Braucht Literatur einen eigenen Raum?

Hi liebe Experten!

Vielleicht wäre ich mit dieser Frage besser im Unterrichts- und Erziehungsbrett aufgehoben, aber ich möchte diese Frage erstmal „literarisch“, danach vielleicht didaktisch beantwortet haben…
Ich stehe kurz vor meiner Fachdidaktikklausur Deutsch (Examen), Thema „Outdoor-Didaktik“. Dies meint in diesem Falle grob nichts anderes, als wie auch immer geartete Literatur (mit Schülern statt im Klassenraum) im Freien an geeigneten Orten zu lesen. Ob laut oder leise spielt dabei erstmal keine Rolle.

Um mal ein plattes Beispiel zu geben: Statt Faust I im stillen Kämmerlein zu lesen (was bestimmt auch seinen Reiz hat), fahre ich auf den Brocken im Harz und „erlebe“ dort in der Lektüre die Walpurgisnachtsszene. Oder aber ich suche mir einen absolut konträren Ort (was, weiß ich, und sei es ein Bahnhofsklo…) für die Lektüre aus, um die Diskrepanz zwischen Ort und Text zu erleben.

Das mag in vielerlei Hinsicht seine Vor- und Nachteile haben, aber ich möchte gern mal eure Meinung hören: Braucht Literatur eigene Räume (wie zum Beispiel eben den Brocken), um zu wirken?

Freue mich auf jede Antwort…
Gruß, Dine

Hallo Dine,

ich möchte gern mal eure Meinung hören: Braucht Literatur
eigene Räume (wie zum Beispiel eben den Brocken), um zu wirken?

nun, Literatur braucht solche Räume sicherlich nicht, aber diese erweitern doch die Rezeptionsmöglichkeiten erheblich, weshalb man nicht auf sie verzichten sollte, wenn man sie nutzen kann. Allerdings meine ich, dass man zu gegebener Zeit - also etwa in der Nachbereitung - schon darauf hinweisen sollte, dass es eigentlich auch ohne Brimborium geht bzw. gehen sollte.

Was ich sagen will, ist, dass bei Benutzung dieser Räume die Wirklichkeit als Initiationsritus zur Phantasie benutzt werden kann, sozusagen als Anreiz, sich seine eigene „Wirk-lichkeit“ zu erschaffen - innen.

Gruß

Bona

Hallo,
nein, sie braucht keinen eigenen Raum. Wäre ja auch schlimm, kein Mensch würde mehr lesen, weil man nur in den seltensten Fällen diesen idealen Raum zur Verfügung hat. Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, zur Lektüre von Auerbachs Keller nach Leipzig zu gurken, um dann die Walpurgisnachtszene auf dem Brocken zu lesen.
Was würfe das für Fragen auf: Wo liest man „Per Anhalter durch die Galaxis“? Wo „Deutschland, ein Wintermärchen“? Und der Gestank der Wiener Kanalisation für „Der dritte Mann“ dürfte die Lektüre letztlich nur verleiden.
Natürlich haben verschiedene Leseorte einen nicht geringen Einfluss darauf, wie ich ein Buch wahrnehme. Ich kann z.B. in überfüllten Zugabteilen prima lesen, während ich in der Badewanne nach fünf Minuten die Lust verliere. Im Café lese ich lieber Zeitung und auf dem Klo den Spiegel. Im Winter lese ich gerne dicke Wälzer und Klassiker, im Sommer lieber Leichteres und Aktuelleres.
Nicht zu vernachlässigen ist auch das richtige Getränk. Solls ein Tee sein für Jane Austen, muss ein Sixpack her für Bukowski, wird ein Grog aufgesetzt für „Moby Dick“?
Altes Swinger-Club-Motto: alles kann, nichts muss.
Jetzt geh ich z.B. in die Küche, trinke Rotwein und lese Heine. (die Küche ist der Ideale Raum für Heine, weil er ja ein kleiner Lukullus war)
Salve
André

