Hallo Voltaire,
wenn ich deine Frage recht verstehe, störst du dich daran, dass ein Mensch, der sich mit einem gewissen Teilgebiet der Mathematik/Physik, nämlich mit gewissen dynamischen nichtlinearen Systemen beschäftigt, als „Chaostheoretiker“ bezeichnet wird. Als Grund führst du an, dass der Begriff „Chaos“ einen Zustand der Unordnung bezeichne, dass ein Zustand der Unordnung keine Struktur haben könne, diese Abwesenheit jeglicher Struktur aber zur Folge habe, dass Theorien über derartige Zustände keinen Sinn machen und mithin keine Theorie des Chaos existieren könne. Anders ausgedrückt:
- Der Begriff "Chaos" bedeutet Zustand der Unordnung. (1)
- Einem Zustand der Unordnung fehlt jegliche Struktur. (2)
- Der Begriff "Theorie" bezeichnet das Erzeugen/Erkennen
von Struktur via Aufstellen von Hypothesen. (3)
- Aus (2) und (3) folgt: Über Zustände der Unordnung gibt
es keine Theorien. (4)
- Aus (4) folgt: Es macht es keinen Sinn, den Begriff
"Theorie" auf Zustände der Unordnung anzuwenden. (5)
- Aus (1) und (5) folgt: Auf das, was der Begriff "Chaos"
bezeichnet, macht es keinen Sinn, den Begriff "Theorie"
anzuwenden. (6)
- Aus (6) folgt: Der Begriff "Chaostheorie" muss in
Gänsefüßchen gesetzt werden. (7)
Zu diesem Gedankengang möchte ich folgende Anmerkungen machen:
Zu (1):
Die Aussage (1) ist nicht ganz korrekt. Genauer müsste man sagen:
Es gibt Zusammenhänge, innerhalb derer der Begriff „Chaos“ die Bedeutung eines Zustandes der Unordnung hat.
Damit ist nämlich noch nicht gesagt, dass es nicht vielleicht einen Kontext gibt, innerhalb dessen das Verwenden des Begriffes „Chaos“ dazu führt, dass er etwas anderes bezeichnet. Und einen solchen Kontext gibt es tatsächlich, nämlich dann, wenn von bestimmten dynamischen nichtlinearen Systemen die Rede ist. Hier bezeichnet der Begriff „chaotisches System“ bzw. „chaotisches Verhalten“ die Tatsache, dass die zeitliche Entwicklung des betreffenden (physikalischen) Systems sehr empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt. Der Begriff „Chaos“ bezieht sich hierbei nicht auf einen bestimmten Zustand, sondern auf die zeitliche Entwicklung eines (Anfangs-)Zustandes. (Dieser (Anfangs-)Zustand muss noch nicht einmal in Unordnung sein.)
Zu (2):
Ob einem Zustand der Unordnung (also dem, was mit dem Begriff „Zustand der Unordnung“ gemeint wird) jegliche Struktur fehlt, hängt ganz davon ab, was man unter dem Begriff „Struktur“ versteht. Natürlich deutet der Begriff „Unordnung“ bereits darauf hin, dass ein bestimmtes Maß an Strukturlosigkeit vorliegt. Dennoch kann auch einem Zustand der Unordnung eine Struktur innewohnen.
Wenn ich zum Beispiel eine Kiste voller bunter Wäscheklammern habe und diese ordentlich durchschüttele, so spricht man weithin von einem Zustand der Unordnung, denn die verschiedenfarbigen Wäscheklammern sind ja bunt durcheinandergewüfelt. Bezüglich der Positionen der einzelnen Wäscheklammern kann man tatsächlich keine Struktur erkennen. Dennoch kann man nicht behaupten, dass hier jeglische Struktur fehlen würde. So wird einem vielleicht auffallen, dass sich die Gesamtanzahl der Klammern durch das Schütteln nicht verändert. Noch aufmerksamere Beobachter werden vielleicht sogar bemerken, dass sich die Anzahl der Klammern einer bestimmter Farbe nicht ändert. Und noch etwas wird man bald feststellen: durch bloßes Schütteln allein wird man es nicht schaffen, dass sich die Klammern gemäß ihrer Farben anordnen. Und: falls man die Klammern bewusst in farbliche Ordnung bringt, wird das Schütteln der Kiste dazu führen, dass die Klammern in Unordnung geraten. Man kann hier also einige Hypothesen aufstellen, die im Experiment überprüft werden können. In diesem Sinne gibt es in meiner Wäscheklammerkiste tatsächlich eine Struktur, obwohl man es hierbei mit Zuständen der Unordnung zu tun hat.
Zu (3):
Hier möchte ich nur hinzufügen, dass „Theorie“ im Sinne der (Natur-)Wissenschaften nicht einfach bloß eine Menge von Hypothesen ist, sondern dass diese Hypothesen auch noch überprüfbar sein müssen. Man versucht, einen Teil der Realität abzubilden (zu beschreiben), darin eine Struktur zu erkennen und daraus Vorhersagen abzuleiten, die anhand der Realität überprüft werden können. Andere Zusammenhänge, innerhalb derer der Begriff „Theorie“ auftaucht, sind zum Besipiel Schach (Eröffnungstheorie, Theorie des Endspiels), die mathematische Logik (Menge von erfüllbaren Aussagen), der Alltagsgebrauch als Gegensatzpaar Theorie/Praxis usw.
Zu (4):
Über den Strukturinhalt von Zuständen der Unordnung habe ich bereits unter „Zu (2)“ etwas gesagt. Auch wenn ein Zustand der Unordnung an sich bezüglich gewisser Aspekte keine Struktur aufweist (es sind wohl gerade diejenigen Aspekte, auf die sich der Begriff „Unordnung“ bezieht), heißt das noch lange nicht, dass ein System , welches eine zeitliche Abfolge von ungeordneten Zuständen durchläuft, insgesamt strukturlos wäre. Die Wäscheklammerkiste ist da nur ein Beispiel. In der Thermodynamik und der Statistischen Physik hat man es gleichsam mit Systemen zu tun, die Zustände der Unordnung durchlaufen. Denoch ist man in der Lage, gewisse Strukturen zu erkennen. Obwohl sich in einem aufgeblasenen Luftballon die Stickstoff- und Sauerstoffmoleküle in großer Unordnung befinden und sie scheinbar zufällig durcheinanderfliegen, kann man dennoch darin eine Struktur erkennen. So gibt es beispielsweise einen ganz bestimmten Zusammenhang zwischen der Anzahl der Moleküle im Ballon, der Temperatur im Ballon, dem Volumen des Ballons und dem Druck, den die Moleküle auf die Gummiwand des Ballons ausüben.
Zu (5), (6) und (7):
Da die Aussagen (1) bis (4) widerlegt sind, und die Aussagen (5), (6), (7) aus jenen erstgenannten Aussagen gefolgert werden, kann man über den Wahrheitsgehalt der Aussagen (5), (6), (7) zunächst keine Aussage treffen. (Bitte jetzt nicht behaupten, dass damit diese letztgenannten Aussagen widerlegt seinen!)
Fazit:
Ich sehe kein Problem darin, dem Menschen, den man mit dem Begriff „Chaostheoretiker“ bezeichnet, den Begriff „Chaostheoretiker“ zuzuordnen.
Im übrigen habe ich auch keine Bedenken, den Physiker oder Chemiker als Natur wissenschaftler zu bezeichnen, auch wenn dieser überall forscht, in Laboratorien, in Büros, am Computer, an Synchrotrons, … nur halt nicht draußen in der Natur…
Viele Grüße,
Jens