BWL-Studium/ Berufspraxis

Hallo zusammen,

mich interessiert, wer von den BWL-Absolventen in seiner aktuellen Berufsaufgabe:

  1. relevante Teile seines Studiums anwendet, also mehr, als man in einem einwöchigen Seminar auch lernen könnte (Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Buchhalter seien mal ausgenommen) und

  2. das Gefühl hat, damit einen Wert für das Unternehmen/ die Gesellschaft etc zu schaffen.

Ich freue mich auf Eure Meinungen und Erfahrungen,

Gruß
Ramona

Hallo Ramona,

1.) ja, ich verwende wesentliche Teile meines Studieninhaltes.
2.) ja, ich schaffe Werte (für Un, für Gesellschaft und für mich)

Wenn ich sehe, wie viele Firmen und Personen (große und kleine) betriebswirtschaftliche Fehler machen und so Ihre Ideen nicht verwirklichen können, merkt man wieviel gute vertiefte kfm. Kenntnisse nötig sind.

Bist Du in der Sinnkrise ???

viele Grüße
Steffi
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Hallo Ramona,

  1. das Gefühl hat, damit einen Wert für das Unternehmen/ die
    Gesellschaft etc zu schaffen.

Das hört sich nach akuter Sinnkrise an :wink:

Ich beschäftige mich mit Insolvenzen. Dass ich betriebswirtschaftlich Werte schaffe, kann ich bestätigen. Inwieweit das mit meinem BWL-Kenntnissen zu tun hat, kann ich nicht sagen, weil ich noch andere Kenntnisse habe und meine Arbeitsweise und persönlichen Fähigkeiten mit eingehen.

Bei der volkswirtschaftlichen Betrachtung weiß ich nicht so recht. Insolvenzverwaltung heißt ja nicht, Werte zu vernichten - das ist bereits vorher geschehen. Und durch Fortführung von Unternehmen erhalten wir Arbeitsplätze, die sonst verloren wären. Vielleicht würde ich an anderer Stelle weit größere Werte schaffen, wer weiß.

Mir sind aber die wirtschaftlichen Werte auch nicht mehr so wichtig, es gibt andere persönliche und gesellschaftliche Werte, die mehr zählen. Wirtschaftliche Werte sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer „lauter“ geworden und dringen in Bereiche vor, in denen sie m.E. nichts zu suchen haben (das fängt schon bei Kleinkindern an; es wird ein englischsprachiger Kindergarten gesucht, damit das Kind später bessere Berufsaussichten hat und nicht, um sich später mal mit Menschen aus anderen Gegenden verständigen zu können). Dinge können schön und wichtig sein, auch wenn sie keinen wirtschaftlichen Mehrwert schaffen.

  1. relevante Teile seines Studiums anwendet, also mehr, als
    man in einem einwöchigen Seminar auch lernen könnte
    (Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Buchhalter seien mal
    ausgenommen) und

Ich glaube nicht, dass viele Leute ihr Studien-Fachwissen oft gebrauchen. Wesentlich ist, dass man hiervon und davon mal gehört hat und einen Überblick, die Denkweise und die Sprache der Fachrichtung gelernt hat. So tue ich zwar Dinge, die ich mir erst aneignen muss(te), das Lernen fällt mir aber leichter, weil ich auf einem Fundament aufbaue.

Gruß,
Oskar

Sinnkrise

Hallo zusammen,

nein, ich frage das nicht aus der Überlegung „Was habe ich bloß mit meinem Leben gemacht?“ heraus!

Hintergrund der Frage: Mir hilft in meinem Job ein gewisses wirtschaftliches Grundverständnis, eine strukturierte Herangehensweise an Sachverhalte und eine gewisse Abstraktionsfähigkeit - alles Dinge, die nicht zwangsläufig durch ein BWL-Studium erworben werden müssen. Alle anderen Kenntnisse und Fähigkeiten sind entweder Social Skills oder aus Erfahrung und training-on-the-job erwachsen.

Mir ist allerdings aufgefallen, dass diejenigen Menschen in meinem Umfeld, die offensichtlich ihre Kenntnisse aus dem Studium umsetzen (im OP genannte Ausnahmen ausgeschlossen), meist eine in meinen Augen recht unproduktive Tätigkeit verrichten (eine Unterkategorie der Unternehmensberater, verschiedene Stabsfunktionen etc).

Meine Frage ist also, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen „Nun will ich die Balanced Scorecard aber auch mal in die Praxis umsetzen“ und dem Grad des Unnutzes der Tätigkeit…

Viele Grüße
Ramona

Hallo Ramona,

ich denke, Du siehst das ein wenig schwarz-weiß.
Folgende Thesen meinerseits:
a) Du hast recht damit, dass für ein erfolgreiches Berufsleben in akademischen Berufs-„Sphären“ in der Regel ein wirtschaftl. oder techn. Studium ausreicht. Es geht hierbei tatsächlich mehr darum, Methoden zur Informationsverarbeitung und zur Problemlösung zu kennen, als konkretes Fachwissen anzuwenden.
b) Spätestens in Führungspositionen wird es immer unwichter, was Du bist. Es kommt darauf an, wer Du bist.
c) Es gibt selbstverständlich anspruchsvolle Fachaufgaben für Akademiker, auch:wink: für Betriebs- oder Volkswirte. Diese sind aber naturgemäß Fachaufgaben und damit in der Linienorganisation entweder unten oder als Stab aufgehängt.
d) nach drei Jahren Arbeit ist Dein akademisches Wissen sowieso weitgehend wertlos. Entweder Du hast es vergessen oder es ist veraltet:wink:

