Borderline-artige Reaktion verstehen?

Hallo Leute,

eine Freundin von mir ist alkoholabhängig, ich kümmere mich um sie, weil ich sie gerne habe, als Menschen schätze und nicht möchte, daß sie untergeht. Sie neigt zu Reaktionen, die aus Sicht „normal funktionierender“ Menschen schlicht unverständlich sind, sie schwankt zumindest mir gegenüber in der Wertung zwischen Extremen: ich bin entweder „Engel“ oder der allerletzte Arsch, der Wechsel von „Engel“ zu letzterem ist völlig unvorhersehbar.

Aber was ich heute mit ihr erlebt habe, übertrifft das bisherige und ich stehe jetzt noch unter Schock.

Ich frage Euch nach möglichen Deutungen, nach der Gefühlsdynamik, was also sozusagen in ihr vorgehen könnte. Wie ich mich ihr gegenüber verhalten werde, das weiß ich, glaube ich, schon.

Nun das Geschehen:

Sie hat derzeit zwei Wohnungen in verschiedenen Städten, gestern holte ich aus ihrer Wohnung in der anderen Stadt für sie einige Dinge, weil ich zufällig dort war und sie mich deshalb gebeten hatte. Unter anderem ein unbenutztes und originalverpacktes Handy.

Sie bat mich (per SMS), es bei ebay zu verkaufen. Da mein eigenes schon etwas altersschwach (Akku) ist, kam mir der Gedanke, ich könnte selber ein neues brauchen, informierte mich auf der Seite von ebay über die Verkaufserlöse von solchen Handys, und machte ihr in meiner Antwort-SMS ein entsprechendes Angebot. (Wir kommunizieren viel über SMS).

Ihre Reaktion: sie sei entsetzt, sie wolle mit mir keine Geschäfte machen, wenn ich ein Handy brauche, könne ich es gratis behalten. Mir erschien diese Reaktion als beleidigt, daher entschuldigte ich mich, und versuchte ihr zu erklären, daß ich halt pragmatisch bin und schon manchmal mit Freunden solche Geschäfte gemacht habe. Und ich will es so nicht, verkaufe es für sie, da sie ja das Geld auch braucht, ich besorge mir dann anderweitig was neues. (Sie ist arbeitslos).

Mit ihren weiteren SMS entgleiste sie immer mehr, schließlich „…h-y, rage“ (ich hasse dich, Zorn), und schickte mir meine SMS retour.

Sie rief mich an, ich versuchte mit ihr zu reden, sie ließ mir aber überhaupt keine Chance, beschimpfte mich als hinterrücks, ich solle das Sparbuch (das ich ebenfalls auf ihren Wunsch hin holte) doch abheben, es gab noch andere Entgleisungen, und legte dann auf.

Verunsichert, rief ich Freunde an, ob irgendwas an meinem Handy-Angebot nicht in Ordnung, beleidigend oder sonstwie anstößig war. Niemand fand etwas Besonderes dabei.

Ich weiß, wie ich mich nun verhalten werde: mich nicht melden, sie muß sich natürlich wegen ihrer Sachen (u. a. Wohnungsschlüssel, Sparbuch…) melden, sie dann die Sachen holen lassen, ihr sehr ernsthaft sagen, daß ich mir solche Entgleisungen nicht bieten lasse, wenn sie sich entschuldigt, dies akzeptieren, ansonsten sie umgehend wegschicken.

Meine Frage an euch bezieht sich also allein auf mögliche Deutungen ihres Verhaltens, da ich’s mir nicht erklären kann.

(kurzer Nachsatz: soeben Anruf von ihr, wegen ihrer Sachen. Ich sagte ihr meinen Standpunkt, sie warf mir mein Kaufangebot als Übergriffigkeit vor, sie mache mit Freunden keine Geschäfte, war uneinsichtig für ihr eigenes Verhalten - sagte, man müsse ja nicht mit ihr auskommen).

Liebe Grüße und vielen Dank (für’s bis hierher lesen),

I.

Hobbypsychologen und Schubladendenken
Hallo,

recherchier mal im Archiv. Das Thema Borderline ist schon bis zum Exzess diskutiert worden.

Woher willst du überhaupt wissen, dass es sich hier um „Borderline“ handelt?

7 von 9 Kriterien muss ein Patient erfüllen, damit man an Borderline denken kann, darf - und nicht eher, nur weil ein Mensch jähzornig, launisch oder aggressiv ist. Also Vorsicht mit vorschnellen Urteilen und Schubladendenken.

Wenn du sie nicht verstehen kannst, dann red mit ihr, wenn sie sich wieder beruhigt hat, was manchmal in sie fährt.
Vielleicht „überfährst“ du sie nur manchmal? Überforderst sie? Kriegt sie keine „Luft“ bei dir?

