Bürger als 'Herr'

Hallo!
Beim Blättern in alten Zeitungen (hier: vom 20.10.1848) fand ich unter „München, 17. Okt.“ die folgende Meldung:
„Wir sehen jeden Tag einer Verordnung entgegen, mittelst welcher allen königlichen Behörden befohlen wird, jedem Staatsbürger, es sei im schriftlichen wie im mündlichen Verkehr, das Prädikat „Herr“ beizulegen. Es ist hohe Zeit, daß unser Ministerium darauf Bedacht nehme, alle jene veralteten, abgeschmackten Vorrechte zu beseitigen, die während so vieler Jahrhunderte der Menschenwürde Hohn gesprochen.“
Kann bitte jemand mitteilen,

  1. ob es diese Verordnung im Königreich Bayern dann tatsächlich gab
  2. ob solche Erlasse aus anderen deutschen Staaten bekannt sind.
    Mit Dank und Gruß!
    Hannes

Hallo !

Ich glaube, dieser Aufruf, jeden mit Herrn anzureden, war eine bayerische Einzeltat. In den anderen deutschen Ländern war man längst so weit.

Herr (althochd. hêriro, hêrero, hêrro), die schon im 9. Jahrh. an Stelle des ältern fro substantivisch gebrauchte Komparativform von hehr (her), bezeichnete zunächst nur den Ehrung Beanspruchenden, d. h. den Höhergestellten gegenüber dem Geringern, den Befehlenden gegenüber dem Knechte, den Meister gegenüber dem Jünger; doch fand das Wort auch schon frühzeitig Anwendung auf den himmlischen Herrscher (Gott oder Christus). Dem Ausdruck H. entspricht im weiblichen Geschlecht Frau (althochd. frouwa); der Ausdruck Herrin kam erst in neuerer Zeit dafür auf. In der höfischen Periode wurde H. Standesname für die Adligen, besonders die reichsunmittelbaren, die in der Würde nach den Fürsten und Grafen folgten, und der unerwachsene Sohn solcher Herren hieß Junchêrre (Junker). In den Städten ging der Name H. auf die obrigkeitlichen Personen über; allgemeiner wurde er auch vom Familienoberhaupt, von Geistlichen, überhaupt von Personen, die Gewalt über etwas haben, gebraucht. Die mit H. verbundene Standesauszeichnung verwischte sich allmählich, und das Wort sank mit Beginn des 17. Jahrh. zu einer bloßen Höflichkeitsbezeigung herab.

[Lexikon: Herr. Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905), S. 83707 (vgl. Meyer Bd. 9, S. 231 ff.)]

mfgConrad

Hallo,

da sollten sich dann aber der Lektor von Meyers mal etwas umschauen. Am Bodensee, Meersburg, finden sich noch die Spuren der Herrn von Meyer. Die wurden erst irgendwann Ende des 18.Jhdts geadelt und schau Dir mal die Plaketten an, die überall auf der Burg angebracht sind …

Gruß
Peter B.

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