Moin Marion,
Da hat es schon Änderungen gegeben, z.B. im Jahr 2000 die folgende:
danke für den Hinweis. Leider ist dieser Verfassungszusatz (bzw. Änderung von Artikel 23?) nicht in den beiden mir bekannten Quellen für die Charter ersichtlich (die schon erwähnte Webseite des Londoner Büros des Dalai Lama und die Webseite des Tibet Justice Center). Ausgesprochen merkwürdig finde ich, dass die Charter nicht auch auf der offiziellen Webseite der CTA veröffentlicht ist (gerade dort gehört sie doch wohl am ehesten hin). Dort wird nach meinem Eindruck die politische Rolle, die dem Dalai Lama in der Charter zugedacht ist, in schon auffälliger Art und Weise heruntergespielt. Nun gut - das ist meine persönliche Sicht, kann man sicher auch anders auffassen.
Jedenfalls widerspricht der Punkt, dass die Kandidaten für das Amt des Vorsitzenden des Ministerrates (‚Chief Kalon‘) vom Dalai Lama ausgewählt werden, gerade nicht meiner - von Dir bestrittenen - Aussage, die Exilregierung stünde unter der Leitung des Dalai Lama.
Allerdings gibt es seit Jahren Bestrebungen des Dalai Lama, die
Strukturen der CTA weiter zu demokratisieren.
Dieser Aussage und auch den von Dir dafür genannten Gründen kann ich zustimmen.
Was die Situation vor der Annexion anging, kam die ICJ
(International Commission of Jurist) 1960 in Genf zu
folgendem Schluss:
Dort ist im Grunde nichts anderes zu lesen als was ich auch gesagt hatte: dass Tibet von 1913 bis 1950 FAKTISCH unabhängig war. Die Frage wäre nun, ob staatsrechtliche Ansprüche in 37 Jahren verjähren … Der Beantwortung dieser Frage enthält sich das ICJ ebenso wie der völkerrechtlichen Wertung besagter Ansprüche.
Sicher leistert die ICJ wertvolle Arbeit - eine Formulierung wie:
„Tibet has been to all intents and purposes an independent country and has enjoyed a large degree of sovereignty“
ist allerdings aus dem Munde von Juristen mehr als seltsam. Wenn schon unabhängig „to all intents and purposes“, wieso dann nur Souveränität to „a large degree“? Oder sehe nur ich da einen Widerspruch? Im ICJ-Report über Tibet vom 05.06.1959 ist übrigens ebenfalls zu lesen:
„It is not necessary to go very far into the historical background of Tibet beyond stating that from 1912 to 1950 Tibet was virtually an independent country“.
Der Panchen Lama beispielsweise floh nach China ins Exil
Mooooment, der Panchen Lama verließ Tibet 1923, weil er
sich weigerte, Steuern zu bezahlen. Mit der offiziellen
Unabhängigkeitserklärung Tibets durch den 13. Dalai Lama
mehr als 10 Jahre vorher dürfte das kaum etwas zutun gehabt haben.
Der Panchen Lama ‚verließ‘ nicht einfach Tibet, er floh - der erste Fluchtversuch wurde vereitelt. Ganz konkret ging es bei den Steuern um die Finanzierung der Aufrüstung (sein Kloster Tashilunpo sollte ein Viertel der Kosten tragen). Die Aufrüstung wiederum war *notwendig*, um sich auf den unausweichlichen Konflikt mit China vorzubereiten. Die Frage war nur, wieviel Zeit man dafür hatte und ob sich Großbritannien für Tibet engagieren würde - so wie es später die Russen im Fall der (äußeren) Mongolei taten.
Um Goldstein zu zitieren, auf den Du ja selbst auch beziehst:
_"The monks believed that the political and economic system existed to further their ends, and that they, not the government, were the best judge of what was in the short and long term interests of religion. They could not accept that decisions detrimental to their monasteries could benefit Tibet’s unique religious system, and they believed it was the monasteries’ religious duty and right to intervene whenever they felt the government was acting against the interests of religion.
For example, in the 1920s, a bitter dispute emerged over the Thirteenth Dalai Lama’s plan to enlarge the army. The Dalai Lama saw this as necessary to preserve Tibet’s integrity vis-a-vis China, while the monks saw it as a threat to their superiority with regard to both coercive force and the institutionalization of alien British values."_
Melvyn C. Goldstein, Religious Conflict in the Traditional Tibetan State - dieses sehr lesenswerte Papier wird von der Case Western Reserve University im Internet zur Verfügung gestellt: http://www.case.edu/affil/tibet/booksAndPapers/confl…
Dort wird u.a. der ‚Fall‘ des Panchen Lama ausführlich dargestellt.
das Staatskloster Drepung stand in Opposition zur Politik des
Dalai Lama - eine Opposition, die mit militärischer Gewalt in
Schach gehalten werden musste.
Dies kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Bei seiner
Rückkehr nach Tibet 1912 waren in der Escorte des Dalai Lama
auch Mönche aus Drepung.