Warum willst du ihr überhaupt ein „Etikett“ verpassen?
Sie ist eben so und du wirst sie nicht ändern.

Einzig sie alleine (!!!) kann etwas ändern, aber nur (!!), wenn sie selbst das will und sie selbst (!!) Verhaltenszüge an sich selbst als belastend empfindet, ihr Leidensdruck (sofern sie das so empfindet) zu groß wird.

Du hast einem erwachsenen Menschen da nicht reinzureden, das überschreitet ihre Grenze und das steht dir nicht zu. Da würde ich dir auch „an die Gurgel gehen“ :wink:)))))))))

Manche Menschen sind da eben sehr empfindlich, wenn ihnen jemand zu Nahe auf den Pelz rückt - im direkten, wie im übertragenen Sinne.

Warum nur ist in unserer Gesellschaft gleich alles „krankhaft“, nur weil es nicht verstanden wird, nur weil es „aus der Art schlägt“, nur weil es nicht „normal“ ist???

Wenn du mit ihrer Art nicht klar kommst, dann such dir eine andere Freundin. Sie wird sich, wenn sie gescheit ist, nicht dir zuliebe (!) ändern.
Man kann niemals andere ändern, nur sich selbst.
Also kann sie alleine nur an sich arbeiten, aber nur wenn sie selbst das sieht und - vor allem: WILL!

Ansonsten sind all deine Bemühungen vergebliche Liebesmüh, im Gegenteil, du machst dich nicht gerade lieb Kind bei ihr, wenn du ihr da reinquatscht! Sie ist kein Baby und alleine für sich selbst verantwortlich.

Was nutzt dir hier oder woanders große psychologische Urteile, was ihr Verhalten zu bedeuten hat?

Wenn du dann hier eines kriest: was dann?

Meinst du, dann änderst du an ihr, an der Situation etwas?

Im Gegenteil, ich fände es bedenklich: denn wenn dir einer erzählt - wahr oder unwahr -, sie wäre „krank“, wie begegnest du ihr dann bewusst oder unbewusst?

Wenn sie merkt, du nimmst sie dann nicht voll, nicht ernst bzw. schaust sie als „krank“ an (und ich garantiere dir: das merkt jeder einigermaßen sensible Mensch!!), dann wird sie auf die Barrikaden gehen!

Und was hast du dann gewonnen?
Nix!

Leb du dein Leben und lass ihr ihres. Sie muss selbst sehen, wie weit sie mit ihrem Verhalten kommt.

Wenn du mit ihrem Verhalten nicht klar kommst, dann kannst du lediglich in einer ruhigen (!) Minute mit ihr reden, sie fragen, dass du dies und jenes nicht verstehst - aber versuche ja nicht, sie irgendwie zu „manipulieren“, zum Arzt zu schicken, zur Therapie und benimm dich nicht wie ihr Hobbypsychologe.

Und lass ihr gegenüber niemals fallen, dass du an Borderline denkst!

Keinem würde es gefallen, ob berechtigt oder nicht, wenn er als „geisteskrank“ (im Hobbypsychologen-Jargon) abgestempelt wird!

Da würde ich dir noch ganz anders an den Kragen gehen!

Denk dran: nur du kannst dich ändern, nur du kannst was für dich tun.
Aber du kannst niemals sie ändern!

Also lass es auch und drück ihr nicht einen Borderline-Stempel auf, wo selbst erfahrene Psychologen und Psychiater nicht so mir nichts, dir nichts eine solche Diagnose wagen würden.

Um wieviel mehr solltest du dich da als Laie raushalten!

Gesteh ihr zu, dass sie erwachsen ist, sie ist nicht dein Hosenmatz!
Sie muss selbst sehen, wie weit sie mit ihrem Verhalten kommt. Wenn ihr „Leidensdruck“ zu groß wird, wird sie - FÜR SICH SELBST - etwas ändern, nicht dir zuliebe!

Christina

… die einige „echte“ Borderliner kennt.

Hallo Ido
Naja, Du hast ja selber die Borderliner-Diagnose in den Raum geworfen… Nach Deiner Beschreibung (für mich ferndiagnostisch) durchaus passend, sprich: möglich.
Und wenn es denn so ist - schwierige Prognose. Für ne Partnerschaft sehr schwierig, für ne Freundschaft ziemlich schwierig, für nen damit erfahrenen Therapeuten einigermaßen schwierig.
Versuch vielleicht, die Kiste ein bißchen abzugeben…etwas Distanz…
Gruß,
Branden

Hallo Christina,

Woher willst du überhaupt wissen, dass es sich hier um
„Borderline“ handelt?

