Bürger dieser Welt

Hallo,

Ich fragte meinen Mann gestern, wann unsere Elf gegen die Ghanesen spielt, und erntete zweifelnde Blicke. Sie heißen wohl Ghanaer… zwinker

Und nun grübel ich vor mich hin:

Warum gibt es Chinesen, aber keine Ghanesen? (China, Ghana)
Warum gibt es Inder und Slowenen, aber keine Italer? (Indien, Slowenien, Italien)
Warum gibt es Iren und Finnen, aber keine Isen und Engen? (Irland, Finnland, Island, England)
Warum gibt es Österreicher, aber keine Frankreicher? (Österreich, Frankreich)

Gibt es ein System oder Regeln, wonach die Bewohner eines Landes bezeichnet werden? Ich finde keines. Oder hat das irgendeiner mal festgelegt?

Nicolle

Keine Antwort, aber…
Servus,

netterweise hatten mein Mann und ich heute das gleiche Gespräch :smile:
Meiner Erinnerung nach hießen die heutigen Ghanaer sehr wohl mal Ghanesen.
Die Chinaer sind vielleicht zu viele, um sie ungefragt umzubenennen?!?

Keine Ahnung, aber: Gute Frage!!
agnes

Moin, Nicolle,

das ist so, weil es im Deutschen keine festen Ableitungsregeln für Einwohnernamen gibt. Das gilt nicht nur für Länder, sondern auch für Regionen, Volksgruppen und Gemeinden.
Ein paar Möglichkeiten zur Ableitung, die häufig vorkommen (die meisten Beispiele erspare ich mir):

Viele Einwohnernamen werden mit -er gebildet:
Österreich - Österreicher
Unbetontes -en wird oft getilgt; -ien wird immer gestrichen:
Norwegen - Norweger; Belgien - Belgier
Häufig kommen weitere Veränderungen vor:
Tokyo - Tokyoter
Liberia - Liberier

http://www.canoo.net/services/WordformationRules/Der…
Weitere Möglichkeiten:
http://www.canoo.net/services/WordformationRules/Der…
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Da haben wir den Salat! Wenn Du dir den weltweiten Salat anschauen möchtest, findest Du hier die offizielle Liste des Auswärtigen Amtes:
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Infoservice/…

Als ich in Saarbrück en wohnte, war ich Saarbrück er.
Jetzt wohne ich in Wilhelmshav en und bin Wilhelmshav ener.
Und im nahen Ostfriesland wohnen die Ostfriesen.

Grüße
Pit

Hallo Nicolle,

die korrekte Antwort (nämlich, dass es keine Regeln dafür gibt) hast Du schon bekommen. Gleichwohl kann man auf die konkreten Fragen noch näher eingehen:

Warum gibt es Chinesen, aber keine Ghanesen? (China, Ghana)

Das liegt wohl daran, dass die Chinesen uns Europäern schon viiiiel länger bekannt sind und sich deshalb eine eigene Namensbezeichnung etablieren konnte. Ich wage mal die Behauptung, dass die Endung -ese aus dem Venezianischen (dort -éxe) oder Italienischen (-ese) übernommen worden ist, da der erste berühmte Chinareisende (korrigiert mich, wenn das nicht stimmt) Marco Polo, also ein Venezier war.
Dieses Suffix ist dem Italienischen durchaus produktiv* (ich denke da an Bolognese oder Caprese), im Deutschen jedoch nicht. Dort benutzen wir für die Bewohner von bestimmten Städten/Gebieten/Ländern in der Regel das Suffix -er. Wenn sich also nicht von Alters her eine eigene Bezeichnung durchgesetzt hat, dann gibt es Ghanaer, Timbuktuer, Washingtoner und Lhasaer.

