ich würde gerne mal ein paar unvoreingenommene psychologische oder menschliche Einschätzungen zu einem Satz hören, den ich gerade mit einem Kollegen angeregt diskutiert habe.
Der Hintergrund: Ich beschäftige mich bei einem Sicherheitsdienstleister u.a. mit kriminalitischer Dialogauswertung, d.h. man versucht aus Gesagtem möglichst viele Hintergrundinfos zu gewinnen. Nun habe ich vor ein paar Wochen in einer Fahndungssendung auf RTL2 einen Satz aufgeschnappt, der mir äußerst seltsam erschien.
Der ältere Bruder eines Mordopfers sagte über den Ermordeten wörtlich:
„Der Dieter, das war eine umgängliche Person.“
Nach seinen weiteren Aussagen und derer des Vaters hatten die Brüder ein aussergewöhnlich gutes Verhältnis, „Ein Herz und eine Seele“.
Ich habe selbst eine Schwester und meine, dass man bei einem wirklich guten Verhältnis nicht so über Geschwister reden würde.
Meine Argumente dafür:
„Der Dieter“, Vorname mit Artikel, ist unpersönlich bis abwertend.
Unvollständige Satzkonstruktion mit Relativsatz. Das Komma ist auf eine Denkpause zurückzuführen, die benötigt wird, um eine angemessene Formulierung zu finden, kann im Fernsehinterview also situationsbedingt sein. Allerdings wirkt die Wertung in einem Relativsatz herablassend, „gönnerhaft“. Ich möchte ausschließen, dass die Beteiligten sich auf gleicher Augenhöhe fühlten.
„eine Person“ hat eine eindeutig abwertende Konnotation. Hinzu kommt, dass die Verwendung dieses Worts zur Umkehrung des Geschlechts zwingt, was bei Gesprächen über Männer zusätzlich ins Gewicht fällt. Die Satzkonstruktion verursacht noch ein neutrales Relativpronomen.
„umgänglich“. Es ist selten dieses Wort überhaupt zu hören, bei sich nahestehenden Menschen geradezu ausgeschlossen. „Umgänglich“ ist ebenfalls leicht abwertend, es kann ausdrücken, dass der Mensch einerseits „harmlos“, ohne eigenen Standpunkt ist, andererseits aus eigenem Verschulden leicht auszunutzen und zu hintergehen ist. Es wird häufig als höfliches Synonym für „Trottel“ verwendet.
Also aus meiner Sicht hätte der Satz unter den vorgegebenen Umständen eher lauten müssen: „Dieter war ein netter Mensch.“
Meinem Kollegen, dem ich das beiläufig erzählt habe, erschien der Satz jedoch völlig normal. Bin ich nun paranoid?
Mir geht es natürlich nicht darum, an einem Satz eine komplette psychologische Analyse auftzuhängen. Ich würde nur gerne hören, was unbefangene Menschen von so einer Formulierung und ihren Feinheiten halten.
Ich denke da eher an etwas anderes, auch wenn ich da vielleicht von mir auf andere schließe.
Sprache hat eine große Macht und ich kann wählen ob ich die Worte wähle die meinem Gefühl entsprechen oder mich eben anderer Worte bediene die keinen Bezug zu meinem Gefühl haben.
Wähle ich die Worte die meinem Gefühl entsprechen, so erscheint auch dieses Gefühl, in diesem Fall vielleicht Trauer und ich kann mich der Trauer nicht entziehen.
Das kann ich aber vermeiden wenn ich Worte wähle die keinen Bezug zu meinem Gefühl haben und somit vermeide ich in diesem Augenblick auch mein Gefühl, falls ich es in diesem Moment als unpassend erlebe.
Vielleicht ist es eine Hilfe für diesen Mann sein augenblickliches Gefühl zu verbergen und er wählte genau deshalb diese nicht ganz passenden Worte um seinen Bruder zu beschreiben, um sich von seinem Gefühl zu distanzieren.
…unvoreingenommene psychologische oder menschliche
Einschätzung.
„Der Dieter, das war eine umgängliche Person.“
Zwei zusätzliche Blickwinkel, die ich dazu einbringen möchte:
Es gibt imho Gegenden in Deutschland, wo man grundsätzlich von „dem Dieter“ spricht, wenn man Dieter meint. Wo genau, wissen bestimmt die Experten in den Deutsch- und Mundartbrettern. Ohne die näheren Umstände zu kennen, würde ich - unvoreingenommen - dieser Formulierungsweise keinen negativen Beigeschmack unterstellen.
Soll hier ein Mann über seine Gefühle sprechen. Das dürfte vielen schwerfallen, weswegen sie zu „gestelzten“ und „abgeschwächten“ Formulierungen greifen. Auch hier sehe ich nicht unbedingt eine beabsichtigte Abwertung der gemeinten Person.
Ich habe selbst eine Schwester und meine, dass man bei einem
wirklich guten Verhältnis nicht so über Geschwister reden
würde.
Ich unterstelle Dir aufgrund dieser Formulierung, dass Du zu Deiner Schwester wohl kein so gutes Verhältnis hast?
„Dieter war ein netter Mensch.“
Ich finde beide Sätze ungefähr gleich belanglos, harmlos, nichtssagend. Wenn ich denn einen Bruder hätte, würde ich mich wahrscheinlioch dezidierter, spezifischer über ihn auslassen. Aber ich bin nicht der sprachliche Prototyp der deutschen Gesellschaft (Gottseidank ).
Der „normale“ Mensch „darf“ sich meiner Meinung schon so ausdrücken - jedenfalls tut er es ganz offenbar.
