Boig Jurista

Hallo an Alle,

wer weiß, was das in alten Universitätsmatrikeln immer wieder auftauchende boig bzw. bogus/bojus genau bedeutet und in welchen Wendungen es benutzt wird?

Mir sind bislang geläufig: boig jurista und bojus theologis .

Danke im Voraus,

Clarissa

Nachfrage
Hallo Clarissa,

wer weiß, was das in alten Universitätsmatrikeln immer wieder
auftauchende boig bzw. bogus/bojus
genau bedeutet und in welchen Wendungen es benutzt wird?

Mir sind bislang geläufig: boig jurista und
bojus theologis .

Darf ich fragen wie sich diese Universitätsmatrikel darstellen? Sind die gedruckt und Du schaust sie Dir an? Beruhen die auf handschriftlichen Grundlagen oder frühen Drucken? Hast Du einen modernen Abdruck von einer viel älteren Matrikel ?

Vielleicht könntest Du in etwa eine Zeit und einen Ort für die beiden Beispiele angeben ?

Für mich klingt das nach einer Abkürzung. Da allerdings bog bei mir keine bekannte Abkürzung ist, könnte es sein, dass das -g falsch gelesen wurde (altes -z oder tiefergestellte 3 bspw. als abgekürztes -orum etc.).

Liebe Grüsse
Y.-

Hallo, natürlich darfst Du :wink:

Darf ich fragen wie sich diese Universitätsmatrikel
darstellen?

Es sind Matrikelbücher, in die die Immatrikulationen der Studenten von Hand eingetragen werden. Meist in einer Zeile und nach dem Schema „Name, Vorname, Herkunftsort, Studienfach“.

Vielleicht könntest Du in etwa eine Zeit und einen Ort für die
beiden Beispiele angeben ?

Diese Beispiele habe ich schon öfter gelesen, in handschriftlichen Büchern aus dem 15.-18. Jdht. Die Sprache dieser Eintragungen ist übrigens meist lateinisch, aber ich habe in keinem meiner Lexika etwas Passendes gefunden.
Was die Orthographie betrifft: Bei boig bin ich mir sicher, was bogus/bojus betrifft, würde ich behaupten, beide Schreibweisen gesehen zu haben, was aber auch nicht ungewöhnlich wäre.

Liebe Grüße.
Clarissa

Hallo, Clarissa!

Mir sind bislang geläufig: boig jurista und
bojus theologis .

Hier scheinen es Titel zu sein:

De Platonismo, uti vocant, SS. Ecclesiae Patrum recentiore, dissertatio, quam una cum selectis ex ecclesiastica quatuor primorum saeculorum historia ac disciplina positionibus publico examini subiecerunt RR. ac doctiss. DD. Matthias Wendlinger, Ueberseensis, Bojus , Jos. Ramstaedter, Burghusianus, Bojus , ex Instituto Clericorum in commune viventium, SS. Theolog. juris eccles. et historiae studiosi, Salisburgi, 1774;

aus: http://www.bautz.de/bbkl/s/s1/schwarzhuber_s.shtml

Mir schwebt ein „bojus“, auch Boi(i)us, Plural Boi(i), aus dem Lateinischen vor, das „Böhmer“, also Bewohner Böhmens wäre.

Dann hieße der Vermerk: aus dem Böhmerland.

Ob das passt?

Gruß Fritz

g = us
Hallo, Clarissa!

Ich vergaß zu erwähnen, dass das Zeichen, das du als „g“ liest, ein Schreiberkürzel für die Endung „-us“ sein könnte, das mir im ma HHs zu tausendenmalen begegnete.

Ich würde das gern mal selber sehen. Kannst du einen screenshot oder ein Bild zeigen?

Gruß Fritz

Leider nein… Mittellateinische Abkürzungen
Hallo ihr beiden,

ich finde Deine Idee für „Boiius“ nicht schlecht und ziemlich überzeugend, da es a) die Varianten boius vs boig erklärt und b) die beiden Fachbezeichnungen erklärt (allerdings weniger die Fallunterschiede).

Ich andererseits habe mir ständig überlegt, welche Abkürzungen für bachalaureus gängig waren und bin dann mit dem Capelli Abkürzungsverzeichnis schliesslich bei Ortsnamen angekommen, wo allerdings auch nichts Passendes dabei war.

