Borderline Syndrom - gibt es das wirklich?

Einen schönen guten Abend!

Eine Frage: Meine Schwester sagt, sie habe das Borderline Syndrom. Bisher war sie viel mit Depressionen etc. krankgeschrieben.

Nun lese ich aber im Internet viel Widersprüchliches dazu. Manche schreiben, es gebe gar kein klares Krankheitsbild, keine eindeutige Diagnose, welche diese Klassifizierung rechtfertigt.

Wie soll man damit also umgehen? Vor allem: Was kann man als Angehörige tun?

Vielen Dank für Ihre Ratschläge

Liebe Fragestellerin,

Es gibt sie, die Borderline-Störung.

Die Uneinigkeit, ob es dieses Syndrom überhaupt gibt, rühr daher, dass historisch der Begriff ursprünglich einen Zustand „zwischen Psychose und Neurose“, also „an der Grenze“ liegend beschrieb, der häufig auf die klassischen Behandlungsmethoden für diese beiden Bereiche nur unzureichend ansprach. Daraus resultierte, dass schlicht häufig Menschen dieses „Etikett“ erhielten, die schwierig zu behandeln waren.

Heute ist die „Borderline-Störung“ in den beiden Klassifikationssystemen für psychische Störungen [(der ICD-10, Kapitel F (International Classification of Diseases) der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem DSM-IV (Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders) der APA (American Psychiatric Association, amerikanische psychiatrische Vereinigung)] klar definiert. In der ICD heißt sie „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“, in der DSM heißt sie „Borderline-Persönlichkeitsstörung“.
Da die DSM-IV-Defintion häufiger benutzt und im allg. auch als treffender gilt, nenne ich hier die Diagnosekriterien nach DSM:

"Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie deutliche Impulsivität. Der Beginn liegt oftmals im frühen Erwachsenenalter bzw. in der Pubertät und manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen.

Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein, wenn von einer solchen Störung gesprochen wird:

  1. Starkes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.

  2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

  3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

  4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, zu viel oder zu wenig essen). Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.

  5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

  6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z. B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).

  7. Chronische Gefühle von Leere.

  8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).

  9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome."

Es gibt versch. Modelle, wie eine Borderline-Störung entsteht. Den meisten gemein ist die Annahme, dass es eine biologisch-„neurologische“ Komponente und eine Umweltkomponente gibt. Die biologische Komponente sorgt für ein emotional stärkeres Erleben, d.h., dass „Kleinigkeiten“ schnell starke Emotionen auslösen und diese nur sehr langsam wieder abklingen.
Wenn dazu ungünstige Umweltfaktoren in der Kindheit/Jungend hinzukommen wie z.B. Vernachlässigung oder grundsätzliche eine „invalidierende Umgegung“, kann eine Borderline-Störung entstehen. „Invalidieren“ bedeutet nicht (ausreichend) ernst nehmen von Gefühlen und Bedürfnissen; die bei Borderline häufig (nicht immer vorliegenden!) Missbrauchserfahrungen sind ein Extrembeispiel für Invalidierung. Auf Dauer kann ein Kind so z.B. nicht lernen, wie es emotionale Regungen benennen und regulieren kann. Auf dieser Grundlage arbeitet insbesondere die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) von Marsha Linehan.

Damit ist auch klar: Borderline ist heute um Längen besser therapierbar als es noch vor 10 oder 15 Jahren der Fall war als es noch keine spezifische Therapie für diese Erkrankung gab. Die erste, renommierte spezifische Therapieform für Borderline war die DBT, die in Deutschland Mitte der 90-er populär wurde (Uniklinik Freiburg, Prof. Bohus, heute Mannheim), man kann sagen, sie gilt heute als Therapie der ersten Wahl. Weitere psychotherapeutische Therapieformen für die Borderline-Störung sind in der psychoanalytisch-tiefenpsychologischen Ausrichtung die MBT (Mentalisierungsbasierte Therapie) nach Bateman und Fonagy sowie die TFP (Transference Focused Psychotherapy = übertragungsbasierte Psychotherapie) nach Kernberg und in der Verhaltenstherapie die Schematherapie nach Jeffrey Young, insbesondere nach dem Modus-Modell (z.B. Arntz, van Genderen).

