Buddhismus: Text zum Zeitbegriff

Hallo,

ich hatte vor einiger Zeit einen Text gefunden, der den buddhistischen Zeitbegriff - ich meine in Zusammenhang mit dem Begriff des „Nichts“ - erörtert, kann aber diesen Text jetzt, wo ich ihn dringend für eine Seminarsitzung morgen Abend bräuchte, nicht wiederfinden.

Kennt jemand einen (oder vielleicht sogar den von mir gefundenen aber verlorenen) Text, den ich morgen Abend zur Disposition stellen kann?
Der Text sollte in deutscher oder englischer Sprache verfasst sein, wenn möglich kurz oder unter Umständen auch „kürzbar“ (höchstens auf 2 DIN-A4-Seiten reduzierbar) und Wesentliches zum Zeitbegriff bzw. zum Verhältnis Zeit-Nichts aus buddhistischer Sicht enthalten.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Thomas,

vielleicht helfen Dir diese Ausführungen weiter:

http://emagazine.credit-suisse.com/article/index.cfm…
http://www.zeitbalance.de/my_time/zeitbrief/zeitbrie…

Liebe Grüsse
Eve*

Halle Eve,

danke schön. Ich werde das Interview verwenden.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Thomas,
ich bin etwas im Zweifel, ob man von DEM buddhistischen Zeitbegriff überhaupt reden kann. Als Objekt spekulativen Denkens ist der (oder ein bestimmter) Zeitbegriff nicht Teil des für alle buddhistische Schulen verbindlichen Dharma (= der Lehre Gautama Shakyamuni Buddhas). Zeit ist allenfalls Gegenstand buddhistischer Philosophie(n) und ihr Begriff war und ist daher ebenso wie diese selbst dem Wandel von Anschauungen unterworfen.

Den Begriff des ‚Nichts‘ kann ich überdies nur sehr bedingt in Zusammenhang mit der Thematik ‚Zeit‘ bringen. Eventuell liegt hier Deinerseits eine Verwechslung von ‚Nichts‘ mit dem vor allem im Mahayana so zentralen Begriff der ‚Leere‘ (sunyata) vor. Die (in meditativer Schau erfahrbare) Leere war im Zusammenhang mit der anatman-Doktrin von Beginn an ein wesentlicher Teil der buddhistischen Lehre (vgl. z.B. Palikanon SN 35,85: „Leer ist die Welt, leer ist die Welt …“). Weiterentwickelt und ausgebaut wurde die Lehre von sunyata zunächst von der (Hinayana-)Schule der Satyasiddhi. Ein noch größeres Gewicht bekam diese Lehre ab ca. 150 u.Z. durch die Prajnaparamita-Sutren und Nagarjunas Madhyamaka-Philosophie im sich formierenden Mahayana und damit auch später im zum Mahayana gehörenden Ch’an / Zen.

Dies ist nicht der geeignete Ort (und ich bin nicht die geeignete Person), die äußerst komplexe Lehre von sunyata im Einzelnen darzustellen. Ganz knapp sei lediglich darauf hingewiesen, dass sunyata als ‚Standpunkt‘, als zentraler Angelpunkt einer ‚Welterklärung‘ vor allem eine soterologische Funktion hat: die Negation zweier unheilsamer (und insofern ‚falscher‘) Ansichten. Negiert wird die Ansicht von der tatsächlichen Existenz eines Persönlichkeitskerns/Ich/Seele (also eine Formulierung der oben angesprochenen anatman-Doktrin) und negiert wird die Ansicht, den Dingen liege ein nicht-bedingter Wesenskern zu Grunde. Vor allem in zweiter Hinsicht stellte sich Nagarjuna gegen die materialistisch-atomistische dharma-Theorie der älteren Abhidharma-Philosophie des Hinayana.

Nagarjunas Position ist allerdings auch nicht ‚idealistisch‘ zu nennen. Die aus der europäischen Philosophie bekannte Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidens, zwischen Erscheinung und ‚Ding an sich‘, verwirft die Madhyamaka-Philosophie (Philosophie des ‚mittleren Weges‘) gleichermaßen. Der Mensch und alle Dinge (dharmas) sind leer von einem Eigensein (svabhava-sunya), d.h. von eigenständiger, nicht-bedingter Existenz. Sunyata, die Leere, ist kein ‚Nichts‘ - aber eben auch kein ‚Sein‘, sondern steht zeichenhaft für eine monistische allumfassende ‚letzte Realität‘, die notwendig leer von jeder (begrifflichen oder sonstigen) Bestimmung ist. ‚Sein‘ und ‚Nichts‘ sind lediglich illokutionäre Akte, Konventionen - und letzlich gilt dies natürlich zwangsläufig auch für die ‚Leere‘ selbst. Nagarjuna spricht hier von sunya-sunyata; der ‚Leerheit der Leere‘.

