Bock haben

Hi,

ich habe neulich in einem Artikel über den Bittbrief eines deutschen Sinto von 1838 an die Regierung zu Arnsberg (der sich selbst allerdings nicht Sinto, sondern Romitschel nennt, da sich der Begriff Sinto erst später eingebürgert hat…) gelesen, dass die umgangssprachliche Redewendung „Bock auf etwas haben“ aus dem Romanes abgeleitet sei.

„Haßler war in Deutsch und in Romanes zu Hause, er war zweisprachig. Sein Wort vom „Hunger“, den er leide, ist im Romanes bok und der heutigen Umgangssprache nicht fremd: „Bock auf etwas haben“ leitet sich wortgeschichtlich davon ab.“

Ich fand das sehr interessant, es fällt mir aber schwer, das zu glauben, denn ich sehe nicht, dass die Jugendsprache der 70er/80er Jahre so viele Berührungspunkte mit dem Romanes gehabt haben sollte.
Kann mir jemand diese Aussage bestätigen?

Vielen Dank und herzliche Grüße
Burkhard

Servus, Burkhard,

„Bokh“ bedeutet in Romani (oder Romanes) „Hunger“.

Möglicherweise kommt die Ableitung daher - Beweis habe ich dafür aber keinen. „Hunger auf etwas haben“

LG.jenny

ein Beleg:
Servus,

Zitat:

_Wendung mit der gleichen Bedeutung: zu / auf etw. keine Lust haben

Bedeutung: etw. gut /nicht gut finden,

Übersetzung ins Tschechische: nemít na něco chuť = keine Lust auf etw. haben

rein semantische Äquivalenz: Im Tschechischen gibt es nicht die gleiche phraseologische Wendung wie
im Deutschen

Etymologie: Fußt auf zigeunerisch , bokh“ = Hunger.[46]_

Zitat Ende.
Aus:http://is.muni.cz/th/201760/pedf_b/Bc_prace_-_hotova…

Ich bin aber auch schon auf andere Erklärungen gestoßen.

Immerhin halte ich diese Etymologie für durchaus möglich.

Lieben Gruß, jenny

Hi Jenny,

vielen Dank für die prompte und kompetente Antwort!
Dein Posting würde die Aussage des Autoren stützen. Vielleicht kommt der Ausdruck also tatsächlich daher. Merkwürdig ist für mich nur, dass aus meiner Erinnerung der Ausdruck „Bock haben“ irgendwann in den 70er/80er Jahren in der „Jugendsprache“ aufgetaucht ist und ich mir nur schwer vorstellen kann, welchen Weg der Romanes-Begriff genommen haben soll. So viele Berührungspunkte gab es meines Erachtens ja nicht zwischen der Jugendszene und den Roma oder Sinti. Das ist ja anders als zur Zeit des Rotwelschen, wo sich Fahrende immer wieder getroffen und vermutlich ausgetauscht haben, deshalb sich auch Begriffe aus dem jiddischen, dem Romanes und andere vermischt haben.

Schöne Grüße
Burkhard

Servus, nochmal:smile:

Merkwürdig ist für
mich nur, dass aus meiner Erinnerung der Ausdruck „Bock haben“
irgendwann in den 70er/80er Jahren in der „Jugendsprache“
aufgetaucht ist und ich mir nur schwer vorstellen kann,
welchen Weg der Romanes-Begriff genommen haben soll.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Ausdruck durchaus auch ohne Rotwelsch seinen Weg in das Deutsche (bzw. die Jugendsprache) gefunden haben kann, wenn er denn tatsächlich aus dem Romani kommt.

Die 70/80 Jahre waren die Zeit, in denen man sich erstmals „politisch korrekt“ mit Minderheiten, deren Sprachen und Kultur beschäftigt hat.

Ich erinnere mich gut an Zeiten in der Wiener Arena in den Siebzigern, wo viele von uns sich wohl das erste Mal mit echter „Zigeunermusik“ beschäftigt haben.

So viele
Berührungspunkte gab es meines Erachtens ja nicht zwischen der
Jugendszene und den Roma oder Sinti.

Nein, aber es wurden in der und seit der Zeit immer mehr…*lächel*

„Si tuka bokh?“ heißt „hast du Hunger?“…da muss nur einmal einer spaßeshalber am Feuer beim Grillen geantwortet: „nein, ich habe keinen Bokh“.

Ich glaube tatsächlich, dass das in der Jugendsprache - damals und auch heute - so schnell gehen kann.

Lieben Gruß, jenny

Hi,

ja, vielleicht hast Du recht. Es war mir schon immer ein Rätsel, wie, warum und durch wen sich Begriffe in den Slang eingebürgert haben. Wer hat bei so etwas Definitionsmacht und wie verbreiten sich sprachliche Ausdrücke oder durch was verschwinden manche und andere halten sich lange? Sehr spannend!