Ich hoffe, ich konnte damit etwas von Ihrer Unsicherheit, ob es diese Krankheit überhaupt gibt, nehmen. Meine persönliche Empfehlung, was Sie tun können, leitet sich daraus ab:
Unterstützen Sie sie darin, eine geeignete Diagnostik zu bekommen, ob sie wirklich unter Borderline leidet. Und falls es so ist, unterstützten Sie sie darin, eine geeignete, spezifische Therapie zu bekommen. Die beste Studienlage besteht für DBT. Ich persönlich empfehle DBT und Schematherapie (Anlaufstellen für Diagnostik und Therapie sind z.B. die Unikliniken Freiburg, Tübingen, Mannheim, Aachen, Berlin, Lübeck, Kiel, Rostock und andere Kliniken für DBT, die Uniklinik Mainz für Schematherapie). Und versuchen Sie einerseits, die Nöte und Verhaltensweisen Ihrer Schwester zu verstehen und zeigen Sie ihr das (=validieren), aber zeigen Sie ihr auch auf, wenn sie Ihre Grenzen übertritt und sorgen Sie dafür, dass diese gewahrt bleiben (=eigene Grenzen ziehen und wahren). Eine Internetplattform, welche ich guten Gewissens persönlich zum Austausch zur Borderline-Störung für Betroffene und Angehörige empfehlen kann, ist das Borderline-Netzwerk e.V. (www.borderline-netzwerk.info).

Alles Gute für Sie und Ihre Schwester!

Hallo,
es stimmt, dass die Diagnose recht breitgefächert ist. Es stehen aber klare Richtlinien im ICD-10 (Diagnosemanual) welches sicher auch im Internet zu finden ist.
http://www.gesundheitspolitik.net/03_krankenhaus/fal…

Hilfe gibt es auf unterschiedlichen Wegen (auch für Angehörige) hier ein paar Beispiele:
http://www.borderline-netzwerk.info/was-ist-dbt.htm
http://www.hansgunia.de/darmstbo.htm
http://www.borderline-selbsthilfe.de/

Alles Gute!
C. Rößler

Liebe/r Frau/Herr Beeken,

wie kommt denn Ihre Schwester auf diese Diagnose?

So eine Diagniose zu stellen, kann nur ein Psychologe oder Psychiater.
Es ist richtig, dass es schwer ist, die Diagnose zu stellen, da es nicht DAS Borderline Syndrom gibt, sondern viele verschiedene Ausprägungen.
Oft vermischt sich das Borderline S. auch mit einer oder gar mehreren Persönlichkeitsstörungen, psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen.

Das Wichtigste ist, dass Ihre Schwester sich umgehend Hilfe sucht. Zuerst muss sie zu einem Hausarzt, der ihr eine Überweisung zum Psychiater/Psychologen gibt.

Hilfe ist bestimmt, mit zu gehen, da dieser erste Schritt der schwerste ist.
In Zukunft dann ist es wichtig, dass ihre Schwester sich nur auf sich selbst konzentriert. Alles andere um sie herum darf sie einfach nicht interessieren, so hart es auch für die Angehörigen ist. Bei Gesprächen sollte es wirklich nur um ihre Schwester gehen. Mit allem anderen sollte sie in Ruhe gelassen werden.

Machen Sie ihr Mut, dass sie sich Hilfe holt und sich auf eine lange Therapie einstellt. Sie ist nicht allein, es gibt soooo viel Betroffene. Internet ist ein guter Anlaufpunkt, sich zu informieren, sich auszutauschen mit Betroffenen und sich Mut zu holen.

Ich hoffe, ich konnte helfen.

viel Glück und alles Gute!