Die Rede ist vom sog. „Tshaja Incident“. Um nicht nur englische Zitate zu bemühen:
_In den Jahren von 1911 bis 1913, als der Dalai Lama versuchte, alle Han-Chinesen aus Tibet zu vertreiben, stellten sich die Mönche von Drepung, vor allem die der Loseling-Fakultät, gemeinsam mit dem Kloster Tengyeling in Lhasa auf die Seite der chinesischen Regierung und gegen den Dalai Lama. Tausende Mönche von Drepung wurden von der Regierung in Lhasa bestraft, doch Drepung entging dem Schicksal von Tengyeling, dessen Mönche vertrieben und dessen Besitz beschlagnahmt wurde und das dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Von 1913 bis 1919 war der Dalai Lama mit dem Konflikt im Osten (Kham/Xikang) und der Shimla-Konferenz beschäftigt, doch 1920 spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen Drepung und der Regierung des Dalai Lama wieder zu. Im Mai 1921 nutzte die Regierung einen Konflikt zwischen dem Kloster und einem seiner ehemaligen Verwalter um ein Grundstück, lockte die drei höchsten Verwalter der Loseling-Fakultät nach Zhol, ließ sie verhaften, auspeitschen und aus Lhasa verbannen sowie ihr Eigentum beschlagnahmen; darauf zogen Tausende Mönche von Drepung zum Norbulingka und verlangten, zum Dalai Lama vorgelassen zu werden. Der Dalai Lama ließ die tibetische Armee bei Drepung zusammenziehen; im August lagerten rund 3000 Regierungssoldaten in Lhasa; sie standen 4000 bis 5000 Mönchen gegenüber. Drepung gab nach, rund 60 Mönche wurden verhaftet, verprügelt und an den Pranger gestellt. Der Dalai Lama entließ alle Verwalter der Klosterabteilungen und setzte neue ein._
Der Wikipedia-Autor beruft sich für diese Darstellung auf das Dir vorliegende Buch ‚A History of Modern Tibet‘ von M. C. Goldstein; wer Englisch lesen kann und mag findet eine etwas ausführlichere Schilderung auch in dem von mir oben zitierten und verlinkten Artikel Goldsteins.
Zu Tengyeling
Man muss dazu wissen, dass sich chinesische Truppen nach Tengyeling
zurückgezogen hatten
Diese Formulierung erweckt den Anschein, als sei das Kloster in Kämpfen mit diesen chinesischen Truppen zerstört worden. 1914 waren die aber schon lange nicht mehr da. Die Plünderung und Zerstörung war eine demonstrative Bestrafung für die Kollaboration mit den chinesischen Truppen - man könnte es auch einen Racheakt nennen. Hier: http://norbulingka.org/arts/applique/tale.htm kann man übrigens eine sehr lesenswerte Biographie finden, die auch ein wenig über die Hintergründe dieses Vorfalls aufklärt.
Die Politik des 13. Dalai Lama einer Loslösung von China beruhte jedenfalls nicht auf einem allgemeinen tibetischen Konsens.
Sun Yatsen hatte unmittelbar nach dem Sturz der Qing-Dynastie
öffentlich verkündet, dass die Unabhängigkeitserklärungen der
Mongolen und der Tibeter nur der entmachteten Qing-Dynastie
gegolten hätten und dass sie ebenso wie die Provinzen des
untergegangenen Kaiserreiches weiterhin Teile des chinesischen
Nationalstaates seien (Liu Shengqi u.a., Zangzu jianshi
[Grundriss der Geschichte der Tibeter], Lhasa 1987 - das
findest Du aber auch bei Goldstein).
Das kann schon allein deshalb nicht stimmen, weil es beim Sturz
der Qing-Dynastie 1912 noch gar keine Unabhängigkeitserklärung
Tibets gab. Der Dalai Lama war im Exil und China in Aufruhr.
Dieser Punkt hatte mich zunächst auch etwas stutzig gemacht. Es ist richtig, dass 1912 lediglich eine formale Unabhängigkeitserklärung der Mongolei (von 1911) vorlag. Es ist aber auch richtig, dass spätestens seit 1911 tibetische Freiwilligenverbände militärisch gegen die in Tibet stationierten chinesischen Truppen vorgingen und sie vertrieben.
Zumindest in Bezug auf die Mongolei fand ich die von mir zitierte Aussage über Sun Yatsens Position gegenüber der Nicht-Han-Bevölkerung bestätigt:
„Sun Yatsen, der Gründer der Republik China, schrieb nach der Unabhängigkeitserklärung der Mongolen (die zur Gründung der späteren Mongolischen Volksrepublik führte), die Mongolen seien und blieben Chinesen, auch wenn sie es eine Zeit lang vergessen hätten.“
Thomas Heberer in: Volksrepublik China, Heft 289 der Informationen zur politischen Bildung, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung.
Anscheinend hat es also in Sun Yatsens Haltung gegenüber den Nicht-Han einen Wandel gegeben - wenn wir davon ausgehen, dass sowohl Goldstein als auch Pofessor Heberer (Lehrstuhl für die Politik Ostasiens an der Uni Duisburg-Essen) recht haben. Detail am Rande: Die erste Flagge der chinesischen Republik (1912 - 1928) war die Fünf-Farben-Flagge. Die fünfFarben standen für die Ethnien der Han-Chinesen (rot), der Mandschu (gelb), Mongolen (blau), der islamischen Hui (weiss) und der Tibeter (schwarz). Eines der drei Prinzipen von Sun Yatsens politischer Philosophie (San Min Zhuyi) war Zhonghua Minzu - ‚bürgerlicher Nationalismus‘ als Gegensatz zu ethnischem Nationalismus. Vor diesem Hintergrung erscheint mir das Zitat glaubwürdig.
Freundliche Grüße,
Ralf