Ich weiß es auch gar nicht. Den Titel habe ich deshalb gewählt, um damit ein anscheinend weit überzogen aggressives Verhalten zu bezeichnen. Die Freundin selbst habe ich nicht als „Borderline“ bezeichnet. Als „das“ Problem sehe ich ja auch die Alkoholabhängigkeit.

Wenn du sie nicht verstehen kannst, dann red mit ihr, wenn sie
sich wieder beruhigt hat, was manchmal in sie fährt.

Wir haben heute geredet. Soweit, daß jeder von uns weiß, was der andere fühlt oder denkt, und das auch respektieren kann. Darüber hinaus weiß ich aber noch nicht viel mehr.

Sie ist nicht „meine Freundin“ im Sinne von Partnerin, wir haben schon häufig Kontakt, meist aber nur per SMS oder Telefon, wir treffen uns nicht so oft. Aber mir liegt sehr viel an ihr.

Warum willst du ihr überhaupt ein „Etikett“ verpassen?

Ich will ihr gar kein Etikett verpassen, und weiß auch, daß das völlig sinnlos ist. Aber verstehen möchte ich sie, verstehen, wo diese emotionelle Energie herkommt. Nur verstehen, sonst nichts! Warum? -
Weil ich sie so sehr mag. Weil ich’s total interessant finde, die Motive zu begreifen. Weil’s mir auch ein bißchen hilft, in solchen Streitsituationen halbwegs Distanz zu waren.

Einzig sie alleine (!!!) kann etwas ändern, aber nur (!!),
wenn sie selbst das will und sie selbst (!!) Verhaltenszüge an
sich selbst als belastend empfindet, ihr Leidensdruck (sofern
sie das so empfindet) zu groß wird.

Da hast Du recht.

Du hast einem erwachsenen Menschen da nicht reinzureden, das
überschreitet ihre Grenze und das steht dir nicht zu. Da würde
ich dir auch „an die Gurgel gehen“ :wink:)))))))))

Ich will sie nicht ändern, nur eben Entgleisungen nicht einfach hinnehmen, sowenig wie bei irgendwem sonst. Und die Alkoholabhängigkeit will sie eh selbst ändern, ich versuch ihr, soweit als möglich, zu helfen.

Warum nur ist in unserer Gesellschaft gleich alles
„krankhaft“, nur weil es nicht verstanden wird, nur weil es
„aus der Art schlägt“, nur weil es nicht „normal“ ist???

Was „normal“ ist oder die „übliche Art“, interessiert mich nicht. „Krankhaft“ - ohne den wertenden Beigeschmack - ist etwas für mich, wenn daraus Leiden für die betreffende Person resultiert.
Ich halte mich selber auch nicht für völlig gesund (z. B. Soziophobie), krank heißt schon deshalb für mich nicht, daß ich jemand nicht für voll nehme.

Liebe Grüße,

I.

Hallo Idomeno,

ich habe eine Tochter (19), bei der das Borderline-Syndrom diagnostiziert wurde. Ich halte diese Diagnose für ungeschickt, da sie fast so etwas wie Kopfschmerzen diagnostizieren darstellt.

Allerdings ist das Verhalten Deiner Bekannten diesbezüglich recht auffällig. Meine Tochter liebte und haßte mich innerhalb von einer Minute. Sie will mit mir nichts zu tun haben, versucht aber ständig über „Abschiedsbriefe - ich habe keine leiblichen Eltern mehr“ und ähnliches eine Reaktion von mir zu provozieren. Ich lasse mich da nicht drauf ein und habe seit neun Monaten keinerlei Kontakt zu ihr. Sie war letztes Jahr zwei Wochen auf der geschlossenen und anschließend einen Monat in der offenen Landesklinik.

Gebracht hat es wenig. Sie trinkt, nimmt Drogen und hat schrecklichen Umgang. Ich habe in den letzten Jahren alles versucht, um ihr zu helfen, aber keine Chance.

Solange der Borderlne-Patient nicht sieht, was mit ihm geschieht und eine Änderung möchte, tut sich da auch nichts.

Selbst wenn sie sagt, daß sie jetzt Hilfe will, braucht und annimmt, wird sie das in einigen Minuten widerufen. Hier ist therapeutische Hilfe angesagt. Vorausgesetzt, man findet einen guten Therapeuten. Und das ist auch eines der Probleme.

Du wirst auf Dauer mit der Sache überfordert sein und möglicherweise auch noch Schuldgefühle entwickeln oder von ihr eingeredet bekommen. Schick Sie zu einem Therapeuten, geh die ersten Male mit ihr hin, aber dann muß sie selbst sehen, wie es weiter geht. Knie Dich auf jeden Fall nicht zu sehr da rein, der Schuß geht auf jeden Fall nach hinten los.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Erfolg bei der Sache,
Gruß
Moni

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