Verehrter Wolfgang Berger,
welche Quellen verbürgen, daß Heinrich IV im Schnee ausharrte,
damals in Canossa Ende Januar/Anfang Februar 1077?
Keine ernstzunehmende zeitgenössische spricht von Schnee und bitterer Kälte und Winter.
Ich zitiere aus Paolo Golinelli, Mathilde un der Gang nach Canossa:
_Gregor VII. und seinen Anhängern blieb nur ein Mittel, um zu verbergen, daß sie diesem taktischen Schachzug nichts entgegenzusetzen hatten: Sie mußten diese Buße und Reue ( die sich später als fingiert herausstellen sollte) möglichst publik machen.
So schrieb Gregor VII. Ende Januar an die deutschen Reichs- fürsten, um sie von der Absolution in Kenntnis zu setzen und ihnen den Wortlaut von Heinrichs Eid zu übermitteln. Sein Brief ist das unmittelbarste Zeugnis dieser Ereignisse:
„Wie es mit den Boten, die ihr uns gesandt habt, vereinbart war, kamen wir ungefähr zwanzig Tage vor dem Zeitpunkt in die Lombardei, an dem einige der Herzöge uns bei der Veroneser Klause [Comune Volargne] entgegenkommen sollten, und warteten auf ihre Ankunft, um dann mit ihnen nach Deutschland zu ziehen. Nach Ablauf des vereinbarten Datums erhielten wir jedoch die Mitteilung, daß es wegen vieler Schwierigkeiten, die es zu dieser Zeit gab - was wir gern glauben wollen - nicht möglich sei, uns ein Geleit entgegenzusenden.
[…] Währenddessen erfuhren wir, daß der König in großer Eile heranzöge. Bevor er italienischen Boden betrat, hatte er Boten mit Bittbriefenzu uns gesandt, in denen er versprach, er werde Gott, dem heiligen Petrus und uns Genugtuung leisten, seine Lebensführung bessem und uns in allem gehorsam sein, um von uns die Gnade der Absolution und des apostolischen Segens zu erwirken. Wir haben lange Zeit und nach vielen Beratschlagungen die Entscheidung darüber aufgeschoben und ihn mit scharfen Worten wegen seiner Exzesse getadelt, durch alle Boten, die zwischen uns hin und her gingen, bis er direkt mit einem kleinen Gefolge, ohne jegliche Feindseligkeit oder Ungehörigkeit zur Burg Canossa kam, wo wir uns aufhielten.
Dort stand er drei Tage vor dem Burgtor, nachdem er alle königlichen Herrschaftszeichen abgelegt hatte, in kläglichem Aufzug, barfuß und in einem Wollhemd, und hörte nicht eher auf, mit vielen Tränen die Hilfe und die Tröstung des apostolischen Erbarmens zu erflehen, bis alle Anwesenden, zu denen diese Rufe gelangten, von soviel Milde und Mitleid erfüllt wurden, daß sie sich mit vielen Bitten und Tränen für ihn bei uns verwandten und sich alle über die ungewöhnliche Härte unseres Sinns verwunderten; und einige sagten, unsere Haltung sei nicht der Ernst eines strengen Papstes, sondern beinahe die Grausamkeit eines wilden Tyrannen. Überwunden von dem Drängen seiner Reue und von den flehentlichen Bitten aller, die zugegen waren, haben wir schließlich die Fessel des Kirchenbanns gelöst und ihn wieder in die Gnade der Gemeinschaft der Heiligen und in den SchoB der heiligen Mutter Kirche aufgenommen, nachdem wir von ihm die Zusicherungen erhalten hatten, die unten verzeichnet sind. Verbürgt für diese Zusicherungen haben sich der Abt von Cluny und unsere Töchter Mathilde und Gräfin Adelheid [die Schwiegermutter Heinrichs IV, Adelheid von Turin) und andere Fürsten, Bischöfe und Laien, die bei dieser Gelegenheit ihre Hilfe boten. Nachdem wir dies vollzogen haben, möchten wir dennoch in euer Land kommen, sobald dies möglich ist, um gemeinsam, wie wir es sc,hon lange ersehnen, vollständiger mit Gottes Hilfe für den Frieden der Kirche und die Eintracht im Reich zu wirken.“
Heinrich IV. hatte eine Versöhnung erzwungen, von deren Aufrichtigkeit der Papst nicht überzeugt war, und Gregor VII. entschuldigte sich beinahe bei den deutschen Reichsfürsten, daß er sie gewährt hatte. Für ihn war das Problem damit nicht aus der Welt geschafft; offen blieb für ihn auch immer die Frage der Wahl eines neuen römisch-deutschen Königs bzw. Kaisers, über die es in Augsburg zu einer Entscheidung hätte kommen sollen. Er hatte daher die Absicht, in jedem Fall und sobald wie mÖglich seine Reise nach Deutschland fortzusetzen. Aber diese Reise kam nie zustande. Auch deswegen kann man mit Ovidio Capitani abschließend sagen: »Immer mehr gelangt man zu der Überzeugung: Canossa war der größte Sieg Heinrichs IV.«_
Von Kälte also keine Rede im authentischsten Beleg. Der Papst hätte das sicher mit Wonne mitgeteilt, wenn dem so gewesen wäre.
Mit herzlichem Gruß,
Fritz Ruppricht