Das wohl bekannteste Werk, in dem Nagarjuna sunyata in ihren verschiedenen Aspekten behandelt (darunter natürlich auch im Zusammenhang mit der Zeit), sind die Mulamadhyamakakarikas. Es gibt verschiedene Übersetzungen in westliche Sprachen, darunter auch eine ausgezeichnete deutsche:

Weber-Brosamer, Back
Die Philosophie der Leere
Nagarjunas Mulamadhyamaka-Karikas
Übersetzung des buddhistischen Basistexts mit kommentierenden Einführungen
Beiträge zur Indologie 28
Harassowitz, Wiesbaden 1997
ISBN 3-447-03897-7 Buch anschauen

Eine recht brauchbare Einführung zur Thematik sunyata / Zeit gibt der Essay von Anthony Birch: „Enlightenment and Time: An Examination of Nagarjuna’s Concept of Time“ auf
http://members.tripod.com/SpEd2work/nagarjuna.html

Ebenfalls in diesem Zusammenhang sehr interessant:
David Loy: „The Mahayana Deconstruction of Time“ auf
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/ew26578.htm

Wenn es statt um ‚Nichts und Zeit‘ um ‚Sein und Zeit‘ ginge - da gäbe es außer Heidegger :wink: noch Dogen, den Begründer des japanischen Soto-Zen und Zeitgenossen Meister Eckarts. Dogen behandelt das Thema vor allem in dem Kapitel ‚Uji‘ (etwa: Sein-Zeit) seiner Essaysammlung Shobogenzo. Es existieren zwei deutsche Übersetzungen, aber mW leider keine, die online verfügbar ist. Auf http://www.zenki.com/ findet sich allerdings eine englische Übersetzung - Linkliste auf der rechten Seite, - Uji (about TIME); außerdem ein paar Links weiter unten ein Essay: Dogen ideas on Time (Uji). Übersetzung und Essay stammen von Masunaga Reiho, dem früheren Vizepräsidenten der Komazawa University in Tokyo, die speziell mit der Soto-Schule des Zenbuddhismus verbunden ist. Ich empfehle, vorher diese kurze Einführung in das Shobogenzo zu lesen: http://www.shobogenzo.de/einf.html

Hier noch zwei weitere online verfügbare Arbeiten zu Dogens ‚Uji‘:
Steven Heine, Temporality of Hermeneutics in Dogen’s Shobogenzo
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/heine.htm und
Dirck Vorenkamp, B-Series temporal Order in Dogen’s Theory of Time
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/dirck.htm

Freundliche Grüße,
Ralf Boeck

Hallo Thomas,

leider bin ich wohl zu spät, aber ich würde gerne noch ein paar Anmerkungen machen (auch zum von Eve verlinkten Interview).

Der Zeitbegriff im Buddhismus ist eng mit dem Begriff Karma verbunden. Er entspricht dem Maß der Veränderung. Erst durch karmische Vorgänge entsteht sowas wie eine zeitliche Dimension (siehe auch mein Posting vor einigen Wochen, wo auch die Verbindung zum Begriff der Leere gezogen wird http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv… )

Hier möchte ich ein Zitat von Sangharakshita aus dem Buch „Die drei Kleinode“ (s. 76) einfügen: „Raum und Zeit sind keine objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt. Wie weit auch immer man in den Raum in irgend eine Richtung vordringt, es wird stets möglich sein, noch weiter zu gehen, denn wo man auch hingeht, der Geist geht mit“. Zeit und Raum sind somit weder endlich, noch linear.

Nach buddhistischer Auffassung verläuft die Zeit (immer in Verbindung mit Karma gesehen) aber nicht linear, sondern Zyklisch. Im Interview wird der Begriff „Kalachakra“ erwähnt, aber leider nicht näher erläutert. Kalachakra bedeutet eigentlich nichts anderes als „Zeitzyklen“, wobei drei Zeitzyklen unterschieden werden, mämlich die äußen, inneren und alternativen Zyklen. Die Struktur der äußeren und inneren Zeitzyklen ist analog, ähnlich wie bei den Begriffen Makrokosmos und Mikrokosmos und werden im Buddhismsus auch mit dem Begriff „Samsara“ bezeichnet. Die alternativen Zyklen sind Praktiken, mit denen man sich von den ersten beiden unabhängig machen kann (was aber nicht bedeutet, dass man z.B. außerhalb der Zeit stehen und dennoch agieren könnte).