Man kann als Angehöriger versuchen die Situation zu verstehen und darauf eingehen.
Ich selber habe mit einigen gesprochen, die haben sich daß Borderline-Syndrom abgeguckt. Das klingt komisch, gibt es aber, wahrscheinlich so als Alternative, weil man sich dann mehr um einen kümmert.
Diese Menschen sind stark instabil und haben psychische Probleme, welche so von den Ärzten etwas sanft behandelt werden.
Es gibt sicherlich Möglichkeiten, wie man den Betroffenen Helfen kann, aber das kann man schlecht medizinisch hier schreiben .

Ich danke Ihnen und allen Anderen für Ihre hilfreichen Ratschläge. Es hat mir Mut gemacht und erste Handlungsschritte aufgezeigt. Mittlerweile ist meine Schwester in therapeutische Begleitung. Ob es schon die Richtige ist, wird sich zeigen. Aber sie hat erstmal den Schritt gewagt, das ist sehr gut.

Danke also nochmals für die Unterstützung!

Hier zu den derzeit „heißesten“ Therapieansätzen bei Borderline:

  • Schematherapie (Innere-Kind-Arbeit im Sinne von Dissoziationsmodell)
  • DBT (Stage I und Stage II)
  • traumafokusiert kognitive Verhaltenstherapie (tf CBT), diese Therapieform reicht aber bei komplex-chronischer Therapie meistens nicht aus.
  • EMDR (als Ergänzung)

Traumatherapien jeder Art (psychodynamisch, systemisch, gestalttherapeutisch, integrativ), wenn jemand aufgrund von Traumatisierungen Borderline hat, also eine dissoziative Störung zugrunde liegt.

Zur Schematherapie und DBT:

http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/leseproben/978-3…

Besser geeignet, um sich zu informieren, als Borderline-Bücher sind Traumaliteratur, wenn es sich um einen traumatisierten Borderliner handelt.

Die ganzen Borderline-Ratgeber, die derzeit auf dem Markt sind, verwirren eher, als dass sie Durchblick verschaffen.

Der Großteil der Borderline-Erkrankungen (Vielleicht auch alle, die Forschung wird es vielleicht eines Tages zeigen können, vielleicht aber auch nie eine konkrete Antwort hierauf geben können, ob Borderline immer Trauma voraussetzt!?) leidet unter komplexen, also mehrfachen Traumatisierungen. Entscheidend dafür, ob ein Trauma wirklich vorliegt, ist nicht, was geschehen ist, sondern ob es zu traumatypischen Veränderungen im Gehirn aufgrund des oder der Belastungserfahrungen gekommen ist. NUR DANN, wenn diese typischen Traumaveränderungen im Gehirn da sind, ist jemand wirklich traumatisiert, nicht schon dann, wenn er schlimme oder belastende Dinge erlebt hat. Traumatische Erlebnisse sind potentiell traumatisch, dh nicht, dass sie einen Menschen immer zwingend traumatisieren müssen. Belastend sind sie sicherlich, aber sie müssen nicht zu diesen Traumaveränderungen führen und dann ist man auch kein Traumapatient.

Es kommt also ganz wesentlich für die Wahl der Therapie an, ob jemand Traumapatient ist, also an einer dissoziativen Störung leidet. Wobei Dissoziation nicht nur diese Zustände umfasst, in denen Menschen „wegdriften“ oder sozusagen den Kontakt nach außen oder zu sich selbt verlieren, in Dämmer-oder Trance-Zustände geraten. Sondern Dissoziation kann sich auch anders zeigen, dann, wenn sich sehr verschieden Persönlichkeitsmuster entwickelt haben, unterschiedliche Stimmungen und Persönlichkeitsanteile sich abwechseln, die Person quasie „switcht“ und mal ist sie ganz lieb, dann von einem Moment auf den anderen fuchsteufelswild, mal kann man sich prima mit so jemandem unterhalten, der ist aufgeschlossen und freundlich, ausgeglichen und dann wieder reagiert er total über, ist fast wie ein Kleinkind überschnell trotzig und beleidigt.

