Hallo,
ich glaube, die Schwierigkeit dieser Frage liegt wirklich in der Definition des »Müssen« oder »Sollen«, die man erst einmal mit Inhalt füllen muss.
Als werdender Komparatist, dessen Institut keine Muss-Listen, sondern Leseempfehlungen abgibt, kann ich mich zum Beispiel damit anfreunden, »Weltliteratur« als eine Sammlung von Texten zu definieren, die zwar auch ästhetisch hervorstechend sind, aber vor allem nachweisbar die größte künstlerische Rezeption gefunden haben und in sich häufig Verweise auf frühere Werke tragen. Es empfiehlt sich also, diese Texte zu kennen, wenn man andernorts möglichst viele »Anspielungen« und Bezüge verstehen will. Manchmal ist es nur ein Lacher, der dir sonst entgeht, manchmal sind ganze Werkpassagen ohne Anspielungen auf andere Texte unverständlich. Hast du beispielsweise »Hamlet« von Shakespeare gelesen, bist du mit dem Ophelia-Motiv vertraut, das dir in Literatur, Musik, bildender Kunst etc. aller folgenden Epochen wieder begegnen wird. In »Oxen of the Sun«, dem vierzehnten Kapitel von »Ulysses«, ahmt Joyce auf wenigen Seiten den Stil zahlreicher Autoren – von Tacitus über John Bunyan, Laurence Sterne und Horace Walpole bis zu Walter Pater – nach, die Einfluss auf die Entwicklung der englischsprachigen Literatur genommen haben. Wenn du den Stil keiner dieser Schriftsteller kennst, wird der Lesegenuss des Kapitels stark geschmälert. Aus der Kenntnis der Originals nämlich lässt sich im Idealfall ein erweitertes Verständnis von dessen Verarbeitung ableiten – oder mitunter ersehen, dass der Autor/Komponist/Regisseur nicht mehr als eine schlechte Zusammenfassung der Vorlage gelesen haben dürfte.
Wovor man keine Angst haben sollte, ist, Literatur, die als »bedeutend« oder »wirkungsmächtig« gilt, gelangweilt zur Seite zu legen. Mit gutem Grund hat niemand von Ovid, Diderot oder Mann verlangt, für einen Jugendlichen des 21. Jahrhunderts unterhaltsam zu schreiben – was aber auch bedeutet, dass du wenig davon haben wirst, wenn du dich dazu zwingst, ohne Anleitung ein Werk durchzuackern, das dich zur Verzweiflung bringt. Es sind zwei Arten von Genuss, beim primären Lesen Freude am Verfolgen der Story zu haben oder beim sekundären Lesen die ausgefeilte Sprache und die elaborierte Struktur zu würdigen. Wenn du die Zeit oder Lust nicht hast, diesen zweiten Schritt zu gehen, suchst du dir eben ein Werk, das deinen Leseerwartungen entspricht. Wenn man geschickt vorgeht, kann man auch Stoffe und Texte »auf Umwegen« kennenlernen: Ein Theaterstück, das sich uninteressant liest, könnte dir besser gefallen, wenn du es aufgeführt siehst. Lyrik, die du nach fünf Seiten nicht mehr sehen kannst, erschließt sich dir vielleicht, wenn du eine CD kaufst, auf der dir die Gedichte vorgelesen werden. Ein Roman, der dir langatmig erscheint, hat womöglich dasselbe Thema wie ein anderer kürzerer Text desselben Autors; wenn du nur einmal wissen willst, worum es ihm geht, kann das genügen. Für jeden dieser Fälle gibt es zahlreiche Beispiele. Zuletzt kann ich dir empfehlen, auf kommentierte Ausgaben oder Reclam-Heftchen mit Erläuterungen zurückzugreifen: Es ist keine Schande, sich Begriffe oder Zusammenhänge erklären zu lassen.
Da du eine Liste haben möchtest, bekommst du auch von mir zehn Texte aus dem letzten Jahrhundert, in die sich ein Blick lohnen könnte (chronologisch sortiert mit ISBN-Nummer einer deutschen Ausgabe):
- Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 1910. ISBN 3937793275 Buch anschauen
- Virginia Woolf: Mrs Dalloway. Dt. dito, 1925. ISBN 3596140021 Buch anschauen
- Aldous Huxley: Brave New World. Dt. Schöne Neue Welt, 1932. ISBN 3596200261 Buch anschauen
- Federico García Lorca: Poeta en Nueva York. Dt. Dichter in New York, 1940. ISBN 3518223933 Buch anschauen
- Eugène Ionesco: La cantatrice chauve. Dt. Die kahle Sängerin, 1950 (Uraufführung). ISBN 3150083702 Buch anschauen
- Allen Ginsberg: Howl. Dt. Das Geheul, 1956. ISBN 3807700900 Buch anschauen
- Alexander Solschenizyn: Один день Ивана Денисовича. Dt. Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, 1962. ISBN 3898971228 Buch anschauen
- Alfred Andersch: Winterspelt. 1974. ISBN 3257236042 Buch anschauen
- Italo Calvino: Se una notte d’inverno un viaggiatore. Dt. Wenn ein Reisender in einer Winternacht, 1979. ISBN 3937793429 Buch anschauen
- Carlos Fuentes: Gringo viejo. Dt. Der alte Gringo, 1985. ISBN 3518222848 Buch anschauen
Gruß
Christopher