Hallo Vastitas,
Glaubt der Buddhismus an eine gewisse Art von „höherer Macht“?
Nicht so, wie Du es wahrscheinlich meinst. Der Dharma (Buddhas Lehre) ist nicht nicht atheistisch im eigentlichen Sinne, aber auch nicht theistisch, deistisch oder pantheistisch. Ob Götter existieren oder nicht, ist für den Dharma schlicht eine reichlich irrelevante Angelegenheit. Es gibt atheistische Buddhisten (viele im Westen sind es) und solche, die Götter verehren (in den traditionell buddhistischen Ländern der Normalfall). In Soto-Zenklöstern wird regelmäßig in der Küche für den Küchengott Idaten das Herzsutra und das ‚Unheil abwendende Dharani‘ rezitiert. Japanische Gebäude geraten leicht in Brand (z.B. durch Küchenfeuer), und da tut man gut daran, sich rückzuversichern
. Hier findest Du einen recht informativen Artikel von Thomas Lautwein zum Thema Götter und Buddhismus:
http://www.zenforum.de/modules.php?op=modload&name=N…
Aber wie sieht es beim Buddhismus aus? Der Buddhismus versucht doch durch die „Lehre“
unbestimmbare Dinge bestimmbar zu machen - nach dem Prinzip: „Alles was ist findet
man in der Natur“
Ich weiß nicht, ob ich da richtig verstehe. Meintest du tatsächlich ‚Lehre‘ oder ‚Leere‘? Bei der ‚Lehre‘, dem Dharma, geht es vor allem um konkrete Erfahrung, nicht um Spekulation über Unbestimmbares. Shakyamuni hat solch metaphysische Spekulationen als ‚thapaniya panha‘ bezeichnet - als Fragen, die man auf sich beruhen lassen sollte, da sie nichts zur Befreiung beitragen. Was allerdings Buddhisten aller Zeiten nicht daran gehindert hat, sich trotzdem mit solchen Fragen zu befassen … Jedenfalls stellen solche Spekulationen einen eigenen, abgetrennten (und minder wichtigen) Bereich der Überlieferung dar - die Shastras im Mahayana und der Abhidharma im Hinayana.
‚Leere‘ (sunyata) wiederum ist im Mahayana-Buddhismus ein zentraler Begriff, der allerdings keine ‚bestimmende‘ Funktion hat sondern eine soterologische. Er dient zur Vermeidung extremer Ansichten - etwa der Ansicht ‚die Dinge existieren‘ oder der Ansicht ‚die Dinge existieren nicht‘. Er besagt, dass alle Dinge ‚leer‘ von eigenständiger Existenz (svabhava) sind, mithin auch nicht bestimmbar. Auch der Begriff ‚Leere‘ selbst ist ‚leer‘, ist also nicht eigentlich (wie häufig missverstanden) Transzendenz. Die Scheidung von Immanenz und Transzendenz ist ein westliches Konzept und dem Buddhismus fremd. Die Dinge sind so, wie sie sind. Nur nicht so, wie wir sie wahrnehmen und wie wir sie gerne hätten - nämlich u.a. bestimmbar. Übrigens eine Erkenntnis, die der Buddhismus mit der modernen Quantenphysik teilt
.
Ich habe daher immer meine Probleme den Buddhismus als Religion zu sehen -
der Buddhismus wirkt auf mich wie eine Philosophie.
Was eine Religion ist, das ist nach meiner Auffassung schlicht eine Sache der Definition. Je nachdem, an welchen Merkmalen man den Begriff ‚Religion‘ festmacht, ist Buddhismus eine Religion oder eben nicht. Grundsätzlich gibt es da zwei Hauptrichtungen. Man kann versuchen, Religion ‚substanziell‘ (also nach ihrem Wesen) zu definieren, und dann ist es in der Tat etwas schwierig, den Dharma mit anderen Religionen unter einen Hut zu bringen. Der andere Ansatz ist der ‚funktionale‘, der an Religion als einem gesellschaftlichen Phänomen interessiert ist.
Ein Beispiel für eine funktionale Definition wäre die des Religionswissenschaftlers Emile Durkheim:
„Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören. … wenn man zeigt, dass die Idee der Religion von der Idee der Kirche nicht zu trennen ist, dann kann man ahnen, dass die Religion eine im wesentlichen kollektive Angelegenheit ist.“
Mal von „verboten“ abgesehen, passt das schon …
Freundliche Grüße,
Ralf