Bücher erneut lesen / Retrospektivisches Lese

Hallo,

in der Uni möchte ich mich in einer Hausarbeit mit dem Thema auseinandersetzen, warum Menschen ein Buch ein zweites Mal lesen, bzw. welche unterschiedlichen Ergebnisse dabei herauskommen (in diesem Fall an der Geschichte „Jodok lässt grüßen“ von Peter Bichsel). So gibt es ja Bücher und Geschichten, die durchaus für Kinder und Erwachsene geschrieben sind, da sie für beide Gruppen andere kleine „Weisheiten“ bereit halten. Und dann solche Bücher, die eigentlich für Kinder sind, die wir als Erwachsene aber noch immer gern zur Hand nehmen, weil wir sie als Kinder gern gelesen haben.

Wer mag mir mal seine Meinung dazu sagen? …oder hat sogar mal jemand etwas darüber gelesen? An Literatur fehlt es in der hiesigen Bibliothek (oder ich suche falsch)…

Freue mich über jede Antwort!

Liebe Grüße,

Simke

Hallo Simke –

ich bin nicht sicher, ob es darüber (außer zwischen den Zeilen des ein und anderen Essays übers Lesen, z.B. Pennecs „Wie ein Roman“) Literatur gibt. Aber eine sehr persönliche Sicht kann ich Dir – wie wohl jeder, bei dem Bücher zu den Grundnahrungsmitteln zählen – bieten.
Meine zwei Ausgangsthesen dazu wären:
1.) Gute Bücher haben, wie Schmuggelkoffer, einen doppelten Boden.
2.) Richtiges Lesen ist ein aktiver und sinnlicher Vorgang.

Ein Buch, das mich berührt, tut das u.U. auf mehreren Ebenen. Damit sind nicht die von der Literaturwissenschaft mehr oder weniger nachvollziehbar ‚entschlüsselten‘ Interpretationsebenen von Büchern gemeint, die mit echtem Lesen nur selten etwas zu tun haben, sondern die Ebenen der Wahrnehmung des Lesers beim Lesen.

Es mag mich aufgrund seiner Sprache faszinieren (Rhythmus, Wortwahl, Metaphorik, Originalität, …), aufgrund seines Inhalts, aufgrund von bestimmten Assoziationen, die das Lesen des speziellen Werkes in mir auslöst (sagen wir, weil ich vielleicht den Handlungsort persönlich kenne). Und da passiert es mir zuweilen, daß ich ein Buch zweimal lese – z.B. ein erstes (rasches) Mal, weil die Handlung spannend ist, und dann noch ein zweites (gemächliches) Mal, um die schöne Sprache des Autors zu genießen, oder weil ich das Gefühl habe, daraus könne ein Anfang für einen eigenen Text entstehen. Es gibt Bücher, bei denen ist mir die Handlung beim Genießen der Sprache fast im Weg – so wie zu großer Durst vom auskostenden Genießen eines guten Rotweines abhält, weil man ihn einfach zu schnell trinkt.

Zwei andere Ebenen sind m.E. noch wichtig: die haptische und die autobiographische. Es gibt Verlage, die haben verstanden, daß auch das Gefühl des Buches in der Hand das Lesegefühl beeinflußt (ebenso wie die Schriftgestaltung). Das kann im Glücksfall so weit gehen, daß man ein Buch gern in die Hand nimmt, weil es ein schöner Gegenstand ist, weniger wegen des Inhalts. Aber wenn man es erst in der Hand hat, wird man vermutlich auch hineinblättern und sich ggf. festlesen (bei, sagen wir, einem Lyrikbändchen).

Die autobiographische Ebene bezieht sich darauf, daß ein Buch nach einer Weile Teil der Biographie des Lesende werden kann: ein vertrauter Gegenstand, den man vielleicht nur zu meditativen Zwecken in die Hand nimmt. Mir geht es z.B. mit einigen Erzählwerken Stanislaw Lems so – ich denke, alle für mich relevanten Eben aus diesen Erzählungen längst herausgelesen zu haben, aber dennoch ist das Wiederlesen ein meditativer Akt, wie das Entlanggehen eines vertrauten Spazierweges.