Die einfachen Leute benutzen doch gern und häufig Artikel wie „der“ vor einem Namen, genauso wie sie Füllwörzer und Leerformeln sagen wie „Ich sag mal“ usw.
Gruß,
Branden
Hallo, Richard,
ich fürchte, dass man zur Beurteilung etwas mehr als diesen (noch dazu geschriebenen) Satz braucht. Ganz sicher ist der Tonfall von entscheidender Bedeutung. Auch wichtig ist, wie der Betreffende sich sonst ausdrückt. Und nicht zuletzt, hängt die Antwort doch auch stark von Kontext der Einvernahme und von der Fragestellung ab.
Frage: „Wie war denn Ihr Bruder so?“
Antwort: „Der Dieter? - Das war eine umgängliche Person!“
Name mit Artikel davor, Pause danach:
Möglichkeiten:
bringt Zeit zum Nachdenken, zur Formulierung des richtigen, angemessenen Ausdrucks.
Es gibt mehr als einen Bruder.
Übliche Redeweise.
Geringschätzung.
Aber wie gesagt, aufgrund der verschriftlichten Aussage allein läßt sich mit Sicherheit nichts herausprofilieren.
es kommt darauf an woher die Geschwister stammen. In Bayern z.B. ist ein Artikel bei einem Vornamen nicht ungewöhnlich und nicht unbedingt abwertend gemeint. Allerdings kommt es auf den jeweiligen Wortschatz an, weswegen eine derartige Formulierung auch unbewußt bewußt gewählt worden sein könnte.
Manche Leute machen aus einem Menschen eine Person, um sie sich dann so neutralisiert leichter vorstellen und beschreiben zu können.
Wer jemanden als umgänglich beschreibt, erzählt, dass er mit demjenigen keine Probleme hatte. Es beschreibt das Miteinander. Man kann dann nur mutmaßen, ob diese Umgänglichkeit als gut, schlecht oder zwiespältig gesehen wurde.
Mehr könnte man erfahren, wenn man mit den richtigen Fragen nachhaken würde.
Vielleicht fällt es dem Bruder des Ermordeten grundsätzlich schwer, die richtige Formulierung beim Einschätzen und Wertschätzen seiner Mitmenschen zu finden.
besonders aufschlussreich fand ich schiwas Einschätzung. Den Aspekt, die Trauer durch diese Formulierung zu verbergen, hatte ich übersehen. Im Nachhinein betrachtet deckt sich diese Theorie aber sehr gut mit dem Eindruck, den ich von dem Mann hatte. Die Meinung, der Artikel vor dem Namen sei regionaltypisch, stimmt in diesem Fall mit dem sonstigen Sprachgebrauch des Befragten nicht überein.
Was die Thematik an sich angeht (ich habe das Gefühl, da missverstanden worden zu sein): Natürlich sollen solche Überlegungen nicht dazu dienen, ein Urteil über einen Menschen zu fällen, schon gar nicht aufgrund eines einzigen Satzes. Aber gerade auf das scheinbar belanglos Dahingesagte, auch Füllwörter o.ä., richtet sich die Aufmerksamkeit in meiner Branche. Nichts wird ohne Grund so gesagt, wie es gesagt wird. Wenn man es schafft, die unwichtigen Gründe herauszufiltern, zeigt das oft logische Brüche und hilfreiche Informationen im Inhalt des Gesprochenen auf, Fehlerhaftigkeit allerdings nicht ausgeschlossen. Solche Informationen machen den Sprecher für seinen Dialogpartner angreifbar. In dem Projekt, an dem ich beteiligt bin, geht es dabei vorrangig um die Verhandlungsführung mit Geiselnehmern.
Die einfachen Leute benutzen doch gern und häufig Artikel wie
„der“ vor einem Namen, genauso wie sie Füllwörter und
Leerformeln sagen wie „Ich sag mal“ usw.
Verstehe ich das richtig? Du meinst damit die Menschen aus Süddeutschland?
wie kommst Du zu dem Schluss, Branden meinte die Süddeutschen?
Ich komme selbst aus Süddeutschland und höre natürlich oft Artikel vor dem Namen. Genauso oft hab ich das aber auch schon in
" Plattdeutschland " , sprich im Norden gehört.
ich weiß ja nicht, ob da ein Gespräch nachgestellt oder eine Aussage aufgezeichnet wurde.
Als TV-Junkie der besonderen Art, verrate ich Dir mal ein offenes Geheimnis:
Für den Fall, dass es sich um Nachgestelltes handelt: Man sollte nicht allzu viel auf diese Sendungen geben, denn sie sind oft mit der heißen Nadel gestrickt, für Sorgfalt bleibt nicht genug Zeit, und für wirklich gute Texteschreiber reicht das Budget nicht aus.
Kurz und gut: Der Autor war scheiße!
Nimm solchen TV-Kram nicht ZU ernst. Einen Satz wie den von Dir angeführten sagt im richtigen Leben kein Mensch!
Möglichweise beschreibt ein Polizist/Richter/StA o. ä. in einem Protokoll auf diese Weise eine Zeugenaussage „der Bruder des Ermordeten beschrieb diesen als umgängliche Person“.
Im echten Dialog spricht niemand so, es sei denn er hat wenig Sprachgefühl, aber ein dickes Bedürfnis, auf die Pseudo-Kompetenz-Kacke zu hauen.
Aber ich verrate Dir auch noch, dass ich soviel fernsehe, weil ich solche Fundstücke regelrecht sammle. Deshalb findest Du mich bei JEDER Art von Fernsehsendung vor Lachen brüllend auf dem Sofa.
Der kluge Satiriker denkt sich nichts aus, er schreibt einfach mit!