Hi
Ich habe leider kein chinesisches Etymologielexikon (mir ist auch noch kein brauchbares untergekommen, wäre zu schön) aber ich habe ein paar linguistische Bücher.
Erstmal zur Entwicklung:
Das eigentliche Zeichen für „ich“ war wie erwähnt ein anderes, nämlich wu (*ngu) während wo (*ngax) zwar auch die Grundbedeutung „ich“ hat, aber in einem adversativen Sinne.
Wo ist die betonte, kontrastive ich-Form und an sich ein sehr aggressives Zeichen.
Auch Jerry Norman, einer der führenden Forscher in der chinesischen Linguistik, stellt auf S. 89 seines Buches „Chinese“ fest, dass es wohl eine „Arbeitsteilung“ gab: wu als generelles Subjekt oder Possesivattribut und wo nur als Objekt (oder wenn man jemanden verbal beleidigen möchte). Als Subjekt steht es in dem Sinne „ich (gegen dich“, „ich (und niemand sonst)“ oder „wir (aber nicht du oder andere“.
Diese Aggressivität schlägt sich auch darin nieder, dass alte Wörter, die wo beinhalten, fast immer was mit Kampf zu tun haben, wie z.B. wo gun (unsere Armee, unsere Verbündeten).
Wu kam laut Norman (S.156) erst in der Tang-Zeit aus der Mode.
Im Artikel ist von Opferungen die Rede, die gibt es aber seit der Shang-Dynastie nicht mehr und selbst Grabopfer endeten mit Qin Shihuangdi.
Nun zur Zeichen-Etymologie wie sie im Artikel versucht wurde:
Zunächst zeigt Wo in seiner ursprünglichen Form zwei Speere die gegeneinander schlagen, und das recht deutlich. Die Verteidigung des Rechts und vor allem des eigenen Rechts, das heißt, mich. Daher die Abgrenzung zu anderen. Auch heute noch heißt women „wir“ im Sinne von „wir und nicht ihr“ während zanmen „wir“ im Sinne von „wir (alle zusammen)“ bedeutet.
In der späteren Version des Zeichens heißt es man sieht eine Hand (shou) einen Speer (Klassenzeichenversion, gan, nicht mao) halten, was heißen soll, dass wenn ein Mann einen Speer hält ein Ego dabei rauskommt.
Evtl. in dem Sinne, dass man sich nicht unterordnen muss weil man jeden Frechdachs pieksen kann…
Aufgrund seiner Aggressivität bleibt wo aber ein unangebrachtes Wort für viele, viele Jahrhunderte bis ins früher 20. Jahrhundert rein war es einfach nur total unhöflich, wenn nicht sogar bedrohlich.
Erst Dichter wie Guo Muruo haben dem ein Ende gemacht, so dass wo heutzutage ein ganz normales „ich“ geworden ist.
Falls du dich fragst, wie die Leute früher zwischen Tang-Dynastie und 20. Jh. das „ich“ ausgedrückt haben: Gar nicht.
Das tat man einfach nicht.
Man hat es einfach weggelassen (quasi in dritter Person geredet) und wenn es sich nicht vermeiden ließ hat man Floskeln benutzt („mein bescheidenes selbst“, „der unterwürfige Diener“, „Der gnadensuchende Ehemann“ etc.).
Dementsprechend ist die Zeichenetymologie von „yi“ auch gar nicht so nett von wegen „ich opfere mich“ und bla, sondern viel fieser:
Yi hat außerhalb der Philosophie vor allem die Bedeutung „Gerechtigkeit, gerecht“, daraus wurde dann „rechtes/gemäßes Verhalten“ und später „Etikette“ und in der Philosophie „Moral“.
Wenn also Gerechtigkeit eintritt, wird das aggressive Ich („the aggressive I“, OT Zitat: What’s in a chinese character. Peng Tan-huay. Beijing 2005) mit seinem Speer in der Hand unterworfen und damit zahm und sanft wie ein Schaf.
Das moderne Zeichen yi soll mit seinen drei Strichen eine perfekt ausbalancierte Gerechtigkeit darstellen.
Das mit der Selbstaufopferun ist also nicht nur schreiender Unsinn, auch beim modernen Zeichen wurde ich was gedacht. Aber das mag man in einem anti-Kurzzeichen Artikel natürlich nicht wahrhaben.
lg
Kate