Hinter solchen Stimmungsschwankungen stehen oft dissoziierte (teil- oder ganz abgespaltene) Persönlichkeitsanteile, die im Trauma abgespalten wurden und die Last der traumatischen Erinnerung abgespeichert haben. Genau aus dem Grund verhalten sich Bordline-Patienten oft so widersprüchlich, teils hochkompetent und dann wieder wie wütende Dreijährige, die sich bedroht und angegriffen fühlen, nicht allein sein können usw…

Diese Persönlichkeitsanteile entsprechen dem Alter des Patienten, das er hatte, als das jeweilige Trauma stattfand.

Genau aus diesem Grund sind Borderliner so schwierige Menschen, solange sie nicht adäquat therapiert wurden. Sie sind der Erkrankung selber hilflos ausgeliefert, verstehen nicht, was mit ihnen passiert und sind - genauso wie ihre Umgebung - dann Opfer ihrer Emotionen, von denen sie einfach weggespült werden.

Mit Therapie kann die Ursache zumindest angegangen werden, das Verhalten kann „neu“ gelernt werden, das Gehirn kann lernen, die Traumafolgen zu überwinden.

Wichtig ist zu wissen, dass hinter dem Großteil der Borderline-Erkrankungen schwere Kindheitstraumata stehen und die Erkrankung dann spezifische Therapie erfordert, die darauf abgestimmt sind, die Kommunikation im Gehirn zwischen dem Großhirn und dem Kleinhirn wieder neu zu vernetzen und den Patienten Auswege aus ihrer persönlichen Falle zu eröffnen.

Leider sind Therapeuten, die diese Arten von Therapie wirklich beherrschen, rar gesäht. Viele Borderliner werden nie oder falsch oder zu kurz behandelt und daher kommt’s, dass soviele Borderliner als Monster verunglimpft werden.

Tatsache ist, dass diese Patienten extrem übel dran sind, es geht ihnen wahnsinnig schlecht, sie haben es schwer, im ambulanten Bereich geeignete Therapeuten zu finden und die Therapie ist sehr anstrengend und alles insgesamt ein schrecklicher Rucksack, den sie zu tragen haben. Unterstützung bekommen sie nur schwerlich, weil sie von vielen Seiten abgelehnt und ausgegrenzt werden.

Wenn man sich aber informiert und begreift, was dahinter steht und die passende Therapie dazu kommt, dann wird dieser Mensch sein Schicksal auch annehmen können und sein Leben und seine Gefühle und sein Verhalten in den Griff kriegen, wenn er das wirklich will.

Aber wenn man liest, was oft im Internet steht, diese ganzen Verunglimpfungen über Borderline…, wundert es auch nicht mehr, wenn sich Betroffene gehen lassen und hausen wie die Axt im Wald. Wer ständig getreten wird, der ist sicher nicht motiviert, sich in anstrengenden und belastenden Therapien immer wieder neu zu erfinden und dazu zu lernen.

Das Thema ist sehr komplex, deshalb hab ich mal Bücher und Infos zusammengestellt

Bücher:

Schluss mit dem Eiertanz - Ein Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Borderline - Paul T. Mason, Randi Kreger - ISBN 3-88414-337-9 Buch anschauen

Borderline: Das Selbsthilfebuch - Andreas Knuf, Christiane Tilly - ISBN 3-88414-374-3 Buch anschauen

Weg aus dem Chaos „Das Hans-mein-Igel Syndrom“ oder die Borderline-Störung verstehen - Heinz Peter Röhr - ISBN 3-530310-1

Wenn Hass und Liebe sich umarmen - Joachim Gneist - ISBN 3-492-23890-4 Buch anschauen

Internet:

http://www.borderlinetrialog.de Peerkonzept für Menschen mit Borderline-PS
http://www.borderline-stoerungen.de Hardtwaldklinik II, Bad Zwesten/Hessen
http://www.borderline-community.de Internetgemeinschaft zur Borderline-PS
http://www.borderline.at Informationspool Dr. Carina Brey,
http://www.psychiatrie-wels.at Psychiatrische Klinik Wels
http://www.michael-balint-klinik.de Michael-Balint-Klinik Königsfeld

LG
Jogy