Hallo Laika!
Die Ursachen für die Besetzung Tibets liegen in der Geschichte dieser Region. Wie immer ist sinnvoll, sich ein wenig mit den geschichtlichen Hintergründen zu beschäftigen, wenn man aktuelle Konflikte zu verstehen sucht.
Die Geschichte des neuzeitlichen Tibet beginnt 1642, als es dem 5. Dalai Lama mit Hilfe mongolischer Truppen gelang, das seit Jahrhunderten durch innere Konflikte (nicht zuletzt zwischen verschiedenen buddhistischen Schulen und deren Klöstern) zerrissene Tibet zu einen. Das Verhältnis zu den Mongolen (Ghusri Khan) war eine Art Patronatsverhältnis - nominell war der Dalai Lama religiöses Oberhaupt, während der mongolische Khan weltlicher Machthaber war. Die Exekutive lag in den Händen des Regenten (sde-srid), eines Tibeters, der im Einverständnis mit dem Khan bestellt wurde. Faktisch jedoch lag die Macht in den Händen des 5. Dalai Lama und der Regent war politisch bedeutungslos.
Zur gleichen Zeit hatte die mandschurische Qing-Dynastie durch Bündnisse und Heiratsallianzen eine Vorherrschaft über die mongolischen Stämme gewonnen. Spätestens nach der Eroberung Beijings (1644) betrachteten die Qing die mongolischen Territorien und damit auch Tibet als zum chinesischen Staat gehörig. Mit dieser rein nominellen Oberhoheit begnügten sie sich vorerst. Es herrschte ein Agreement, mit dem alle beteiligten Seiten zufrieden waren - Tibet hatte innere Autonomie, die Mongolen behielten ihren direkten Einfluss auf Tibet und die Qing-Dynastie hatte den Rücken frei, um sich mit den Ming-Loyalisten im Süden Chinas und den Dzungaren, ihren Rivalen in Zentralasien, auseinanderzusetzen.
Dieses Gleichgewicht änderte sich 1682 nach dem Tod des 5. Dalai Lama. Dem Regenten gelang es, den Tod 14 Jahre lang geheim zu halten und im Namen des Dalai Lama zu regieren. Um seine Stellung langfristig abzusichern nahm er insgeheim Kontakte zu den Dzungaren auf - offensichtlich mit dem Ziel, sich mit deren Hilfe von der direkten mongolischen und indirekten chinesisch-mandschurischen Oberhoheit zu lösen. Nachdem der Qing-Kaiser 1696 die Dzungaren besiegt hatte, erfuhr er durch Kriegsgefangene von dem Komplott. Der Regent setzte nun unverzüglich einen Dalai Lama ein (den 6.) und versuchte so den alten status quo wiederherzustellen - nur, dass jetzt der Dalai Lama faktisch seine Marionette war.
Er konnte sich noch bis 1706 halten. Dann fanden die Mongolen Gelegenheit, ihn zu beseitigen und den 6. Dalai Lama abzusetzen - er starb auf dem Weg in die Verbannung. Das ganze mit dem Einverständnis des Kaiserhofes in Beijing. In der Folge installierte Beijing einen ständigen Residenten in Lhasa, der die tibetischen Vorgänge im Auge behalten sollte - die politische Lage in Tibet war nachhaltig destabilisiert.
1717 kam es zu einer Invasion der Dzungaren, die sich militärisch von ihrer Niederlage 1696 erholt hatten. In Westtibet organisierte der Aristokrat P’o-lha-nas den tibetischen Widerstand, während von Osten eine chinesische Armee anrückte. Die Chinesen befreiten 1720 Lhasa von den Dzungaren und führten den vertriebenen 7. Dalai Lama (damals gerade 12 Jahre alt) zurück. Die Chinesen setzten nun eine Neuordnung der tibetischen Verhältnisse durch. Im Süden und Osten wurden Gebiete an China abgetreten, innenpolitisch sollte die Regierung durch einen (aus tibetischen Aristokraten bestehenden) Ministerrat (zunächst 3, dann 5 Mitglieder) geführt werden. Letzteres bewährte sich jedoch nicht, es kam ständig zu innertibetischen Machtkämpfen. Als 1727 der Vorsitzende des Ministerrates ermordert wurde, schickte Kaiser Yongzheng erneut chinesische Truppen.
