Lieber Sprachfreunde
Wie kommt es, dass im Chinesischen ein Wort wie, z. B. Yi dutzende von Bedeutungen hat. In Europäischen Sprachen hat man in der Regel unterschiedliche Namen für unterschiedliche Gegenstände. Sucht man die Etymologie eines Wortes, landet man gewöhnlich bei Griechischen, bzw. Lateinischen Wurzeln. Wer hat diese Differenzierung erst „beschlossen“ und warum ist es in China anders verlaufen. Übrigens, ich weiss, dass die Chinesen drei Tonlagen haben und unterschiedliche Charaktere für verschiedene Bedeutungen, aber die Grundfrage bleibt bestehen: Woher diese so unterschiedliche Sprachentwicklung?
Hallo!
Im Mandarin (Amtssprache in China) gibt es 4 Töne. Das Chinesische ist eine Monosyllabische Sprache, aufgrund der geringen Silben, die es gibt, kam es mit den Tönen zu einer weiteren Differenzierung.
Grundsätzlich gibt es eine interessante Schriftentwicklung, teilweise kann man über die ursprünglichen Piktogramme einen Bezug zwischen Zeichen und Dargestelltem herstellen. Aber eben nur im geringen Maße bei den ursprünglichen Zeichen. Bei den derzeit gebräuchlichen Kurzzeichen ist das zu etwa 0,2% noch möglich.
Eine genaue und sehr einfache Darstellung über die chinesische Schrift kann man gut bei B. Karlgren nachlesen: Schrift und Sprache der Chinesen, Springer Verlag. Dort beschreibt er sehr verständlich, wieso was wie ist.
Übrigens gibt es Dialekte im Chinesischen, die mehr als 4 Töne haben.
Beste Grüße,
itegel
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Aber die Schrift hat ja nichts mit der Etymologie der Sprache zu tun. Sie ist ja „nur“ das Mittel zum Schreiben… beantwortet also nicht ganz des Michaels Frage.
Lieben Gruß,
- André
Hallo Michael,
Man ist sich sicher, dass die 4(!) Töne des Hochchinesischen auch erst entwickelt haben und nicht ‚schon immer‘ da waren. Auch die Silbenstruktur war früher anders. Heute findet man ja nur Silben mit einem Konsonanten im Anlaut und höchstens einem im Auslaut (der kann auch nur „-n“ oder „-ng“ sein). Der Nukleus (das in der Mitte also) kann viele verschiedene Vokale tragen, auch mehrere…
Aber früher, als man noch Altchinesisch oder gar Proto-Sino-Tibetisch sprach (lange vor Konfuzius und Co.), gab es auch Konsonantencluster am Anfang und mehrere Konsonanten am Ende. Die wurden dann mit der Zeit abgeschliffen und übrig blieb meist nur einer der Konsonanten aus dem Wort.
Ein interessantes Beispiel ist die Zahl 4 (四), bei der man eine Ausprache wie „slhijs“ annahm. Wie man das jetzt aussprechen soll, ist mir selber nicht ganz klar, aber man sieht deutlich das „sl-“ am Anfang. Im Chinesischen ist das „l“ dann durch eine Vereinfachung der Aussprache weggefallen, der Auslaut ebenso, allerdings führte der wohl (wenn ich mich recht erinnere) zur Bildung der Töne in den chinesischen Sprachen. Das „-js“ oder „-s“ hat hier wohl den 4. Ton bewirkt, denn 4 heißt auf Chinesisch heute: sì ; auf Tibetisch übrigens shi.
Im Birmanischen ist das übrigens nicht unähnlich, nur dass dort das „s-“ am Anfang weggefallen ist, weswegen 4 auf Birmanisch (und auch vielen anderen verwandten Sprachen in der Gegend) jetzt lə heißt.
Und viele heutige Anlaute haben sich aus verschiedenen Grundlauten (nicht Grunzlauten!) entwickelt, die es im Altchinesischen/Proto-Sino-Tibetischen noch gab.