Nicht einverstanden allerdings bin ich damit die ominöse Abkürzung für -us als g zu lesen.

Für Abkürzungen in mittelalterlichen Handschriften oder Inkunabeln (die selbst meist auch wieder auf Handschriften zurückgehen) gilt grundsätzlich: es gibt Regeln… und die werden oft gebrochen werden. Diese Variationen können entweder lokal bedingt sein (weil ein Scribe aus Italien nicht gleich schreibt, wie ein Scribe aus England) oder aber persönlich sein. (Innerhalb einer HS findet sich dann allerdings meist keine Variante mehr. Im Falle von Chartularien hilft das nicht weils hier zuviele Hände gibt.)

Die am meisten verbreiteten Abkürzungen als kleiner Auswahlstrauss sind:

9 (die Zahl neun) auch genannt "tironische Neun"

3 (die Zahl drei)

2 (die Zahl zwei)

Unser Beispiel könnte also durchaus als eine tironische Neun durchgehen, da ich weder je eine finale 3 als -us durchgehen. Es ist allerdings immer schwer so etwas beurteilen zu wollen, wenn man a) den Text nicht vor sich hat und b) es sich um schnell hingeschriebene Unterschriften o. Ä. handelt.

Vielleicht kann Clarissa aber anhand der paar visuellen Beispiele ja entscheiden ?

Sollte noch jemand Interesse an mehr Informationen und Varianten haben, empfehle ich Lexikon Abbreviaturarum, Dizionario di Abbreviature latine ed italiane von A. Capelli, Sechste Ausgabe, 1990, ab Seite XXXI.

Liebe Grüsse aus dem Skriptorium…
Y.-

PS: Für die Neugierigen unter Euch, bei den Ausschnitten handelt es sich um Manuskripte eines Textes von Albertus Magnus, dem De intellectu et intelligibili.

6 „Gefällt mir“

Hallo Clarissa,

die Deutung als „Boius“ scheint mir die passendste. Allerdings stellst Du Deine Frage hier in der Mittelalter-Abteilung. Zu dieser Zeit werden die Studenten in „Nationes“ eingeteilt, also grobe Herkunftsbezeichnungen, die aus heutiger Sicht wirklich sehr grob sein können. Deren Interesse wurden durch die Procuratores vertreten, deshalb war die Herkunft wichtig, meist stand auch noch die Diözese dabei. Ob das 1774 auch noch so ist, läßt sich generell schwer sagen. Um welche Matrikel geht es denn? (evtl. sind bei den „Böhmen“ dann auch noch die Polen dabei…)

Heinrich

Hallo Heinrich,

nun, ich weiss nur wie sich das in Paris abspielte: da signierte man im Buch der jeweiligen Nation, mit dem Zusatz der genaueren Herkunft.

Also bspw. im Buch der Picardischen Nation stünde da Sigerus de Brabantia etc.

Fällt Dir grad eine Einführung oder ein Artikel für die Nationen an späteren deutschen Unis ein ?
Das meiste meiner Forschungsliteratur zur Universitätsgeschichte ist mit Schwerpunkt auf Paris und Oxford.

Danke im Voraus

Grüsse
Y.-

Hallo Yeseult,
einen Titel habe ich gerade nicht im Kopf, da muß ich erst nachsehen, das kann etwas dauern weil meine Arbeiten schon länger her sind. Gustav Knod hat mal über die Bologneser „deutschen“ Studenten gearbeitet. Das meiste ist da natürlich auf Italienisch…

Grüße
Heinrich

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Hallo Heinrich,

danke schonmal für diesen Hinweis. Es macht gar nichts, wenns etwas dauert. Schick mir einfach eine Mail.
Wenn Du irgendwann mal Zeit hast, dann wäre ich dankbar für jeden Hinweis über die Nationenorganisation an deutschen (oder anderen) Unis im MA.

Das Thema betrifft mich jetzt nicht unmittelbar (zumindest nicht im Moment), aber es wäre schön, wenn ich meine Bibliographie dazu etwas erweitern und abrunden könnte.

Danke Dir.

Y.-