Hallo Andreas,
Beim Schreiben meines Kinderbuches und Lesen verschiedener
Anleitungen, wie man so was macht, bin ich immer wieder darauf
gestoßen, dass gute Charaktere besonders wichtig sind, sie
müssen interessant sein, identifizierbar, dreidimensional, gut
orchestriert sein, usw.
Irgendwie fällt mir das aber etwas schwer.
Ich habe dazu auch keine Rezepte, aber ich glaube, deine Charaktere sind eben keine, sondern bestenfalls Klischees und schon tausendmal benutzt und deswegen auch arg abgegriffen.
Die Kinder: elternlos, ängstlich, muss aber Mut beweisen…, elternlos, schlechte Kindheit, sich wertlos fühlen…; elternlos, intelligent, furchtlos…; still, passiv…
Elternlos mag ja noch angehen, aber muss es denn so in den Extremen pendeln, der eine ist ängstlich, der andere mutig. Sehr einseitige Charaktere, siehst Du doch sicher selbst
Onkel Otto, Pflegevater von Lukas und Leon arbeitslos,
Karatekämpfer, hitzig und gewalttätig, faul und blöde ohne
Ende.
Der Pflegevater, natürlich arbeitslos und wie die Arbeitslosen eben sind, faul, blöde und natürlich gewalttätig. Wundert mich, daß er nicht auch Säufer ist 
Graf G., stinkreicher, schmieriger, arroganter, ewig Zigarre
rauchender Boss verschiedener Firmen, protzig, angeberisch,
rotzfrech, skrupellos, sadistisch, geldgierig, intelligent,
gefährlich, lange Finger, Lieblingsfarbe schwarz.
Der reiche Graf G. (hat er auch einen Namen?), ist das nicht auch die übliche Karikatur eines Millionärs und Bosses, raucht Zigarre (was sonst), protzig, geldgierig usw. Wahrscheinlich ist er auch dick, oder? Da treffen wieder alle Klischees zusammen, die einem so einfallen. Kann er nicht einfach auch positive Seiten haben, charmant sein (aber trotzdem böse), Kunst lieben, Geld spenden für irgendwas und trotzdem bei Gelegenheit andere übers Ohr hauen?
Verstehst Du was ich meine? Kein Mensch ist nur böse, nur gut, nur feige, nur dumm und was weiss ich. Ein extremes Beispiel: Ein KZ-Kommandant, den kann man als elenden Sadisten zeigen und Schluß. Aber besser wäre es, seinen Sadismus zu zeigen und wie er dann nach Hause kommt, und sich unheimlich um sein krankes Kind sorgt. Das eine hebt das andere nicht auf, sondern bringt nur zum Nachdenken: Wie kann ein solcher Mensch so werden und/oder so sein? Und Nachdenken über eine literarische Figur ist doch schon mal nicht schlecht, oder? Über ein Monster oder einen Superhelden brauche ich nicht nachzudenken, das berührt mich auch nicht weiter. Ein Monster ist eben ein Monster und frisst Jungfrauen und ein Superheld macht nichts weiter als solche Jungfrauen zu retten. Fertig. Da interessiert mich höchstens, auf welche Art der Superheld es am Ende schafft, das Monster zu besiegen und die Jungfrau zu heiraten, aber der Superheld als Mensch ist uninteressant, weil kaum sichtbar und austauschbar.
Gibt es vielleicht einen Baukasten, wo man richtig gute
Charaktere zusammenbasteln kann?
Mit einem Baukasten, wenn es denn einen gäbe, würdest Du auch wieder bloss Typen zusammenbasteln, aber keine Menschen, keine Charaktere. Ein Mensch ist viel zu widersprüchlich, als daß er aus Bauklötzern zusammengesetzt werden könnte.
Oder wo finde ich gute und originelle Ideen?
Ich würde sagen, laufe mit offenen Augen durchs Leben. Betrachte deine Nachbarn, unterhalte dich mit Leuten in der Kneipe, auf dem Sportplatz. Aber tue das so gut es eben geht, ohne vorgefasste Meinungen. Versuche im Penner an der Ecke nicht nur den Penner zu sehen, sondern auch den Menschen dahinter, wie ist er in diese Situation gekommen. Warum ist der unerträgliche Meckerer von nebenan so unerträglich und welche netten Seiten hat er, die Du noch nicht gesehen hast…
Und vor allem, lege dich nicht zu sehr fest mit dem Charakter deiner Figuren. Laß sie leben, laß sie sich entwickeln, so wie es im täglichen Leben auch ist.
Warst Du schon mal auf einem Klassentreffen und hast dich gewundert, wie aus dem netten Paul aus deiner Klasse so ein arroganter Schnösel werden konnte? Oder die unscheinbare Marion sprüht jetzt, 20 Jahre nach dem Abi, plötzlich vor Leben und ist irgendwie attraktiv geworden, obwohl sie äußerlich nicht so sehr verändert ist.
Kommt natürlich auch drauf an, was Du schreiben willst. Ein Märchen verträgt, oder verlangt sogar, mehr Typen als ein Entwicklungsroman. Im Märchen dürfen die Bösen noch richtig böse sein und für den guten Prinzen reicht es aus, wenn er schön, gut und tapfer ist und rechtzeitig das Zauberschwert findet. Für eine Geschichte über ein junges Paar in Köln ist es irgendwie langweilig, wenn sie aus nichts als zwei schönen und jungen Verliebten, einer bösen Nebenbuhlerin und/oder zwei verfeindeten Familien besteht, die das junge Glück bedrohen. Da muss man schon Shakespeare sein, um das ordentlich hinzukriegen.
Viele Grüße
Marvin