Warum gibt es Inder und Slowenen, aber keine Italer? (Indien,
Slowenien, Italien)

Es gab einmal Italer: http://dede.mydict.com/Italer.html. Dies sind die Bewohner der historischen Region Italia bzw. Bruttium, der Gegend um Rom. Das heutige Italien ist bedeutend größer, ist auch ein Staat geworden, da hielt man wohl die Abgrenzung der Bevölkerungsbezeichnungen für sinnvoll.
Überhaupt gilt, dass sich einige Bezeichnungen für Völker von der Eigenbezeichnung ableiten. So entstand die (eher ungewöhnliche) Endung -ener bei den Italienern wohl aus der Eigenbezeichnung „italiani“, während die (ebenso ungewöhnlichen) -osen bei den Franzosen direkt aus den „français“ abgeleitet sind; aber dazu später mehr.
Zu den Slowenen kommt gleich noch was.
Bei „Indien“ und den „Inder“ wurden beide Begriffe gleichzeitig vom Fluss Indus abgeleitet: Das Land am Fluss erhielt die produktive Endung -ien (so wie heutzutage z.B. Transnistrien das Land hinterm Dnjestr ist), das Volk am Fluss die Endung -er.

Warum gibt es Iren und Finnen, aber keine Isen und Engen?

Die Iren und die Finnen existieren seit jeher** als Völker, genauso wie die Germanen, die Schwaben, Slowenen Wallonen und Polen. Nach diesen Völkern werden dann gelegentlich die Länder benannt, z.B. Irland = Land der Iren, Finnland = Land der Finnen; mitunter wird auch einfach der Stammesname auf die Region übertragen (Polen, Schaben), oder die Region erhält die Endung -ei, -ie, -ien (Slowenien, Italien, Slowakei, Wallonie).
Als die Angeln die Insel Großbritannien besiedelten, wurde die besiedelte Region „Ängland“ = Land der Angeln genannt. Volksstämme haben sich vermischt, die Angeln gibt es (zumindest dort?) nicht mehr, aber das Land heißt immer noch England, und dessen Bewohner erhalten eben die Standardendung -er: Engländer.
Island bedeutet „Eisland“ (kann man sich doch irgendwie denken, oder?), und die Bewohner sind eben auch „Eisländer“ und kein eigenes Volk der „Eisen“ (ich glaube, Island wurde zunächst von Norwegern besiedelt).
Dasselbe gilt für Grönland („grünes Land“, der Begriff wurde geprägt, um für die Besiedelung zu werben!): Die Bewohner sind ja nicht alles „Grüne“, aber alle sind „Bewohner von Grönland“, also Grönländer.

Warum gibt es Österreicher, aber keine Frankreicher?

„Österreich“ bedeutet eventuell „Land im Osten“ (die Herkunft ist nicht sicher geklärt), die Bezeichnung des Staates ist seit 996 n.Chr. nachgewiesen. Zuvor nannte sich die Region „marca orientalis“, was ja auch „östliches Reich“ bedeutet. Auf dem Reichsgebiet lebte aber nicht nur ein Volk, sondern Bajuwaren, Alemannen, Ostfranken, sogar Slawen und Awaren. Deshalb kann die übergreifende Bezeichnung für die Bewohner Österreichs sich nur aus dem Landesnamen ableiten und „Österreicher“ Lauten.
Bei den Franzosen sieht es ähnlich aus wie bei den Italienern: In „alten Zeiten“ lebten dort die Franken, diese gründeten dort ihr Frank(en)reich. Zur Abgrenzung vom alten Stamm nennt man die Franzosen heute mehr oder weniger bei ihrer Eigenbezeichnung „français“.

Ich glaube, damit habe ich alle Fragen beantwortet. Dass man daraus keine Regel aufstellen kann, weil man dazu wissen müsste, wer wann welches Land erforscht hat, wann wo welche Stämme lebten und wie die jeweiligen Eigenbezeichnungen lauten, lässt sich leider nicht ändern.

Liebe Grüße
Immo

* „Produktiv“ bedeutet, dass sich damit auch neue Ableitungen bilden lassen. Im Deutschen ist z.B. -ig produktiv, so haben sich in den letzten Jahren Ableitungen wie „schokoladig“ oder „ananassig“ zumindest in der Umgangssprache durchsetzen können.

** Wie lange „seit jeher“ ist, kann ganz unterschiedlich sein, aber gemeinsam ist allen diesen Völkern, dass sie eben als Volk bekannt waren, bevor das ihnen eigene Land sich gebildet hatte oder als solches bekannt war. Ich kann nicht sagen, ob die Iren schon immer die gesamte Insel Irland besiedelten, aber offenbar spielten sie als (wohl oftmals aufständiges) Volk in der Geschichte eine größere Rolle, als ihre Insel dies tat.