Buch kopieren

vor der erfindung des buchdruckes haben zahlreiche klöster bücher von hand kopieren lassen. kann mir jemand sagen, wie lange so etwas ungefähr gedauert hat? das waren ja richtge kunstwerke der kalligrafie und der malerei. die mönche haben sich wahrscheinlich auch zeit und muße genommen. deswegen schätze ich waren es nicht wochen sondern eher monate. oder könnte es sogar ein jahr und länger sein?

gruß
robin

Hi,
das normale Pensum in den Scriptorien der Klöster war so 3 Seiten pro Tag (diese Angabe hab ich für die Karoligerzeit aus einer Sendung des BR) also 18 Seiten /Woche = ca. 930 Seiten/Jahr . Sicher war die Jahresleistung aber um einiges geringer, da es in den Klöstern diverse Feiertage gab, an denen der Gottesdienst im Vordergrund stand.

Das betrifft aber wohl nur die Abschrift und einfachere Textverzierungen. Bei hochwertigen Illluminationen war der Zeitaufwand sicher viel höher (Stunden bis Tage oder Wochen) pro Bild, je nach Qualität. Und diese wurden sicher auch durch einige wenige Spezialisten ausgeführt, da im Verhältnis zur Schriftkopie eine größere künstlerische Fertigkeit nötig war.
Gelegentlich man nahm die Bücher zum Kopieren auch auseinander, so dass man zahlreiche Kopisten gleichzeitig an einem Werk arbeiten lassen konnte.

A.

besten dank für die rasche antwort. genau das, was ich wissen wollte!

gruß
robin

Hi Robin,

Alex hat vollkommen recht mit seiner Einschätzung.
Ich möchte nur noch etwas Kleines anfügen: massgeblich ist vor allem die Natur der Handschrift (HS).
Wenn es um eine einfach Kopie für den Studiengebrauch geht, liegt daa Tagespensum sicher höher, als wenn es sich um eine Prachthandschrift handelt. Ich rede jetzt nur vom Schriftspiegel, nicht von den Illuminationen.
Genauso wie Du einen Brief anders und genauer schreibst, als eine kleine Notiz ins Tagebuch.
Hinzu kommt, dass die 3 Seiten pro Tag für die Hochzeit der Scriptorien zu wenig ist. Ein professioneller Kopist konnte schon bis zu 10 Seiten pro Tag abschreiben. Mit den Illuminationen hatte er wenig zu tun.
Arbeitsteilung: es gab für alles Spezialisten. Die verziehrten Majuskeln, die Miniaturen, sogar die Rubrizierung (die Roten Anfangsbuchstaben in einer einfachen HS) wurde meist jemand anderem übergeben.
Man geht auch in der Handschriftenbeschreibung grundsätzlich von zwei Händen aus, wenn Rubrizierungen dabei sind. Es sei denn die Grossbuchstaben sind eindeutig vom gleichen Schreiber.

Liebe Grüsse
Y.-

NB: Ich würde liebend gerne noch mehr erzählen, möchte aber hier niemanden langweilen…

NB: Ich würde liebend gerne noch mehr erzählen, möchte aber
hier niemanden langweilen…

hallo yseult,

bitte erzähle noch mehr. es interessiert mich brennend!

herzlichen dank schon mal
ann

Hallo Ann,

das hätte ich mir ja auch denken können, dass Du hier nachfragst. Freut mich Dich wiedermal zu lesen. :wink:

Statt, dass ich hier jetzt einen Fachvortrag mache, schreib ich mal ein paar Eindrücke auf und revidiere vielleicht ein paar schiefe Ansichten.

1. Es werden jeden Tag neue bislang unbekannte Handschriften, Fragmente und Texte endteckt.
Bevor ich mit dem Studium und später dann mit der Editoren-Ausbildung angefangen hab, dachte ich immer, dass die meist- und besterforschte Abteilung der Geisteswissenschaften die mittelalterlichen Texte seien. „Was kann man denn da noch Gescheites finden?“
Als ich dann erfahren habe, dass einer der berühmtesten Textem, die Summe der Theologie von Thomas von Aquin keine kritische Ausgabe hat, war das wohl die Angriffstrommel für meinen weiteren Werdegang. Die Masse an HS oder Abschriften, Excerpten oder Fragmenten ist schlichtweg erschlagend und ein Editor brauchte wohl min. 25 Jahre um eine kritische Ausgabe mit vollständigem Apparat der Varianten herauszubringen.
Warum sind die Varianten denn so wichtig? Hier komm ich jetzt auf das Ausgangsposting zurück. Im Kopierverlauf eines jeden Textes schleichen sich Fehler ein. Diese Fehler oder Abweichungen sind eines der wichtigsten Indizien für die Erstellung von HS-Familien und die Beschreibung der Verbreitung einer Version des Textes. Die Fehler können von simplen Schreibfehlern, bis hin zu Syntaxveränderungen oder falschen Ergänzungen gehen, also von sehr subtil bis markant. Dabei ist natürlich die Tatsache, dass meist zwischen 3 bis 10 Händen (je nach länge des Textes) in einer Schrift vorhanden sind ebenfalls erschwerend. Die Varianten, die sich so ergeben, können thematisch für das Verständnis des Textes oder aber auch für die Kommentare, welche diesen Text wiederum zitieren entscheidenen sein. Und man kommt nicht selten genau über diese Varianten im Apparat Falschlesungen oder Fehlinterpretationen auf die Spur.

