Hallo Wolfgang,
genau das ist es, was Du im ersten Absatz sagst:
Selbständige können von anderen Selbständigen viel lernen. Der
Erfahrungsaustausch ist wertvoll. Es kann eine große
Erleichterung sein, mit jemandem zu reden, der überhaupt weiß,
wovon die Rede ist. Und sei es nur, daß durch Erzählen und
Ordnen der Gedanken Klarheit entsteht.
Wann immer ich mich mit Selbständigen unterhalte, ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht zu Angestellten. Wir müssen einfach mehr aufpassen, mehr abwägen und bedenken, Informationen verarbeiten und höllisch aufpassen: Abschalten geht halt nicht.
Selbst im Privatleben gelingt das kaum, was manche Partner/innen dann kaum nachvollziehen können, wenn sie nicht auch selbständig sind oder gar im Betrieb mitarbeiten.
Man braucht im laufe der Zeit Kontakte ganz unterschiedlicher
Art zu Berufskollegen, zu Branchenfremden, zu Selbständigen in
der Anfangsphase wie zu Leuten, die viele Jahre auf eigene
Rechnung tätig sind. Das kann eine Bürogemeinschaft kaum
bieten.
Warum sollte ich in einer Büro- und/oder Betriebsgemeinschaft nicht ebenso Kontakte zu Selbständigen haben, wie außerhalb? Der Kontakt ist ja noch viel intensiver durch ständiges Zusammensein, sollte aber nicht unbedingt ein Konkurrenzunternehmen sein, wo ggf Futterneid aufkommen könnte.
Eine Bürogemeinschaft sollte man als das ansehen, was sie ist:
Man ist nicht alleine. Bei eigener Abwesenheit ist jemand da,
der ans Telefon gehen oder eine Lieferung annehmen kann.
Umgekehrt nervt natürlich nicht nur das eigene Telefon, weil
man gerade dem Bürokollegen hilft. Nicht alleine zu sein, hat
eben auch seinen Preis. Es gibt Reibungspunkte, die man
alleine nicht hätte und seien es nur die Kosten für die
Reinigungskraft, die Parkplätze, die Stromkosten, Raucher und
Nichtraucher in räumlicher Nähe… Bürogemeinschaft ja oder
nein halte ich für eine Mentalitätsfrage.
Ich sehe, daß wir uns an dieser Stelle mißverstehen: Meine Headline hieß: Bürsoservice in Bürogemeinschaft, d.h. einer aus der Bürogemeinschaft macht den Büroservice als Betrieb, in dem die anderen sich einmieten bzw den Büroservice in Anspruch nehmen. Freilich kann der Servicemensch noch anderes tun, falls er durch den Service allein nicht ausgelastet ist bzw die Einkünfte zu gering wären. Aber er ist für das Funktionieren des Büroservices verantwortlich, alle anderen sind reine Kunden des Services und machen ihr Ding. Den ganzen Verwaltungskram macht also der Serviceunternehmer.
Vor 10 bis 20 Jahren waren Bürogemeinschaften in
Gründerkreisen groß in Mode. Überall entstanden Gründer- und
Technologiezentren. Geworben wurde mit Beratungsleistungen,
Büroservice, Gemeinschaftswerkstätten und niedrigen Mieten.
Niedrige Mieten sah ich nirgends, dafür alle möglichen
Nebenkosten, die ein Gründer alleine nicht hätte.
Ich kenne in Ffm etliche Kleinunternehmer, die sich in alten Fabrikgebäuden eingemietet haben und florieren, eben aufgrund des Wissensaustausches und der Kommunikation, die aber nicht oder nur am Rande die Branche selbst betrifft. So könnte z.B. eine feine Werbeagentur die Marketingstrategien für alle entwickeln, weil die ja nicht den Vertrieb selbst, sondern nur die Produktwerbung betreiben würde. Das geht auf Dauer nur, wenn das Produkt auch Gewinn abwirft. Also ist die Agentur konstruktiv am Erfolg der Kunden im Hause interessiert. Aber das nur als Beispiel.
Gemeinschaftswerkstätten entpuppten sich vorhersehbar als
unpraktikable Idee von Leuten, die noch nie in einer Werkstatt
gearbeitet haben und Büroservice - na ja, da kostet jeder
Handschlag naturgemäß richtiges Geld und Geld ist knapp bei
Existenzgründern. Die Sache mit den Beratungsleistungen konnte
keiner wirklich gebrauchen. Vielmehr wollte überall eine ganze
Szene mehr oder weniger unnützer Berater ernährt werden. Da
blieb nur noch der Zugriff auf Bürotechnik und
Kommunikationsmittel als Pro-Argument übrig. Schließlich
kostete früher ein Telex 10 Kilomark oder mehr, ein Telefax
auch einige Tausender, die Post ließ sich eine simple
Telefonanlage vergolden und ein Kopierer kostete ein kleines
Vermögen.
Das stimmt zwar, daß die Telekommunikation heute warenhausbillig geworden ist (außer den Verbrauchsmaterialien!), aber keiner sollte in so einer Gemeinschaft dem anderen etwas verkaufen müssen, oder gar einen Handschlag berechnen. Die Kommunikation untereinander ist ein Kann, kein Muss. Anders wäre es, wenn man ein Konsortium basteln würde, aber das war nicht meine Intention.
Es stellt sich die Frage, weshalb sich jemand selbständig
macht. Das große Geld? Meistens ist das ein Traum weit ab von
der Realität.
Dann bin ich also seit 1975 ein Träumer 
Was bleibt sind Unabhängigkeit und
Eigenständigkeit oder wenigstens die Einsicht in die gerade
existierenden Probleme, weil es die eigenen Probleme sind. An
diesem Punkt angelangt, verliert die Bürogemeinschaft ihren
Reiz.
Da wird doch erst die Gemeinschaft interessant, wenn die Probleme kommen. Den Fehler, den Unternehmer-A macht, würde der B nicht machen, aber der C würde ihn gleich erkennen und als Dank von A einen Tipp wiederum kriegen, wenn C einen Fehler macht, den er wieder nicht machen würde, usw.
Die Schwächen liegen meist bei vielen Leuten nicht auf der gleichen Ebene: zum Glück! Da liegt doch der Vorteil einer solchen Gemeinschaft. Vorausgesetzt freilich, man redet auch mal miteinander, ggf in der Gemeinschaftskantine in der Mittagspause.
Tatsache ist: Der Einzelkämpfer wird zum Teamgeistmenschen, wo wie wir ja auch in diesem Forum Zeit verbringen, um anderen zu helfen bzw den eigenen Standpunkt zu vermitteln. Freilich sollte eine solche Gemeinschaft sich beschnuppern können, nicht Jeder kann mit Jedem, wie ja auch virtuell im Netz zu beobachten.
Gruß Richard