Hallo!
Die Frage unten zum Wiederkäuer und kauft/käuft hat mich an etwas erinnert.
In einem Seminar zur historischen Sprachwissenschaft (es ging um Altenglisch) wurde mal nebenbei erzählt, dass es eine Theorie gebe, dass ‚brauchen‘ zunehmend die Funktion eines Modalverbs übernehme (oder so ähnlich). Darauf sei man gekommen, weil in der gesprochenen Sprache in der 3.Pers.Sg. oft das ‚t‘ verschluckt oder einfach nicht gesprochen werde, während das bei Wörtern wie rauchen, fauchen u.s.w. nicht der Fall ist.
Weiß hier irgendjemand was dazu?
es grüßt
smokassi
Theorie […], dass ‚brauchen‘ zunehmend die Funktion eines
Modalverbs übernehme (oder so ähnlich). Darauf sei man
gekommen, weil in der gesprochenen Sprache in der 3.Pers.Sg.
oft das ‚t‘ verschluckt oder einfach nicht gesprochen werde,
Hallo!
Das mit dem t entzieht sich meinem Verständnis.
„brauchen“ als Modalverb: Wenn man bei dem auf „brauchen“ folgenden Infinitiv das „zu“ weglässt, was sich - das ja! - ziemlich eingebürgert hat, dann wird es tatsächlich wie ein Modalverb verwendet:
Er hat das nicht tun müssen / sollen usw. / brauchen.
Denn ein Kennzeichen der Modalverben ist es ja, dass sie in den Zeiten, die mit Hilfe des Partizips II gebildet werden, als Partizip eine Kurzform verwenden, die mit dem Infinitiv formgleich ist. So dass es aussieht, als folgten auf „haben“ zwei Infinitive:
Er hat das nicht tun müssen / sollen usw. / brauchen.
Es gibt aber eine ganze Reihe von Verben, auf die ein Infinitiv mit „zu“ folgt und die dann nach dieser Regel konjugiert werden. Man nennt sie modifizierende Verben.
Z. B.: haben, sein, vermögen, wissen, brauchen, pflegen, scheinen, versprechen, drohen u. ä.
Der Wegfall des „zu“ stellt sich aber nur bei „brauchen“ ein, so dass dieses Verb wohl unterwegs ist von den modifizierenden Verben zu den Modalverben.
Aber wie oben gesagt, vielleicht versteh ich da was falsch, weil ich das mit dem t nicht begreif.
Schöne Grüße!
Hannes
Theorie […], dass ‚brauchen‘ zunehmend die Funktion eines
Modalverbs übernehme (oder so ähnlich). Darauf sei man
gekommen, weil in der gesprochenen Sprache in der 3.Pers.Sg.
oft das ‚t‘ verschluckt oder einfach nicht gesprochen werde,
Hallo!
Das mit dem t entzieht sich meinem Verständnis.
hallo Hannes!
danke erst mal für deine antwort. ich sehe gerade, ich habe nicht genau erklärt, was ich da meine.
also, es geht darum, dass die modalverben in der 3.Sg. typischerweise nicht auf ‚t‘ enden (z.b. er will, er mag etc.), ‚brauchen‘ aber eigentlich schon. Nur hört man in der gesprochenen Sprache das ‚t‘ oft nicht mehr heraus.
Jetzt wo ich das hier schreibe, überlege ich gerade, ob die ganze Geschichte nicht andersherum wahr, also dass man nicht die Theorie mit den Modalverben von diesem Phänomen abgeleitet hat, sondern versucht, dass Phänomen mit dieser Theorie zu erklären.Ich glaube, so herum macht es mehr Sinn…
Verstehst du jetzt, was ich meine? Warum wird das ‚t‘ nicht mehr gesprochen?
Hallo,
entschuldige meine Begriffsstutzigkeit von gestern!
Aber müsste man da,
weil (wie „brauchen“) korrekterweise immer noch mit „zu“ gebraucht,
nach dieser Theorie „wissen“ (Schiller, Wallenstein: „Er weiß zu rechter Zeit zu geh’n …“),
da in der 3. Person t-lös,
nicht längst zu den Modalverben zählen,
frägt sich
ratlos und bestens grüßend
Hannes.
Hallo Hannes!
