Braucht ein Einmann-Betrieb Qualitätsmanagement ?

Liebe Gemeinde,

ich hab’ eine ganz einfache Frage:
Brauche ich als EINMANNbetrieb ein Qualitätsmanagement?
Welchen Nutzen hätte es?

Ich erbringe ganz persönliche tiefenpsychologische Dienstleistungen an einzelnen Menschen. Dabei gibt es kein Standardvorgehen. Das Unbewusste des Patienten (seine Träume, seine Fantasien, seine „manchmal auch irrationalen“ Erlebnisse) bestimmt, worauf ich meine Aufmerksamkeit speziell bei ihm richte. Mein weiteres Verhalten und Vorgehen hat sehr viel mit Einfühlung, eigener Kreativität und eigener Traumaufmerksamkeit zu tun. Andere „Werkzeuge“ nutze ich nicht. Und das Unbewusste lässt sich keine „Normen“ aufzwingen, solange es vital am Leben teilnimmt.

Gibt’s hier jemanden, der mich dennoch davon überzeugen kann, dass es IRGENDEINEN Nutzen hat, wenn ich für MICH (EINZELPERSON!) ein Qualitätsmanagement nach DIN dingsbumms ISO 9001:2000 (oder so) einführe?

Verstehe ich es eigentlich falsch, wenn ich mir unter QM vorstelle, dass ich mir damit lediglich selbst ein standardisiertes, normiertes (also unlebendiges sinn- und seelenloses) Verhalten aufzwingen würde - mich also quasi zu einer Art menschlichen Roboters machte?

LG Fatzikowsky

Hallo Fatzikowsky,

ich denke, du musst unterscheiden zwischen deiner „therapeutischen“ Arbeit und dem Drumherum.

Ein QM für den tiefenpsychologischen Teil der Beratung ist nicht notwendig, aber wo man ein QM etablieren könnte, wäre z.B. das Davor und Danach.
Damit meine ich, wie strukturierst du deine Arbeit, wenn du das erste Mal in Kontakt zu deinem Klienten trittst. Von wem kommt der Klient, wie vereinbarst du Termine, hast du ein Notfallmanagement, wenn du merkst, das der Klient problematisch wird, usw.

Ein QM für den tiefenpsychologischen Teil würde ich mehr als Eigenanalyse sehen. Könnte auch interessant sein, zu verfolgen, welcher weg ist bei wem erfolgreich.

Gruß
embryo

Vielen Dank, embryo!

Dass das Davor und das Danach ein QM braucht, hatte ich noch gar nicht in Erwägung gezogen. Beides verstehe ich als Teil des „normalen Lebens“.

Der Eine geht so mit seinen Mitmenschen/Patienten um, der andere anders. Der eine ist ein überheblicher Stiesel (den wird m. E. auch kein QM ändern), der andere „hat ein Gespür für den situationsangemessenen Umgang“ (der hat’s immer schon so gemacht, weil bereits in jungen Jahren in Fleisch und Blut aufgenommen). Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass in einem Einmannbetrieb ein QM hier etwas verändern wird. Es geht doch eigentlich um „Selbsterziehung“. Und die verlangt wiederholte Übung/Training - vor allem aber VERNÜNFTIGE Einsicht.
Wenn ich einmal (in Ruhe bzw. im stillen Kämmerlein) alle (potenziellen) Davor- und Danach-Schritte analysieren würde und mir ein Flussdiagramm mit allen nur denkbaren Entscheidungsalternativen ausdenken und aufmalen würde, dann würde das möglicherweise den „Kontrollfreak“ in mir befriedigen, vielleicht auch den Kreativen, der da erst- und einmalig was Neues geschaffen hat (nämlich das Arbeitsflussschema). Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich dieses (Kunst-)Werk hinterher - im Joballtag - auch wirklich zu Rate ziehen würde.
Hätte ich Angestellte - und wäre ein penibler Kontrollfreak - verstünde ich den Sinn des QMs: Ich schreibe, heruntergebrochen bis auf detaillierte Arbeitsschritte, vor, was wann unter welchen Umständen wie zu tun ist. Wenn ich dann einen meiner Mitarbeiter wieder loswerden will, beobachte ich sein Verhalten genau, vergleiche es mit meinen QM-Vorschriften und kündige ihm, weil er nicht willens oder fähig ist, die QM-Vorschriften einzuhalten.
Aber mit mir selbst würde ich das wohl eher nicht tun. Da bin ich eher sehr nachsichtig.

Gibt es denn EINMANN-Betriebe (welcher Art auch immer), die sich selbst ein QM verordnet haben?

Beste Grüße
Fatzikowsky

Meine Frage hat sich soeben erledigt.

Über’s Wochenende habe ich mir Bettina Warzechas „Problem Qualitätsmanagement“ (Prozessorientierung, Beherrschbarkeit und Null-Fehler-Abläufe als moderne Mythen) zu Gemüte geführt.
Mein Verdacht hat sich bestätigt: „QM“ ist ein Spielfeld von Kontrollfreaks, die wollen, dass andere genau nach ihrer Nase tanzen. Und wenn sie’s NICHT tun …
… dann produzieren sie eben KEINE QUALITÄT! Und dann gehören diese Aufsässigen eben entlassen!