Weiteres dazu kannst du bei Interesse hier nachlesen: Alexander Bezin: Das Rad der Zeit, ISBN:3502610681 Buch anschauen

lieben Gruß
Marion

2 „Gefällt mir“

Hallo Ralf,

ganz herzlichen Dank für deine Hinweise. Eine Verwechslung von Nichts und Leere liegt nicht vor, aber ich gebe zu, dass ich einige Zeit darüber nachdenken musste. :smile:

http://members.tripod.com/SpEd2work/nagarjuna.html
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/ew26578.htm
http://www.zenki.com/ findet sich
allerdings eine englische Übersetzung - Linkliste auf der
rechten Seite, - Uji (about TIME); außerdem ein paar Links
weiter unten ein Essay: Dogen ideas on Time (Uji).
http://www.shobogenzo.de/einf.html
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/heine.htm und
http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-PHIL/dirck.htm

Ich hatte ein zusätzliches didaktisches Problem, das sich aus der sehr verschiedenartigen Zusammensetzung der Seminarteilnehmer ergab. Deine Links haben mir aber weitergeholfen, auch wenn ich die Texte nicht zugrunde legen konnte. Ich würde dich aufgrund deiner Kenntnisse gerne auch einmal ins Philosophiebrett einladen, denn solche fundierten Stellungnahmen zu entsprechenden Themen kenne ich sonst nur von „Pendragon“.

Ich bin jetzt zwei Wochen im Urlaub, aber danach werde ich mir deine Links noch einmal sehr ausführlich ansehen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Marion,

leider bin ich wohl zu spät

für das Seminar gilt das in der Tat, aber hilfreich ist es doch, weil mir dieses Thema nicht zum letzten Mal begegnet sein wird.

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Hier möchte ich ein Zitat von Sangharakshita aus dem Buch „Die
drei Kleinode“ (s. 76) einfügen: „Raum und Zeit sind keine
objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil
der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt. Wie
weit auch immer man in den Raum in irgend eine Richtung
vordringt, es wird stets möglich sein, noch weiter zu gehen,
denn wo man auch hingeht, der Geist geht mit“. Zeit und Raum
sind somit weder endlich, noch linear.

Das ist ja beinahe kantisch, in welchem Verlag und Jahr ist das Buch erschienen?

Nach buddhistischer Auffassung verläuft die Zeit (immer in
Verbindung mit Karma gesehen) aber nicht linear, sondern
Zyklisch. Im Interview wird der Begriff „Kalachakra“ erwähnt,
aber leider nicht näher erläutert. Kalachakra bedeutet
eigentlich nichts anderes als „Zeitzyklen“, wobei drei
Zeitzyklen unterschieden werden, mämlich die äußen, inneren
und alternativen Zyklen. Die Struktur der äußeren und inneren
Zeitzyklen ist analog, ähnlich wie bei den Begriffen
Makrokosmos und Mikrokosmos und werden im Buddhismsus auch mit
dem Begriff „Samsara“ bezeichnet. Die alternativen Zyklen sind
Praktiken, mit denen man sich von den ersten beiden unabhängig
machen kann (was aber nicht bedeutet, dass man z.B. außerhalb
der Zeit stehen und dennoch agieren könnte).

Sehr erhellend, danke.

Weiteres dazu kannst du bei Interesse hier nachlesen:
Alexander Bezin: Das Rad der Zeit, ISBN:3502610681 Buch anschauen

Das Buch ist mir - als Nennung - schon begegnet, ich werde es konsultieren.

Deine evt. Antwort werde ich ggf. nicht mehr lesen können, weil ich im schönen Frankreich offline in der Sonne brutzele, aber wenn ich zurückkehre, werde ich mir großer Vorfreude hier hineinschauen, um deine Kommentare noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen.

Herzliche Grüße

Thomas

Moin Thomas,

Hier möchte ich ein Zitat von Sangharakshita aus dem Buch „Die
drei Kleinode“ (s. 76) einfügen: „Raum und Zeit sind keine
objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil
der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt. Wie
weit auch immer man in den Raum in irgend eine Richtung
vordringt, es wird stets möglich sein, noch weiter zu gehen,
denn wo man auch hingeht, der Geist geht mit“. Zeit und Raum
sind somit weder endlich, noch linear.