Nochmal vielen Dank und herzliche Grüße
Burkhard

hi,

ich habe neulich in einem Artikel über den Bittbrief eines
deutschen Sinto von 1838 an die Regierung zu Arnsberg (der
sich selbst allerdings nicht Sinto, sondern Romitschel nennt,
da sich der Begriff Sinto erst später eingebürgert hat…)
gelesen, dass die umgangssprachliche Redewendung „Bock auf
etwas haben“ aus dem Romanes abgeleitet sei.

„Haßler war in Deutsch und in Romanes zu Hause, er war
zweisprachig. Sein Wort vom „Hunger“, den er leide, ist im
Romanes bok und der heutigen Umgangssprache nicht
fremd: „Bock auf etwas haben“ leitet sich wortgeschichtlich
davon ab.“

Ich fand das sehr interessant, es fällt mir aber schwer, das
zu glauben, denn ich sehe nicht, dass die Jugendsprache der
70er/80er Jahre so viele Berührungspunkte mit dem Romanes
gehabt haben sollte.
Kann mir jemand diese Aussage bestätigen?

ich glaube nicht, dass die redewendung direkt vom romanes in die jugendsprache (besser: heutige umgangssprache) gekommen ist. da waren wahrscheinlich noch sprachliche „zwischenwirte“ beteiligt. gaunersprache, rotwelsch, …

dass die redewendung überlebt hat, verdankt sie auch diversen anderen assoziationen, die sie ermöglicht: „geiler bock“, bocksprünge, …

m.

gelesen, dass die umgangssprachliche Redewendung „Bock auf
etwas haben“ aus dem Romanes abgeleitet sei.

Hallo, Burckhard & alii!
Meine Rotwelschbibel
Wolf, Siegmund A.: Deutsche Gaunersprache. Wörterbuch des Rotwelschen. Hamburg (Buske) 1993;
ISBN 3-87118-736-4 Buch anschauen.
bietet dazu (immer mit Belegstellen).
Bock: f.[!] Hunger; mit Varianten: bokh (f., als „Zig“[eunersprache] angegeben; auch: Boggelo, Bogelo, Bogalo.
Dort weiter:
bokelo, bakalo, bockelig, bogelich, bockkig u. a. bedeuten hungrig.
„‚bucklig‘=krumm und ‚bücken‘ geht auch wieder auf die Wurzel Bock zurück“.

Die im Bairischen sprichwörtliche „buglade Vowandtschaft“ [bucklige Verwandtschaft, im Sinn von Mischpoke] ist also nicht bucklig, weil sie aus krummrückigen Bauern und Handwerkern besteht, sondern weil sie arm ist und Hunger hat.

Schönen Gruß!
Hannes

a bisserl ot
Servus, Du:smile:

bin ich aber froh, dass ich diesmal nicht mit dir disputieren muss…*anlach*…ausnahmsweise ist die Gefahr „gebannt“.

Aber im Ernst: wärest du auf die Idee gekommen, dass „Bock haben“ aus der Ecke kommt, ohne Burkhards Hinweis?

Wie immer: spannend!

Auf weitere schöne „Streitgespräche“:smile:
jenny

„‚bucklig‘=krumm und ‚bücken‘ geht auch wieder auf die Wurzel
Bock zurück“.

Das gilt nicht allgemein, sondern bezieht sich auf einen dort zitierten Satz:
„Der ist krumm, wenn er sich bückt“ im Sinn von „der ist geizig, gibt nicht viel“,
erklärt als: „1955 berl.[inerisch] mdl. [mundartlich] ist nach dem mißverstandenen bockelig gebildet, denn ‚bucklig=krumm‘ und ‚bücken‘ gehen wieder auf die Wurzel Bock zurück, so daß eine typische berl. Tautologie vorliegt“.
Sorry für die verkürzte Erklärung!
Aber an der buckligen Verwandtschaft ändert das ja nichts.
Hannes

Aber im Ernst: wärest du auf die Idee gekommen, dass „Bock
haben“ aus der Ecke kommt, ohne Burkhards Hinweis?

Nie im Leben, Jenny!
Hannes

Hi,

das ist ja superspannend! Vielen herzlichen Dank für diesen Hinweis!
Man lernt halt auch im Alter nie aus…

Herzliche Grüße
Burkhard

Hi,

da waren wahrscheinlich noch sprachliche „zwischenwirte“
beteiligt. gaunersprache, rotwelsch, …

Das denke ich auch, denn wer hat schon Ahnung vom Romanes bei uns. Das ist sicher nur eine Minderheit.

Schöne Grüße
Burkhard