Unterschiedliche (heutige) Yi-Laute sind auf unterschiedliche Ursprünge zurückzuführen. Einige Beispiele mit heutiger Aussprache, der angenommenen altchinesischen und der proto-sino-tibetischen Aussprache:
一 (eins) = yì, yī
Ich bedanke mich für die Antworten, jedoch muss ich mich nicht klar ausgedruckt haben. Meine Frage wurde dadurch ausgelöst, dass ich gesehen habe, das am Beispiel Yi, die Chinesische Mandarinsprache anscheinend nicht den gleichen Weg gegangen ist wie unsere Indo-Germanischen Sprachen. Bei uns hat jeden Begriff in der Regel ein klar erkennbaren Begriff zugeordnet: gehen, fliegen, schwimmen, usw. Jedes Wort hat irgendwo einen eigenen Wurzel, woraus es sich entwickelt hat, jedoch ist die Unterscheidung im Laut wie in der Schreibweise erhalten geblieben. Wie kommt es also, dass in China soviele Wörter (abgesehen von den vier Tonlagen) gleich lauten und im PinYin auch gleich geschrieben werden? Umgekehrt gefragt: Wieso haben wir so viele Begriffe, die sich unterscheiden? Sogar Licht und Leicht unterscheiden sich in der Ausprache und in der Schreibweise und selbstverständlich auch in der Bedeutung.
Grüsse
Mike
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hallo!
was du meinst, heißt mit dem fachausdruck homonymie, wobei es sich gerade beim chinsischen bei vielen beispielen wohl nur um eine scheinbare homonymie handelt, weil viele wörter eben aufgrund der verschiedenen töne doch nicht genau gleich ausgesprochen werden.
homonyme gibt es auch im deutschen (aufgrund der großschreibung sind es aber nicht immer homographen), noch mehr zb. im englischen, und andere sprachen, wie beispielsweise das ungarische, sind sehr reich an homonymen. wie es zu so etwas kommt, kannst du zb. hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Homonym
im chinesischen ist es so, wie andré schon ausgeführt hat, daß jede silbe (die grundsätzlich, wenn auch nicht immer, auch einem morphem entspricht), aus maximal einem konsonantischen anlaut, einem vokalischen nukleus und ebenfalls maximal einem konsonantischen auslaut besteht. das deutsche beispielsweise hat dagegen im anlaut bis zu 3 und im auslaut auch noch bis zu 2 (3?) konsonanten pro silbe, und ein morphem kann durchaus aus mehreren silben bestehen. das ergibt schon rein rechnerisch, daß es im chinesischen einen weit geringeren vorrat an potentiellen morphemen gibt, weshalb eben oft ein morphem mehrere bedeutungen tragen muß.
es gibt übrigens einen ganz großen unterschied zwischen den dir genannten europäischen sprachen und dem chinesischen: chinesisch ist eine sog. isolierende sprache, die wort- und satzbildung erfolgt ganz anders, als es in den flektierenden sprachen der fall ist. das wirkt sich natürlich auch auf die entwicklung der sprache aus. du kannst also nicht einfach das chinesische mit dem deutschen vergleichen, weil sie aufgrund ihrer sprachtypen ganz verschiedene (auch phonologische) entwicklungen durchgemacht haben.
Achso, jetzt versteh ich, was du meinst… im Deutschen gibt’s nur wenige echte Homophone, die wirklich *gleich* geschrieben und gesprochen werden… so wie Bank und Bank, die eigentlich nix miteinander zu tun haben.
Im heutigen Chinesisch ist das kein Problem weiter, dass so viele Silben gleich lauten. Die meisten Wörter sind zweisilbig, so dass sich die Anzahl der möglichen Wörter potenziert(?) und damit genug mögliche Wörter vorhanden sind. Trotzdem hat man für eine Silbe, z.B. „Yī“ noch sehr sehr viele Bedeutungen.
Manchmal frage ich mich, wie die Chinesen sich wohl früher verstehen konnten, als die Wörter noch *wirklich* meistens einsilbig waren. Aber ich denke, zu der Zeit gab es noch viel viel mehr An- und Auslaute, so dass es auch viel viel mehr mögliche Silben gab.
