Hallo Ann,
das hätte ich mir ja auch denken können, dass Du hier nachfragst. Freut mich Dich wiedermal zu lesen. 
Statt, dass ich hier jetzt einen Fachvortrag mache, schreib ich mal ein paar Eindrücke auf und revidiere vielleicht ein paar schiefe Ansichten.
1. Es werden jeden Tag neue bislang unbekannte Handschriften, Fragmente und Texte endteckt.
Bevor ich mit dem Studium und später dann mit der Editoren-Ausbildung angefangen hab, dachte ich immer, dass die meist- und besterforschte Abteilung der Geisteswissenschaften die mittelalterlichen Texte seien. „Was kann man denn da noch Gescheites finden?“
Als ich dann erfahren habe, dass einer der berühmtesten Textem, die Summe der Theologie von Thomas von Aquin keine kritische Ausgabe hat, war das wohl die Angriffstrommel für meinen weiteren Werdegang. Die Masse an HS oder Abschriften, Excerpten oder Fragmenten ist schlichtweg erschlagend und ein Editor brauchte wohl min. 25 Jahre um eine kritische Ausgabe mit vollständigem Apparat der Varianten herauszubringen.
Warum sind die Varianten denn so wichtig? Hier komm ich jetzt auf das Ausgangsposting zurück. Im Kopierverlauf eines jeden Textes schleichen sich Fehler ein. Diese Fehler oder Abweichungen sind eines der wichtigsten Indizien für die Erstellung von HS-Familien und die Beschreibung der Verbreitung einer Version des Textes. Die Fehler können von simplen Schreibfehlern, bis hin zu Syntaxveränderungen oder falschen Ergänzungen gehen, also von sehr subtil bis markant. Dabei ist natürlich die Tatsache, dass meist zwischen 3 bis 10 Händen (je nach länge des Textes) in einer Schrift vorhanden sind ebenfalls erschwerend. Die Varianten, die sich so ergeben, können thematisch für das Verständnis des Textes oder aber auch für die Kommentare, welche diesen Text wiederum zitieren entscheidenen sein. Und man kommt nicht selten genau über diese Varianten im Apparat Falschlesungen oder Fehlinterpretationen auf die Spur.
2. Sieht man sich die Zahl der erhaltenen HS eines Textes an, dann steht diese Zahl zu den verlorenen HS desselben Textes im Verhältnis 1:3
Zugegeben es ist ein schwaches Indiz, allerdings nicht zu vernachlässigen. Die Verbreitung von Kommentaren im MA und vor allem in der Scholastik war erstaunlich schnell. Ein Beispiel: Thomas von Aquin beendet seinen Sentenzenkommentar I ca. im Nov. 1259. An Weihnachten 1259 hatten die Buchhändler in Paris den Text schon für die Studenten bereit. Die ersten Texte, welche aus diesem Kommentar zitieren stammen von 1260 (von Paris, Oxford und Orvieto).
Dies soll nur ein kleiner Hinweis auf die Rolle der Datierung sein. Fünf Jahre Unterschiede in der Datierung eines Textes können also (im 13. Jh. beispielsweise) Welten bedeuten.
Daraus wird klar, dass mitnichten nur in den Klöstern oder Odernshäusern Kopisten tätig waren. Solche professionnelle Scriben konnten pro Tag ca. 2 Excerpte abliefern (sagen wir mal ca. 30 folios also 60 Seiten).
3. Jedes Detail eines Manuskripts ist wichtig
Schrift und Text sind nur ein Teil der Informationen, die ein Codex liefert. Jedes kleine Detail kann wichtig sein. Nicht nur aus historischen Gründen, sondern auf für den Inhalt des Textes oder zuminest für seine Würdigung.
Die Schrift
Die Art der Schrift ermöglicht eine grobe Datierung und Lokalisierung, da jeder Schreiber sowohl persönliche aber auch zeitliche und regionale Varianten aufweist.
Die Tinte und Pergament und die Seite als Ganzes
Qualität und Farbe der Tinte (im Schriftspiegel) sowie des Pergaments sind Hinweise auf den Zweck, den Wert und die Region einer Abschrift.
Die Aufteilung einer Seite, deren Sorgfalt, die Verzierungen,
gehören hier auch dazu.
Die Lagen
Lagen sind ‚Bünde‘ von Pergament, die zusammengenäht mit weiteren Bünden dann verknüpft werden, bevor die Bindung erfolgt.
Der Stellenwert der Lagen ist ein leidiges Thema unter den HS-Beschreibern.
Mir allerdings hat eine genaue Lagenanalyse schon mal einen ganzen Codex augeschlüsselt. Am Ende konnte ich begründete Zweifel an der gewachsenen Meinung anmelden, die davon ausging, dass alle Texte des Codex zusammen aus derselben Zeit und vom selben Ort stammten.
Alles schön und gut, aber welchen Einfluss hat sowas auf den Text oder den Inhalt und was fängt man mit Handschriftenbeschrieben eigentlich an?
Hier erstmal wie ein Handschriftenbeschrieb aussieht (ich hab mir wahllos einen herausgegriffen): http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/katalogseit…
Ein Beispiel:
Das Liber de Causis galt im MA lange als aristotelischer Text und wurde auch zusammen mit den anderen Aristoteles Texten kopiert, gebunden etc. Thomas bewies in seinem Kommentar um 1260 allerdings, dass es sich dabei um eine Kurzfassung der Elementa theol. des Proclus handelt.
Dietrich von Freiberg wiederum zitiert ca. 30 Jahre nach Thomas beide Texte parallel. Dabei setzt er immer die gleichen Paragraphen nebeneinander. Dietrichs Text wiederum lässt sich weder auf das Jahr noch auf den Entstehungsort festlegen. Die Zitierweise (und gewisse Fehler in der Nummerierung) zeigen aber, dass er ein Manuskript als Zitiervorlage hatte, das wahrscheinlich beide Texte paralell aufwies.
Eine meiner Aufgaben ist es nun eine Aufstellung der Manuskripte zu machen, die beide Texte beinhalten. Schaffe ich es jenes zu finden, das dieselben Nummerierungsfehler aufweist, könnte sich gegebenenfalls dadurch die Datierung eines undatierbaren Textes von Dietrich von Freiberg ergeben, ausserdem wüsste man dann auch noch wo der werte Herr in dem Jahr gerade war.
Die Chance, dass dies gelingt ist relativ klein. Die Zahl der HS ist einfach zu gross. Dies soll einfach ein kleiner Hinweis auf die Arbeit mit Handschriften sein. Und es soll zeigen, dass dies nicht einfach eine rein technische Geschichte ist, sondern, dass sie grundlegend für den Inhalt und das Verständnis eines Textes sein kann.
Und wenn ihr das bis hier hin gelesen habt: mein herzliches DANKE!
)
Noch zwei nette Details: ein Handschriftenbeschreiber kann bis zu 25 Manuskripte pro Jahr beschreiben und die weissen Handschuhe sind nur Eindruckschinderei
[bin schon weg…]
Hier noch der Link auf die DFG Richtlinien für Beschriebe: http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/richtlinien…
Grüsse
Y.-