Hallo Simke –
ich bin nicht sicher, ob es darüber (außer zwischen den Zeilen des ein und anderen Essays übers Lesen, z.B. Pennecs „Wie ein Roman“) Literatur gibt. Aber eine sehr persönliche Sicht kann ich Dir – wie wohl jeder, bei dem Bücher zu den Grundnahrungsmitteln zählen – bieten.
Meine zwei Ausgangsthesen dazu wären:
1.) Gute Bücher haben, wie Schmuggelkoffer, einen doppelten Boden.
2.) Richtiges Lesen ist ein aktiver und sinnlicher Vorgang.
Ein Buch, das mich berührt, tut das u.U. auf mehreren Ebenen. Damit sind nicht die von der Literaturwissenschaft mehr oder weniger nachvollziehbar ‚entschlüsselten‘ Interpretationsebenen von Büchern gemeint, die mit echtem Lesen nur selten etwas zu tun haben, sondern die Ebenen der Wahrnehmung des Lesers beim Lesen.
Es mag mich aufgrund seiner Sprache faszinieren (Rhythmus, Wortwahl, Metaphorik, Originalität, …), aufgrund seines Inhalts, aufgrund von bestimmten Assoziationen, die das Lesen des speziellen Werkes in mir auslöst (sagen wir, weil ich vielleicht den Handlungsort persönlich kenne). Und da passiert es mir zuweilen, daß ich ein Buch zweimal lese – z.B. ein erstes (rasches) Mal, weil die Handlung spannend ist, und dann noch ein zweites (gemächliches) Mal, um die schöne Sprache des Autors zu genießen, oder weil ich das Gefühl habe, daraus könne ein Anfang für einen eigenen Text entstehen. Es gibt Bücher, bei denen ist mir die Handlung beim Genießen der Sprache fast im Weg – so wie zu großer Durst vom auskostenden Genießen eines guten Rotweines abhält, weil man ihn einfach zu schnell trinkt.
Zwei andere Ebenen sind m.E. noch wichtig: die haptische und die autobiographische. Es gibt Verlage, die haben verstanden, daß auch das Gefühl des Buches in der Hand das Lesegefühl beeinflußt (ebenso wie die Schriftgestaltung). Das kann im Glücksfall so weit gehen, daß man ein Buch gern in die Hand nimmt, weil es ein schöner Gegenstand ist, weniger wegen des Inhalts. Aber wenn man es erst in der Hand hat, wird man vermutlich auch hineinblättern und sich ggf. festlesen (bei, sagen wir, einem Lyrikbändchen).
Die autobiographische Ebene bezieht sich darauf, daß ein Buch nach einer Weile Teil der Biographie des Lesende werden kann: ein vertrauter Gegenstand, den man vielleicht nur zu meditativen Zwecken in die Hand nimmt. Mir geht es z.B. mit einigen Erzählwerken Stanislaw Lems so – ich denke, alle für mich relevanten Eben aus diesen Erzählungen längst herausgelesen zu haben, aber dennoch ist das Wiederlesen ein meditativer Akt, wie das Entlanggehen eines vertrauten Spazierweges.
Zuletzt – und Du hattest es schon erwähnt: natürlich verändert sich der Leser und mit ihm seine Lesart des Buches. Er kann ein geliebtes Kinderbuch als Erwachsener neu entdecken und wird vermutlich zugleich darüber reflektieren können, warum das Buch ihn als Kind fasziniert hat. Das führt mich zum zweiten Punkt:
Es gibt nicht nur das Buch allein. Waches Lesen ist zwangsläufig kein Dialog, aber dennoch eine Form interaktiver Kommunikation, wobei das Buch mit seinen Inhalten den Leser spiegelt. Der Leser liest ein Buch ja zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens mit einer bestimmten geistigen und emotionalen Haltung, und diese verändert sich ständig. Entsprechend dazu verändern sich die „Ergebnisse“ des Lesens (wobei ich nicht ganz sicher bin, was exakt Du mit „Ergebnissen“ meinst – ich hätte evtl. eher von Wahrnehmung gesprochen).
In jedem Fall gutes Gelingen für die Arbeit – klingt echt interessant. Bei Rückfragen stehe ich ggf. gerne zur Verfügung!
Pengoblin