Das ist ja beinahe kantisch,

Da wär ich mir nicht so sicher, denn der Buddhismus macht deutlich, dass alles, was man unter den Bedingungen des Karma wahrnimmt, keinesfalls Erkenntnis sondern Illusion und Verblendung ist.

in welchem Verlag und Jahr ist
das Buch erschienen?

Meine deutsche Ausgabe: Delp, 1971, ISBN:3768900770 Buch anschauen

Ansonsten viel Spaß in F und gute Erholung :smile:
Gruß
Marion

Hallo Marion,

Hier möchte ich ein Zitat von Sangharakshita aus dem Buch „Die
drei Kleinode“ (s. 76) einfügen: „Raum und Zeit sind keine
objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil
der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt. Wie
weit auch immer man in den Raum in irgend eine Richtung
vordringt, es wird stets möglich sein, noch weiter zu gehen,
denn wo man auch hingeht, der Geist geht mit“. Zeit und Raum
sind somit weder endlich, noch linear.

Das ist ja beinahe kantisch,

Da wär ich mir nicht so sicher, denn der Buddhismus macht
deutlich, dass alles, was man unter den Bedingungen des Karma
wahrnimmt, keinesfalls Erkenntnis sondern Illusion und
Verblendung ist.

deswegen schrieb ich ja „beinahe“, aber auffällig ist auch der Unterschied, dass der Buddhismus anscheinend affirmativ behauptet, wenn ich diese Doppeldeutigkeit einmal so schreiben darf, während Kant eher skeptisch behauptet, also lediglich Aussagen über die Wahrnehmung machen will, aber (jedenfalls in einer gewissen Interpretation und unter Auslassung des Spätwerks zur Naturwissenschaft) das Erkannte unangetastet lässt. Ob man das jetzt „Illusion“, „Verblendung“ oder - wie in einer bestimmten Kantinterpretation „Fiktion“ nennt, ist fraglich, aber eine gewisse Ähnlichkeit sehe ich da schon.

in welchem Verlag und Jahr ist
das Buch erschienen?

Meine deutsche Ausgabe: Delp, 1971, ISBN:3768900770 Buch anschauen

Danke schön.

Ansonsten viel Spaß in F und gute Erholung :smile:

Danke schön.

Herzliche Grüße

Thomas

Moin Thomas

Da wär ich mir nicht so sicher, denn der Buddhismus macht
deutlich, dass alles, was man unter den Bedingungen des Karma
wahrnimmt, keinesfalls Erkenntnis sondern Illusion und
Verblendung ist.

deswegen schrieb ich ja „beinahe“, aber auffällig ist auch der
Unterschied, dass der Buddhismus anscheinend affirmativ
behauptet, wenn ich diese Doppeldeutigkeit einmal so schreiben
darf, während Kant eher skeptisch behauptet, also lediglich
Aussagen über die Wahrnehmung machen will, aber (jedenfalls in
einer gewissen Interpretation und unter Auslassung des
Spätwerks zur Naturwissenschaft) das Erkannte unangetastet
lässt.

Wie du weißt, hab ich keine Ahnung von Kant. Aber könnte ein weiterer (und entscheidender) Unterschied nicht vielleicht auch darin liegen, dass Kant keine über obige hinausgehende Wahrnehmung oder Möglichkeit der Erkenntnissgewinnung kennt, der Buddhismus hingegen wohl ? Der Buddhistmus lehr ja, dass die entscheidenden Erkenntnisse diejenigen sind, die unabhängig von karmischen Bedingungen gewonnen werden.

Gruß
Marion

Hallo Marion,

Wie du weißt, hab ich keine Ahnung von Kant.

deswegen habe ich ja die Theorien nur als „gewisse“ benannt und dir nicht die Namen der Vertreter aufgenötigt. :smile:

Aber könnte ein
weiterer (und entscheidender) Unterschied nicht vielleicht
auch darin liegen, dass Kant keine über obige hinausgehende
Wahrnehmung oder Möglichkeit der Erkenntnissgewinnung kennt,
der Buddhismus hingegen wohl ?

Das meine einige, aber andere (zu denen ich mich auch zähle) würden bestimmte Textstellen bei Kant so deuten, dass er „Intuition“ (im weitesten Sinne) durchaus anerkennt - freilich nicht als (natur-)wissenschaftliche Vorgehensweise. Er würde sie also nicht als „sichere“ Erkenntnis im Sinne einer vermittelbaren Erkenntnis sehen. Aber das ist auch im Buddhismus - meine ich - nicht immer vertreten worden, oder?

