Hallo Embryo,
das mit dem chaotischen Schreibtisch kommt mir sehr bekannt vor. Leider ist es kein kreatives Chaos, sondern ich bin einfach nur zu faul, die Dinge gleich wegzuräumen. Das mach’ ich immer erst, wenn es sich so richtig lohnt - also wenn es zu einer Aktion für’s ganze Wochenende angewachsen ist.
Da habe ich ein ganz einfaches Qualitätsmanagement: Ich lass’ niemanden auch nur in die Nähe dieses Schreibtisches. Glücklicherweise steht der auch bei mir zu Hause. In der Praxis dagegen befindet sich nur das Allernötigste. Allen Bürokram, das ganze Vorher und Nachher wickele ich von zu Hause aus ab. Aber dieser Bereich ist für meine Patienten natürlich tabu. Die Unordnung kriegen sie nicht zu Gesicht.
Ich hab’ mir über die Zeit einen ziemlich pragmatischen Umgang mit dem „Nachher“ angewöhnt:
Wenn ein Patient irgendwann nicht mehr wiederkommt, ohne dies zu erklären, sag’ ich mir: "Guck! Wieder einer, dem Du geholfen hast. Der ist jetzt so fit, dass er gar nicht mehr an Dich (also mich) denkt. Das Wegbleiben ohne Feedback werte ich selbstverständlich immer als Heilungserfolg. Echte psychische Gesundung lässt vorheriges Leiden einfach vergessen und man geht zum Tagesgeschäft über. „Therapie? Da war doch noch was… Aber das ist ja schon gar nicht mehr wahr!“
Sollte ich (was Gott-sei-Dank selten vorkommt) überschwenglichen Dank vernehmen, frage ich mich, was ich wohl falsch gemacht habe, denn - wie gesagt - seelische Gesundheit nimmt man gar nicht wahr, nur den Leidenszustand.
Und glücklicherweise musste ich noch nie aus der Zeitung erfahren, dass sich die Patientensituation plötzlich und unerwartet verschlechtert hatte.
Soviel zum QM des Nachher.
Das Vorher besteht de facto nur aus dem Erstgespräch und den probatorischen Sitzungen. Nach der Anamnese (die ist allerdings strukturiert!) verhalte ich mich da aber auch nicht anders, als in der eigentlichen Therapie: Da geht’s auch für mich darum, zu erspüren, ob wir miteinander können oder nicht. Wenn nicht, dann gibt’s kein Wenn und kein Aber, und dann hilft auch kein QM, denn ob’s passt oder nicht, bestimmt ausschließlich der unbewusste Dialog zwischen uns. Falls der nicht deutlich auf „gegenseitiges Interesse“ weist, wäre m. E. mit keiner noch so ausgefeilten QM-Strategie irgendetwas zu wollen. Dann muss sich der potenzielle Patient eine(n) andere(n) Therapeuten/in suchen, wo sich eine bessere Passung ergibt.
Ha - mein anamnestischer Fragebogen ist QM. Und ich wusste es gar nicht! Man lernt eben nie aus…
Liebe Grüße
Fatzikowsky