Bücher die 'man gelesen haben muss'

Seitdem traue ich mich jedenfalls an nichts von Joyce mehr
ran. Ist denn der Rest irgendwie…anders??

Hallo.

Ich fuerchte: nein. Ich selber habe aus dieser 50-Baende-Reihe der Sueddeutschen Zeitung von Joyce „Ein Portrait des Kuenstlers als junger Mann“ gelesen und obwohl das als „leichter zugaenglich“ als Ulysses beschrieben worden war, hat mir das schon gereicht.

Aber da wir gerade bei irischen Autoren sind: Ich wuerde es zwar nicht als „muss man gelesen haben“ im Sinne von literarisch „wichtig“ (wobei die Frage, was „wichtig“ ist, ja - wie bereits angemerkt - schwer zu beantworten ist und ich es recht arrogant finde, wenn jemand seine persoenliche Meinung dabei als die ultimative Wahrheit darstellt und meint, Buecher als „wichtig“ oder „unwichtig“ abstempeln zu koennen) bezeichnen, aber ich finde Frank McCourt („Die Asche meiner Mutter“, Fortsetzung: „Ein rundherum tolles Land“) sehr gut. Allerdings vor allem wegen meines Irland-Interesses (wozu auch Landesgeschichte der Neuzeit gehoert); wer ein solches nicht besitzt und geschichtlich nicht sehr interessiert ist, empfindet es daher womoeglich eher als langweilig. Aber es ist auf jeden Fall meiner Ansicht nach hervorragend geschrieben.

Gruss, grasmampf

P.S.: Ansonsten empfehle ich noch Duerrenmatt („Die Physiker“, „Der Besuch der alten Dame“), Heinrich Boell (z.B. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“) und in der zwoelften Klasse haben wir Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ behandelt, was ich auch ausgezeichnet fand.

Hallo Ralf,

Finnegans Wake freilich - eine Übersetzung habe ich mir da
(außer ein paar Arno-Schmidt-Fragmenten) noch nicht angetan.
Vom Original habe ich jedenfalls nur Bahnhof verstanden.

es ist genau so wie du sagst: man muss sich drauf einlassen,
es lesen ohne es verstehen zu wollen, wie man es mit den
eigenen Gedanken auch macht. Es ist so eine Art negatives brainstorming.

Gruß
Hank

Hallo Ralf,

dann solltest Du vielleicht probehalber einmal ein paar Seiten
Kant oder Hegel lesen, bevor Du dich für ein Studienfach
entscheidest.

dafür ein *

Heidegger sollte dann auch noch empfohlen werden und vielleicht Wittgenstein.

Gandalf

Hallo,

ich glaube, die Schwierigkeit dieser Frage liegt wirklich in der Definition des »Müssen« oder »Sollen«, die man erst einmal mit Inhalt füllen muss.

Als werdender Komparatist, dessen Institut keine Muss-Listen, sondern Leseempfehlungen abgibt, kann ich mich zum Beispiel damit anfreunden, »Weltliteratur« als eine Sammlung von Texten zu definieren, die zwar auch ästhetisch hervorstechend sind, aber vor allem nachweisbar die größte künstlerische Rezeption gefunden haben und in sich häufig Verweise auf frühere Werke tragen. Es empfiehlt sich also, diese Texte zu kennen, wenn man andernorts möglichst viele »Anspielungen« und Bezüge verstehen will. Manchmal ist es nur ein Lacher, der dir sonst entgeht, manchmal sind ganze Werkpassagen ohne Anspielungen auf andere Texte unverständlich. Hast du beispielsweise »Hamlet« von Shakespeare gelesen, bist du mit dem Ophelia-Motiv vertraut, das dir in Literatur, Musik, bildender Kunst etc. aller folgenden Epochen wieder begegnen wird. In »Oxen of the Sun«, dem vierzehnten Kapitel von »Ulysses«, ahmt Joyce auf wenigen Seiten den Stil zahlreicher Autoren – von Tacitus über John Bunyan, Laurence Sterne und Horace Walpole bis zu Walter Pater – nach, die Einfluss auf die Entwicklung der englischsprachigen Literatur genommen haben. Wenn du den Stil keiner dieser Schriftsteller kennst, wird der Lesegenuss des Kapitels stark geschmälert. Aus der Kenntnis der Originals nämlich lässt sich im Idealfall ein erweitertes Verständnis von dessen Verarbeitung ableiten  – oder mitunter ersehen, dass der Autor/Komponist/Regisseur nicht mehr als eine schlechte Zusammenfassung der Vorlage gelesen haben dürfte.

