Theorie und Praxis
Hallo,
Über die Marketingstrategie schon ja und nein ich les nicht
täglich Zeitung inklusive Wirtschaftsteil, aber ich
interessiere mich dennoch für Wirtschaft und „handel“ auch
seit ich ungefähr 14 bin mit Aktien
und nach welchen Kriterien gehst Du da vor? Zeitungsmeldungen, Geschäftsberichte, Kennzahlen? Was bedeutet es, daß die Salzgitter AG im Geschäftsjahr 2003 einen passivischen Unterschiedsbetrag in Höhe von 56 Mio. aufgelöst hat und insgesamt einen Konzernüberschuß von 28 Mio. ausweist? Würdest Du die Aktie kaufen oder nicht?
Was bedeutet es, daß die Jenoptik AG im Geschäftsbericht folgendes schreibt: „Bei Lieferungen und Leistungen im Konzern zu marktüblichen Bedingungen wurde auf eine Zwischenergebniseliminierung verzichtet, da die Ermittlung der Zwischenergebnisse einen unverhältnismäßigen Aufwand verursacht.“
Aktie kaufen oder nicht? Hilft die Information, daß es seit 2002 nicht mehr gestattet ist, auf die Eliminierung von Zwischengewinnen zu verzichten, weil sie zu aufwendig ist? Der Paragraph 304 (2) (alte Fassung) wurde nämlich gestrichen. Huch!? Und was mit die Jenoptik auf meine Anfrage hin geschrieben hat, hilft auch nicht weiter. Doppelhuch!? Achja: Was sind eigentlich Zwischengewinne und was für eine Folge kann es haben, wenn sie nicht eliminiert werden?
ein paar tausend Euro verdient und „früher“ regelmäßig
Wirtschaftsnachrichten, n-tv, Handelsblatt, etc. gelesen).
Gelesen ist gut. Hast Du auch alles verstanden? Und wenn nicht: Was hast Du dagegen getan? Weitergelesen oder recherchiert? Willkürlich bei http://news.google.de herausgegriffen, was bedeutet diese Meldung und was ist ihre Folge:
http://finanzen.sueddeutsche.de/nws.php?nws_id=10003……
Vielen Dank. Du warst mir eine sehr große Hilfe. Ich dachte
mir halt, dass es vielleicht den ein oder anderen gibt der das
Studium, was ja aus einem nicht allzu geringen Teil aus
auswendig lernen besteht,
Mal im Ernst: Glaubst Du, daß jemand, der sich hin und wieder freiwillig mit Geschäftsberichten beschäftigt, noch auswendig lernen muß, wofür jede Bilanzposition da ist? Glaubst Du, daß man wirklich noch auswendig lernen muß, wie Prozeßkostenrechnung funktioniert, wenn man sich mal spaßeshalber mit einer vernünftigen Kalkulation für die Telekom beschäftigt hat? Glaubst Du wirklich, daß man noch auswendig lernen muß, zu welcher Kolonialmacht Macau früher gehörte, wenn man sich für das Thema wirklich interessiert? (Die letzte Frage wurde mir tatsächlich unmittelbar vor der BWL-Diplomklausur Ostasienwirtschaft von einer Studienkollegin gestellt.)
Natürlich muß man ein paar Sachen auswendig lernen. Die Menge nimmt aber rapide ab, wenn man sich für die Thematik wirklich interessiert und wenn man sich auch freiwillig mit ihr beschäftigt.
zwar nicht so besonders spannend
fand, aber die Praxis dafür umso spannender fand.
Die Theorie ist die Praxis, oder besser: Die Praxis ist die Theorie, nur mit Leben gefüllt und das hast Du selbst in der Hand. Wenn Du den 2003er Geschäftsbericht dieser Gesellschaft http://www.garant-schuh.de/ir.htm gelesen und vollständig verstanden hast, bist du jedem Deiner Kommilitonen um Lichtjahre voraus. Keiner der Absolventen Eures Jahrgangs wird in der Lage sein, jede Position von Guv-Rechnung und Bilanz ohne weitere Erklärungen und Recherchen zu verstehen oder gar wiederum einem Dritten zu erklären.
Im Grundstudium lernst Du in Rechnungswesen die Theorie bzgl. Bilanzpositionen und im Hauptstudium vielleicht in einem Seminar etwas über IAS/IFRS und US-GAAP. Das ist die Theorie. Lies den Geschäftsbericht, versuche ihn zu verstehen und im Zweifel stelle hier einige Fragen dazu und schon wird die Theorie zur Praxis. So lernt man wirklich was. Alles andere ist nur Archivierung von einigen Bröckchen Halbwissen mit entsprechender Halbwertszeit.
Das funktioniert mit allen Fächern. Der Praxisbezug ist da, überall. Du mußt ihn nur sehen und herstellen. Marketing: Warum ist der Slogan „Jetzt auch in allen Dörfern rund um Köln“ für ein Kölsch eine Schnapsidee, oder vielleicht auch nicht. Organisation: Was hälst Du als Kunde von Hotlines? Controlling: Wo liegt das Problem beim Betrieb von Bibliotheken? Oder meine Lieblingsfrage: Was haben Film- und Pharmabranche gemeinsam?
Das soll reichen. Ich will Dich nicht ärgern, aber ich sehe hier einen noch formbaren Studenten vor mir
Du hast jetzt noch die Möglichkeit, aus Deinem Studium etwas zu machen und am Ende mit mehr dazustehen als mit einer Diplomurkunde und dem dazugehörigen Diplomzeugnis, nämlich mit einem theoretischen Wissen, das durch Einbettung in die Realität erheblich an Wert gewonnen hat und damit zum Verständnis wurde. Du kannst wie die meisten anderen Studenten wie eine sich langsam füllende Regentonne Informationen und Wissen sammeln und Dich dann am Ende damit fröhlich gluckernd zur Diplomprüfung begeben.
Oder Du nimmst das Studium (das Hauptstudium wird auch nicht viel anders als das Grundstudium, mach Dir da bloß nichts vor) nicht als etwas trockenes, das man überstehen muß, sondern verstehe die dort vermittelten Inhalte als Grundgerüst, dessen Zwischenräume Du selbst auffüllen mußt, damit das ganze einen verwertbaren Sinn ergibt.
Gruß,
Christian