Ich denke, der Hauptgrund für die Tendenz zur Zweisilbigkeit im modernen Chinesisch ist die immer stärker gewordene Homophonie der Silben.
Gruß,
- André
Lieber Andre
Ja jetzt ist die Frage richtig verstanden worden. Allerdings, mit der Antwort bin ich nicht ganz zufrieden. Ich lerne Chinesisch vom Band. Wenn ich nach irgend einem Wort im Wörterbuch nachschlage, finde ich dutzende gleichlautende Varianten. Es ist nicht so, dass es nur für einsilbige Worte gilt, denn die meisten längeren Wörter(nach meiner Erfahrung, was vielleicht limitiert ist), setzen sich aus einfachen eigenständigen Wörter zusammen,
z.B. Zaushang Morgen Zou= Früh +Shang = Einteilung des Tages. Es gibt in meinem Wörterbuch 14x Zou und 6x Shang. Also 84 mögliche Kombinationen. Wie konnte so ein System entstehen, da die Möglichkeiten sich zu missverstehen so gross sind?
Grüsse
Mike
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Hallo Gyuri
Danke für den Hinweis auf Wikipaedia. Aber auch dort wird nicht erklärt, warum in einer bestimmten Sprache soviele Homophone entstehen und nicht durch Rechschreibreform, usw. ausgemerzt werden. Es muss irgendwie einen Nutzen gehabt haben. Sollte man vielleicht immer eine Deutungshintertür offen gelassen werden, falls der Henker lauert?
Grüsse
Mike
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Aber auch dort wird
nicht erklärt, warum in einer bestimmten Sprache soviele
Homophone entstehen und nicht durch Rechschreibreform, usw.
ausgemerzt werden.
Aber das werden sie doch! Die meisten der Homophone werden doch mit unterschiedlichen Zeichen geschrieben… wie die Homophone entstanden, hab ich dir ja schon 2× erklärt, denke ich.
Gruß,
- André
Lieber Andre
Ja jetzt ist die Frage richtig verstanden worden. Allerdings,
mit der Antwort bin ich nicht ganz zufrieden. Ich lerne
Chinesisch vom Band. Wenn ich nach irgend einem Wort im
Wörterbuch nachschlage, finde ich dutzende gleichlautende
Varianten. Es ist nicht so, dass es nur für einsilbige Worte
gilt, denn die meisten längeren Wörter(nach meiner Erfahrung,
was vielleicht limitiert ist), setzen sich aus einfachen
eigenständigen Wörter zusammen,
z.B. Zaushang Morgen Zou= Früh +Shang = Einteilung des Tages.
Es gibt in meinem Wörterbuch 14x Zou und 6x Shang. Also 84
mögliche Kombinationen. Wie konnte so ein System entstehen, da
die Möglichkeiten sich zu missverstehen so gross sind?
Grüsse
Mike
Hast du bei den 14× „zao“ (nicht ‚zou‘) und 6× „shang“ auch die Töne mit einbezogen? Zumindest bei dem „zao“ ist’s ja (für den Chinesen) eindeutig hörbar, dass es sich da um den 3. Ton handelt. Das „shang“ ist im neutralen Ton.
Du kannst aber in anderen Sprachen ähnlich fragen: Im Deutschen gibt es das Morphem er. Doch was heißt es? Er kann so viele Bedeutungen haben:
- Personalpronomen 3. Person Singular Nominativ
- Präfix mit vielen unterschiedlichen Bedeutungen
- Suffix für Dinge, die einen Vorgang ausüben
- Suffix für Personen, die einen Vorgang ausüben
- Suffix für Bewohner eines Ortes
- Pluralsuffix
- Komparativsuffix
etc.