Da ich mich selbst keinesfalls entlassen werde, wird QM in meinem EINMANN-Betrieb also keinen Einzug halten.

LG Fatzikowsky

Hallo Fatzikowsky,

nein, du sollst dich naürlich nicht selbst entlassen, aber als One-Man-Show sollte man die Qualität seiner Arbeit selbst reflektieren. Nicht immer ist der ewig gegangene Weg der optimale.
Ich z.B. bin ein Chaot, mein Schreibtisch sieht aus wie der von Einstein, aber ich finde alles, was ich suche. Ob das aber für meine Kunden immer so prickelnd ist, auf Papierstapel zu treffen?
Null-Fehler? Irreal. Wo Menschen sind, menschelt es und vielleicht macht das auch wieder das Menschliche in der Arbeit aus.
Ich sehe das QM in unserem Unternehmen weniger als Kontrollmassnahme, sondern als klare Regel, wie unsere Mitarbeiter in besonders wichtigen Situationen arbeiten müssen, um große Fehler am Menschen zu vemeiden. (Branche: Gesundheitswesen).
Wobei festgelegte Regeln oftmals die Kreativität blockieren.
Frage deine Klienten doch mal, ob alles beim Davor- und Danach in ihren Augen optimal gelaufen ist, oder ob es an der ein oder anderen Stelle hätte anders/vielleicht besser sein können?

Gruß
embryo

Hallo Embryo,

das mit dem chaotischen Schreibtisch kommt mir sehr bekannt vor. Leider ist es kein kreatives Chaos, sondern ich bin einfach nur zu faul, die Dinge gleich wegzuräumen. Das mach’ ich immer erst, wenn es sich so richtig lohnt - also wenn es zu einer Aktion für’s ganze Wochenende angewachsen ist.

Da habe ich ein ganz einfaches Qualitätsmanagement: Ich lass’ niemanden auch nur in die Nähe dieses Schreibtisches. Glücklicherweise steht der auch bei mir zu Hause. In der Praxis dagegen befindet sich nur das Allernötigste. Allen Bürokram, das ganze Vorher und Nachher wickele ich von zu Hause aus ab. Aber dieser Bereich ist für meine Patienten natürlich tabu. Die Unordnung kriegen sie nicht zu Gesicht.

Ich hab’ mir über die Zeit einen ziemlich pragmatischen Umgang mit dem „Nachher“ angewöhnt:

Wenn ein Patient irgendwann nicht mehr wiederkommt, ohne dies zu erklären, sag’ ich mir: "Guck! Wieder einer, dem Du geholfen hast. Der ist jetzt so fit, dass er gar nicht mehr an Dich (also mich) denkt. Das Wegbleiben ohne Feedback werte ich selbstverständlich immer als Heilungserfolg. Echte psychische Gesundung lässt vorheriges Leiden einfach vergessen und man geht zum Tagesgeschäft über. „Therapie? Da war doch noch was… Aber das ist ja schon gar nicht mehr wahr!“

Sollte ich (was Gott-sei-Dank selten vorkommt) überschwenglichen Dank vernehmen, frage ich mich, was ich wohl falsch gemacht habe, denn - wie gesagt - seelische Gesundheit nimmt man gar nicht wahr, nur den Leidenszustand.

Und glücklicherweise musste ich noch nie aus der Zeitung erfahren, dass sich die Patientensituation plötzlich und unerwartet verschlechtert hatte.

Soviel zum QM des Nachher.

Das Vorher besteht de facto nur aus dem Erstgespräch und den probatorischen Sitzungen. Nach der Anamnese (die ist allerdings strukturiert!) verhalte ich mich da aber auch nicht anders, als in der eigentlichen Therapie: Da geht’s auch für mich darum, zu erspüren, ob wir miteinander können oder nicht. Wenn nicht, dann gibt’s kein Wenn und kein Aber, und dann hilft auch kein QM, denn ob’s passt oder nicht, bestimmt ausschließlich der unbewusste Dialog zwischen uns. Falls der nicht deutlich auf „gegenseitiges Interesse“ weist, wäre m. E. mit keiner noch so ausgefeilten QM-Strategie irgendetwas zu wollen. Dann muss sich der potenzielle Patient eine(n) andere(n) Therapeuten/in suchen, wo sich eine bessere Passung ergibt.

Ha - mein anamnestischer Fragebogen ist QM. Und ich wusste es gar nicht! Man lernt eben nie aus…

Liebe Grüße
Fatzikowsky

Hallo Fatzikowsky,

was für mich im Bereich des QM interessant wäre, wie kommst du an deine Patienten?
Überweisung, Werbung, Mund zu Mundpropaganda? Das wäre was für ein internes QM, außer du bist voll ausgelastet und brauchst keine neuen Kunden.

Und für das Nachher: Statistik, wie viele brechen die Therapie ab, bedanken sich überschwenglich, liegen wieder auf deiner Couch, empfehlen dich weiter, werden von dir weiter vermittelt, sind hoffnungslose Fälle…

Weiterhin ein gutes „Bauchgefühl“ wünscht
embryo