Also: Ich bin schülerin der 13ten Klasse und habe den LK deutsch. Natürlich sind wir nach Weimar gefahren und da hat uns der Deutschlehrer gefragt, ob wir sowas machen wollen. Es war bei uns im Kurs durchgehend die Meinung, dass die Schüler sowas sehr begrüßen. Ich selbst habe jetzt nicht unbedingt das Bedürfnis zum Brocken zu fahren, aber ich denke z.B. dass so auf Kursfahrten eben so Ausschnitte schon gelesen werden sollten. Dann verbindet man den Ort automatisch mit dem BUch- es ergibt sich neben der Vorstellung beim Lesen nochmals die örtliche Komponente dazu. Ein ganzes buch auf diese Art und weise zu lesen ist sicherlich nicht möglich, aber ich denke es ist ein guter Ansatz. Finde es insgesamt gut nicht allein im Kämmerchen zu lesen, sondern draußen und dann auch mit anderen drüber zu diskutieren…
BTW- unser Deutschlehrer ist in den ersten Deutschstunden mit uns in einen Park gegangen, hat uns dort drin verteilen lassen bei schönem wetter natürlich und uns gedichte schreiben lassen. Das fand ich ne super erfahrung, weil man jetzt auch nicht von den Wänden und den anderen Mitschülern eingeengt wurde. Im Rahmen der Schule konnte jeder sich die Freiheit nehmen die er gebraucht hat, aber hat was "produktives " gemacht, das dann zu einem ganzen wurde. Wie gesagt, ich finde sowas gut- aber natürlich muss die klasse mitmachen.

Gruß, regina

Gruß, regina

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Hallo Dine,

nein, Literatur braucht das nicht.
Das ist ja gerade das Schöne, dass ich beim
Lesen alles um mich herum vergessen kann
und in dem Buch „leben“ kann.
So verführerisch das klingt, Faust auf dem
Brocken (oder lieber in Auerbachs Keller?) -
es ist Firlefanz. Denn der richtige Brocken
ist ja doch nicht der Brocken in meinem
Hirn, wenn ich Faust lese.

Grüße
Elke

Servus Dine,

brauchen tut sie ihn nicht, einen eigenen Raum. Sie schafft sich ihre Räume oder auch vacua in den imaginationibus der Leser.

Eigene Räume können aber, meine ich, sozusagen als „Anschub“ einen Zugang eröffnen, so dass sie unterrichtsbegleitend schon ihre Berechtigung haben.

Das gilt in erster Linie für alles Romantische und einiges Empfindsame, wo Natur- und anderes Erleben von Außenräumen eine bedeutende Rolle spielen. Ein Klassiker ist die Lektüre der Götheschen Beschreibung des Strassburger Münsters, vor diesem stehend. Auch allerlei geomorphologische Beobachtungen von ihm können anlässlich einer Alpenüberquerung für den DVD-gewohnten Leser sozusagen einen „Multimediaaspekt“ gewinnen.

Der für wenig Lesegeübte schwer zugängliche, aber meiner persönlichen bescheidnen Einschätzung nach gänzlich zu Unrecht vergessene CM Wieland liest sich in dessen erst jüngst wieder hergestelltem Garten zu Oßmannstedt sehr viel leichter.

Geschichten aus der Ilias gewinnen viel Farbe, wenn man dabei den Duft von behauenem Holz hat - nämlich dabei ist, das berühmte Pferd zu zimmern -, einen Schluck Retsina nebst griechischen Teigtaschen mit Honig und Käse - als Vorahnung Kirkescher Magien - einnimmt usw. (wie dieses vor langer Zeit von SD Robert Dietle am Wieland-Gymnasium zu Biberach praktiziert wurde).

Sehr skeptisch war ich angesichts einer für die Friesenheimer Insel (zwischen BASF und Rhein-/Neckarmündung nebst verschiednen Häfen gelegen) zu Monnem angekündigten Lesung von Ringelnatz-Poemen. Vor Ort zeigte sich dann, dass dieser Ort, wo zwei harmlose Binnengewässer ein bisschen Rotterdam spielen, für den „Möchtegern-Seefahrer“ Ringelnatz genau angemessen ist.

Das Gegenteil, nämlich dass sich angesichts irgendwelcher Bilder unwillkürlich ein wenig erinnerte Literatur meldet - wenn etwa beim Anblick der von der alten Gotthardstraße sechsspännig herunterbrausenden Bergpost incl. Postillion sofort Freund Eichendorff anklingt, oder wenn ein Gast in der Ecke einer Pariser Brasserie unwillkürlich zu Janvier wird, der auf Maigret wartet - ist ja unvermeidlich, wenn schon einige Lesefrüchte innerlich gespeichert sind. Warum also nicht den dazu gehörigen „Hinweg“ auch gehen?