Grüße
Jürgen

PS: Ich bin als Maschinenbauingenieur mittlerweile Logistikführungskraft. Wieviel meines Wissens über Konstruktionslehre wende ich wohl noch an?:wink:

Hallo Ramona,

ich glaube, das vielfach der Sinn eines Studiums falsch eingeschätzt und in der Folge völlig unterschätzt wird.

Oberflächlich betrachtet kann man alles, was man in einen Studium an „Inhalt“ lernt, mit Sicherheit auch in komprimierterer Form schulisch „beigebracht bekommen“. [Das Bestreben ist ja auch dahingehend: an den Universitäten wird nun die „Sekundarstufe III“ (scnr) in Form des Bachelors eingeführt].

Ursprünglich ging es aber bestimmt nicht nur darum. Das andere, das ganze drumherum ist doch mit entscheidend: hier werden kluge, individuelle und vor allem anderen auch eigenständige Köpfe ausgebildet.

Die Fähigkeit, selbstständig zu entscheiden, welche Lerninhalte für ein Fach die Wichtigen sind und selber eine Struktur in viele konkurrierende Modelle hereinzubringen sind Fähigkeit, die effektiv & in Perfektion nur beim Erwerb eines akademischen Grades erworben werden können.

Hauptziel eines Studiums könnte also nicht nur der Stoff, sondern eben auch die akademischen Fertigkeiten, welche man durch den Umgang mit dem Stoff erhält sein.

In einigen Berufen ist die daraus resultierende Überlegenheit, in vielen Situationen schnell, effizient und bestimmt eine Entscheidung treffen zu können von entscheidender Wichtigkeit (beim Arzt wie beim Bankier) und mit Sicherheit ausschlaggebender als das Wissen um z.B. eine spezielle Analyseform, welche man sich auch notfalls in 2 Tagen anlesen könnte.

Ich glaube auch, dass der Trend dahin geht: man sucht in vielen Berufsfeldern eigentlich fachfremde aber sehr akademische Studienabsolventen (z.B. Physiker in der Wirtschaft), und zwar vermutlich auf Grund der durch das Studium erworbenen Skills und nicht aufgrund ihres Fachwissens.

Leider sterben die konservativen akademischen Tugenden jedoch langsam aus. Zuletzt fragte eine Kommilitonin eine Dozentin, ob sie sich für ein Gutachten eine zweite Meinung einholen würde - da sie ja nie wissen kann, ob ihr Gutachten stimmt. Dieses Bild zeigt für mich ganz gut, worum es geht: wenn man mehrere Personen zur Gutachtenerstellung bräuchte, weil sich eine Person das nicht alleine zutraut, dann wäre unsere Gesellschaft schon lange nicht mehr funktionstüchtig.

Die selbstständige & gut begründbare Entscheidung ist es, was Akademiker als wichtigste Fertigkeit aus ihrem Studium mitnehmen sollten, und dieses können sie nicht in einer Ausbildung lernen.

Das sind zumindest meine Gedanken zu dem Thema.

LG
Patrick

Hallo,

im Idealfall entwickelt sich im Studium ein Raster, in dem man das bei der späteren Arbeit (und natürlich auch anderweitig) erlernte Wissen sinnvoll befestigen kann, so daß am Ende nur ein vollständiges Bild zu erkennen und das Raster dahinter nur noch zu erahnen ist.

Wer sich nur an dem Raster - also dem vorgekauten, theoretischen Wissen - orientiert, verliert den Blick fürs wesentliche, verhält sich stereotyp und unflexibel und ist im schlimmsten Fall nur für die Abteilung Knicken, Lochen, Abheften zu gebrauchen.

Allerdings - um mal von der anderen Seite zu kommen - hilft das Raster aus dem Studium neu erlerntes Wissen schneller und sinnvoller einzusortieren und Zusammenhänge zwischen vermeintlich völlig unabhängigen Aspekten zu erkennen. Außerdem sind die theoretischen Grundlagen im Zweifel besser, d.h. sind breiter, tiefer und stärker verinnerlicht als bei Autodidakten - erst recht wenn vor dem Studium noch eine kaufmännische Ausbildung absolviert wurde.

Bzgl. dieser Eindrücke erhebe ich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, um das noch klarzustellen. Die Frage, ob denn nun ein Studium notwendig oder sinnvoll ist, kann ich Dir auch nicht beantworten, weil es da auch um höchstpersönliche Dinge wie Erwartungen, Interessen und Neigungen geht.

Gruß
Christian

Danke für Eure Meinungen

Vielen Dank für Eure Anmerkungen zu dem Thema, war sehr interessant für mich.

Gruß
Ramona