Da ist’s auch eindeutig und niemand fragt sich wirklich, welche Bedeutung hier gemeint ist. Ein Chinese weiß natürlich von Kindesbeinen an, dass „zǎoshang“ der Morgen ist. Außerdem kennt er das „zǎo“ auch von anderen Wörtern mit ähnlichen Bedeutungen, wie „zǎocān“ (Frühstück), „zǎoqī“ (Frühphase), usw., so dass er automatisch und wahrscheinlich auch ohne es zu merken schließt, dass „zǎo“ hier wohl so etwas wie ‚früh‘ heißen muss. So ergeben sich im Allgemeinen kaum mehr Mehrdeutigkeiten als in europäischen Sprachen…
Dem Englischsprecher ist bei „hairdye“ ja auch klar, dass hier Haarfärbemittel und nicht Haartod gemeint ist. Oder der Deutsche weiß, dass ein Bankangestellter nicht im Park arbeitet und neben einer Sitzgelegenheit stehen muss.
Die Homophonie ist im modernen Chinesischen also kein Problem, da einsilbige Wörter nur extrem selten völlig ohne Kontext vorkommen.
Und wenn du die Schreibung von „zǎoshang“ im Wörterbuch suchst, dann guck einfach unter einem der "zǎo"s; in den meisten Wörterbüchern stehen ja die mehrsilbigen Wörter mit drin… irgendwo muss auch zǎoshang stehen. Das „shang“ steht normalerweise im 4. Ton (shàng) und heißt wörtlich ‚oben‘ oder ‚hoch‘. Das Wort schreibt sich: 早上.
Gruß,
- André
Ich bedanke mich für die vielen Zuschriften zu dieser Frage.
Grüsse
Mike
Lieber Michael,
In Europäischen Sprachen hat man
in der Regel unterschiedliche Namen für unterschiedliche
Gegenstände.
das ist so nicht richtig.
Nehmen wir das Beispiel Anlage.
Was kann das alles sein
Geldanlage
Parkanlage
Produktionsanlage
Talent
…
Im Englischen wäre das dann Plant
und das hat mindestens genausoviele Bedeutungen.
Gandalf
Hallo Gandalf
Ich bin völlig überrascht, dass meine bescheidene Frage soviel Staub aufgewirbelt hat:smile:.
Wenn ich ein chinesisches Wörterbuch aufmache, habe ich wie bereits dargelegt um die 14 unterschiedliche Bedeutungen für yi. Wenn ich ein englisches Wörterbuch für „Plant“ nachschlage, finde ich zwei Einträge: 1, Pflanzliches Wesen mit verschiedenen Varianten und 2, Maschinen/Bauten - manche beweglich. Das ist doch ein himmelweiter Unterschied. Ich war nur interessiert, wie so etwas zustande kommen kann, weil diese Verwendung von Homofone oder beinahe Homofonen erscheint mir einer Erklärung würdig.
Grüsse
Michael
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Hallo Michael,
Wenn ich ein englisches Wörterbuch für „Plant“
nachschlage, finde ich zwei Einträge: 1, Pflanzliches Wesen
mit verschiedenen Varianten und 2, Maschinen/Bauten - manche
beweglich.
hm, mein Wörterbuch spuckt da 16 Einträge aus (Langenscheid Handwörterbuch E-D)
Pflanze
Betrieb - Anlage
Aggregat
Betriebmaterial, Inventar
Eingeschmuggeltes (Polizei)falle (Polizei)spitzel
etwas pflanzen
Land bepflanzen
Garten anlegen
(fig) (sich) aufpflanzen (=aufstellen, posieren)
Faust od. Fuß wohin setzen
Idee (ein)pflanzen einimpfen
Schlag landen (verpassen) Schuß setzen
Diebesgut sicherstellen oder verstecken
Belastendes oder Irreführendes einschmuggeln
jemanden im Stich lassen.
Gandalf
Hallo Gandalf
Schau mal die verschiene Bedeutungen von Plant an. sie wachsen wie eine Pflanze aus der Idee von etwas wächst. Sie sind sehr stark miteinenader verwandt. Wenn Plant eine Ausrustung bedeutet, so ist es eine Variante, die im 2o.Jahrundert anscheinend aufgekommen ist. So haben wir nur zwei Grundbedeutungen.
Grüsse
Mike
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