Wovor man keine Angst haben sollte, ist, Literatur, die als »bedeutend« oder »wirkungsmächtig« gilt, gelangweilt zur Seite zu legen. Mit gutem Grund hat niemand von Ovid, Diderot oder Mann verlangt, für einen Jugendlichen des 21. Jahrhunderts unterhaltsam zu schreiben – was aber auch bedeutet, dass du wenig davon haben wirst, wenn du dich dazu zwingst, ohne Anleitung ein Werk durchzuackern, das dich zur Verzweiflung bringt. Es sind zwei Arten von Genuss, beim primären Lesen Freude am Verfolgen der Story zu haben oder beim sekundären Lesen die ausgefeilte Sprache und die elaborierte Struktur zu würdigen. Wenn du die Zeit oder Lust nicht hast, diesen zweiten Schritt zu gehen, suchst du dir eben ein Werk, das deinen Leseerwartungen entspricht. Wenn man geschickt vorgeht, kann man auch Stoffe und Texte »auf Umwegen« kennenlernen: Ein Theaterstück, das sich uninteressant liest, könnte dir besser gefallen, wenn du es aufgeführt siehst. Lyrik, die du nach fünf Seiten nicht mehr sehen kannst, erschließt sich dir vielleicht, wenn du eine CD kaufst, auf der dir die Gedichte vorgelesen werden. Ein Roman, der dir langatmig erscheint, hat womöglich dasselbe Thema wie ein anderer kürzerer Text desselben Autors; wenn du nur einmal wissen willst, worum es ihm geht, kann das genügen. Für jeden dieser Fälle gibt es zahlreiche Beispiele. Zuletzt kann ich dir empfehlen, auf kommentierte Ausgaben oder Reclam-Heftchen mit Erläuterungen zurückzugreifen: Es ist keine Schande, sich Begriffe oder Zusammenhänge erklären zu lassen.

Da du eine Liste haben möchtest, bekommst du auch von mir zehn Texte aus dem letzten Jahrhundert, in die sich ein Blick lohnen könnte (chronologisch sortiert mit ISBN-Nummer einer deutschen Ausgabe):

  • Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 1910. ISBN 3937793275 Buch anschauen
  • Virginia Woolf: Mrs Dalloway. Dt. dito, 1925. ISBN 3596140021 Buch anschauen
  • Aldous Huxley: Brave New World. Dt. Schöne Neue Welt, 1932. ISBN 3596200261 Buch anschauen
  • Federico García Lorca: Poeta en Nueva York. Dt. Dichter in New York, 1940. ISBN 3518223933 Buch anschauen
  • Eugène Ionesco: La cantatrice chauve. Dt. Die kahle Sängerin, 1950 (Uraufführung). ISBN 3150083702 Buch anschauen
  • Allen Ginsberg: Howl. Dt. Das Geheul, 1956. ISBN 3807700900 Buch anschauen
  • Alexander Solschenizyn: Один день Ивана Денисовича. Dt. Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, 1962. ISBN 3898971228 Buch anschauen
  • Alfred Andersch: Winterspelt. 1974. ISBN 3257236042 Buch anschauen
  • Italo Calvino: Se una notte d’inverno un viaggiatore. Dt. Wenn ein Reisender in einer Winternacht, 1979. ISBN 3937793429 Buch anschauen
  • Carlos Fuentes: Gringo viejo. Dt. Der alte Gringo, 1985. ISBN 3518222848 Buch anschauen

Gruß
Christopher

Hallo,
ich muss doch noch was loswerden, etwas präziser:
Im AT steckt nämlich ganz schön viel drin, was unsere Erfahrungswelt (im allerweitesten Sinn) heute noch zu bieten hat, und was uns prägt

  • Mord und Totschlag
  • Krieg und Frieden
  • Erotik und Sex
  • Fantasy und Science Fiction
  • Fressen und Saufen
  • Verrat und Betrug
    usw
    usw
    usw

… und vieles aus der Welt der Kunst sieht, liest, hört, empfindet man anders, wenn man Motive aus dem AT (er)kennt.

Ein wenig Kenntnis
von Homers ‚Original‘ ist für das Verständnis recht hilfreich.
Auf die Erzählweise des ‚stream of concsiousness‘ muss man
sich freilich einlassen können - das gelingt nicht jedem.

Huhu,

ja, die Odyssee kenn ich ganz gut und habe auch die Parallelen bemerkt :smile:…trotzdem, nuja, die Geschmäcker sind verschieden.
Die einzigen Stellen, die ich vielleicht nicht gerade mochte aber doch noch irgendwie ganz ok fand, war Mollys Kapitel am Ende (das ist doch der stream of consciousness in Reinkultur, oder vertu ich mich?) und irgendein Kapitel in der Mitte, bei einer Geburt glaube ich, wo sich die Sprache vom Althochdeutschen allmählich zum aktuellen Deutsch „hocharbeitet“ (ich hab auch nur die Übersetzung gelesen).

Egal, irgendwas muss ja dran sein, vielleicht versuche ich mich nochmal an Joyce wenn ich mal auf einer einsamen Insel strande.

