Wat de Buur nich kennt
Hiho,
gestattest Du, dass ich zunächst die These ein wenig näher beleuchte:
Deutschland verfügt angeblich über 400 Brotsorten.
Wenn man den ganzen Dreck weglässt, der aus ein und derselben Mischmaschine kommt, der bei den letzten drei Umdrehungen noch ein paar Schippen Vogelfutter beigefügt werden, um das triste Ergebnis dann unter Fantasienamen wie Spessarträuber, Biovital-Krusti, Fitnesskracher, Bauernschwanzerl, Weltmeisterquickie, Business-Baggi, Prolo-Knorzen, Eingenetztes, Ausgehobenes, Abgewichstes etc. an die zahlungswilligen Dumpfdeutschen zu verhökern, bleiben davon etwa zehn, bei viel gutem Willen zwanzig.
Die kätschigen Weißbrote bekommen in F bloß Dumpfdeutsche, die wie die Geier auf den Carrefour oder den Lidl stürzen, der eine Flute für drei Cent billiger hergibt. Wer zum Bäcker geht, kriegt Brot vom Bäcker.
In der Tat gab es bis vor etwa dreißig Jahren in F fast ausschließlich Baguettes und Flutes. Das hängt damit zusammen, dass in F beinah zweihundert Jahre lang der Brotpreis als Politikum staatlich fixiert und dementsprechend das Brot staatlich definiert war.
Seit in F der Brotpreis freigegeben ist, ist auch das Brotbacken wieder frei, und die Ergebnisse dürfen sich sehen und schmecken lassen. Es gibt beiläufig in D nur sehr wenige Bäcker, die eine richtige Baguette auf die Reihe kriegen - das meiste, was hierzulande unter diesem Namen verhökert wird, ist Dreck.
Die „Weissbrotstufe“ ist nur in germanischen Gefilden (D - Skandinavien - UK - USA) etwas Mediokres, auf dem man „hängen bleiben“ kann. Unter den Pariser Bäckern wird jährlich ein „König der Baguette“ gewählt, und dieser Titel ist nicht ganz leicht zu erringen.
Der historische Hintergrund dafür ist einmal wieder das Imperium, von dem wir Straßenbau, Dachdecken, Ziegelbrennen, Weinbereitung, Maronenkultur und noch vieles andere, wie z.B. das Brotbacken, gelernt haben: Das Weissbrot aus höchst ausgemahlener Farina „00“, die es in D gar nicht gibt, weil wir als Weltmeister des „Ersatz“ (das ist ein hübsches französisches Lehnwort aus dem Deutschen) auf „405“ hängen geblieben sind, war im römischen Imperium der Kaiserzeit das Brot für Superreiche und Nomenklatura.
Brot wird am Mittelmeer anders gegessen als in D, daher gibts auch andere Ansprüche daran. Man isst Brot nicht vornehmlich „als“, sondern „zum“ Essen. Sicherlich gibt es auch Mahlzeiten, die hauptsächlich aus Brot bestehen. Probiere mal das provenzalische Frühstück - ein paar Stücke Brot mit einem guten Hieb Olivenöl drauf, dazu Wasser ad libitum - mit Pumpernickel oder Roggenbrot: Die Lust auf das Tagewerk wird Dir schon früh um sechse vergehen.
Es bleibt eine einzige Besonderheit festzuhalten, die genuin mitteleuropäisch ist: Der Sauerteig. Es gibt physiologische Gründe dafür, dass Sauerteig sich nur mit Roggenmehl oder Roggenschrot ansetzen lässt. Dafür ist Voraussetzung (1) dass man in einer Gegend lebt, wo sich Roggen - ursprünglich ein Unkraut auf Weizenfeldern - überhaupt kultivieren lässt, das geht im mediterranen Klima kaum, und (2) dass man in einer Gegend lebt, in der die Bakterien und Pilze, die einen Sauerteig ausmachen, überhaupt vorkommen - das ist nur in ganz wenigen Gegenden der Welt, u.a. Mitteleuropa.
So dass von den „400 Brotsorten“ noch in der Hauptsache Graubrot und Pumpernickel übrig bleiben.
Et c’est ainsi qu’Allah est grand
Dä Blumepeder