2. Sieht man sich die Zahl der erhaltenen HS eines Textes an, dann steht diese Zahl zu den verlorenen HS desselben Textes im Verhältnis 1:3
Zugegeben es ist ein schwaches Indiz, allerdings nicht zu vernachlässigen. Die Verbreitung von Kommentaren im MA und vor allem in der Scholastik war erstaunlich schnell. Ein Beispiel: Thomas von Aquin beendet seinen Sentenzenkommentar I ca. im Nov. 1259. An Weihnachten 1259 hatten die Buchhändler in Paris den Text schon für die Studenten bereit. Die ersten Texte, welche aus diesem Kommentar zitieren stammen von 1260 (von Paris, Oxford und Orvieto).
Dies soll nur ein kleiner Hinweis auf die Rolle der Datierung sein. Fünf Jahre Unterschiede in der Datierung eines Textes können also (im 13. Jh. beispielsweise) Welten bedeuten.
Daraus wird klar, dass mitnichten nur in den Klöstern oder Odernshäusern Kopisten tätig waren. Solche professionnelle Scriben konnten pro Tag ca. 2 Excerpte abliefern (sagen wir mal ca. 30 folios also 60 Seiten).

3. Jedes Detail eines Manuskripts ist wichtig
Schrift und Text sind nur ein Teil der Informationen, die ein Codex liefert. Jedes kleine Detail kann wichtig sein. Nicht nur aus historischen Gründen, sondern auf für den Inhalt des Textes oder zuminest für seine Würdigung.
Die Schrift
Die Art der Schrift ermöglicht eine grobe Datierung und Lokalisierung, da jeder Schreiber sowohl persönliche aber auch zeitliche und regionale Varianten aufweist.
Die Tinte und Pergament und die Seite als Ganzes
Qualität und Farbe der Tinte (im Schriftspiegel) sowie des Pergaments sind Hinweise auf den Zweck, den Wert und die Region einer Abschrift.
Die Aufteilung einer Seite, deren Sorgfalt, die Verzierungen,
gehören hier auch dazu.
Die Lagen
Lagen sind ‚Bünde‘ von Pergament, die zusammengenäht mit weiteren Bünden dann verknüpft werden, bevor die Bindung erfolgt.
Der Stellenwert der Lagen ist ein leidiges Thema unter den HS-Beschreibern.
Mir allerdings hat eine genaue Lagenanalyse schon mal einen ganzen Codex augeschlüsselt. Am Ende konnte ich begründete Zweifel an der gewachsenen Meinung anmelden, die davon ausging, dass alle Texte des Codex zusammen aus derselben Zeit und vom selben Ort stammten.

Alles schön und gut, aber welchen Einfluss hat sowas auf den Text oder den Inhalt und was fängt man mit Handschriftenbeschrieben eigentlich an?
Hier erstmal wie ein Handschriftenbeschrieb aussieht (ich hab mir wahllos einen herausgegriffen): http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/katalogseit…

Ein Beispiel:
Das Liber de Causis galt im MA lange als aristotelischer Text und wurde auch zusammen mit den anderen Aristoteles Texten kopiert, gebunden etc. Thomas bewies in seinem Kommentar um 1260 allerdings, dass es sich dabei um eine Kurzfassung der Elementa theol. des Proclus handelt.
Dietrich von Freiberg wiederum zitiert ca. 30 Jahre nach Thomas beide Texte parallel. Dabei setzt er immer die gleichen Paragraphen nebeneinander. Dietrichs Text wiederum lässt sich weder auf das Jahr noch auf den Entstehungsort festlegen. Die Zitierweise (und gewisse Fehler in der Nummerierung) zeigen aber, dass er ein Manuskript als Zitiervorlage hatte, das wahrscheinlich beide Texte paralell aufwies.
Eine meiner Aufgaben ist es nun eine Aufstellung der Manuskripte zu machen, die beide Texte beinhalten. Schaffe ich es jenes zu finden, das dieselben Nummerierungsfehler aufweist, könnte sich gegebenenfalls dadurch die Datierung eines undatierbaren Textes von Dietrich von Freiberg ergeben, ausserdem wüsste man dann auch noch wo der werte Herr in dem Jahr gerade war.

Die Chance, dass dies gelingt ist relativ klein. Die Zahl der HS ist einfach zu gross. Dies soll einfach ein kleiner Hinweis auf die Arbeit mit Handschriften sein. Und es soll zeigen, dass dies nicht einfach eine rein technische Geschichte ist, sondern, dass sie grundlegend für den Inhalt und das Verständnis eines Textes sein kann.

Und wenn ihr das bis hier hin gelesen habt: mein herzliches DANKE! :wink:)

Noch zwei nette Details: ein Handschriftenbeschreiber kann bis zu 25 Manuskripte pro Jahr beschreiben und die weissen Handschuhe sind nur Eindruckschinderei :smiley: [bin schon weg…]
Hier noch der Link auf die DFG Richtlinien für Beschriebe: http://www.manuscripta-mediaevalia.de/hs/richtlinien…

Grüsse
Y.-

12 „Gefällt mir“

DANKE! *******************************************
liebe yseult,

ich erstarre ich ehrfurcht! :wink: toll!
damit mir nix entgeht und ich in ruhe alles lesen kann, habe ich deine postings samt links erstmal abgespeichtert.

schöne grüße
ann