1728 wurde daher wieder eine Neuregelung getroffen. Die Herrschaft wurde geteilt - im südwestlichen Tibet wurde der Panchen Lama als Herrscher eingesetzt. Der 7. Dalai Lama, der an den Wirren wohl nicht ganz unschuldig war, wurde hingegen ins Exil geschickt und den Rest Tibets regierte nun P’o-lha-nas, der alte Verbündete der Regierung in Beijing. In Lhasa wurden an Stelle der bisherigen Repräsentanten ohne eigene Machtbefugnis zwei Ambane eingesetzt - kaiserliche Statthalter, die auch Oberbefehlshaber der tibetischen Truppen waren. Damit war Tibet chinesisches Protektorat geworden, die Autonomie stark eingeschränkt.
P’o-lha-nas starb 1747, sein Sohn und Nachfolger rebellierte gegen die chinesische Oberhoheit. Die Ambane ließen ihn hinrichten, wurden dann jedoch selbst durch dessen Anhänger getötet. Die kaiserliche Armee griff erneut ein. Nun erst wurde die politische Rolle des Dalai Lama (mittlerweile war es der 8.) als religiöses Oberhaupt der Tibeter reaktiviert. Die Ambane erhielten stärkere innenpolitische Befugnisse (Statut von 1751). Die Dalai Lamas wurden zukünftig unter Aufsicht der kaiserlichen Ambane aus einer Vorauswahl von Kandidaten durch Los bestimmt. Die Exekutive lag in den Händen eines vierköpfigen Ministerrates, der unter Aufsicht der Ambane stand und eines Regenten, der von den Ambanen ernannt wurde.
1788 und 1791 kam es zu nepalesischen Invasionen, die durch kaiserliche Truppen zurückgeschlagen wurden. Die Befugnisse der Ambane wurden in der Folge erneut erweitet (Statut von 1793), aus dem Amban war faktisch eine Art Kolonialgouverneur geworden.
Im 19. Jahrhundert ging der chinesische Einfluss in Tibet deutlich und stetig zurück. Das Jahrhundert war gekennzeichnet durch den Machtverfall der Qing-Dynastie (u.a. Opium-Krieg 1840-42, Taiping-Aufstan 1851-64) sowie durch das sog. „Great Game“ - die Rivalität zwischen Großbritannien und Russland um Einfluss in Asien. Hauptsächlich auf Kosten des schwachen China, dem auch Kraft und Mittel fehlten, seine Autorität in Tibet geltend zu machen. Die Dalai Lamas (der 9. bis 12.) waren politisch bedeutungslos und starben schon in früher Jugend (Morde werden vermutet, sind aber nicht beweisbar); innertibetische Machtkämpfe waren an der Tagesordnung. Die Protagonisten dieser Machtkämpfe waren übrigens eher weniger die tibetische Aristokratie, als wieder die tibetischen Klöster, die eigene Mönchstruppen unterhielten und diese durchaus auch gegeneinander einsetzten.
Tibet geriet zunehmend stärker in die Interessensphäre der Briten, die ihren Einflussbereich von Indien aus nach Norden ausdehneten - Bündnisverträge mit Nepal 1816 und Bhutan 1835, Oberhoheit über Kaschmir 1846, über Sikkim 1861. Auf letzteres erhob auch China Ansprüche, was noch 1962 zum chinesisch-indischen Grenzkrieg führte.
1895 trat der damals 19-jährige 13. Dalai Lama sein Amt an, der sich in der Folge als sehr geschickter Machtpolitiker erwies. Die Briten drängten auf stärkeren Einfluss in Tibet, auf Handelsrechte, Steuerbefreiung, exterritoriale Rechte usw. während der 13. Dalai Lama dem Druck auszuweichen versuchte, indem er zwischen Russland (das schon die Mongolei seiner Einflußsphäre einverleibt hatte) und Großbritannien lavierte. Großbritannien, das befürchtete, Tibet an Russland zu verlieren, ging schließlich zu militärischem Druck über, zunächst 1903 mittels der „Tibetischen Grenzkommission“. Diese „Kommission“ war immerhin 8000 Mann stark und die „Verhandlungen“ über den Grenzverlauf kosteten schon beim ersten Zusammentreffen 700 Tibetern das Leben. Ein Jahr später, 1904, folgte die sog. Younghusband-Expedition, die bis Lhasa vorstieß und den Dalai Lama ins mongolische Exil trieb. Politisch war die Younghusband-Expedition jedoch damit gescheitert - als Verhandlungspartner hatte man in Lhasa nun nur noch den faktisch machtlosen kaiserlichen Amban, der sich jedoch weigerte, irgendein Abkommen mit den Briten zu unterzeichnen. Die Russen hingegen hatten den Dalai Lama.