Viele Grüße
Sonja

Lieber Ralf Boeck

dann solltest Du vielleicht probehalber einmal ein paar Seiten
Kant oder Hegel lesen, bevor Du dich für ein Studienfach
entscheidest.

Sowas nennt man klassisch kalt erwischt und im Fußball einen Konter.
Dafür ein Weihnachtssternchen.
Viele Grüße
Voltaire

Hallo, Sandra!

Zunächst einmal: Hut ab, dass du dir im Alter von 17 Jahren solche Gedanken machst!

Ich habe ein paar der vielen Antworten gelesen. Schön, dass Goethe & Schiller immer wieder erwähnt wurden (I love Goethe!!!). Allerdings kann ich mir vorstellen, dass diese beiden gerade in deinem Alter relativ schwer zu lesen bzw. zu verstehen sind. Du kannst es aber auch als Herausforderung sehen. Dann öffnen sich dir Welten von unbeschreiblich schöner deutschsprachiger Kunst!

Was ich bei den Antworten (habe aber auch nicht alle gelesen) vermisst habe ist eines der - in meinen Augen - wichtigsten Geschichten des letzten Jahrhunderts:

DER HERR DER RINGE von J.R.R. Tolkien.

Unbedingt lesen! Ich weiß, einige schütteln jetzt den Kopf, denn es ist ja „nur“ Phantasie… aaaaber: Literatur kann ja schließlich auch reine Unterhaltung sein, mit der man Abstand vom Alltag gewinnt, oder?

Viel Spaß und einen schönen Jahresübergang wünscht
sorgloseSusi

Vielen Dank für eure zahlreichen Antworten! Ich weiß, dass es keine Bücher gibt die man gelesen haben „MUSS“… aber ihr wisst ja wie ich das meine…
Ich habe mir ein paar eurer Vorschläge angeschaut, aber ich finde dass ein Großteil dessen sehr anspruchsvoll sein wird. Habt ihr vielleicht eine Idee, womit ich am Besten „anfangen“ könnte, um nicht gleich mit dem „kompliziertesten“ zu beginnen? Vielleicht etwas, das erstmal leichte Kost für mich ist :wink: Ich gehe jetzt in die 12. Klasse und bin es zwar mehr oder weniger „gewöhnt“ anspruchsvolle Texte zu lesen, aber es muss doch irgendwie verständlich sein.

Danke für eure Mühe!

Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsch ich euch!

LG Sandra

Vielen Dank für eure zahlreichen Antworten! Ich weiß, dass es keine Bücher gibt die man gelesen haben „MUSS“… aber ihr wisst ja wie ich das meine…
Ich habe mir ein paar eurer Vorschläge angeschaut, aber ich finde dass ein Großteil dessen sehr anspruchsvoll sein wird. Habt ihr vielleicht eine Idee, womit ich am Besten „anfangen“ könnte, um nicht gleich mit dem „kompliziertesten“ zu beginnen? Vielleicht etwas, das erstmal leichte Kost für mich ist :wink: Ich gehe jetzt in die 12. Klasse und bin es zwar mehr oder weniger „gewöhnt“ anspruchsvolle Texte zu lesen, aber es muss doch irgendwie verständlich sein.

Danke für eure Mühe!

Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsch ich euch!

Hallo

Die von mir erwaehnten Buecher habe ich alle in der zwoelften Klasse oder kurz danach gelesen und ich fand sie alle sehr verstaendlich. Bei den anderen hier aufgelisteten Buechern waren einige dabei, die ich selbst nicht gelesen habe, aber Freunde von mir und von denen ich weiss, dass meine Freunde sie gut fanden, z.B. Orwell „1984“ und Salinger: „Der Faenger im Roggen.“ Skakespeare laesst sich meiner Ansicht nach auch gut lesen (kann man ja evtl. als „Uebergang“ nehmen), zu Joyce habe ich mich schon geaeussert, „Nathan der Weise“ hast du ja evtl. schon gelesen (versteht man auch) - bei uns war der in der neunten Klasse Pflichtlektuere, „Herr der Ringe“ ist zwar nicht mein Fall und ich fand den ersten Teil (die anderen habe ich gelassen) sehr langweilig geschrieben, aber zu verstehen ist er auf jeden Fall (sonst waere er in den Bestsellerlisten nicht so weit oben), Douglas Adams habe ich noch nicht gelesen, aber Freunde von mir schwoeren auf ihn und „Uncle Tom’s Cabin“ ist sehr leicht zu verstehen - war ja damals fuer das breite Publikum geschrieben worden, um moeglichst viele mit der Sklaven-Problematik zu erreichen.
Das ist alles, was ich dazu sagen kann.

Hoffe, damit etwas geholfen zu haben,
Gruss, grasmampf

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