieht, wird dein Gedankengang in einen Zirkel eingefangen und dein gleichzeitig stattfindender innerer Dialog wird etwa so aussehen: „du sieht, daß ich dich ansehe und dein Denkinhalt wird also sein, daß ich dich ansehe. Du wirst dadurch meinen Denkinhalt erkennen, der allein darin besteht, daß ich denke, daß du mich mich ansiehst. Das wiederum erkenne ich in deinem Blick (in diesem Augenblick wirst du nicht daran zweifeln), daß du das erkennst, und das wirst du bemerken. Und folglich wirst auch du in meinem Blick erkennen, daß ich sehe, daß du siehst, daß ich sehe, daß du siehst … ad infinitum“.
So ähnlich schreibst du ja auch:
Manchmal wirkt der Gesprächspartner dann wie ein Spiegel, er
verhält sich auch so aber nur bei mir. Ich traue mich nicht in
die Augen zu sehen weil es dann häufig so ist dass ich
demjenigen in die Augen starre, bzw. den Blick nicht loslassen
kann, was dann wieder irritierend wirkt. Zu dem denke ich dann
auch, was der oder die von mir denkt.
So ist es. In diesem Zirkel verfangen sich nun die Blicke, bzw. verfängt sich der eigene Blick mit seinem vermeintlichen Ausdruck in den Blick des anderen mit dessen vermeintlichem Ausdruck: Die Blicke intensivieren sich selbst UND gegenseitig - vor allem, weil der andere eben dieses dann spätestens tatsächlich ebenfalls bemerkt. Der „Flow“ des Gesprächs wird stocken und gegenseitige Irritation bleibt übrig. Zumindest fürchtet das der, der diese Rückkopplung zuerst bemerkt …
So etwa auch die Zusammenfassung der Schilderung von Menschen, die dieses Phänomen erleben. Auch in anderem Gewand ist es bekannt, etwa wenn einem Gesprächspartner plötzlich bewußt wird, wie interessant doch dieses gerade stattfindende Gespräch ist und er nun seinen Gedanken darauf fokussiert, ob er es dem Anderen sagen wird oder nicht, oder daran denkt, OB der Andere es ebenfalls bemerkt, oder ob der Andere bemerkt, daß man selbst es bemerkt usw. usw. (und damit den Flow des Gespräches unterbricht). Der "Gesichts"ausdruck wird sich verändern und er kann ggf. erleben, zu hören: „Was ist mit dir? Hörst du mir noch zu?“
Eine weitere Verstärkung besteht nun darin, daß man wiederum die Tatsache, daß man diese Irritation bei Gesprächen erlebt, in den Brennpunkt seiner Selbstbeobachtung beim Gespräch verlegt. So entsteht ein zweiter Rückkopplungskreis, der den ersten antreibt: Es wird zum einzigen Gedankeninhalt bei jedem Gespräch.
Ich frage mich woher das kommt und was ich
tun kann da es lästig ist und mich sehr stört. Vielleicht hört
es sich komisch an aber ich versuche es zu erkären.
Was du tun kannst: Trainiere dich darauf, einzig und allein den ausgetauschten Gesprächinhalt in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen. D.h. entwickle Interesse allein am Gehörten (und auch am eigenen Gesprochenen). Die Rückbesinnung auf die Tatsache, daß man im Gespräch ist (das hätte die Analogie in einem Automaten, dessen Output wieder im nächsten Schritt sein Input wird), kann man bewußt ignorieren, wenn man durchschaut hat, wie diese Selbstaufschaukelung funktioniert.
Vermeiden kann man diese Rückbesinnung nämlich nicht. Wenn du wo auch immer bist, siehst du nicht nur, was du siehst, sondern hast auch eine Bewußtsein davon, daß du dort bist (sonst würdest du die Orientierung verlieren). Wenn du konzentriert in einem spannenden Krimi eingefangen bist, wird dir zwischendurch immer mal wieder bewußt, daß du einen spannenden Krimi siehst, und daß du das genießt. In diesem Augenblick bist du „raus“. Aber du kannst dich wieder hineinversenken. Es kommt nicht selten vor, daß es Menschen eine ganze Zeit lang nicht gelingt, aus dieser Selbstreflektion der Situation herauszukommen … meist verleirt sich das von allein irgendwann.
Ist das ungefähr das, was du meintest?
Gruß
Metapher