Hallo Andreas.
Eine Anleitung zum Erstellen glaubwürdiger Charaktere gibt es nicht in Kurzform. Daran vervollkommnet sich ein Autor sein Leben lang. Bei deiner Auflistung fällt mir jedoch spontan eines auf, was man schnell beheben kann:
Du verwendest hemmungslos Stereotype. Solche Figuren werden niemals zum Leben erwachen. Du musst das allzu Naheliegende, das Erwartete durchkreuzen, nicht bedienen! Am schlimmsten ist der Graf. Als ich las, dass er außer adlig auch noch „stinkreich“ und „schmierig“ ist, dachte ich: Pass auf, gleich verpasst er ihm auch noch eine Zigarre - und zack: da war sie schon!
Hättest ja wenigstens „Lieblingefarbe ROSA“ sagen können. Aber nein, es muss auf Gedeih und Verderb eindimensional sein! Tut mir leid, aber so geht das nicht: Der Leser muss doch aufhorchen. Das kann er nur, wenn er überrascht wird.
Zwar gibt es, wie gesagt, keine Anleitung für die Gestaltung glaubwürdiger Figuren, aber es überrascht dich vielleicht zu höhren, daß der Baukasten, nach dem du fragst, tatsächlich existiert. Doch, es ist war. Und die gute Nachricht ist, er steht dir zur vollen und sofortigen Verfügung. Wovon ich rede? Dein eigenes soziales Umfeld ist der Baukasten.
Beginne damit, reale Menschen deines Umfeldes in erfundene Geschichten zu verwickeln. Reale Menschen, keine Figuren aus Film und Fiktion, sondern welche, die du persönlich kennst. Die mögen dir anfangs blasser erscheinen als deine erdachten Figuren, bei entsprechend investierter Mühe und sorgfältiger Beobachtung zeigt sich aber bald, dass unter der banalen Oberfläche eines Alltags-Normalos gewaltige Universen an Möglichkeiten schlummern. Abgründe, menschliche Tiefen und Untiefen, Tragödien und Komödien. Allemal mehr - nein - viel mehr, als eine erfundene Klischeefigur je bieten kann.
Wenn du solche Geschichten mit porträtierten, echten Menschen glaubwürdig schreiben kannst, gehst du einen Schritt weiter und kollagierst die Charaktere: Deine Figuren setzen sich dann aus zwei oder drei realen Menschen zusammen, wobei die „Klebestellen“ sorgfältig abgefeilt sein müssen, damit sie unsichtbar werden. Auf diese Weise wirst du flexibler und kannst dir Charaktere schaffen, die der Logik deines Plots besser entgegenkommen. Aber vorsicht bei diesem Frankenstein-Spiel: natürlich passt bei weitem nicht jeder Kopf auf jeden Rumpf. Manche Transplantation führt zur Abstoßungsreaktion. Du brauchst Augenmaß und Übung für solche Charakter-Kollagen. Schreibe dabei so, dass die Porträtierten sich zwar einerseits wiedererkennen, andererseits in dem einen oder anderen Teil gänzlich falsch beschrieben fühlen, mitunter sogar beleidigt sind, wenn sie es lesen. Dann hast du die richtige Mischung.
Wenn du irgendwann solche Übungen mit erzählerischer Routine absolvieren kannst, dann wage dich an ein Buch, was du einem Verlag anbietest. Vorher nicht, es wäre doch nur eine Arbeit für den Papierkorb.
Übrigens halte ich das Schreiben von guten Kinderbüchern für eine literarische Königsdisziplin. Kannst du nicht mit Erwachsenenliteratur anfangen? u. U. wäre das für den Anfang leichter.
Hoffentlich habe ich dich jetzt nicht zu sehr zurechtgestutzt …
Gruß, Harri