Der Buddhistmus lehr ja, dass
die entscheidenden Erkenntnisse diejenigen sind, die
unabhängig von karmischen Bedingungen gewonnen werden.

Ja, aber der Unterschied läge dann nicht in der Möglichkeit der Erkenntnis, sondern in deren Bewertung.

Herzliche Grüße

Thomas

Hallo,

Aber könnte ein
weiterer (und entscheidender) Unterschied nicht vielleicht
auch darin liegen, dass Kant keine über obige hinausgehende
Wahrnehmung oder Möglichkeit der Erkenntnissgewinnung kennt,
der Buddhismus hingegen wohl ?

Das meine einige, aber andere (zu denen ich mich auch zähle)
würden bestimmte Textstellen bei Kant so deuten, dass er
„Intuition“ (im weitesten Sinne) durchaus anerkennt - freilich
nicht als (natur-)wissenschaftliche Vorgehensweise. Er würde
sie also nicht als „sichere“ Erkenntnis im Sinne einer
vermittelbaren Erkenntnis sehen. Aber das ist auch im
Buddhismus - meine ich - nicht immer vertreten worden, oder?

Soweit ich weiß ist „Intuition“ in keiner Buddhistischen Schule gemeint. Intuition hat Eigenschaften (wie: sie vergeht und entsteht), aufgrunde derer sie nach meiner Auffassung karmischen Bedingungen unterliegt. Sie wäre also dem Bereich der Illusion und Verblendung zuzuordnen.

Der Buddhistmus lehr ja, dass
die entscheidenden Erkenntnisse diejenigen sind, die
unabhängig von karmischen Bedingungen gewonnen werden.

Ja, aber der Unterschied läge dann nicht in der Möglichkeit
der Erkenntnis, sondern in deren Bewertung.

Im Buddhismus gibt es die Lehre von den zwei „Wahrheiten“ (satya). Danach gibt es zwei Ebenen. Einmal die Wahrheit im höchsten Sinne (paramarthasatya), über die eigentlich keine Aussage gemacht werden kann, und dann die ganz normale, herkömmliche Wahrheit (samvrtisatya), in der wir uns normalerweise bewegen.

Natürlich können wir auf der Ebene der normalen „Wahrheit“ Erkenntnisse gewinnen. Diese Erkenntnisse sind aber bedingt (und hier wären wir bei Kant). Ein Beispiel: Schau dir mal dieses Photo an:

http://www.micronair.com/produkte/grafiken/k-lunge-v…

Was ist das da auf dem Photo ?
Ich wette, du weißt es nicht.

Du könntest nun aber das, was du siehst, im Rahmen der herkömmlichen Wahrheit beschreiben, also z.B. sagen welche Formen du siehst, welche Farben, etc. Wenn es ein Gegenstand wäre könntest du ihn wiegen, hin und her werfen, versuchen draufzuhauen, in vielleicht zerstören, du könntest anmerken, dass du die Farben als bedrohlich empfindest usw.usw.

Nenn das was du auf dem obigen Bild siehst zum Beispiel „Schmorf“. Du hast somit einen Namen, eine ziemlich korrekte Beschreibung, die dich z.B. in die Lage versetzen würde, einen Schmorf vermutlich immer und überall wiederzuerkennen, vielleicht findest du im Laufe der Zeit sogar Verwendungsmögichkeiten für einen Schmorf heraus, indem zu zum Beispiel feststellst, dass er essbar ist.

Wenn ich dir das nächste Mal das gleiche Bild zeigen würde, dann würdest du vielleicht rufen: „Ja, klar, das ist ein Schmorf da auf dem Bild.“

Lustig, nicht ? Denn im Grunde, weißt du immer noch nichts über das Wesen dessen, was auf dem Bild zu sehen ist und bist im Grunde kein Stück weiter als da, wo ich dir das Bild zum ersten Mal gezeigt habe. Du hast diesem Bild oder Gegenstand nur alle möglichen Namen und Eigenschaften zugeordet, indem du es mit Dingen benannt und verglichen hast, du du bereits meinst zu kenne (dadurch, dass du sagst, es ist blau, unterscheidest du es von etwas rotem). Das „Wissen“, das du hast, ist eine Illusion.

