Hallo Ramona,
ich glaube, das vielfach der Sinn eines Studiums falsch eingeschätzt und in der Folge völlig unterschätzt wird.
Oberflächlich betrachtet kann man alles, was man in einen Studium an „Inhalt“ lernt, mit Sicherheit auch in komprimierterer Form schulisch „beigebracht bekommen“. [Das Bestreben ist ja auch dahingehend: an den Universitäten wird nun die „Sekundarstufe III“ (scnr) in Form des Bachelors eingeführt].
Ursprünglich ging es aber bestimmt nicht nur darum. Das andere, das ganze drumherum ist doch mit entscheidend: hier werden kluge, individuelle und vor allem anderen auch eigenständige Köpfe ausgebildet.
Die Fähigkeit, selbstständig zu entscheiden, welche Lerninhalte für ein Fach die Wichtigen sind und selber eine Struktur in viele konkurrierende Modelle hereinzubringen sind Fähigkeit, die effektiv & in Perfektion nur beim Erwerb eines akademischen Grades erworben werden können.
Hauptziel eines Studiums könnte also nicht nur der Stoff, sondern eben auch die akademischen Fertigkeiten, welche man durch den Umgang mit dem Stoff erhält sein.
In einigen Berufen ist die daraus resultierende Überlegenheit, in vielen Situationen schnell, effizient und bestimmt eine Entscheidung treffen zu können von entscheidender Wichtigkeit (beim Arzt wie beim Bankier) und mit Sicherheit ausschlaggebender als das Wissen um z.B. eine spezielle Analyseform, welche man sich auch notfalls in 2 Tagen anlesen könnte.
Ich glaube auch, dass der Trend dahin geht: man sucht in vielen Berufsfeldern eigentlich fachfremde aber sehr akademische Studienabsolventen (z.B. Physiker in der Wirtschaft), und zwar vermutlich auf Grund der durch das Studium erworbenen Skills und nicht aufgrund ihres Fachwissens.
Leider sterben die konservativen akademischen Tugenden jedoch langsam aus. Zuletzt fragte eine Kommilitonin eine Dozentin, ob sie sich für ein Gutachten eine zweite Meinung einholen würde - da sie ja nie wissen kann, ob ihr Gutachten stimmt. Dieses Bild zeigt für mich ganz gut, worum es geht: wenn man mehrere Personen zur Gutachtenerstellung bräuchte, weil sich eine Person das nicht alleine zutraut, dann wäre unsere Gesellschaft schon lange nicht mehr funktionstüchtig.
Die selbstständige & gut begründbare Entscheidung ist es, was Akademiker als wichtigste Fertigkeit aus ihrem Studium mitnehmen sollten, und dieses können sie nicht in einer Ausbildung lernen.
Das sind zumindest meine Gedanken zu dem Thema.
LG
Patrick