Zuletzt – und Du hattest es schon erwähnt: natürlich verändert sich der Leser und mit ihm seine Lesart des Buches. Er kann ein geliebtes Kinderbuch als Erwachsener neu entdecken und wird vermutlich zugleich darüber reflektieren können, warum das Buch ihn als Kind fasziniert hat. Das führt mich zum zweiten Punkt:

Es gibt nicht nur das Buch allein. Waches Lesen ist zwangsläufig kein Dialog, aber dennoch eine Form interaktiver Kommunikation, wobei das Buch mit seinen Inhalten den Leser spiegelt. Der Leser liest ein Buch ja zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens mit einer bestimmten geistigen und emotionalen Haltung, und diese verändert sich ständig. Entsprechend dazu verändern sich die „Ergebnisse“ des Lesens (wobei ich nicht ganz sicher bin, was exakt Du mit „Ergebnissen“ meinst – ich hätte evtl. eher von Wahrnehmung gesprochen).

In jedem Fall gutes Gelingen für die Arbeit – klingt echt interessant. Bei Rückfragen stehe ich ggf. gerne zur Verfügung!

Pengoblin

Penglobin,
das hast du sehr schön ausgeführt!

Ich habe persönlich so ein Beispiel: in der Schule wurde Heinrich Heine behandelt, ich kann mich daran überhaupt nicht mehr erinnern, nahm durch Zufall viele Jahre später ein Bändchen von ihm in die Hand und fand eine solch erfrischende Sprache, mit Ironie und Sprachwitz, dass ich jetzt ab und zu mal was zur Hand nehme und darin lese.

Es kommt eben auch immer auf die gerade vorherrschende Lebenssituaion an, wie man ein Buch liest, welche Stimmung, welche Erfahrung das Lesen beeinflusst.

Beatrix
http://www.trixi.de

Dank & Ergänzung
Hallo Beatrix -

Penglobin,
das hast du sehr schön ausgeführt!

danke für das Lob, aber warum machen mich immer alle zum Blutbestandteil (Penglobin fremdwörtsch für Schreibkörperchen - nett eigentlich)?
Egal.

Mir ist - in Bezug auf Kindheitslektüren - noch eingefallen, daß man beim Wiederlesen eines bereits bekannten Buches vielleicht auch auf der Suche nach dem damaligen (kindlichen) unbeschwerten Leseerlebnis und -gefühl ist. Das völlige Abtauchen in ein Buch benötigt einen Kontext, der das zuläßt, und als Erwachsener hat man diesen Kontext oft im Rahmen seines Alltags nicht oder nicht mehr. Das Wiederlesen eines Buches, das vor Jahren und Jahren diese Intensität ermöglicht hat, kann der Versuch sein, diese Unbeschwertheit für einen kurzen Moment wiederzufinden und damit ein winziges Scheibchen Kindheit.

Mein persönlicher Immerwiederkehrfavorit aus Kindertagen ist James Krüss’, „Die Glücklichen Inseln hinter dem Winde“.

Liebe Grüße,

Pengoblin
(www.hahn-im-mohn.de)

Endlich…
…konnte ich wiederkommen…

Hallo, und vielen Dank für Eure Antworten!

Ich habe mit Freude Deine Ausführungen gelesen, Pengoblin. Dieser Gedanke, den Du in Deinem letzten Posting angerissen hast, ist auch der, der mich zu dieser Arbeit drängt. Mir geht es mit vielen Büchern so. Und nicht nur die Leseerlebnisse aus der Kindheit sind solche, die wieder wach gerufen werden. Vielleicht habe ich ein Buch zu einer besonders tränenreichen Zeit gelesen oder zu seiner solchen, die für mich sehr glücklich war. Lese ich das Buch einige Zeit später erneut, können sicher auch diese Gefühle frisch ausbrechen - ähnlich wie bei Musik oder Gerüchen.

Ein wirklich interessantes Thema, für welches mit jetzt ganz deutlich ist, wie facettenreich es sein kann und dass ich mich in meiner Arbeit wohl oder übel auf einen oder zwei Teilaspekte beschränken müsste. …wenn ich sie überhaupt schreibe… es scheint rein gar keine Literatur hierüber zu geben und ohne diese wird an der Universität leider nicht viel anerkannt. Schade.

Liebe Grüße,

Simke