Genau so verhält es sich im Grunde mit all den Dingen unseres alltäglichen Lebens, die wir beschreiben und bennenen und von denen wir „meinen“, dass wir „erkannt“ haben, was es denn sei.

Dies hat aber nicht das geringste mit den Erkenntnissen der Ebene der Wahrheit im höchsten Sinne zutun. Es geht hier also weniger um „Bewertungen“ der Möglichkeit von Erkenntnis, sondern um zwei völlig verschiedene Vorgänge (Wahrheiten).

Gruß
Marion

Hier möchte ich ein Zitat von Sangharakshita aus dem Buch „Die
drei Kleinode“ (s. 76) einfügen: „Raum und Zeit sind keine
objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil
der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt. Wie
weit auch immer man in den Raum in irgend eine Richtung
vordringt, es wird stets möglich sein, noch weiter zu gehen,
denn wo man auch hingeht, der Geist geht mit“. Zeit und Raum
sind somit weder endlich, noch linear.

Das ist ja beinahe kantisch,

Da wär ich mir nicht so sicher, denn der Buddhismus macht
deutlich, dass alles, was man unter den Bedingungen des Karma
wahrnimmt, keinesfalls Erkenntnis sondern Illusion und
Verblendung ist.

Hallo Marion,
mir kam da gleichfalls sofort der alte Kant in den Sinn. Du schreibst etwas später, dass Du mit Kant nicht vertraut bist. Dazu nur so viel: In Kants ‚Kritik der reinen Vernunft‘ (in der er Raum und Zeit behandelt), geht es nicht um Erkenntnis selbst, sondern um die Untersuchung der Bedingungen von Erkenntnis - insbesondere darum, ob Erkenntnisse unabhängig von empirischer Erfahrung (also metaphysische Erkenntnisse) überhaupt möglich sind. Er bestreitet übrigens diese Möglichkeit; über das sich in der Erscheinung (in „Illusion und Verblendung“) dem Erkenntnisvermögen präsentierende ‚Ding an sich‘ lassen sich laut Kant keine gültigen Aussagen treffen.

Nichtsdestotrotz gibt es eine empirische Realität und auch gültige Aussagen darüber. Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen schlage, werde ich Schmerz empfinden - auch Sangharakshita hätte nicht bestritten, dass dies eine gültige, auf empirischer Erkenntnis beruhende Aussage ist - „Illusion und Verblendung“ hin oder her. Dies ist eine Sache des Standpunktes bzw. der Aussageebene. „Alles, was man unter den Bedingungen des Karma wahrnimmt“ ist auf einer absoluten Aussageebene (paramartha-satya) zwar „Illusion und Verblendung“, auf der Ebene konventioneller Aussagen (samvrti-satya) jedoch ist es empirische Realität und es lassen sich durchaus Erkenntnisse darüber gewinnen. Insofern steht Kant nicht im Widerspruch zur Lehre Buddhas und der Dharma wiederum steht nicht in Widerspruch zu den Naturwissenschaften - er weist ihnen lediglich einen beschränkten Gültigkeitsbereich zu.

Lass mich abschließend noch einmal Sangharakshitas Aussage zitieren und ihr ein paar Zitate aus der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ gegenüberstellen:

„Raum und Zeit sind keine objektiven Realitäten außerhalb des Bewußtseins, sondern Teil der Bedingungen, unter denen dieses die Dinge wahrnimmt.“
(Sangharakshita)

„Der Raum ist Form der Erscheinungen äußerer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. … Die beständige Form dieser Rezeptivität, welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine notwendige Bedingung aller Verhältnisse,
darinnen Gegenstände als außer uns angeschaut werden, und, wenn man von diesen Gegenständen abstrahiert, eine reine Anschauung, welche den Namen Raum führt. … Die Zeit ist nichts anders, als die Form des innern Sinnes, d.i. des Anschauens unserer selbst und unsers innern Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehöret weder zu einer Gestalt, oder Lage etc., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserem innern Zustande. … Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich anzuschauen, und vermittelst dieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der Vorstellungs-Kraft zu befassen, abstrahieren, und mithin die Gegenstände nehmen, so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. … Die Zeit also ist lediglich eine subjektive Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung (welche jederzeit sinnlich ist, d.i. so fern wir von Gegenständen affiziert werden), und an sich, außer dem Subjekte, nichts …“
(Immanuel Kant)

Das liest sich doch fast wie ein Kommentar zu Sangharakshitas Aussage, oder nicht?

Freundliche Grüße,
Ralf