Kurz: Solang man ziemlich strikt drauf achtet, dass die Literatur nicht vor lauter Event in den Hintergrund tritt, und auch darauf, dass der Leser irgendwann in seine eigne Vorstellungsfähigkeit entlassen werden soll, sind die eigenen Räume für Literatur sicherlich ein geeignetes Mittel zur Unterstützung.

Aber brauchen: Thut sie gottlob bloß den Brägen des Lesers.

Schöne Grüße

MM

Dank euch allen…
…bis hierhin schon mal für die Statements…Bei jedem waren ein paar interessante Denkanstöße dabei, also Sterne für alle:wink:

Lieben Gruß, Dine

Hallo Elke,

Ich hänge mich an Deinen Artikel, nicht weil ich Dir widersprechen wollte, sondern weil ich mir damit den unnötigen Aufwand ersparen kann, meine Gedanken selbst zu reihen.

Meine Haltung zu Dines Frage ist nämlich die exakte Antithese zu Deinem Artikel:

nein, Literatur braucht das nicht.

doch gerade Literatur braucht das.

Das ist ja gerade das Schöne, dass ich beim
Lesen alles um mich herum vergessen kann
und in dem Buch „leben“ kann.

Das Schöne am Lesen ist, dass ich nicht wie beim Film etwa an einen Ort gebunden bin, sondern mir die Orte wählen kann. Natürlich kann ich beim Lesen alles um mich herum vergessen, aber ich muss es nicht;

So verführerisch das klingt, Faust auf dem
Brocken (oder lieber in Auerbachs Keller?) -
es ist Firlefanz.

Ja, warum denn nicht in einem Weinkeller? Natürlich liest sich der Faust anders im Weinkeller als in einem Zug, anders als auf einem Berg, anders als im Klassenzimmer.

Sicherlich hätte ich die Ilias anders gelesen, hätte ich sie nicht unter einem Apfelbaum liegend gelesen, und sicherlich hätte ich Kerouacs „On the Road“ anders gelesen, hätte ich meine Wasserpfeife nicht gehabt, und sicherlich Kafkas „Strafkolonie“ anders, hätte ich den Text nicht durch Abtippen am PC gelesen …

Kurzum: der Vorzug des Lesens etwa dem Film gegenüber besteht darin, dass es mein Körper ist, der liest, nicht „bloß“ mein Geist.

Denn der richtige Brocken
ist ja doch nicht der Brocken in meinem
Hirn, wenn ich Faust lese.

der „richtige“ Brocken ist aber auch nicht Goethes Brocken, und der richtige Auerbachkeller ist weder Goethes noch Fausts Auerbachkeller (und damit meine ich nicht die historische Distanz)

So verführerisch das klingt, Faust auf dem
Brocken (oder lieber in Auerbachs Keller?) -
es ist Firlefanz.

Die Pseudo-Authentizität ist in der Tat Firlefanz; ob Auerbachs Keller oder irgendeine Spelunke ist wenig bedeutsam, aber ob Klassenzimmer oder Weinkeller (und Wein) ist aus meiner Sicht von großer Bedeutung.

„Mettez-vous à genoux, remuez les lèvres da la prière, et vous croirez“ (Alhusser Pascal in den Mund legend)

Viele Grüße
franz

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P.S.
Hätte ich Martins doch sehr ähnliche Gedanken vor meiner Schreiberei gelesen, hätte ich mir meine „Antithese“ ganz gespart, nicht bloß die Reihung :wink:

Aber löschen will ich mein Posting jetzt auch nicht mehr, allein schon damit alle wissen, dass ich stolzer Besitzer eines Apfelbaumes bin *odersodenk*

Hallo Franz,

Ich sehe eigentlich keinen Widerspruch in unseren
Aussagen.
Ja, die Umwelt, in der ich lese, hat einen Einfluss
auf den Leser (und damit auf das Gelesene).
Nur, braucht Literatur nicht die „passende“
Umgebung, um das Gelesene erfahrbar zu machen.

Gruß
Elke