Hallo Katharina -
auch ich bin eher aus dem Sortimenterbereich, dennoch meine ich, zumindest soviel sagen zu können:
Grundsätzlich wird bei einem sehr kurzen Text der Verlag darauf schauen (müssen), ob es neben der reinen Lektüre andere mögliche Kaufkriterien gibt. Im naheliegendsten Falle sind das Illustrationen, und natürlich kann ein ganzes Buch textlich aus einem zwanzigzeiligen Gedicht bestehen, das zu je zwei Zeilen auf zehn Seiten aufgeteilt wurde, die aber dann jeweils von einer Illustration begleitet werden. Voraussetzung ist, dass der Verlag meint, das Ganze verkauft zu kriegen.
Wenn ein Verlag jedoch einen sehr kurzen Text ohne Illustrationen drucken möchte, wird er evtl. entweder textliches Beiwerk heranschaffen (Vorwort, Nachwort, thematisch Ähnliches) oder aber vielleicht das Lay-Out entsprechend anpassen - so wie es z.B. gerne gemacht wird, wenn verlagsinterne Vorgaben für eine Buchreihe von einem Text nicht ganz erfüllt werden.
Meine alte dtv-Ausgabe von Marquez’ „Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt“ wurde z.B. einfach übergroß gedruckt, damit genug Seiten zusammenkamen, um das Büchlein (so ließe sich böswillig vermuten) gerade noch als ‚Roman‘ deklarieren und als eigenes Werk eines bekannten Autoren verkaufen zu können. Umgekehrt kann man natürlich argumentieren, das Werk sei so eigenständig, dass es trotz der Kürze als separater Roman gelten dürfe, eine ‚Herabwürdigung‘ zur Erzählung sei nicht angemessen. Tatsache ist aber, daß die meisten Leute einfach lieber einen Roman als Erzählungen lesen, und ein Verleger weiß das auch.
Der Klassiker „Der Rabe“ von Poe wurde für die Insel-Bücherei 1.) zweisprachig gedruckt, 2.) um einen Essay Poes zum Gedicht und 3.) einen weiteren Essay ergänzt. Dreist? Bibliophil angemessene Edition eines Klassikers? Das bleibt Meinungssache (hier finde ich das z.B. sehr gelungen).
Und natürlich kann ein Kürzestdruckwerk nur ein Leporello oder ein Textbogen sein und trotzdem eine ISBN haben.
Auch bleibt zu bedenken, daß nicht jedes Buch durch größeren Umfang aufgewertet wird. Ich z.B. reagiere eher allergisch auf spürbare Versuche, mit sehr wenig Inhalt vermeintlich sehr viel Buch zu produzieren: Film- und Fanbücher haben nicht selten diese Tendenz, auch manche Sachbücher zu Trendthemen (‚Lifestyle‘-Ratgeber u.ä.).
Kurz: nein, es gibt keine klare Untergrenze für den Mindesttextumfang eines Buches, allerdings wird jeder Verlag mehr oder weniger klar festgelegte (und mehr oder weniger zugegebene) Rahmenparameter für sein Programm haben (z.B. „kein Text unter 80 Seiten unillustriert im Manuskriptstandardformat für unsere Taschenbuchreihe“).
Ein Autor, der erfolgreich mit einem Verlag verhandeln will, wird also gut daran tun, sich vorher in Bezug auf Inhalt UND Umfang zu vergewissern, ob das Werk bei dem Verlag eine reelle Chance hat. Ein aus Verlegersicht zu kurzes, aber doch interessantes Buch kann ja u.U. in gemeinsamer Absprache vom Autoren auch noch um einen relevanten Aspekt erweitert werden.
Gruß vom Pengoblin