Die internationale Lage entspannte sich, da Russland und Großbritannien nun auf einen vertraglichen Interessenausgleich hinarbeiteten. 1906 erkannte London durch Vertrag die chinesische Oberhoheit über Tibet an und 1907 wurde mit Russland die Asien-Konvention geschlossen. 1908 konnte dann der 13. Dalai Lama über Beijing, wo er die chinesische Oberhoheit anerkennen musste (Kniefall vor der Kaiserinwitwe und Regentin Cixi), nach Lhasa zurückkehren. Zurück in Lhasa betrieb er jedoch weiter seine eigene Politik, worauf er 1909 vor chinesischen Truppen erneut ins Exil fliehen musste - diesesmal ins britische Darjeeling. Von der kaiserlichen Regierung wurde er offiziell als abgesetzt erklärt.
Eine völlig neue Lage ergab sich dann, als 1911 die Qing-Dynastie gestürzt und China zur Republik wurde. Die Ambane in Lhasa wurden vertrieben und es kam auch in Tibet zu Kämpfen zwischen Loyalisten und Republikanern. 1912 rehabilitierte General Yuan Shikai, der (provisorische) Präsident der Republik, den 13. Dalai Lama und forderte die tibetische Regierung zur Teilnahme an der Nationalversammlung auf. Der Dalai Lama zog es jedoch vor, nach seiner Rückkehr die Situation zu nutzen und die Unabhängigkeit Tibets zu proklamieren. Er leitete mit britischer Unterstützung innenpolitische Reformen ein.
Großbritannien war ebenfalls daran interessiert, von der Lage zu profitieren und seinen Einfluss in Tibet abzusichern und verhandelte mit Tibet und China, was 1914 zur Simla-Konvention führte. Danach sollte Zentral- und Westtibet vom Dalai Lama regiert werden, jedoch unter chinesischer Suzeränität stehen. London blieb also bei der Anerkennung der chinesischen Oberhoheit; die vom 13. Dalai Lama proklamierte Unabhängigkeit wurde von Großbritannien nicht anerkannt - und auch von keinem anderen Staat. Tibet unterschrieb die Simla-Konvention - China jedoch nicht. Die Simla-Konvention forderte nämlich auch exterritoriale Rechte für Großbritannien in Tibet und vor allem eine eine Verschiebung der indisch-tibetischen Grenze (Mac-Mahon-Linie). Großbritannien wollte sich diese Zugeständnisse mit Anerkennung der chinesischen Oberhoheit erkaufen - man war an vorteilhaften (man kann ruhig sagen: unfairen) bilateralen Handelsabkommen interessiert, nicht aber daran, sich ggf. militärisch in Tibet zu engagieren.
Zwischen 1911 und 1950 war Tibet somit zwar nicht staatsrechtlich (wie gesagt hatte niemand die einseitige Unabhängigkeitserklärung anerkannt), aber faktisch unabhängig - einfach, weil China in den Wirren der Bürgerkriege und des Krieges mit Japan gar keine Möglichkeit hatte, in Tibet in irgendeiner Weise Herrschaftsansprüche durchzusetzen. An politischen Vorstößen von chinesischer Seite jedoch fehlte es auch in dieser Zeit nicht, zumal auch der 1923 vom 13. Dalai Lama ins chinesische Exil vertriebene Panchen Lama (die Reformen, insbesondere die Steuerpolitik, hatten zu offenen Aufständen einzelner Klöster geführt) die chinesische Nationalregierung zum Handeln drängte. Es gab z.B. die Gesandtschaft Jiang Kaisheks 1930, nach dem Tod des 13. Dalai Lama die ‚Kondolenzmission‘ Huang Musongs 1934, die Mission Wu Zhongxins 1940 bei Inthronisierung des 14. Dalai Lama. All dies brachte jedoch keine Annäherung der Positionen.
Nach dem Tod des 13. Dalai Lama 1933 folgte zunächst ein 7-jähriges Interregnum, aber auch die Inthronisation des 14. Dalai Lama änderte nichts an den chaotischen Zuständen. Die innenpolitischen Reformen waren nach 1933 praktisch zum Erliegen gekommen, es rivalisierten wieder - wie so häufig in Tibets Geschichte - verschiedene Cliquen, die sich gegenseitig blutig bekämpften. Nachdem die chinesischen Kommunisten als Sieger aus dem Bürgerkrieg mit Jiang Kaishek hervorgegangen waren, setzten sie den seit 1644 nie aufgegebenen Anspruch Chinas auf Zugehörigkeit Tibets zum chinesischen Staatsgebiet mit Gewalt durch. Die Zeit der faktischen, selbstproklamierten Unabhängigkeit Tibets hatte 38 Jahre gedauert.
Die tibetische Exilregierung unter Leitung des 14. Dalai Lama ist weltweit von keinem Staat völkerrechtlich anerkannt.
Freundliche Grüße,
Ralf