Aber müsste man da,
weil (wie „brauchen“) korrekterweise immer noch mit „zu“
gebraucht,
nach dieser Theorie „wissen“ (Schiller, Wallenstein: „Er weiß
zu rechter Zeit zu geh’n …“),
da in der 3. Person t-lös,
nicht längst zu den Modalverben zählen,
Wie ich in meinem letzten Beitrag schon sagte ( oder jedenfalls ausdrücken wollte), die Frage ist nicht, ob brauchen wegen dieser Ausspracheweise als Modalverb gilt (lt. Duden ist es „in funktionaler Hinsicht“ den Modalverben zuzurechnen), sondern ob die Aussprache irgendwie auf die modale Funktion zurückzuführen ist. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, es ging vor allem um die Aussprache von ‚braucht‘, wenn direkt dahinter ‚nicht‘ folgt.
Er brauch(t) nicht - er raucht nicht - er faucht nicht. In den letzten beiden Fällen wird das ‚t‘ immer mitgesprochen.
smokassi
Moin, moin, Smokassi und Hannes,
leider bin ich nicht gebildet genug um sachlich informativ einen Betrag zu schreiben - zu gebrauchen.
Hannes schreibt:
Der Wegfall des „zu“ stellt sich aber nur bei „brauchen“ ein, so dass dieses Verb wohl unterwegs ist von den modifizierenden Verben zu den Modalverben.
Vor fünfzig Jahren (die Lehrer durften noch prügeln und die nicht gelehrigen Schüler an den Ohren ziehen) hat man mir eingebleut (eingebläut): WER BRAUCHEN NICHT MIT ZU GEBRAUCHT BRAUCHT BRAUCHEN NICHT ZU BRAUCHEN.
Das gilt also heute auch nicht mehr? Sapperlot, die Zeit ändert sich schneller als die Menschen!!! Wie kann das ein beinahe 80-zigjähriger noch verkraften? Am Besten, man sch(m)eißt alles auf einen großen Haufen und nennt das dann Revorm. Die Rächtschreiprevorm ist doch da ein glenzendes Forbild. So nähern wir uns der in den Überlieferungen forhergesachten babylonischen Sprachfervirrunk Schrit um Schrit.
In wenigen Jahren ferstähen wir uns alle nicht mähr denn jeder darf ja heute schreiben so gut er es versteht. Ob sein Adressat ihn noch versteht, steht auf einem anderen Blatt aber „man weiß ja, was gemei(n)t ist“!!
Wollen wir das?
Solange hinter einer Reform eine sachlich zu begründende Ursache zu erkennen ist bin auch ich für den Fortschritt, denn nichts ist lebendiger als unsere Sprache. Muss aber dann jeder Unsinn eine Form bekommen, die angeblich dazu dient, den Schülern das Lernen zu erleichtern - und den Lehrern das Lehren erschwert?
Vräundliche Grüße
Windrose
[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]
Guten Morgen!
Ja, ich schrieb:
Der Wegfall des „zu“ stellt sich aber nur bei „brauchen“ ein,
so dass dieses Verb wohl unterwegs ist von den
modifizierenden Verben zu den Modalverben.
Ich schrieb aber auch - und Du zitierst es ja selbst:
Aber müsste man da,
weil (wie „brauchen“) korrekterweise immer noch mit „zu“
gebraucht, […]?
Vor fünfzig Jahren (die Lehrer durften noch prügeln und die
nicht gelehrigen Schüler an den Ohren ziehen) hat man mir
eingebleut (eingebläut): WER BRAUCHEN NICHT MIT ZU GEBRAUCHT
BRAUCHT BRAUCHEN NICHT ZU BRAUCHEN.
Das versuchen wir doch immer noch.
Das gilt also heute auch nicht mehr?
Wieso „also“? Woraus folgerst Du das? Vermisst Du die Prügel und das Ziehen an den Ohren?
Ich bin weder Prophet noch Futurologe. Aber in unseren Zeiten, in denen vor allem die Devise „chacun à son gout“ gilt, scheint der falsche Gebrauch von „brauchen“ leider genauso unaufhaltsam zu sein wie die falschen Konjunktive in der indirekten Rede. Ich hab einfach keine Lust, Leute zu verprügeln, die sich nicht an diese Regeln halten wollen.
Schöne Grüße!
Hannes